Direkt zum Hauptbereich

Haeundae / Tidal Wave (Yun Je-gyun, Südkorea 2009)


Als sich ein Tsunami riesigen Ausmaßes der Küstenstadt Haeundae nähert, will niemand den Unkenrufen der verantwortungsvollen Wissenschaftler glauben schenken: vor allem der Bürgermeister nicht, der sich um den Tourismus sorgt (-> JAWS), sowie die Ex des Seismographen, die gerade Grundstücke in bester Lage verhökert. Von den großen Entwicklungen im Meere bekommt am Strand niemand etwas mit - die Sonne scheint und die Jugend ist mit dem Bewundern halbnackter Körper beschäftigt. Die Ortansässigen, die am Rande der Vergnügungsgesellschaft ihr Dasein fristen, sind eine eingeschworene Gemeinschaft - die als Personal auch im emotionalen Zentrum des Films stehen - und führen einen entschlossenen, wenn auch scheinbar erfolglosen Kampf gegen korrupte Bauunternehmer, die den letzten Meter Baugrund noch mit glitzernden Hotels zupflastern wollen.

In diesem Soziotop sind die Beziehungswege verschlungen - da eine Liebe, dort ein Neider, einer säuft, der andere ist zu faul zum Arbeiten. Doch es kommt, wie man sich denken kann, zur allseitig erwarteten Katastrophe, als zu dramatischen Entwicklungen in Sachen Zwischenmenschlichkeit der Tsunami anrollt.
Hier hat man sich mit US-amerikanischer Tricktechnik beholfen, um der Welle und ihrer Zerstörung ein möglichst eindrucksvolles Volumen zu bescheren - was nur bedingt gelungen ist. Leier können die Tricks und Spezialeffekte nicht immer überzeugen.

Doch egal. Egal?

Ja. Denn mittlerweile ist man überraschenderweise schon so von diesem Film eingefangen worden, von seiner Nähe und Zwischenmenschlichkeit, dass man auf die Effekte pfeift. Und klar, da erinnert man sich an THE HOST, bei dem das ganz ähnlich lief. Statt Monsterfilm -> Familienfilm mit Monsterbeilage. Hier: statt Katastrophenfilm -> Liebesfilm mit Katastrophenbeigabe. Und so steht in der ersten Hälfte ein lustiger, teilweise extrem witziger und slapstickhafter Film einer zweiten Hälfte gegenüber, die urplötzlich in bitteren Ernst umschlägt. Und mal ganz ehrlich: so wie die koreanischen Filmemacher das machen, so bekommt das niemand, weltweit nicht, hin. Das Zusammenführen von Komik und Tragik scheint mir überhaupt das Signum des neueren koreanischen Films zu sein. Und auch im Falle von HAEUNDAE funktioniert diese Kombination großartig. Der Katastrophenfilm an sich hat mich nie sonderlich interessiert, höchstens als Bruder im Geiste zu Weltuntergangsszenarien. Dieser Film allerdings hat mir großen Spaß gemacht - vielleicht auch, weil er gar nicht viel mehr will, als zu unterhalten. Dass dann wie nebenbei noch etwas Liebenswertes, Detailreiches und Zwischenmenschliches herausspringt -vor allem in der ersten Hälfte- führte in meinem Wohlfühlzentrum zu gemäßigten, aber durchaus mehr als nur durchschnittlichen Zufriedenheitsreaktionen.

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Labyrinth of Cinema (Nobuhiko Obayashi, Japan 2019) ~ im Rahmen der Nippon Connection 2020

Ein meisterlicher Schwanengesang des kürzlich verstorbenen, japanischen Ausnahmeregisseurs Nobuhiko Ôbayashi, der mit einer irren Plotkonstruktion das Ende des Kinos (aka. des letzten Kinos in seiner Heimatstadt Onomichi) mit den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs vor allem auf Okinawa kurzschließt - und der die japanischen Kriegsverbrechen thematisiert, die dort stattgefunden haben. Gräueltaten, die allzu häufig unter den Tisch gekehrt werden. Nur um dann im Finale mit der Schauspieltruppe nach Hiroshima zu springen, um seine Erzählung mit dem Atombombenabwurf zu beschließen. Dazwischen packt er nicht weniger als so gut wie die gesamte japanische Filmgeschichte von der Stummfilmzeit bis zum Zweiten Weltkrieg. Sadao Yamanaka und Yasujiro Ozu sitzen im Lehnstuhl und unterhalten sich im Jenseits über ihre Filme und die "gescheiterten" Karrieren, wobei die berühmt gewordene Sentenz nicht fehlen darf, Ozu selbst sei nur ein "Tofu-maker" eines Alltagskinos, da

Tora-san: Our Lovable Tramp / Otoko wa tsurai yo / Tora-San 1 (Yoji Yamada, Japan 1969)

Nach zwanzig langen Jahren des Umherstreifens kehrt Torajiro (Kiyoshi Atsumi) nach Hause zurück: nach Shibamata, einem Vorort von Tokyo. Seine Schwester Sakura (Chieko Baisho) lebt mittlerweile bei Onkel und Tante, da die Eltern verstorben sind. Dort wird er mit offenen Armen empfangen, auch wenn alle wissen, was er für ein Herumtreiber ist. Sakura steht kurz vor der Hochzeit mit dem Sohn eines reichen Industriellen. Somit wäre für ihre Absicherung gesorgt. Zum gemeinsamen Essen mit dessen Eltern nimmt sie Tora als Begleitung mit; das allerdings war ein Fehler: in fantastisch kopfloser Weise betrinkt er sich und ruiniert mit seiner gespielten weltläufigen Gesprächsführung die Zusammenkunft - er verstößt in jeder Form gegen die gebotene Etiquette. Wie er auch im Folgenden, wenn er sich in die Brust wirft, um etwas für andere zu regeln, ein pures Chaos schafft und alles durcheinander bringt. Der Film allerdings ist keine reine Komödie. Denn Tora werden die Verfehlungen vorgehal

Eighteen Years, to the Sea / 十八歳、海へ (Toshiya Fujita, Japan 1979)

 Toshiya Fujita (Regisseur von z.B. den LADY SNOWBLOOD-Filmen oder STRAY CAT ROCK: WILD JUMBO ) liefert hier einen typischen japanischen End-70er-Jahre Genrebeitrag ab, in dem sich "Junge Wilde" in ihrem ganzen übersatten Ennui dermaßen anöden, dass sie auch mal dieses Ding mit dem Doppel-Liebestod ausprobieren wollen. Existenziellere Nöte gibt es kaum, sie sind sogar in ihrer Abschlußklasse ganz vorne auf der Liste. Die Eltern haben alle Geld, aber man kann es sich leisten, es nicht annehmen zu wollen.  Also geht man in Kamakura ins Meer, legt sich mit einer Bikergang an, nimmt Schlaftabletten (aber immer nur eine) und erhängt sich zum Spaß mit einem Seil, das schon ganz verrottet ist und auf jeden Fall reißt.  Ansonsten gibt es viel unbeholfenen Sex, der schnell in Gewalt ausartet, einmal auch in eine (fürs Genre obligatorische) Vergewaltigung, an deren Ende das Opfer den Täter sogar noch bittet, sich zukünftig um die Schwester zu kümmern.  Es ist alles wunderbar absurd, un