Direkt zum Hauptbereich

100 Yen Love / Hyaku yen no koi (Masaharu Take, Japan 2014)


Eine der schönsten Szenen, ja vielleicht des ganzen Filmjahres für mich, gleich ganz am Anfang des Films: Aus einem Blick ins Licht senkt sich die Kamera nach einem Matchcut herab, aus dem Boxring heraus ins Zimmer von Ichiko (Sakura Ando), wo sie mit ihrem kleinen Cousin ein Computerboxspiel spielt. Sie ein Slacker, schon auf den ersten Blick, verwahrlost mit Anfang Dreißig. Die Kamera hinter den beiden, die auf den Bildscirm starren, und Ichiko, wie sie sich dann den Rückenspeck kratzt. Es juckt. Ichiko wohnt zu Hause, wie ein Parasit frisst sie sich durch und weigert sich, zu arbeiten. Im Bento-Shop der Eltern hilft sie nicht aus. Ihre Schwester aber schon, mit der sie dann aneinander gerät, und wegen der sie schließlich nach einer Rauferei das Haus verlässt. Nun muss sie auf eigenen Beinen stehen, nimmt einen Job im 100 Yen-Laden an, etwa so etwas wie ein 1 € - Shop bei uns, und kann sich gerade so über Wasser halten. Dort lernt sie dann den Banana-Mann kennen, einen nicht mehr ganz jungen Boxer, der in der Nachbarschaft trainiert, und in den sie sich vielleicht etwas verkuckt. Kurze Zeit darauf beginnt sie mit dem Boxtraining. Mit 32 Jahren, wo sie eigentlich schon viel zu alt dafür ist.

Boxdrama, Slice-of-Life, schwarze Komödie. 100 YEN LOVE ist all das, und noch viel mehr. Ein Film, der auch jenseits seiner komödiantischen Aspekte den Finger auf die neuralgischen Punkte seiner Gesellschaft legt, der eine "lost generation" portraitiert, die nach der geplatzten bubble economy nicht mehr auf die Sicherheiten zählen kann, die für die vorherige Generation(en) gegolten hatte. Eine Anstellung in der Firma, lebenslange Versorgung, ein Platz im System. Das alles bricht auseinander, die Jugend jobbt, gerät in prekäre Lebensverhätnisse. Und es scheint ihnen egal, sie wollen da nicht mehr mitmachen. Zurück auf's Land, weg aus der teuren Stadt. So kann man diesen Film wunderbar als Fortsetzung von Nobuhiro Yamashitas TAMAKO IN MORATORIUM lesen, in dem Atsuko Maeda (von AKB 48) zu ihrem Vater aufs Land zurückkehrt, weil sie nach der Uni keine Anstellung findet. Dort macht sie ein bisschen im Sportgeschäft mit, liegt aber vor allem viel rum. Tamako ist Mitte/Ende zwanzig, Ichiko Anfang dreißig. Zeit vergeht, und Karriere wird jedenfalls keine gemacht.

Aber die Komödie hat auch ihre dunklen Momente. Obdachlose kommen genauso vor, wie die Dumpster diver, die nach abgelaufenen Produkten jagen.  Auch sexuelle Gewalt spielt keine kleine Rolle. Bisweilen ist das schier unerträglich, was hier gelitten wird. Kurz darauf wird es aber wieder in der Komödie aufgehoben; allesamt Stolpersteine, die überraschenderweise Ichiko stärker machen, die im Laufe des Films ständig selbstbewußter wird und zielstrebiger dazu. In den Trainingssequenzen wird so aus dem taumelnden Zombie eine Athletin mit ordentlich Punch, die ohne Rücksicht auf sich selbst wie eine Wahnsinnige trainiert. Um bei ihrem ersten - und vielleicht letzten Kampf - gut dazustehen. Ihr Dilemma ist freilich, dass sie schon zu alt ist für richtige Wettkämpfe. Ichiko fängt an, wenn schon alles vorbei ist. Da greifen dann auch die Standards des Genrefilms, nach denen der Boxfilm eigentlich kein Sportfilm, sondern ein Entwicklungsdrama ist. Und Ichiko erlebt dann auch tatsächlich so etwas wie ein verspätetes comig-of-age. Aber ob sie auch mit diesem Typen glücklich wird, der sie schon schnell für eine Tofu-Verkäuferin verlassen hatte (und der dann zurückkehrt), ist mehr als fraglich. Das Wort für "Liebe" im Filmtitel, das "koi" - im Gegensatz zum ernsteren und gebräuchlicheren "ai", signalisiert schon eine Liebe, die fragil und weniger ernst und tiefgehend ist. Eine Liebe, die eben gerade mal einen Euro wert ist, also nicht sehr viel. Den Film grundiert die ganze Zeit ein Hauch von Vergeblichkeit, den er nie verliert - mit einem Ende, das die Figuren in eine ungewisse Zukunft entlässt. Zwar auf dem richtigen Weg, aber wo der wohl hinführen mag, man wüsste es nur allzu gern. Von 100 Yen Love, einem durchweg großartigen Film,  würde ich sehr gerne eine Fortsetzung sehen.

