Direkt zum Hauptbereich

Tazza: The Hidden Card (Kang Hyeong-cheol, Südkorea 2014)

[Gastbeitrag von Stefan Borsos, dem Herausgeber des CineAsia-Magazines.]


In einer Filmkultur, in der Sequels und Remakes eine untergeordnete Rolle spielen, verdienen derartige Projekte besondere Aufmerksamkeit, zumal wenn es sich beim ,Original‘ um einen der größeren Blockbuster in der an Blockbustern nicht gerade armen südkoreanischen Filmindustrie handelt. Seit Choi Dong-hoons TAZZA: THE HIGH ROLLERS (2006) sind mittlerweile fast zehn Jahre vergangen und als Regisseur war zunächst sogar Regieexzentriker Jang Joon-hwan (SAVE THE GREEN PLANET!) vorgesehen. Beides eher ungewöhnliche Umstände im Kontext von Fortsetzungslogik und einer Industrie, die dem Anschein nach ästhetisch und personell allzu oft den geringsten Widerstand geht. Gerne hätte man gesehen, was Jang, dessen nachtschwarze Coming-of-Age-Studie HWAYI: A MONSTER BOY jüngst recht erfolglos in den Kinos und auf wenigen Festivals lief, aus dem Stoff gemacht hätte. Andererseits ist auch Kang Hyeong-cheol (SCANDAL MAKERS, SUNNY) kein Kandidat, der sich für ein derartiges Projekt unmittelbar aufdrängt. Alldieweil haben Kang und Co. eines der Kardinalprinzipien derartiger Unterfangen offenbar verstanden: more of the same, nur größer, lauter, schneller.

In seiner Adaption des zweiten Buchs in Huh Young-mans und Kim Se-yeongs vierbändigem manhwa-Zyklus schließt Kang narrativ zwar nur sehr notdürftig an Chois Vorgänger an, aber im übrigen ist der Film in seinen Grundzügen exakt genauso gebaut: Junger, talentierter Gelegenheitsglücksspieler (hier gespielt von Choi Seung-hyun) muss aus seinem Heimatkaff fliehen und begibt sich auf eine bildungsromanhafte Reise, auf der er neben der großen Liebe auch einen Meister (Yoo Haejin) findet, der ihn in die Geheimnisse des Spiels einweist, um sich dann zum Schluss an seinen Feinden (wie immer großartig Kim Yoon-seok und Kwak Do-won) zu rächen. Das Steigerungsprinzip nun lässt sich in erster Linie an Kangs visueller Umsetzung festmachen. Wo Choi nur in den Spielszenen versuchte, die Panelästhetik des Comics zu evozieren, aber sonst auf recht konventionelle, und mithin bei der (Über)länge des Films etwas ermüdende, Arrangements setzte, scheint Kang mindestens einmal zu oft Soderberghs OCEAN’S TWELVE (2004) gesehen zu haben. Es reiht sich in durchaus virtuoser Form eine Montagesequenz an die andere, alles stets auf den größten Effekt hin, aber auch elegantleichtfüßig inszeniert. Das verhindert immerhin, dass man sich, wie dem Genre allzu oft vorgeworfen wird, bei den Spielsequenzen langweilt; es kommt gar nicht darauf an, ob man die Regeln des Kartenspiels Hwatu versteht oder nicht.

Wo Kang ebenfalls noch eins draufsetzt, und entsprechend Inhalt und formale Finesse brutal miteinander kollidieren, ist die dramaturgische Fallhöhe. Der Spielspaß schlägt ganz plötzlich in bitteren Ernst um. Wie in Johnnie Tos unterschätztem Wuxia-Spieler-Meisterwerk CASINO RAIDERS 2 (1991) werden Hände abgehackt, zerschossen und, besonders grausam, Spielschulden auch mal mit der Niere bezahlt. Die Subkultur, die Kang mal in poppig-bunten, mal in finsteren Farben malt, mit ihren unbarmherzigen Kodizes und Konsequenzen, kommt bisweilen beängstigend, fast alptraumhaft daher, bevölkert nicht nur von gewieften Trickbetrügern, Verrätern und "femmes fatales", sondern auch von ausgemachten Soziopathen, die nicht lange fackeln, wenn‘s ums Bezahlen geht. Zu den schicken Salons gehören als Kehrseite eben auch die schmierigen Hinterzimmer, lebensbedrohlichen Keller und labyrinthischen Katakomben, zum ganz großen Geld auch stets der potentielle Tod; den perfekten Plan gibt es nicht. Dazu passt dann auch kein Cool Jazz mehr wie noch in Chois Adaption.

Der Film versucht sich zwar, selbst nachdem die anfängliche Leichtigkeit verflogen ist, an einer Balance zwischen Komik und high melodrama, aber die Brüche und Irritationen bleiben hier ebenso bestehen wie in vergleichbaren Hongkong-Produktionen. Spätestens zum Schluss, trotz happy ending, hat niemand mehr etwas zu lachen. Die Verluste sind zu groß, die Freude über das Geld zumindest getrübt. Man kommt halt irgendwie davon. 

Stefan Borsos

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Masahista / The Masseur (Brillante Mendoza, Philippinen 2005)

Brillante Mendozas erste Spielfilmregie verortet ihn sogleich im Independentkosmos des modernen philippinischen, cineastischen Undergrounds. Geringe Budgets und die Digitalkamera eröffnen jungen Filmemachern die Möglichkeit, nicht nur jenseits einer etablierten Filmindustrie, sondern so gut wie jenseits jeder filmischen Szene aktiv zu werden. Ein Status, der sich auch in der Verfügbarkeit der Filme zeigt. So sind die Filme von Brillante Mendoza, Lav Diaz, Raya Martin, KHAVN de la Cruz u. a. nur in Ausnahmefällen auf DVD greifbar (wenn, dann sowieso nur weltweit), oder sie sind mit etwas Glück auf engagierten Retrospektiven und Filmfestivals zu sehen. Im Falle KHAVNs übrigens durchaus auch auf youtube, selbst eingestellt vom Regisseur. Die Filme eint neben den o. g. Kriterien ein Hang zum ästhetischen Radikalismus in Kombination mit einem Blick auf gesellschaftliche Mißstände, welcher gerne mal als "neorealistischer" italienischer Prägung oder als einer im Geiste des "Cin...

Accident / Yi ngoi (Soi Cheang, HK 2009)

Pou-Soi Cheangs erster Film unter Johnnie Tos Produktionshoheit (Milkyway) ist ein hervorragend schneller, straffer und kluger Genreknaller geworden. Ho Kwok-Fai (Louis Koo) hat ein Killerteam um sich geschart (Stanley Fung, Lam Suet, Michelle Ye), das sich auf die Inszenierung von Auftragsmorden spezialisiert hat. Diese laufen stets nach einem Dominosystem ab und erscheinen - da sie so komplex konstruiert wurden - wie tatsächlich Unfälle. Doch plötzlich wird einer des Teams während einer Aktion durch eine Verkettung tragischer Zufälle getötet. Ho entkommt nur knapp. An diesen Zufall will er nicht glauben und wähnt sich selbst das Ziel eines Killerteams. ACCIDENT beginnt enorm stark - und es ist eine Lust, den kreativen Inszenierungen zuschauen zu können. Cheangs in DOG BITE DOG zelebrierter harter Realismus und die ungestüme Wildheit SHAMOs geht ACCIDENT ab, da wurde er wohl von To gebremst. Doch nicht zum Schlechten: der Film ist sehr flüssig und elegant inszeniert, spart aber nicht ...

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...