Direkt zum Hauptbereich

The Ghosts of Kasane Swamp / Kaidan Kasane-ga-fuchi (Nobuo Nakagawa, Japan 1957)


Der Film beginnt mit einem Auftakt im 18. Jahrhundert: ein blinder Kaufmann leiht einem verarmten Samurai eine größere Summe Geldes. Als dieser seine Schulden nicht bezahlen kann, der Kaufmann aber auf Rückzahlung pocht, wähnt der Samurai seine Ehre beschmutzt und tötet in Raserei den hilflosen Gönner. Der Diener versenkt daraufhin die Leiche im nahegelegenen Kasane-Sumpf, nicht ohne Versuch, den Zorn des Verstorbenen durch Gebete zu begütigen. Was naturgemäß nicht gelingt - er kehrt zurück, erscheint dem Samurai als Wahnfigur, die sich vor die realen Personen schiebt, woraufhin er seine Gattin ermordet, anschließend sich selbst.

20 Jahre später setzt die Haupthandlung ein: der Sohn des Samurai, Shinkichi (Takashi Wada), wurde als Findelkind bei einem reichen Händler abgegeben und wuchs dort als demütiger Hausangestellter auf. Obwohl dessen Herkunft bekannt war. Er verliebt sich in die hübsche Tochter des Kaufmanns, Hisa (Noriko Kitazawa), die aber bereits versprochen ist. Ihre Shamisen-Lehrerin Miss Rui allerdings macht ihm Avancen, sodaß er sich auf eine halbherzige Affäre mit ihr einlässt. Als schließlich Hisa die kommende Heirat mit dem Ekelpaket zu fürchten beginnt, versucht sie Shinkichi durch einen Liebesschwur zur Flucht zu überreden: er sei ihre wahre Liebe. An Shinkichi wird von allen Seiten gerissen. Da klärt sich plötzlich auf, dass Rui die Tochter des ermordeten blinden Kaufmanns ist, Shinkichi aber der Sohn des Mörders. Als Rui schließlich auch noch Shinkichis Gefühle für Hisa gewahr wird, nimmt sie ihr Schicksal selbst in die Hand...

Nakagawas Kasane-Kaidan ist eine der großen klassischen und populären Geistererzählungen der japanischen Filmgeschichte. Basierend natürlich auf einer literarischen Vorlage, einem Roman von Encho San'yuutei aus dem 19. Jahrhundert. Der nur eine gute Stunde andauernde Geisterfilm hat eine wunderbare Bildsprache, die trotz ihrer Einfachheit in Verwendung von Überblendungen eine schöne Sogwirkung entfaltet. Kein Wunder also, dass sich Regisseure wie Hideo Nakata für ihre Wiedergänger-Figuren an den Darstellungen ihrer Vorgänger orientierten und im modernen J-Horror-Film wieder aufleben ließen. Es sind also lediglich die Studiosets, der plörtzlich einsetzende Schneefall, die atmosphärische Beleuchtung und ein wenig Maske nötig, um diese archetypischen Bilder zu komponieren. Der Rest ist ein gutes Drehbuch. Wobei der emotionale Kern die Liebestragödie bildet, der nicht nur mit übernatürlichem Terror konfrontiert wird. Es sind durchaus auch die alltäglichen Horrorszenarien wie Verlustangst, die Dunkelheit, die Armut, die zur Spannungsgestaltung beitragen, oder, wie am Ende eindrücklich, das Ertrinken.

Der Stab im Sumpf, der so eindrücklich Sanshiro Sugata im gleichnamigen Film von Akira Kurosawa in der berühmten Szene sprichwörtlich "das Leben rettet", da er sich an ihm auf einen neuen (Lebens-)Weg besinnt, entgleit in Nakagawas KASANE SWAMP den Händen des Anti-Helden, woraufhin dieser von der Macht der Natur, der Geisterwelt, und seiner eigenen moralischen Verfehlungen in die Tiefen des Sumpfes gezogen wird. Wer sich für klassischen japanischen Horror interessiert, kommt an diesem Film nicht vorbei.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...

Woman of the Lake / Onna no mizumi (Yoshishige Yoshida, Japan 1966)

Die schöne und unglücklich verheiratete Miyako (Mariko Okada) hat eine Affäre mit dem jungen Kitano (Tamotsu Hayakawa), mit dem sie sich tagsüber in Hotels im Stadtzentrum trifft. Ihr Gatte Yuzo (Shinsuke Ashida) scheint davon nichts mitzubekommen; er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann mit einer deutlich wertkonservativen Einstellung. An einer Stelle im Film sagt er einmal, eine gute Ehefrau sei leicht wie ein Lufthauch, man würde ihre Gegenwart niemals bemerken. Diese Ruhe ist nun bedroht, da Kitano von Miyako im Hotel erotische Nacktbilder gemacht hat, die Miyako dummerweise auf dem Heimweg vom Stelldichein in der Tasche mit dabei hat. In dieser Nacht wird sie von einem Unbekannten bedrängt - und sie wehrt sich mit der Tasche, worauf ihr der Mann sie entreißt. Am nächsten Tag bekommt sie einen Anruf von dem Erpresser, sie solle zu ihm in ein Seebad fahren, und das Geld für die Bilder mitbringen. Dass es dem Erpresser nicht nur ums Geld geht, ist Miyako klar, so gut kennt sie...

Aido: Slave of Love (Susumu Hani, Japan 1969)

Here are some pictures I took during a private screening of Susumu Hani's extremely rare and seldom seen feature film  AIDO - SLAVE OF LOVE , which is the movie Hani made after the famous NANAMI: INFERNO OF FIRST LOVE. The film is beautifully shot, completely absorbing and structurally abandoning all narrative consensus - it is somehow - for most of the time - a subjective trip into the mind of the protagonist Shusei (Kenzo Kawarasaki). As you can asume, a dreamlike state predominates the film; and with its' devotion to extensively focussing on the details of the body while making love, presented in detailed close-ups, aswell as its' beautifully daring setpieces, it reminded me to some extent of Toshio Matsumoto's experimental oeuvre, as for example in his short film PHANTOM . AIDO was submitted to the competition-section of the 19th Berlin International Film Festival (aka Berlinale) - a fact that is quite astonishing, if you consider the direction the main section of ...