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Waiting (Anu Menon, Indien 2015)


 In der Leere und Einsamkeit eines nächtlichen Hospitals lernen sich Shiv und Tara kennen: sie, völlig verzweifelt, da ihr frisch angetrauter Ehemann nach einem Unfall in Cochin mit schwerer Kopfverletzung ins Krankenhaus eingeliefert wurde und nun unansprechbar ist; er, schon mit Routine vor Ort, da seine Gattin bereits seit zehn Monaten im Koma liegt. Neben allen emotionalen Problemen ist Shiv dabei, sich finanziell zu ruinieren und kann dennoch nicht von der Hoffnung lassen, dass am Ende noch alles gut wird. Obwohl es kaum mehr Aussicht auf Besserung gibt. Tara dagegen immer kurz vor der Hysterie, erfasst von tiefer Trauer und Verzweiflung, die nicht weiß, wie mit der Situation umzugehen ist. Shiv ersetzt ihr bald schon einen väterlichen Freund, der ihr mit seiner Erfahrung und beruhigenden Art wenigstens wieder etwas Stabilität geben kann. Doch sie ergänzt ihn ebenfalls: aus der Festgefahrenheit auszubrechen und sich Neuem zu öffnen. Eine Balance, die ganz nach den Spielregeln des Arthouse-Kinos funktioniert. Etwas Erotisch-Sexuelles hat ihre Beziehung übrigens niemals, dafür ist schon der Altersunterschied zu groß. Shiv wird gespielt vom großartigen Naseeruddin Shah, Tara von Kalki Koechlin. Keine Frage, auf dem gemeinsamen Weg der beiden Einsamen kommt es öfters auch durchaus zum handfesten Streit: denn es geht natürlich irgendwie auch immer um alles. Das Leben an sich. Und da prallen zwei Generationen aufeinander.

 Das vielleicht größte Verdienst von Regisseurin Anu Menons flüssig inszeniertem Film ist wohl das völlige Fehlen jeden Gefühlskitschs. Beinahe nüchtern und observierend werden die Ereignisse dargestellt, und auch die Musik ist da keinen Moment zu laut oder aufdringlich emotionsverstärkend. Bisweilen wünscht man sich sogar, emotional noch etwas näher an die Figuen heranzukommen, als es der Film zulässt. Aber vielleicht ist auch gerade diese Distanziertheit, die es dem Zuschauer erlaubt, selbst zu wählen, auf welche Weise er sich auf den Film einlassen will. Denn schwerwiegende Themen werden hier allerhand angesprochen: von der doch merklichen Abwesenheit der engen Freunde Taras, die alle plötzlich keine Zeit haben, von der Instant-Religiosität, die helfen soll, wenn alle medizinischen Lösungen versagen, vom schwierigen Verhältnis zwischen den Familien und der Hoheit der Verantwortung, vom schlechten Gewissen, in Zeiten der Krise doch wieder Freude am Leben zu empfinden, bis hin zur Entscheidung über das Abschalten der Maschinen. Anu Menons Filmskript durchsegelt aber auch ein paar weniger spannende Untiefen, die allzu genrekonform abgehakt werden müssen: Exzesse der Wut einer Verzweifelten, das plötzliche Aufdecken einer geheim gehaltenen Liebesromanze beim Durchstöbern des Handys des Verunfallten (was übrigens merkwürdig konsequenzlos bleibt - ein Faden, der fallengelassen wird), die beste Freundin, die spät aber dann doch noch kommt, und der recht wenig einfällt, wenn es um Anteilnahme und echte, tröstende Worte geht. Auch muss sie recht schnell wieder weg nach Hause (irgendein familiärer "Notfall").

 Am Ende bleibt der Film offen. Denn die eine Frage bleibt unbeantwortet im Raum stehen, die zu den schlimmsten gehört, die man sich vorstellen kann: wie entscheidet man sich, wenn es bei dem Menschen, den man liebt, keine Aussicht auf Besserung gibt? Ein offenes, aber auch abruptes Ende also, was grundsätzlich begrüßenswert ist. Dennoch hätte man sich ein paar weitere Filmminuten gewünscht, die ihn etwas abgerundet hätten. So jedenfalls wirkt er seltsam unfertig und übereilt zu Ende gebracht. Wofür eigentlich kein Grund besteht, da er bei seiner recht kurzen Spielzeit von gerade mal 92 Minuten durchaus aus dem Rahmen fällt. Dass man es hier mit einem waschechten Arthouse-Problemfilm zu tun hat, dürfte klar geworden sein, und somit muss man in diesem Hindi-Film auf jede eskapistische Gesangsnummer verzichten. Passt aber so, inhaltlich, und auf diese Weise ist er auch international kompatibler. Waiting ist ein spannender Film, der tieftraurig ist, ohne kitschig oder tränendrüsig melancholisch zu sein. Das ist schon eine reife Leistung. 

Michael Schleeh

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