Direkt zum Hauptbereich

HKIFF 2017: What a Wonderful Family! 2 (Yoji Yamada, Japan 2017)

 

 Yoji Yamada hat eigentlich schon längst das Rentenalter erreicht, aber er scheint nicht aufhören zu können. Zu unserem Glück muss man sagen, denn seine letzten Filme waren allesamt Höhepunkte eines routinierten Filmschaffens, wie es sich erst nach langen Jahren der Könnerschaft zeigt. Seine Ozu-Hommage TOKYO KAZOKU: fantastisch, THE LITTLE HOUSE: berührend leichtfüßig und zärtlich traurig zugleich, seine etwas ins Alberne driftende Komödie WHAT A WONDERFUL FAMILY!, wie schon der Titel als verzweifelter Ausruf und ironischer Kommentar suggeriert, eine ferne Neuauflage von Sogo Ishiis Klassiker der FAMILIE MIT DEM DÜSENANTRIEB. Man kennt also diese ganz normale Vorstadt-Familie bereits aus Teil 1, dieser – wie es scheint – sich zu einer Reihe auszuwachsenden Darstellung des ganz normalen Wahnsinns des Alltags.

 Diesmal geht es um die mittlerweile eingeschränkten Fähigkeiten des Großvaters, ein Auto lenken zu können. Ständig kommt er mit irgendwelchen Dellen in der Karosse zurück. Nur: wie ihm das beibringen, diesem herrischen Patriarchen, diesem zärtlichen Familiendrachen, der sich stets seiner Autorität als Familienvorstand versichern muss? Das kann keiner so richtig, das traut sich niemand. Also sucht man sich jemand, der zwar nah dran ist, aber der dennoch nicht zu sehr in der Schusslinie steht. Das ist wieder einmal die einsichtige Schwiegertochter, hinreißend gespielt von Yu Aoi, die mit dem Enkel verheiratet ist und als Krankenschwester sowieso über ein wie natürliches Einfühlungsvermögen verfügt.

 Hier ist also einiges an skurril witziger Situationskomödie geboten – und doch geht es im Kern um etwas ganz anderes. Nämlich um das Altwerden. Wie ist das mit der Würde, mit den eigenen Träumen und Sehnsüchten, wenn man realisiert, dass langsam die Zeit abläuft? Wenn der Körper nicht mehr so kann, wie man will? Die Großmutter jedenfalls lässt sich von dem Grummel nicht mehr an der Realisierung der eigenen Träume hindern und reist mit einer Seniorengruppe – ebenfalls alles Frauen, deren Männer grummelig sind – nach Norwegen, um das Polarlicht mit eigenen Augen zu sehen. Er bleibt freilich zu Hause, dazu hat er gar keine Lust. Nun zeigt sich auch, wofür er den Führerschein noch braucht: er hat sich nämlich auf seine alten Tage in die Wirtin seiner Lieblingskneipe verguckt, die er zum Essen ausführen möchte. Und wie es so kommt, trifft er auch noch auf einen alten Schulfreund, der allerdings in ganz anderen Familienverhältnissen steckt, als er selbst. Diese Figur fungiert als Spiegel der Lebenssituation des alten Mannes, und wirkt wie ein Katalysator. Und so nehmen die Dinge ihren Lauf.

 Mit einem Hauch von Wehmut durchzogen, ganz so wie Yamadas legendäre Tora-san-Reihe über den herumziehenden Taugenichts Torajiro, kann man sich auch noch weitere Filme mit und über diese Familie gut vorstellen; denn weitermachen kann man hier eigentlich endlos. Das wirkliche Leben gibt genug Geschichten vor, die sich umsetzen ließen. Und man kann dem Regisseur nur alles erdenklich Gute wünschen, dass er noch lange so weitermachen möge, wie es die Gesundheit zulässt. Auch dieser Film fühlt sich wieder so an, wie ein kleines Meisterwerk.

