Direkt zum Hauptbereich

Happy Times (Zhang Yimou, China 2000)


In Zhang Yimous Alltagsdrama aus der mittleren Schaffensphase sieht man die Bestrebungen der 5. Generation chinesischer Filmemacher noch deutlicher offenbar, als in seinen späteren Werken - oder gar in solch staatsdienenden Entgleisungen wie der Eröffnungsshow bei den olympischen Spielen in Peking oder dem durchkommerzialisierten, touristischen Event - Wasserballett im provinziellen Yangshuo, das mit viel Liebe, Pomp und Feuerwerk eine in China allseits bekannte Liebesgeschichte jeden Tag aufs neue inszeniert und zelebriert. Keine Frage, auch dieser Zhang wird in seiner Heimat geliebt, nur in unsere westlichen Kategorien des regimekritischen, aufbegehrenden Künstlers passt er dann nicht mehr so gut. Da wird dann auch schnell gespottet, denn man fühlt sich ja im Besitz der alleinigen und allgemeingültigen Wahrheit. Und die moralische Hoheit hat man sowieso, klar.

Happy Times jedenfalls ist kein eskapistischer Heldenschnack, sondern eine Geschichte aus der Mitte der untersten Arbeiterschicht. Ein gutmütiger Rentner, der sich ein paar Yuan dazu verdient indem er mit ein paar Freunden eine alte Fabrik demontiert (vermutlich die, in der sie jahrelang gearbeitet haben), schaut sich erneut auf dem Heiratsmarkt um, da er nicht alleine sterben will und es gerne gemütlich hätte. Also sucht er eine beleibte Frau, bei der er es sprichwörtlich bequem hat. Dieser Film also ganz klar: eine Komödie, aber eben weil Zhang Yimou, eine bittere. Die Angebete nun kümmert sich neben ihrem verfressenen Sohn auch um ein blindes Mädchen, das ihr aber auf der Tasche liegt und das sie allzu gerne loswerden möchte. Opa soll sich drum kümmern. Und da er es sich mit der Matrone nicht verscherzen will, tut er das... nur, wohin mit dem Kind? 

Eine Ausflucht ins Historische kann man Zhang nun mit diesem Film nicht mehr unterstellen, und auch dass der Protagonist eine ziemlich offensichtliches Hindernis überwinden muss, auch nicht. Denn sonst bliebe kaum mehr was übrig von diesem Film, wie übrigens von den meisten nicht. Dass Zhang dann mit Situationskomik arbeitet, alles eigentlich immer noch komplizierter wird als zunächst gedacht, liegt in der Struktur der (wie vieler ähnlicher) Erzählungen begründet (nach einer Erzählung von Mo Yan). Und auch die Tatsache, die in bald jedem zweiten US-Mainstream-Bausatzfilm thematisiert wird, dass man, genau, nur gemeinsam stark sei, kommt auch hier in Happy Times zum tragen. Allerdings so unaufgeregt und natürlich, dass man der Ereignisse nur mit bestem Willen zustimmen kann. Wer näher am Wasser gebaut ist, verdrückt sicher auch mal eine Träne. Rührend und schön ist diese Gemeinschaft, geerdet durch die authentisch wirkende Erzählung. Wer wollte dieser sanften Hoffnung widersprechen auf ein klein bisschen Altern in aufgezwungener Würde mit viel Ironie und wohl dosiertem Augenzwinkern! Ein sehr sehenswerter, nicht ganz so bekannter Film des von vielen mittlerweile belächelten Regisseurs. Sehr schönes, souverän gemachtes und routiniertes Kino.


***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Shinjuku Mad (Kôji Wakamatsu, Japan 1970)

Der Film beginnt wie ein jazziges Requiem: zu sowohl swingender wie melancholischer Musik läuft die Kamera (wie der Protagonist) durch die Straßen Shinjukus und überall liegen Leichen oder schwerverletzte Jugendliche herum. Ein Gefühl von Vergeblichkeit und Hoffnungslosigkeitg, von Entsetzen macht sich breit. In einem amerikanischen Film wäre das nun die Ausgangslage, und in einem Rückblick würde man sehen, wie es zu diesem Desaster gekommen ist. Nicht so bei Wakamatsu, der von seinen Zuschauern zu wissen erwarten kann, dass man es hier mit den Aufständen der Studenten zu tun hat, die Mitte und Ende der 60er gegen den Staat und das Militär die Stimme und auch ihre Fäuste erhoben, eine Gemeinschaft der Revolte, mit Splittergruppen der Japanischen Roten Armee, oder sonst einer radikalisierten linken Zelle. Vielleicht waren es aber auch nur Künstler oder Hippies, die hier ihr Leben lassen mussten. Vor diesem politischen Hintergrund spielt sich das persönliche Drama eines Vaters ab,...

HKIFF 2017: VANITAS (Takuya Uchiyama, Japan 2016)

 Ein kleiner Independent-Film, der für den Fipresci-Preis nominiert war, ein Debüt-Film eines noch jungen, erst 24-jährigen Regisseurs. Ein dennoch souverän gemachtes, relativ stilles Alltagsdrama über vier neue Schüler an einem College in einer Provinzstadt. Man freundet sich an, erlebt gemeinsam ein paar Sachen, Krisen und den üblichen Alltagskram - nur um am Ende herauszufinden, dass man sich doch gar nicht so gut kannte, wie man zunächst vermutet hatte. Der Film endet dann auch in der Tragödie.  Und so geht es in diesem Film mit seinen vier sympathischen Schauspielern letztendlich darum, wie einsam und zurückgezogen - trotz aller Freundschaft - jeder ist, wie diese individualisierte Gesellschaft heute funktioniert. Die japanische Gemeinschaft funktioniert deshalb so gut, da jeder seine eigene Individualität wegsperrt, niemals herauslässt. Denn wirklich kennen tut sich hier keiner, die vier Freunde sind sich fremde Freunde . Besonders markant ist das bei einem der J...

Mad World - Hong Kong's entry for the foreign language Oscar (Wong Chun, 2016)

Wong Chun's debut feature film is not really part of the Hong Kong International Film Festival , but one I did see during my stay here at Mongkok's Broadway Circuit outlet as a regular screening on a sunday morning. It's a quiet and atmospheric film that is quite beautifully shot and extremely well acted by Eric Tsang (kudos!) and Shawn Yue, his son suffering from bipolar disease. It's a film about fatherhood and responsibilities, about getting old in financially difficult times. They both live in a shared flat with three other parties. No one seems to be able to pay rent anymore in Hong Kong. It's really depressing. Mad World is definitely worth watching, as it has been screened in Busan and in Toronto. It got mixed reviews overall, but I really don't understand why. There are no loose ends, the plot is fragmented with flashbacks to family history, but that always makes sense and adds to the depth of the characters. I really liked it and...