Michael Schleeh

***

100 Yen Love ist übrigens der japanische Beitrag im Rennen um den Auslandsoscar 2016!

Beliebte Posts aus diesem Blog

Ali's Wedding (Jeffrey Walker, Australien 2017)

Nachdem der talentierte aber leider erfolglose Ali die Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium an der Universität von Melbourne verpatzt hat, bringt er es nicht übers Herz, seinem Vater den Misserfolg einzugestehen. Der Sohn war die große  Hoffnung des muslimischen Klerikers, der das Zentrum der arabischen Community darstellt, und höchstes Ansehen genießt. Dass dessen Rivale nur auf einen Misserfolg Alis hofft, um selbst den Platz des Vaters einnehmen zu können, ist ein Seitenerzählstrang, der einen hochinteressanten Handlungsverlauf innerhalb der Moschee voranschiebt.
 Das sind humoristische und tolle Einblicke hinter die Kulissen, die man nicht jeden Tag bekommt. Jedoch: Ali lügt. Er habe hervorragend abgeschlossen - und wird nun als Wunderkind gehandelt und sieht sich alsbald gezwungen, ein Leben an der Uni vorzutäuschen. Dort läuft er aber nicht nur permanent dem Sohn des Konkurrenten seines Vaters über den Weg, sondern auch der schönen Libanesin Dianne, in die er sich Hals über Kopf…

HERRMANN (Reda, Deutschland 2012)

Ein nicht mehr ganz junger Familienvater, der aus der linksalternativen Szene zu stammen scheint und der  mittlerweile wohl ziemlich in der Bürgerlichkeit angekommen ist, verabschiedet sich eines Abends von seiner Frau/Freundin und seinem bereits schlafenden Kind, da er noch auf einen Geburtstag will. Sein halb schelmisch-unterwürfig ausgedrückter Wunsch, anschließend noch kurz aufs Konzert zu gehen (dem ein echtes Begehren zugrunde zu liegen scheint, da seine Stimme schon zu zittern beginnt), wird von der verantwortungsbewußteren, vernünftigen Herzdame mit Stirnrunzeln weggeknutscht. Vermutlich kennt auch sie das Lied von der Punkband Oma Hans, wo die Mädchen auf dem Konzert einfach besser küssen als sonstwo. Da muss sie gar nicht mehr viel zu sagen, es liegt alles in ihrem Blick: er soll halt endlich mal erwachsen werden, dieser Berufsjugendliche. Schließlich gibt es jetzt Familie. Und eigentlich hatte er ja auch schon kapituliert, bevor er überhaupt den Mund aufgemacht hat. Da kan…

Das Lächeln im Angesicht der Tragödie: Yasujirô Shimazus Tonari no Yae-Chan / Our Neighbour, Miss Yae (Japan 1934)

 Als ich vor kurzem einmal wieder Our Neighbour, Miss Yae gesehen hatte, da war das einer von diesen seltenen Momenten, wo man nicht genau weiß, was da eigentlich gerade passiert ist; aber als die Abblende kam, nach dem letzten Bild mit der Kamera in den wolkenverhangenen Himmel hinauf – obwohl sich doch, wenn nicht alles, so doch so manches zum Guten aufgelöst hatte – war ich den Tränen nahe und zutiefst gerührt. Dabei war da gar nichts wirklich Rührseliges passiert, oder gar aufwühlend Melodramatisches. Der Film endet so, wie er anfängt, zumindest auf der Tonspur. Eine liebliche, langgezogen sehnsuchtsvolle Geigenminiatur, die von etwas Herzschmerz aus dem Leben kleiner Leute der unteren Mittelschicht aus irgendeiner japanischen Vorstadt in der Nähe von Tokio verkündet. Einmal sagt die Mutter, heute sei das Wetter so klar, man könne den Fuji sehen, aber das muss man glauben. Im Film taucht er nicht auf. Das ist kein Film für nationale Monumente. Hier wirken Dinge und K…