Direkt zum Hauptbereich

HKIFF 2013: A Story of Yonosuke (Shuichi Okita, Japan 2012)


Mitte der 80er kommt der junge Yonosuke nach Tokyo um dort zu studieren. Er ist eine ziemlich schräge Gestalt: groß gewachsen, Wuschelhaare, er hat einen ungewöhnlichen Humor und hat einen einnehmend, offenen Charakter. Einer der zugleich irgendwie schräg ist, rausfällt. 16 Jahre später erinnern sich verschiedene Personen, die alle seine Bekanntschaft gemacht hatten, an ihn, und in übergangslos montierten Rückblicken findet der Film - durch seine unterschiedlichen Perspektiven - neue Blickwinkel auf die Person Yonosukes.

Hierfür gibt es auch einen Anlaß, der teilt sich aber erst ganz am Ende des Films mit. Dieser Film, eigentlich eine coming-of-age-Geschichte, ist voller origineller Einfälle, von lautem und leisem Witz, immer durchzogen von einer Spur Ironie und Humor. A STORY OF YONOSUKE ist trotz seiner 160 Minuten extrem kurzweilig, und hat eine völlig ungewöhnliche Narration. Beim ersten Einschub eines sozusagen "zukünftigen Flashbacks", denn die Zeit der Haupthandlung sind eben die 80er, versteht man zunächst überhaupt nicht, was man da sieht (die ansatzweise gealterten Physiognomien sind für Europäer zudem schwer zu erkennen). Und erst wenn man verstanden hat, wie dieses System aus eingewobenen, formal nicht gekennzeichneten Rückblicken funktioniert, bekommt man den eigentlichen Ton des Films zu spüren, eine sozusagen sanfte Melancholie.

Der Film ist geskriptet nach einem Roman von Shuichi Yoshida, von dem auch die Vorlage und das Drehbuch zu VILLAIN stammt (der mich allerdings nicht überzeugt hat und den ich problematisch finde). Deutlich wird aber auch hier das Gespür für Charaktere, die sanft neben der Spur stehen. Aber was heißt hier sanft: eine Begegenung mit Yonosuke ist dermaßen ansteckend, dass nicht nur seine Freundin im Film in abruptes Gelächter ausbricht, sondern auch gleich der komplette Kinosaal. Ich habe noch nie einen Film gesehen, bei dem sich das Publikum derart stark hat mitreißen lassen. Für mich ist A STORY OF YONOSUKE (jenseits der bereits gesehenen Filme auf der Berlinale) klar der beste Film des Festivals hier in Hong Kong.


***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Masahista / The Masseur (Brillante Mendoza, Philippinen 2005)

Brillante Mendozas erste Spielfilmregie verortet ihn sogleich im Independentkosmos des modernen philippinischen, cineastischen Undergrounds. Geringe Budgets und die Digitalkamera eröffnen jungen Filmemachern die Möglichkeit, nicht nur jenseits einer etablierten Filmindustrie, sondern so gut wie jenseits jeder filmischen Szene aktiv zu werden. Ein Status, der sich auch in der Verfügbarkeit der Filme zeigt. So sind die Filme von Brillante Mendoza, Lav Diaz, Raya Martin, KHAVN de la Cruz u. a. nur in Ausnahmefällen auf DVD greifbar (wenn, dann sowieso nur weltweit), oder sie sind mit etwas Glück auf engagierten Retrospektiven und Filmfestivals zu sehen. Im Falle KHAVNs übrigens durchaus auch auf youtube, selbst eingestellt vom Regisseur. Die Filme eint neben den o. g. Kriterien ein Hang zum ästhetischen Radikalismus in Kombination mit einem Blick auf gesellschaftliche Mißstände, welcher gerne mal als "neorealistischer" italienischer Prägung oder als einer im Geiste des "Cin...

Accident / Yi ngoi (Soi Cheang, HK 2009)

Pou-Soi Cheangs erster Film unter Johnnie Tos Produktionshoheit (Milkyway) ist ein hervorragend schneller, straffer und kluger Genreknaller geworden. Ho Kwok-Fai (Louis Koo) hat ein Killerteam um sich geschart (Stanley Fung, Lam Suet, Michelle Ye), das sich auf die Inszenierung von Auftragsmorden spezialisiert hat. Diese laufen stets nach einem Dominosystem ab und erscheinen - da sie so komplex konstruiert wurden - wie tatsächlich Unfälle. Doch plötzlich wird einer des Teams während einer Aktion durch eine Verkettung tragischer Zufälle getötet. Ho entkommt nur knapp. An diesen Zufall will er nicht glauben und wähnt sich selbst das Ziel eines Killerteams. ACCIDENT beginnt enorm stark - und es ist eine Lust, den kreativen Inszenierungen zuschauen zu können. Cheangs in DOG BITE DOG zelebrierter harter Realismus und die ungestüme Wildheit SHAMOs geht ACCIDENT ab, da wurde er wohl von To gebremst. Doch nicht zum Schlechten: der Film ist sehr flüssig und elegant inszeniert, spart aber nicht ...

Fire of Conscience / Fire Dragon / For lung (Dante Lam, Hongkong 2010)

Die beiden Cops Kee (Richie Ren) und Manfred (Leon Lai) beginnen zusammen zu arbeiten, als sich herausstellt, dass ihre Fälle einen gemeinsamen Hintergrund haben. Der Saubermann Kee überrascht dabei plötzlich mit radikalen Methoden, die ihm niemanden zugetraut hätte. Manfred ist sowieso ein harter Hund, seit die böse Unterwelt seine Frau samt ungeborenem Kind auf dem Gewissen hat. Dass Kee einen hinterlistigen Plan ausführt, stellt sich erst heraus, als schon so einiger Blutzoll entrichtet wurde. Dante THE BEAST STALKER Lams neuer Film ist ein verworrenes Etwas: das Skript geht in den ersten beiden Dritteln völlig drunter und drüber, es weiß Aktionen nicht zu gewichten, die gleichzeitigen Ermittlungen in den drei (!) Kriminalfällen bleiben über weite Strecken nicht nachvollziehbar. Stark wird der Film immer in seinen Actionszenen; und da kann man wohl sagen, dass es Lam wie kaum ein anderer schafft, diese von der ästhetischen als auch von der kreativen Seite her unvergleichlich zu insz...