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Our Little Sister / Umimachi Diary / Unsere kleine Schwester (Hirokazu Kore-eda, Japan 2015)


Ganz am Anfang dieses wundervollen Filmes gibt es eine Szene, die Referenz an den japanischen Großmeister des Familiendramas erweist: an Yasujiro Ozu. Die erwachsenen Frauen, die hier im Film beinahe ganz ohne Eltern sind und wie in einem "Mädcheninternat" zusammen leben, sitzen um einen großen Tisch herum beim Essen. Die Kamera befindet dich draußen vor der Veranda und senkt sich auf die Höhe des Tisches herab. Dort verharrt sie, wie in einer klassischen tiefen Einstellung bei Ozu, für die er so berühmt geworden ist. Aber nicht zu lange, es ist nur eine ehrerbietende Verbeugung, die Kore-eda hier einfügt. Gleich darauf löst er die Szene wieder auf im freien Spiel der Einstellungen, Nahaufnahmen, sanften Schwenks und liebevollen Blicke. Kurz darauf, eine weitere Anspielung auf Ozus Noriko-Filme (mit der großen Setsuko Hara in der Hauptrolle), wenn es um die Verheiratung der ältesten Tochter geht. Die steht immer noch aus, da sie eigentlich gar nicht heiraten will (sie liebt einen Arzt im Krankenhaus, der aber selbst unglücklich verheiratet ist) - und die sich viel lieber wie eine Schwester-Mutter um das Haus und die Geschwister kümmert. Es ist ein altes japanisches Haus, ein Junichiro Tanizaki-Haus aus Holz und mit Papier-Schiebetüren, mit Garten und Pflaumenbaum und einem Kotatsu im Winter (einem beheizten Ofen-Tisch mit Decken), wenn es kalt wird. Drei Frauen leben da, die Mutter hat ihre Töchter für einen anderen Mann verlassen und wohnt im Norden, in Sapporo. Die ältere Generation hat die jüngere im Stich gelassen (bei Ozu in der TOKYO STORY vernachlässigt noch die jüngere die ältere, weil das moderne Leben keinen Platz lässt für Traditionen) und als sich der Todestag des Vaters nähert, erfahren die Frauen, dass sie noch eine jüngste Schwester haben, dort wo der Vater mit seiner letzten Frau gelebt hatte. In einem Onsen auf dem Land über einem Fluß, dort also, wo heute noch die alten Traditionen gelebt werden. Die jüngste Schwester entpuppt sich als Goldstück, und die Geschwister laden sie prompt ein, zu ihnen in den Ort am Meer zu ziehen, in das Haus der Familie, zu der auch sie ja eigentlich gehöre. Diese ergreift die Chance, die sich ihr nun bietet und schließt sich dem "Mädcheninternat" an. 

Und dann geht der Film dem Alltag der Frauen nach, verästelt ich in seine verschiedenen Erzählstränge, in seine verschiedenen Leben, die alle ganz gewöhnlich und ganz spannend sind, so wie normale Leben eben spannend sein können, wenn man genau genug hinsieht. Überall finden sich die kleinen Freuden und inneren Dramen, Liebe, Verzweiflung, Krisen. UMIMACHI DIARY ist ein reifer Film eines großen Filmemachers, der nichts mehr beweisen muss. Das merkt man in jedem Moment, wo die Kamera auf den kleinen Dingen verweilt, mit einer verhaltenen Souveränität, die ihren Gegenständen ihre Würde lässt. Ob es das Fußballspiel der neuen Schwester ist, das heimliche Trinken der mittleren, die von ihrem Freund abgezockt wird, oder die unglückliche Liebe der ältesten, die die Fehler wiederholt, die der Mutter der jüngsten Schwester vorgehalten werden - sich ausgerechnet in einen verheirateten Mann zu verlieben. Eine Frau, die durchaus mit Strenge und etwas Vernunftüberschuss sich um die "Erziehung" ihrer schon längst  erwachsenen Geschwister kümmert. Auch die teuflischen Einflüsterer, die hinter den Motiven der jüngsten Schwester dunkle Absichten vermuten, können das Vertrauen der Geschwister in sie nicht erschüttern. Sie haben keine Chance, die fragile Balance des neu gefundenen Miteinanders auszuhebeln - und da darf man sich auch als Zuschauer einmal darüber freuen, dass auch im Film nicht immer alles schief gehen muss. Auch im Japanischen nicht, das mit seinem mono no aware mich schon oft emotional vernichtet zurückgelassen hat. Nein, auch hierin zeigt sich Hirokazu Kore-edas Souveränität, der es seinen Figuren ansonsten nie leicht gemacht hat mit ihrem Schicksal. Dem Film deswegen weniger Tiefgang zu unterstellen, wie ich mehrfach gelesen habe, wäre ein großer Fehler und eine ungerechte Unterstellung zugleich. Der Film, der sich thematisch übrigens manchmal wie eine inoffizielle Fortführung von NOBODY KNOWS anfühlt, besteht ja nun nicht nur aus einem Happy End, und wenn man genauer hinkuckt, muss man auch das eigentlich in Frage stellen. Für mich einer der schönsten Filme des Jahres.

Michael Schleeh

***

UNSERE KLEINE SCHWESTER läuft am 17. Dezember in den deutschen Kinos an.

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