Direkt zum Hauptbereich

Badlapur (Sriram Raghavan, Indien 2015)


BADLAPUR hat bei Erscheinen ein großes Echo ausgelöst: endlich ein Film, der Bollywood einen Neustart verpassen könnte! So die Hoffnungen derer, die von der kommerziellen Ausrichtung des Hindi-Films mit seinen immer gleichen Schablonenfilmen und Schablonenhelden enttäuscht sind und schon lange gelangweilt waren. Und BADLAPUR ist tatsächlich anders, fühlt sich viel realistischer und dunkler an, ist viel näher an Kashyaps GANGS OF WASSEYPUR (an den übrigens dieselben Hoffnungen nach Veränderung und damit einhergehender internationaler Anerkennung geknüpft wurden), als an den künstlich durchgestylten Plastikfilmen der Filmindustrie. Eine verirrte Seele im Netz schrieb sogar etwas von cinéma vérité (was natürlich Quatsch ist), aber es wird wohl klar, auf was man hinaus will. Denn der Held dieses Rachethrillers ist eben keiner, dem man Sympathien entgegen bringen kann. Zumindest in der zweiten Hälfte nicht (mehr). Dann, wenn er sich geradezu besessen von seiner Rache zeigt und selbst zum Mörder wird. Da verlagern sich die Sympathien des Zuschauers komplett, und das ist sicherlich das allergrößte Verdienst dieses Films, diese klaren Oppositionen aufzubrechen und den Zuschauer zum Nachdenken zu bewegen, was Gerechtigkeit eigentlich bedeutet und Schuld und Sühne, Vergebung. Weniger gut ist dann leider, dass Raghavan sich des öfteren dazu entschließt, seine Figuren das auch deutlich aussprechen zu lassen und so wiederum in einen Ton des überdeutlichen Message-Kinos zu verfallen; als Bevormundung könnte man das auch empfinden. Zum Glück macht er nicht den Fehler, diese Momente in einen Voice-over zu packen (was leider nicht gerade selbstverständlich ist (und beim veristischen Kino sowieso der Todesstoß wäre)), sondern lässt es die Figuren im Film quasi "natürlich" in Dialogen ausführen - aber die Richtung ist freilich klar und raubt dem Zuschauer die Eigenleistung und den intellektuellen Freiraum.

Die Tagline des Films lautet "Don't miss the Beginning", und am Anfang kann man sich tatsächlich fragen, was an dieser Alltäglichkeit eigentlich erzählenswert ist: eine einfache Straßenszene in Pune, eine Stadt südlich und unweit von Mumbai. Die Kamera statisch zwischen parkenden Autos auf die Fahrbahn hinaus, drüben ein Gemüsestand, eine Bank, ein Ladengeschäft. Leute kaufen ein, fahren vorbei, unterhalten und streiten sich. Eine Frau kommt aus der Bank, an der Hand ihr Kind. Sie überqueren die Straße, schließen das Auto auf und steigen ein. Zugleich aber rennen zwei maskierte Männer aus der Bank, panikartig, mit einer dicken Sporttasche. Sie erblicken die einsteigende Frau, erkennen ihr potenzielles Fluchtfahrzeug, stürmen auf sie zu, während hinter ihnen die Sicherheitsleute mit Schrotflinte herausgestürzt kommen. Die Bankräuber kidnappen Frau und Kind und rasen davon, Polizisten mit Jeeps bereits hinter ihnen her. Auf der Flucht durch die Stadt das totale Chaos: die Beifahrertür springt plötzlich auf und das Kind fällt heraus. Die Mutter dreht durch. Die Räuber sowieso in Panik. Da brennen dem Fahrer die Sicherungen durch und er erschießt die Frau. Nach einer scharfen Kurve stoppt er und lässt den Kompagnon unbemerkt mit der Beute davon rennen, er selbst wird kurz darauf von der Polizei eingekesselt und die Frau kommt lebensgefährlich verletzt ins Krankenhaus. Ihr Mann stürzt ins Krankenhaus nur um ihren letzten Atemzug noch mitzubekommen. Der Fahrer, der den Mord auf den Flüchtigen abschiebt wird verurteilt und muss für zwanzig Jahre ins Gefängnis. Sein Name ist Liak und wird gespielt von Nawazuddin Siddiqui.

