Direkt zum Hauptbereich

Skin Trade (Ekachai Uekrongtham, USA 2014)


Hier treffen zwei große Helden des Actionkinos aufeinander: Tony Jaa und Dolph Lundgren. Und genauso verführerisch wie sich das anhört, sieht es auch aus: ein südostasiatischer Kampfsportfilm im Gewand eines US-Crimethrillers im DTV-Format. Der jüngst durch SONS OF ANARCHY reanimierte Ron Perlman darf erneut den Bandenchef mimen, der als serbischer Menschenhändler Dragovic einen dicken Reibach macht mit der Verschiffung blutjunger Thailänderinnen, die fortan ihr Dasein als Prostituierte in einem weltweiten Bordellnetz fristen müssen. Die vom Balkan seien besonders schlimm, heißt es da einmal rassistisch im Film, die würden sich an gar nichts halten, schon gar nicht an Regeln oder sowas wie eine Ganovenehre. Nix Verhaltenskodex und Bushido, Knete zählt. Jedenfalls, nach einem Einsatz gerät Polizist Nick Cassidy (Dolph Lundgren) vor die Panzerfaust des sich rächenden Syndikats und sein ganzes Haus fliegt in die Luft - mitsamt Frau und Kind. Da sich der Mafiaboss aber nach Thailand absetzen kann, folgt ihm Cassidy um Blutrache zu nehmen für den Mord an dem, was ihm besonders lieb war: seiner amerikanischen Familie. In Bangkok gerät er an seinen zukünftigen Partner Tony Vitayakul (Tony Jaa), der sich vor allem durch seinen bedingungslosen Körpereinsatz bei der Verbrecherjagd auszeichnet. Toll, wie es da einmal bei einer Verfolgungsjagd mitten durch einen Markt in Bangkok geht, Lundgren auf dem Motorrad und Jaa ihn auf den Dächern der Wellblechhütten verfolgend.

Das ist zwar nicht oberste Spitzenklasse, aber dafür erfreulich solide inszeniert und mit deutlich mehr Budget gedreht, als man gehofft hätte. Regisseur Uekrongtham kennt man vielleicht von der Arthouse-Delikatesse BEAUTIFUL BOXER, was zunächst verwundert, warum ausgerechnet ein solcher Ästhet einen B-Actionfilm inszenieren sollte, doch schnell wird klar, wie gut er sein Handwerk beherrscht. Das sind alles klare Bilder, sauber inszeniert, mit logischen Anschlüssen und guten Perspektiven, kein Wackelkamera-Gedaddel, das irgendwelche Unfähigkeiten camouflieren soll. Auch die Explosionen sind keine CGI-Monstren, sondern schon beinahe unspektakuläre Feuerbälle, die zum Realismus beitragen, der sich freilich auch in den Kampfsport-Szenen zeigt. Das ist kein überladenes Overdrive-Gebashe, sondern sauber ausgeführte Körperkunst, die mal spektakulärer, mal weniger spektakulär ist. Und wenn es Lundgren ob seines Alters mal schwer fällt, dann sieht man das auch. Sehr sympathisch. Das heißt aber nicht, dass diese Szenen nichts zu bieten haben. Ihre Echtheit hat eine eigene Qualität, die für den Film bürgt, ihm seine Ernsthaftigkeit gibt und ihn nicht unter einem Superlativismus erdrückend zum Spektakelkino macht. SKIN TRADE ist toll auf dem Boden geblieben, und die eine oder andere Sequenz ist dann trotz allem extrem spektakulär, etwa in der Kampfszene zwischen Jaa und Lundgren, in der Jaa einen fatalen Schlag erwartet und sich im letzten Moment aus dem Punch herausdreht, einmal um die eigene Achse an Lundgren vorbeiwirbelt und ihm dann von hinten ins Genick donnert. Bevor er eine Trägerstange als Stufe nutzt um sch in die Luft zu wuchten und im Niedersausen Lundgren mit einem Salto einen doppelten Kick auf den Kopf verpasst. Eine tolle Szene, artistisch, glaubhaft, toll gefilmt, mit zwei kurzen Entschleunigungspassagen. Hart, aber nicht unwirklich brutal.

