Direkt zum Hauptbereich

Kageroza / Heat Shimmer Theater (Seijun Suzuki, Japan 1981)


Seijun Suzukis nach Hitze flirrendes Theater ist ein abstrakter Film, wie ein Spielfilm kaum abstrakter sein könnte. Der Schriftsteller Shungo Matsuzaki (Yusaku Matsuda) begegnet einer mysteriösen Frau namens Shinako (Michiyo Ookusu), die immer auf steilen Treppen zu stehen scheint, und die auf dem Weg ins Hospital ist. Sie erinnert ihn im Aussehen an seine verflossene Geliebte - oder an seine verstorbene Frau, die er sich zurück ins Reich der Lebenden wünscht. Die Figuren materialisieren sich hier wie Geister und geben der Erzählung eine Richtung, die mit der Realität nichts zu tun hat. Imagination, Wunsch, Traum, Erinnerung und Hoffnung weben einen dichten narrativen filmischen Teppich, der bald kaum mehr zu entwirren ist. Jeder Schnitt katapultiert etwas Unerwartetes auf die Leinwand, keine Szene ist vorhersehbar. Ein Verknüpfung gibt es selten. Rote Beeren allerdings scheinen wichtig zu sein - elegant rollen sie der Frau aus dem Mund in beliebiger Zahl. In einem Bottich versinkt sie im Wasser, während sie von immer weiteren, sich kreisrund anordnenden Beeren gerahmt wird (ein Bild, das vermutlich Matthew Barney für seine Björk-Szene im CREMASTER geklaut hat - allerdings mit Orangen). Suzukis Film ist freilich nicht-linear erzählt, hält sich an keine konventionellen Regeln, berücksichtigt keine Bedürfnisse nach Balance und Gewichtung. Alles scheint spontan, erfunden, zugleich höchst real und immer faszinierend, da der Leidensdruck des Protagonisten allem eine spürbare Dringlichkeit zukommen lässt.

Hinzu kommt eine gewisse Steifigkeit, die alle Bilder durchdringt; ganz so, als wären sie Gemälde, Screenshots oder Stills. Oder einfach Bühnendarstellungen, Theater - mit Sprechakten, die durchweg performativ sind, nicht auf Diskurs aus, sondern auf Deklamation. Eine mythologische Unterfütterung durch Gewänder, Erzählmuster, Inszenierung führt zudem tief in die kulturgeschichtliche japanische Welt, die sich einem Nicht-Japaner nur in Ansätzen erschließt, selbst wenn man das eine oder andere Bild dechiffriert, sich in japanischer Theatergeschichte einigermaßen auskennt, oder den Humor Suzukis von seinen anderen Filmen her kennt.

Eine gute Option ist es da, den Film als arabeskes Kunstwerk wirken zu lassen, und doch ist dann das mitunter ungezähmte, lang ausfallende, auch bisweilen recht zähe Unterfangen von einem Finale gekrönt, dass man fassungslos den Verstand zu verlieren droht. Bei einer Noh-Theateraufführung um die Schneefrau, der berühmten yuki onna, die hier - mir neu - von einem Kind gespielt und von einem roten Teufel begleitet, bzw. von diesem wie eine Puppe geführt wird, erhebt diese, eine Geistererscheinung, sich schließlich in die Lüfte und fliegt auf das Publikum zu, das sich daraufhin erhebt und - nun erst für den Filmbetrachter ersichtlich - als Teil der Inszenierung die Bühne betritt und in einem großen Chaos, einem Finale der Zerstörung funkensprühend das Ende der Welt herbeiführt - bevor sich Stille über ein völlig vernichtetes Theatergebäude senkt. Später im Abspann dann: Tuschezeichnungen von Greueltaten, geköpfte Liebende, am Hals neu zusammen gewachsen, abgetrennte Glieder, die sich einst umarmten. Derlei Höllenbilder, die auch an einen Doppelselbstmord aus Liebe erinnern (ein bekanntes japanisches Ritual, das den Liebenden, die nicht zusammen kommen können, eine gemeinsame Jenseitserfahrung ermöglicht - und in gewissem Sinne ein Happy End darstellt), entlassen einen Betrachter in die Nacht, der den Film zwar allenfalls ansatzweise verstanden hat, aber zugleich zutiefst beeindruckt ist.



***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...

Shinjuku Mad (Kôji Wakamatsu, Japan 1970)

Der Film beginnt wie ein jazziges Requiem: zu sowohl swingender wie melancholischer Musik läuft die Kamera (wie der Protagonist) durch die Straßen Shinjukus und überall liegen Leichen oder schwerverletzte Jugendliche herum. Ein Gefühl von Vergeblichkeit und Hoffnungslosigkeitg, von Entsetzen macht sich breit. In einem amerikanischen Film wäre das nun die Ausgangslage, und in einem Rückblick würde man sehen, wie es zu diesem Desaster gekommen ist. Nicht so bei Wakamatsu, der von seinen Zuschauern zu wissen erwarten kann, dass man es hier mit den Aufständen der Studenten zu tun hat, die Mitte und Ende der 60er gegen den Staat und das Militär die Stimme und auch ihre Fäuste erhoben, eine Gemeinschaft der Revolte, mit Splittergruppen der Japanischen Roten Armee, oder sonst einer radikalisierten linken Zelle. Vielleicht waren es aber auch nur Künstler oder Hippies, die hier ihr Leben lassen mussten. Vor diesem politischen Hintergrund spielt sich das persönliche Drama eines Vaters ab,...

Eighteen Years, to the Sea / 十八歳、海へ (Toshiya Fujita, Japan 1979)

 Toshiya Fujita (Regisseur von z.B. den LADY SNOWBLOOD-Filmen oder STRAY CAT ROCK: WILD JUMBO ) liefert hier einen typischen japanischen End-70er-Jahre Genrebeitrag ab, in dem sich "Junge Wilde" in ihrem ganzen übersatten Ennui dermaßen anöden, dass sie auch mal dieses Ding mit dem Doppel-Liebestod ausprobieren wollen. Existenziellere Nöte gibt es kaum, sie sind sogar in ihrer Abschlußklasse ganz vorne auf der Liste. Die Eltern haben alle Geld, aber man kann es sich leisten, es nicht annehmen zu wollen.  Also geht man in Kamakura ins Meer, legt sich mit einer Bikergang an, nimmt Schlaftabletten (aber immer nur eine) und erhängt sich zum Spaß mit einem Seil, das schon ganz verrottet ist und auf jeden Fall reißt.  Ansonsten gibt es viel unbeholfenen Sex, der schnell in Gewalt ausartet, einmal auch in eine (fürs Genre obligatorische) Vergewaltigung, an deren Ende das Opfer den Täter sogar noch bittet, sich zukünftig um die Schwester zu kümmern.  Es ist alles wunderbar a...