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Eega / Makkhi (S.S. Rajamouli, Indien 2012)


 Neu auf netflix und deswegen jetzt endlich von mir einmal nachgeholt: S.S. Rajamoulis Fantasy-Filmfest-Hit EEGA / MAKKHI, ein genreübergreifender Tierhorror-Thriller über eine rachelustige Stubenfliege. Ja, eine Stubenfliege. Bizarr ist das, und so eilt dem Film ein gewisser Ruf voraus. Aber wer unlängst das Meisterwerk Baahubali gesehen hat, der ahnt vielleicht schon, woher dieser Regisseur kommt. Rajamouli macht südindische Telugu-Filme (aus "Tollywood"), manchmal auch in Tamil, und wer die Filme dieser Provinzen kennt, der weiß auch, dass dort im Mainstream-Kino keine Gefangenen gemacht werden. Die Superhelden sind unbesiegbar, die Bösewichte die grimmigsten der Welt, die Explosionen größer, die Verfolgungsjagden spektakulärer, ein Augenzwinkern des Schnauzbartträgers genügt, damit die Angebetete dahinschmilzt. Und eben so beginnt auch EEGA (Telugu), bzw. MAKKHI (Hindi). Als schnulzige Romantikkomödie, in der ein glückloser Niemand namens Jani (Nani) endlich den Mut findet, zu seiner hübschen Nachbarin Bindu (Samantha Prabhu) Kontakt aufzunehemen. Zwei Jahre des Schmachtens sind vorbei. Diese findet ihn nett, aber wohl leider nicht mehr. Ein reicher Industrieller (Sudeep) indes, ein unerträglicher Macho, der gewohnt ist, alles zu bekommen was er begehrt, hat sich ebenfalls in die Dame verkuckt. Und als er bemerkt, dass da so ein Lümmel in seinem Revier wildert, bringt er ihn kurzerhand um. Mit überraschender Grausamkeit, übrigens. Die dramatische Tragödie will es, dass dies nun genau in dem Moment geschieht, in dem die Heldin erkennt, dass sie ich in ihn verliebt hat. Doch ihre SMS und Anrufe landen nur noch auf der Mailbox. Bindu verliert ihren Geliebten und scheint Sudeep schutzlos ausgesetzt. Doch unser Held wird überraschend wiedergeboren: als Stubenfliege. Und als er gelernt hat, was man so zum Stubenfliegendasein alles braucht, da erwacht in ihm der Gedanke, Rache zu üben. Er nimmt sogar zur Geliebten Kontakt auf, und auch sie erkennt ihn wieder. Und von diesem Moment an wird der Film rasant, originell, lustig, steckt voller Ideen.

Die beste Entscheidung, die Rajamouli treffen konnte, war sicherlich die, sehr häufig mit der Kamera in die Ich-Perspektive der Stubenfliege zu wechseln. Erkennbar wird das immer daran, dass das Filmbild leicht gerastert und gekrümmt erscheint - ganz so, als wäre man als Zuschauer in den Helikopterkopf der Fliege versetzt und schaut durch diese große Augen hinaus in die Welt. Da gibt es dann freilich tonnenweise Flug-Action, Stunts, Dramatik. Die Fliege hält sich zudem nicht nur in Innenräumen auf, sondern auch in der Stadt, muss die Schauplätze wechseln - und rast durch den Stadtverkehr, über Köpfe hinweg und durch Motorradrikschas hindurch. Viel Lokalkolorit zeigt sich also auch in diesen Szenen. Eine ganze Menge der Gags erwachsen (ähnlich wie bei Ratatouille) daraus, dass die klitzkleine Fliege ihre Winzigkeit zu ihrem Vorteil nutzen kann. Der böse Gangster erwischt sie einfach nie, so sehr er sich auch enragiert. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, ihn zu terrorisieren. Ihn permanent zu stören, zur Not auch, ihm den Schlaf zu rauben. Und damit den Verstand. Die Groteske dreht dann irgendwann soweit, dass er bereit ist, sein ganzes Haus zu zerlegen, nur um diese doofe Fliege loszuwerden.

Rajamouli macht das sehr geschickt, wie er den Film zusammenhält. Viele Elemente, kleine Details tauchen immer wieder im Film auf und übernehmen diverse rote Fäden, an denen der Film eine Struktur erhält - und wodurch er trotz seiner Abstrusitäten als ein erstaunlich geschlossenes Werk erscheint. Ein Beispiel wäre die Mikrokunst der Heldin, die ganz zu Beginn eingeführt wird. Sie schnitzt aus Reiskörnern Objekte, die dann in Schmuckstücke eingearbeitet werden. Diese Fähigkeit nutzen später die beiden Verbündeten, um sich gegen den Feind zu rüsten. Sie diente auch als Hilfsmittel dazu, sich überhaupt zu erkennen, und dann dem Film wiederum als Symbol der Liebesverbindung zwischen den beiden so ungleichen Liebenden. Mehrfach wird also das Thema aufgegriffen und vermittelt so den Eindruck, dass eben alle kleinen Details einen Sinn und Zweck haben. Weitere Themen wären durchaus auch größer zu begreifen, etwa der Gebrauch der Waffen. Das beginnt schon in der allerersten Szene beim Tontaubenschießen, in der die Waffe als Angriff auf das weibliche Geschlecht eingeführt wird: die Schrotflinte als errigiertes Phallussymbol. Diese Männlichkeit wendet sich jedoch am Ende gegen den Besitzer, der sich damit selbst zerstört. Aber auch eine der Waffen der Fliege führt beinahe zum eigenen Ruin: die Nadel, mit der die Fliege den Gegner Sudeep nicht nur pieksen, sondern ersthaft zu verletzen versteht, kehrt sich gegen den Besitzer, als sie, magnetisch angezogen, den Kämpfenden unter sich einklemmt und somit wehrlos macht. Derlei Motive lassen sich zuhauf in diesem Film finden, der neben seiner Unterhaltungsebene deutlich tiefgründiger ist, als es zunächst erscheint. Mit EEGA / MAKKHI ist S.S. Rajamouli jedenfalls ein wunderbar spannender und zugleich origineller Film gelungen, der nicht zuletzt etwas Empathie im Betrachter schüren könnte, wenn das nächste Mal eine Fliegenpatsche zur Hand genommen wird um eine lästige Stubenfliege loszuwerden. Denn Vorsicht, da wird ein Leben ausgelöscht. Es könnte ja die eigene Oma sein, die mal kurz "Hallo!" sagen wollte.

Michael Schleeh

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