Ein bisschen erinnert das alles an einen der mittlerweile gut eingeführten Liam Neeson-Revenge-Thriller, ohne ganz in dieser Liga mitspielen zu können. Dafür hapert es dann doch an einigen Stellen zu dolle. Ob das die Acting-skills von Elefantenreiter Tony Jaa sind (obwohl er hier gar nicht so schlecht ist), die etwas sehr schwarz-weißen Charaktere, die etwas zu plakativen Einblicke in die Geschäfte der thailändischen Rotlichtindustrie oder allzu geläufige Mechanismen der Genrefilm-Struktur - der von Lundgren mitproduzierte und gescriptete Film hätte mit einem besseren Drehbuch sicherlich noch mehr aus sich machen können. Auch von einer tödlichen Maschine, die im Sturzflug in die Katastrophe kracht, etwa wie der kompromisslose UNIVERSAL SOLDIER: DAY OF RECKONING, ist SKIN TRADE noch ein gutes Stück weit entfernt. Aber die Kritik soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Film sehr ordentlich geworden ist (der zudem mit Michael Jai White einen völlig überzeugenden Meister seines Fachs in einer Nebenrolle zu bieten hat) und man auf einen zweiten Teil ohne schlechten Gewissens hoffen darf. Der Plot gibt das, ohne überstrapaziert zu werden, zweifellos her, und das gesamte Team hat sich bei diesem Film sehr gut geschlagen. Zwinkersmiley. Bitte mehr davon.

Michael Schleeh

***

SKIN TRADE bei amazon.de kaufen und Schneeland unterstützen!

Beliebte Posts aus diesem Blog

The Woman who wanted to Die / Segura magura: shinitai onna (Kôji Wakamatsu, Japan 1970)

Ein wahnsinnig schöner Film von Wakamatsu mit einem etwas verwickelten Plot: in einem tief verschneiten Provinznest verbringt ein beinah schon vermähltes Liebespaar ein paar gemeinsame Tage, doch reist ihnen der ehemalige Geliebte der Frau, ein heißblütiger Student, hinterher. Der befreundet sich, dort angekommen - überraschend und auch sexuell - mit einer älteren, reifen Frau, der Wirtin seines Gasthofes. Diese aber ist die ehemalige Geliebte seines Rivalen, des Mannes seiner Freundin. Damals liebten sich die beiden innig, aber ihre Liebe hatte keine Zukunft. Sie hatten sich dazu entschieden, den Doppelselbstmord aus Liebe   durchzuführen, was aber an der Willensstärke des Mannes gescheitert war, der sich, nachdem er die Frau mit einem Schwerthieb niedergestreckt hatte, nicht selbst töten konnte. Fortan quälte ihn die Gewissheit, seine große Liebe emordet zu haben, aber selbst zu feige gewesen zu sein. Die Frau jedoch überlebte schwerverletzt, zu einem Leben im Leid fern des Ge...

Wenn Kunst und Qual und Lust zusammen kommen ~ IREZUMI - The Spirit of Tattoo (Yoichi Takabayashi, Japan, 1982)

  Yuki no hana , Blumen des Schnees sind es, die auf perfekte Haut tätowiert werden; Abbildungen, die besonders gelingen, wenn beim Akt des Stechens die körperliche Ekstase einhergeht. In diesem Erotik-Drama, das die Kunst des Tätowierens vor allem auf seinen spirituellen Überbau hin abklopft, gerät das Leben einer Frau aus den Fugen. Die Erfahrungen, die sie macht, verändern sie über die Zeit völlig und so weiß am Anfang niemand, wo das enden wird - jedenfalls nicht dort, wo es die dominante Männergesellschaft vorgesehen hatte. Im Hintergrund lauert aber ein größeres Drama, das sich später enthüllt - und auch hier ist das Motiv der Schneeflocke zentral.  Hideo Fujii, ehemals Technik-Assistent bei Hideo Gosha und Nagisa Oshima ist Kameramann bei Yoichi Takabayashis IREZUMI (aus dem Jahr 1982 - nicht mit dem gleichnamigen Film von Yasuzo Masumura verwechseln), ist in IREZUMI für die Kamera verantwortlich. Die Bilder sind gelungen in ihrem manchmal etwas biederen Vers...

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...