Direkt zum Hauptbereich

The Drudgery Train / Kueki Ressha (Nobuhiro Yamashita, Japan 2011)


Mit seinen stark verpixelten, grobkörnigen Bildern der Tristesse eines naturalistischen Alltags wirkt The Drudgery Train von Nobuhiro Yamashita (Linda, Linda, Linda, The Matsugane Potshot Affair) wie eine Independent-Produktion, die das Besondere im Trivialen findet. Es ist eine schwarze Komödie, der nie die Bitternis ausgeht, mit einem Hang zum Düsteren, Dunklen, der man immer auch zutraut, abstürzen zu können ins Üble, Böse, Brutale. Das Gegenmodell zum eigentlich sehr unsympathischen Helden Kanta Kitamachi (Mirai Moriyama), der nichts hinbekommt in seinem Leben und alles das, was um ihn herum an Positivem entsteht, kaputt machen muss, ist sein neuer Arbeitskollege Shoji Kusakabe (Kengo Kora aus A Story of Yonosuke (2014)), der sich zu seiner Ausbildung auf einer weiterführenden Schule was als Tagelöhner dazuverdient.

Kanta freundet sich mit ihm an, drängt sich ihm etwas auf (wie er das immer macht), führt ihn ans Trinken heran und dann auch irgendwann mal in die Stripbar hinein und auch ins Bordell. Shoji hat zwar Vorbehalte, will aber auch kein Spielverderber sein und findet dann Gefallen an den nächtlichen Extravaganzen. Das hat aber schnell ein Ende, als er sich ernstlich in ein junges Mädchen verliebt - doch eben da brandet Kantas Eifersucht auf, der selbst sein Verhältnis zu einer jungen Buchhändlerin namens Yasuko (Atsuko Maeda) nicht auf die Reihe bekommt. Er will immer mehr, als sie zu geben bereit ist. Und Kantas Ausbrüche sind nie weit, das spürt auch sie, wenn seinen Ansprüchen und Erwartungen nicht entsprochen wird - aber dann ist es auch wieder ihre schüchterne Höflichkeit, die sie keine klaren Grenzen ziehen lässt.

Das Script stammt von Shinji Imaoka, einem Meister des pinku eiga, des japanischen Erotikfilms, und mehr als einmal driftet der immer wieder sexuell aufgeladene Film in die dunklen Ecken des Rotlichtviertels. Letztlich bleibt der Film so etwas wie eine Mixtur aus Slacker-Komödie mit schwarzem Humor und Coming-of-Age-Film, doch die Grätsche zum Erotikkino durch verschiedene Grenzüberschreitungen wird mehrfach gesucht. Eine leichte Verunsicherung macht sich dann auch breit, man kann ihn kaum einschätzen, diesen herrlich tristen Film. Vor allem da Kanta immer weiter abstürzt, sich zusehends isoliert, vermehrt zurückgewiesen und dadurch zum Außenseiter wird. Dass es nicht lange dauert, bis er dann mal von zwei Yakuza-Gangstern in einer Nudelbar so richtig eins auf die Fresse bekommt, verwundert nicht. Eine Feelgood-Komödie ist der Film also keinesfalls, so richtig runterziehend ist er aber auch nicht - wenn auch für Kanta wenig übrigbleibt an Optionen, in einem Leben ohne jede Perspektive. Die er sich bedauerlicherweise selbst genommen hat.

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Woman of the Lake / Onna no mizumi (Yoshishige Yoshida, Japan 1966)

Die schöne und unglücklich verheiratete Miyako (Mariko Okada) hat eine Affäre mit dem jungen Kitano (Tamotsu Hayakawa), mit dem sie sich tagsüber in Hotels im Stadtzentrum trifft. Ihr Gatte Yuzo (Shinsuke Ashida) scheint davon nichts mitzubekommen; er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann mit einer deutlich wertkonservativen Einstellung. An einer Stelle im Film sagt er einmal, eine gute Ehefrau sei leicht wie ein Lufthauch, man würde ihre Gegenwart niemals bemerken. Diese Ruhe ist nun bedroht, da Kitano von Miyako im Hotel erotische Nacktbilder gemacht hat, die Miyako dummerweise auf dem Heimweg vom Stelldichein in der Tasche mit dabei hat. In dieser Nacht wird sie von einem Unbekannten bedrängt - und sie wehrt sich mit der Tasche, worauf ihr der Mann sie entreißt. Am nächsten Tag bekommt sie einen Anruf von dem Erpresser, sie solle zu ihm in ein Seebad fahren, und das Geld für die Bilder mitbringen. Dass es dem Erpresser nicht nur ums Geld geht, ist Miyako klar, so gut kennt sie...

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...

Aido: Slave of Love (Susumu Hani, Japan 1969)

Here are some pictures I took during a private screening of Susumu Hani's extremely rare and seldom seen feature film  AIDO - SLAVE OF LOVE , which is the movie Hani made after the famous NANAMI: INFERNO OF FIRST LOVE. The film is beautifully shot, completely absorbing and structurally abandoning all narrative consensus - it is somehow - for most of the time - a subjective trip into the mind of the protagonist Shusei (Kenzo Kawarasaki). As you can asume, a dreamlike state predominates the film; and with its' devotion to extensively focussing on the details of the body while making love, presented in detailed close-ups, aswell as its' beautifully daring setpieces, it reminded me to some extent of Toshio Matsumoto's experimental oeuvre, as for example in his short film PHANTOM . AIDO was submitted to the competition-section of the 19th Berlin International Film Festival (aka Berlinale) - a fact that is quite astonishing, if you consider the direction the main section of ...