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River (Ryuichi Hiroki, Japan 2011)


In seinem Film River von 2011 begibt sich der Regisseur quasi-dokumentarisch auf die Fährte seiner Protagonistin Hikari (Misako Renbutsu, auch in Yoshihiro Nakamuras Snow White Murder Case (2014)) durch das tokioter Stadtviertel Akihabara, filmt sie beim Umherwandern zwischen den Elektronikstores und beim Flanieren in den Seitengassen, wo es schnell mal etwas seedier zugeht, wo Kleinmädchenschlepperinnen junge Herren in Bars hineinlocken um ihnen dort zu Diensten zu sein. Die Heldin des Films ist eine Anti-Heldin, sie trauert um ihren ermordeten Freund Kenji, auf dessen Spuren sie sich begeben hat. Sie möchte seine Umgebung, dort wo er, ein Elektronik-Nerd, sich bevorzugt aufgehalten hat, mit eigenen Augen sehen, sehen, was er gesehen hat. Der Junge ist schon seit drei Jahren tot. Und dies ein authentischer Fall, als ein 25-Jähriger 2008 mit einem Lastwagen in Akihabara in eine Gruppe Menschen hineingefahren war und anschließend mit einem Messer etwa nochmals zehn Personen erstochen hat, viele auch verwundet. Kenji ist einer von ihnen. Ryuichi Hiroki folgt also nicht nur Hikaris Spuren, sondern begleitet sie auch auf den Spuren ihrer Trauerarbeit. 

Quasi-dokumentarisch ist der Stil, mit Handkamera gefilmt von Noriyuki Mizuguchi (Kamera für Kiyoshi Kurosawas Doppelgänger (2003)), mitten durch die Passanten hindurch, von denen einige auch immer wieder in die Kamera schauen, was ist denn hier los! Misako Renbutsu lässt sich davon nicht beeindrucken, sie spielt beeindruckend, vor den Augen der Öffentlichkeit. Die Trauer hat sich tief in ihr Leben hineingeschnitten, lange hatte sie sich aus der Gesellschaft rausgenommen, sich zuhause eingeschlossen in ihrer Höhle ("I holed myself up at home..."). Was auch bedeutet: immer wieder lange Einstellungen, ruhig, slow-paced, beinahe lyrisch. Die Konfrontation mit dem Tod in der Öffentlichkeit soll es ihr ermöglichen, darüber hinwegzukommen, doch dazu muss sie sich freilich ihrem Schmerz stellen. Immer wieder bricht sie in Tränen aus, es ist eine tiefe Trauer, die sie hinter einem maskengleichen Gesicht zu verbergen versucht.

Auf ihrem Weg durch das Viertel begegnet sie verschiedenen Personen, die alle einen Einfluß auf die Entwicklung nehmen. Eine Photographin, die sie ungefragt portraitiert und ihr aber dadurch zeigt, wie schön sie ist (ohne dass das im Film gesagt werden würde - so didaktisch ist Hiroki freilich nicht). Ein junger Mann, der auf einem der Hochhausdächer an derselben Stelle trauert wie sie, der aber keinen Angehörigen verloren hat sondern derjenige war, der dem Mörder unfreiwillig Hilfeleistung gestellt hat, indem er ihm eine Autovermietung in der Gegend empfohlen hat. Eine jungen Bekannten, die sich mittlerweile für Pornodrehs hergibt, da sie Schauspielerin werden will, und sich dafür aufopfert. Ein Mädchenbarbesitzer, der sie anheuern möchte, bei ihm zu arbeiten und sich mit ihr über den Sinn des Lebens unterhält, über Ziele, die man sich setzen muss. Und der sie abschleppen will in ein Stundenhotel. Neben einigen anderen begegnet sie schließlich noch einem obdachlosen Drifter namens Yuji (Yukichi Kobayashi), der sich mit dem Verkauf von Elektronikschrott über Wasser hält, und der, wie sich herausstellt, zufällig ihren Freund Kenji kannte. Sie findet ihn sympathisch, da er sich nicht aufdrängt, der zurückhaltend und beinahe scheu ist, der erst Traumatisches klären muss - hier kann sie ihm helfen, ihn dazu zu bewegen, sich seiner Vergangenheit zu stellen, seine Eltern zu besuchen. 

Da entfernt sich der Film von Hikari und Tokio, und begleitet den Jungen ins Gebiet Sendai, das durch den Tsunami und das Tohoku-Erdbeben völlig zertsört worden ist. Ryuichi Hiroki, der selbst aus der Gegend stammt, verknüpft auf diese Weise zwei Katastrophen in seinem Film. Yuji also wandert durch die Trümmer seiner Heimat, taumelt beinahe, bricht in Tränen aus angesichts des Schreckens, der ihn hier erwartet, und der verpassten Chancen seiner Eltern gegenüber. Eine unglaublich intensive Szene ist das, und zeigt einmal mehr, wie dicht Ryuichi Hiroki an allem dran ist, an den Ereignissen in Japan, an der Jugend. Am Ende findet der Film zu seiner Protagonistin zurück und gibt einen tendenziell hoffnungsvollen Ausblick, ohne diesen freilich zu stark zu machen. Da ist der Weg wieder offen, frei für Neues, und das ist schon ganz schön viel.







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