Fortan erzählt der Film die Ereignisse zweier verschiedener Handlungsstränge - die Rachegeschichte um den Ehemann Raghu (Komödienakteur Varun Dhawan aus ABCD 2 und STUDENT OF THE YEAR hier in einer komplexen und düsteren Rolle), der die Mörder seiner Familie nun selbst aufspüren will, da die Polizei nicht weiter kommt; und andererseits die Ereignisse um Liak im Gefängnis, der mehrfach auszubrechen versucht um an den Teil seiner Beute zu kommen. Damit er mit seiner Freundin, der gut aussehende Prostituierten Jhimli mit großem Herz (und Dekolleté (Huma Qureshi)), mal richtig auf die Pauke hauen kann. Nun könnte man vermuten, dass aus Ragha ein eiskalter Racheengel wird, aber weit gefehlt. Vielmehr ist er ein gebrochener Mensch, der nicht über den Tod seiner Geliebten hinweg kommt. Das Angebot seiner Familie, mit nach Delhi zu kommen, schlägt er aus. Er kündigt seinen Job, verschwindet aus seiner Wohnung, zieht in ein unpersönliches Lagerhausloft um und wird vielmehr zu einem unsichtbaren Phantom, einer Hülle seiner selbst, den das Aufspüren des zweiten, verschwundenen Täters am Leben erhält. Und umso näher er seinem Ziel kommt, desto schwieriger wird das Verhältnis des Zuschauers zu seinem Helden.

Obwohl Raghu offensichtlich um den Tod seiner Familie trauert, macht sich doch immer mehr der perfide Racheplan bemerkbar, der sich jetzt entspinnt. Und unsere Sympathie zieht sich immer weiter von ihm zurück. Etwa wie er die Frauen bedrängt in diesem Film, immer kurz vor der Gewaltausübung, mal geplant mal ungeplant, und wie er dann tatsächlich die Geliebte Liaks dazu bringt, ihre Dienste als Prostituierte einzufordern. Oder wie er später manipulativ die Frau des zweiten Verbrechers dazu missbraucht, um seine Ziele zu erreichen, obwohl auch diese nur als Kollateralschaden enden und überhaupt nichts für die Ereignisse kann (wobei es ihre Liebe für einen Verbrecher ihm leicht(er) macht, sie zu benutzen). Das zeugt von einer grenzenlosen Unerbittlichkeit, die an Wahnsinn grenzt. Seine Taten später dann natürlich sowieso. Selbiges gilt auch für sein Benehmen gegenüber der Sozialarbeiterin Sobha, die sich für eine Begnadigung des nun mittlerweile seit 15 Jahren einsitzenden Liak einsetzt. Außerdem: Ragha hat Sex nach dem Tod seiner geliebten Ehefrau - nicht gerade das, was man von einem makellosen Bollywood-Helden erwartet, umso mehr von einem Menschen aus Fleisch und Blut. Wie er das dann allerdings macht, ist weniger schön.

Varun Dhawan macht seine Sache übrigens sehr gut. Ein noch recht junger Komödienschauspieler in einer solchen Rolle ist natürlich erst einmal eine Überraschung. Aber wie gut er das macht, zeigt schon der Vergleich zweier gegensätzlicher Szenen: einmal das spontan-begeisterte Aufspringen und Jubilieren im Café in dem Moment, als ihm seine Freundin erzählt, sie sei schwanger. Und dann im Gegensatz dazu die Sterbeszene am Krankenbett, bei der man mitansehen kann, wie in diesem Moment in ihm alles zerbricht. Das ist schon sehr gut gespielt. Der eigentliche (heimliche) Star des Films ist aber der Kleinkriminelle Liak, Nawazuddin Siddiqui. Eigentlich darf man ihn als Regisseur oder Produzent gar nicht mehr in einem Film besetzen. Mit seinem Können und seiner Ausstrahlung, den vielen kleinen Details, die er immer wieder einstreut, erreicht er eine fulminante Präsenz auf der Leinwand und seine Figuren eine Glaubwürdigkeit, dass man nur noch in Verehrung niederknien kann. Und das alles ganz ohne Aufzutrumpfen, sehr reduziert, und eben mit geringem Spiel extrem auf den Punkt gebracht. Das tut BADLAPUR gut, zwei starke Persönlichkeiten in gegenseitigem Wechselspiel, die sich am Ende an die Gurgel wollen. Der Film funktioniert auch als Psychothriller, oder vielleicht auch als Neo-Noir. Eine femme fatale gibt es jedenfalls. Und kurz könnte man tatsächlich daran glauben, dass sich Raghu an sie verliert. Wer die eine oder andere suspension of disbelief dann doch nicht mitmacht, mag etwas zu mäkeln haben. Mir hat der Film ziemlich gut gefallen und auch mit seiner recht kurzen Laufzeit von gut zwei Stunden wäre er ein optimaler Einstieg für Leute, die der dunkleren Seite Bollywoods eine Chance geben wollen.

