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Buddha Mountain (Li Yu, China 2010)


Vor ein paar Tagen schon habe ich diesen Film gesehen, aber mir gehen die Bilder nicht aus dem Kopf: etwas ausgebleichte, dunkelgrün-graue Traumgebilde dominieren die illegalen Fahrten auf den Güterzügen hinaus ins chinesische Hinterland, durch Tunnel hindurch, hinaus in die tropische Hitze, immer am Fluss entlang, bis sie zu einem unbedeutenden Berg gelangen inmitten einer tiefen Schlucht, wo ein einsamer Mönch einen zerstörten Tempel wieder aufbaut. Dort engagieren sie sich dann, aber nur so semi-motiviert, denn Slacker bleibt Slacker. Lieber stehen sie am Abgrund und schauen in die Tiefe, hinab in den Dunst des Nebelwaldes, während der Fluß rauscht und die Geräusche der Natur ein ganz anderes Erleben ermöglichen wie sonst, mitten in der Metropole, eingemauert von Wohnblocks zwischen Schnellstraßentrassen.

Aber runterspringen von diesem Ausblick tut keiner der drei. Nicht so sicher kann man sich aber sein, was die alte Witwe macht, als sie an diesem Punkt steht. Der Film lässt das offen. Wie auch der gesamte Film eine offene Narration hat - er beginnt irgendwann und hört dann auf, nach so einem halbwegs abgeschlossenen Kapitel. Aber immer ist klar, dass das nur ein Ausschnitt ist aus einem großen ganzen Lebensweg. Zu einem Zeitpunkt, wo vieles möglich scheint. Die zwei Jungs, gespielt von Chen Bolin und einem Pummel namens "Fatso", sind so etwas wie Bruder und Liebhaber von einem Mädchen, Nan Feng, gespielt von der umwerfenden Fan Bingbing, und sie kümmern sich alle um sich, gegenseitig. Sie sind gerade von zuhause ausgezogen, die Uni ist ihnen egal, normale Jobs sind öde. Man betätigt sich als illegaler Kurrierfahrer oder dreht kleine Dinger. Fan Bingbing mit pinkfarbener Perücke singt Liebessongs in einer Bar. Als es dort zu einem Malheur kommt, rennen sie davon und schulden einem Geschäftsmann (= Mafia?) 20.000 Yuan. Die haben sie nicht, finden aber Geld im Koffer ihrer neuen Vermieterin (Sylvia Chang), wo sie sich eingewanzt haben. 

Die ist erstmal gar nicht begeistert von den Jugendlichen, schließlich sind sie chaotisch und mitten im coming-of-age, doch alleine in der Wohnung wird sie depressiv. Ihr Sohn ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen und der Schmerz ist so groß, dass das Leben alle Farbe verloren hat. Doch natürlich gewöhnt man sich aneinander, die Kinder ohne Eltern finden so etwas wie eine neue Mutterfigur und die einsame Mutter so etwas wie neue Kinder. Regisseur Li Yu (LOST IN BEIJING) aber macht das natürlich nicht eindeutig, fest, verlässlich. Hier ist alles brüchig, fragil, ständig vom Auseinanderbrechen bedroht. Dennoch ergeben sich Momente der Hoffnung, aus dem Leben ausbrechen zu können, und, nun ja, irgendwie weiter zu machen. So, wie die Häuser hier in diesem Film nach dem Erdbeben von Sichuan im Jahr 2008 zerstört und nur noch Ruinen sind, aus denen Neues entstehen muss, so sind auch diese Protagonisten auf dem Weg in ihre eigene Zukunft. Ein Independent-Film, nicht frei von Schablonen, aber ganz offensichtlich mit begeisternder, leiser Hingabe gemacht in Bildern, die aus dem alltäglichen Filmrepertoire herausstechen. Manchmal fühlt sich das auch alles an wie eine Märchenerzählung, außerweltlich, traumartig, schockierend, traurig, ätherisch, flüchtig. Zurück bleiben eher Bilder und Gefühle, als eine Geschichte.

Michael Schleeh
 






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