Michael Schleeh

***
 

Beliebte Posts aus diesem Blog

Im Zick-Zack durch den Zombie-Film: ONE CUT OF THE DEAD (Shinichiro Ueda, Japan 2017)

Den Film habe ich vor etwa zwei Wochen gesehen und es ist ganz interessant, was noch in der Erinnerung von ihm übrigbleibt. Und das ist eigentlich recht viel. Was vor allem, wie ich glaube, daran liegt, dass er geschickt mit "Bild-Ankern" arbeitet. Zum Beispiel mit der Pyramide am Ende, die vergisst man nicht so schnell. Genausowenig wie das Haupt-Setting, die verlassene Fabrik. Oder dann den dritten Schauplatz, einen gesichtslosen Büroraum mit 08/15-Mobiliar und wenig Euphorie. Woher die ganze Saftigkeit kommt, wenn ein Film - in der Produktion - dort in dieser nüchternen Tristesse beginnt, ist auch so ein kleines Wunder. Auf der Leinwand ist er dann ja schon eine ganz andere Erfahrung.
Auf letterboxd hatte ich das schon kurz angemerkt: der Film hat ein merkwürdiges, schräges Pacing. Schnell und actionreich am Beginn, dann die Zerstörung der filmischen Illusion und der Aufbau der Backstory, dann Switch zurück und das quasi-live-Making-of. Der Film ist also ein Erzählfilm, …

Chinesische Dystopie: PEKING FALTEN von Hao Jingfang (2018)

Lao Dao, ein Leben als Rundungsfehler.

In der nahen Zukunft: Die Metropole Peking ist in drei Sektoren aufgeteilt, um den knapp bemessenen Raum möglichst effizient zu nutzen und um der Überbevölkerung Herr zu werden. Der Protagonist Lao Dao, ein älterer Herr, lebt im Dritten Sektor, dort wo das einfache Volk ohne Bildung, die Tagelöhner hausen. Er ist Mülltrenner und verwertet die Abfälle aus Sektor zwei und drei, um sie einem Recycling-System zuzuführen. Außerdem kümmert er sich um seine Tochter; ein Findelkind, das er einmal aus dem Abfall gezogen hat. Da er ihr eine bessere Zukunft sichern will, verdingt er sich als Bote zwischen den Sektoren - jeder Kontakt zwischen ihnen ist strengstens untersagt - um eine Nachricht an eine Frau in Sektor Eins zu übermitteln.
Freilich, ein Job voller Gefahren. Da sich in einem gewissen Zeitabstand die Stadt Peking stetig neu "umfaltet", um einen anderen Stadtsektor an die Erdoberfläche gelangen zu lassen, muss er sich auf einer komplizi…

Solang ich lebe / Jab Tak Hai Jaan (Yash Chopra, Indien 2012)

Der stille Eigenbrötler Samar (Shah Rukh Khan) arbeitet für das indische Militär als Bombenentschärfer, wo er sich einen legendären Ruf als "Mann, der nicht sterben kann" erworben hat. Im Gegensatz zu seinen Kollegen trägt er bei seinen Einsätzen nämlich keinen der dicken, unförmigen Schutzanzüge und Gesichtsmasken, sondern geht mit bloßen Händen und im Grünzeug an die Sache ran. Weshalb nun der schöne Unzugängliche so rücksictslos mit seinem Leben spielt, diese Geschichte erzählt JAB TAK HAI JAAN.
Es ist freilich die Geschichte einer unerfüllten Liebe, die hinter seinem persönlichen Unglück steht. Die eines Schwurs im Geiste der Religion, die seine Geliebte von ihm fernhält. In einem Rückblick blättert der Film die Geschichte der beiden ungleichen Liebenden auf: in London soll die schöne Meera (Katrina Kaif), Erbin eines Supermarkt-Tycoons (Anupam Kher), an einen erfolgreichen Karrieremenschen verheiratet werden. Da sie der Augapfel des Vaters ist, wagt sie nicht zu widers…