Michael Schleeh

***



Beliebte Posts aus diesem Blog

Ali's Wedding (Jeffrey Walker, Australien 2017)

Nachdem der talentierte aber leider erfolglose Ali die Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium an der Universität von Melbourne verpatzt hat, bringt er es nicht übers Herz, seinem Vater den Misserfolg einzugestehen. Der Sohn war die große  Hoffnung des muslimischen Klerikers, der das Zentrum der arabischen Community darstellt, und höchstes Ansehen genießt. Dass dessen Rivale nur auf einen Misserfolg Alis hofft, um selbst den Platz des Vaters einnehmen zu können, ist ein Seitenerzählstrang, der einen hochinteressanten Handlungsverlauf innerhalb der Moschee voranschiebt.
 Das sind humoristische und tolle Einblicke hinter die Kulissen, die man nicht jeden Tag bekommt. Jedoch: Ali lügt. Er habe hervorragend abgeschlossen - und wird nun als Wunderkind gehandelt und sieht sich alsbald gezwungen, ein Leben an der Uni vorzutäuschen. Dort läuft er aber nicht nur permanent dem Sohn des Konkurrenten seines Vaters über den Weg, sondern auch der schönen Libanesin Dianne, in die er sich Hals über Kopf…

HERRMANN (Reda, Deutschland 2012)

Ein nicht mehr ganz junger Familienvater, der aus der linksalternativen Szene zu stammen scheint und der  mittlerweile wohl ziemlich in der Bürgerlichkeit angekommen ist, verabschiedet sich eines Abends von seiner Frau/Freundin und seinem bereits schlafenden Kind, da er noch auf einen Geburtstag will. Sein halb schelmisch-unterwürfig ausgedrückter Wunsch, anschließend noch kurz aufs Konzert zu gehen (dem ein echtes Begehren zugrunde zu liegen scheint, da seine Stimme schon zu zittern beginnt), wird von der verantwortungsbewußteren, vernünftigen Herzdame mit Stirnrunzeln weggeknutscht. Vermutlich kennt auch sie das Lied von der Punkband Oma Hans, wo die Mädchen auf dem Konzert einfach besser küssen als sonstwo. Da muss sie gar nicht mehr viel zu sagen, es liegt alles in ihrem Blick: er soll halt endlich mal erwachsen werden, dieser Berufsjugendliche. Schließlich gibt es jetzt Familie. Und eigentlich hatte er ja auch schon kapituliert, bevor er überhaupt den Mund aufgemacht hat. Da kan…

Das Lächeln im Angesicht der Tragödie: Yasujirô Shimazus Tonari no Yae-Chan / Our Neighbour, Miss Yae (Japan 1934)

 Als ich vor kurzem einmal wieder Our Neighbour, Miss Yae gesehen hatte, da war das einer von diesen seltenen Momenten, wo man nicht genau weiß, was da eigentlich gerade passiert ist; aber als die Abblende kam, nach dem letzten Bild mit der Kamera in den wolkenverhangenen Himmel hinauf – obwohl sich doch, wenn nicht alles, so doch so manches zum Guten aufgelöst hatte – war ich den Tränen nahe und zutiefst gerührt. Dabei war da gar nichts wirklich Rührseliges passiert, oder gar aufwühlend Melodramatisches. Der Film endet so, wie er anfängt, zumindest auf der Tonspur. Eine liebliche, langgezogen sehnsuchtsvolle Geigenminiatur, die von etwas Herzschmerz aus dem Leben kleiner Leute der unteren Mittelschicht aus irgendeiner japanischen Vorstadt in der Nähe von Tokio verkündet. Einmal sagt die Mutter, heute sei das Wetter so klar, man könne den Fuji sehen, aber das muss man glauben. Im Film taucht er nicht auf. Das ist kein Film für nationale Monumente. Hier wirken Dinge und K…