Direkt zum Hauptbereich

Hong Kong International Film Festival 2017: Beaten Black and Blue (Kim Soo-hyun, Südkorea 2016)

 

 Vor einem sozio-politischen Hintergrund entfaltet sich dieses sehr spezielle Independent-Drama, das nur so vor körperlicher Gewalt strotzt. Es wird jedoch sehr schnell deutlich, wie sehr der Film darum ringt, überhaupt erst einmal eine allgemein notwendige, politische Wissensbasis zu etablieren - denn im wilden Zitieren von Politikernamen und Ereignissen, Studentenprotesten, regionalen Konflikten und Machtverschiebungen in verschiedenen politischen wie konterrevolutionären Zusammenhängen ist der Zuschauer schnell verloren. Da nutzt es auch wenig, diese Verhältnisse erläuternd im obigen Bildkader als Texterklärung einzublenden, wenn am unteren Bildrand in rasender Schnelligkeit die Untertitel zum gerade stattfindenden Dialog vorbeihuschen. Möglicherweise ist das im Heimvideobereich stemmbar, ganz sicher aber nicht im Kino. Ich fühlte mich jedenfalls überfordert, und das, obwohl ich mich ganz gut in der koreanischen Geschichte, mit all ihren Verwicklungen der letzten Jahrzehnte, auskenne.

 Ein weiteres offensichtliches Problem des Films ist dann die konkrete Realisierung des Plots, der sich eben nur nebenher, sozusagen als Hintergrundfolie, mit diesen Ereignissen beschäftigt. Über den Umweg der Machenschaften eines Lokalpolitikers, der einen jungen Studenten, die eigentliche Hauptfigur des Films, in seine Fänge bekommt. Dieser Student, ein Loser vor dem Herrn, interessiert sich eigentlich nur für Alkohol und Mädels. Und darauf "versteift" sich dann auch der Film: die Erlebnisse eines jungen Mannes mit seiner Latte. Wie interessant das nun ist, im Jahr 2016/2017, muss jeder für sich selbst entscheiden - ich kann es eigentlich kaum mehr sehen. Ein typischer Topos des sich ach so radikal gebärdenden Indie-Kinos ist der Fokus auf die Unterhose. Das muss nun wirklich nicht mehr sein, auch wenn der Protagonist noch so toll aussieht.

 Was sonst noch alles passiert, verliert sich in Bildern der Kälte, des beginnenden Schneefalls in der Großstadt Seoul; auch im Zusammenspiel mit den Erlebnissen einer alternden Prostituierten, die "mit ihrer Muschi das neue Korea aufgebaut" habe - sie musste sich den amerikanischen Besatzungssoldaten verkaufen, um überleben zu können. Heute dankt ihr das freilich keiner mehr. Und diese wirklich bedrückende Erzählung, die in diesem Film drinsteckt, die wird leider nur angerissen. Stattdessen verbleibt er bei dem jungen Wilden, bei Erlebnissen, die wirklich keinen mehr hinterm Ofen hervorlocken. Der Mann schaut sich Yoga-Videos im Netz an, um dadurch zu lernen, wie man sich selbst einen blasen könnte. Naja, auf diesem Niveau eben. Wenn er dann auch noch eine Frau auf brutale Weise zusammenschlägt, ist es endlich Zeit, das Kino zu verlassen.

Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

HKIFF 2013: A Story of Yonosuke (Shuichi Okita, Japan 2012)

Mitte der 80er kommt der junge Yonosuke nach Tokyo um dort zu studieren. Er ist eine ziemlich schräge Gestalt: groß gewachsen, Wuschelhaare, er hat einen ungewöhnlichen Humor und hat einen einnehmend, offenen Charakter. Einer der zugleich irgendwie schräg ist, rausfällt. 16 Jahre später erinnern sich verschiedene Personen, die alle seine Bekanntschaft gemacht hatten, an ihn, und in übergangslos montierten Rückblicken findet der Film - durch seine unterschiedlichen Perspektiven - neue Blickwinkel auf die Person Yonosukes. Hierfür gibt es auch einen Anlaß, der teilt sich aber erst ganz am Ende des Films mit. Dieser Film, eigentlich eine coming-of-age-Geschichte, ist voller origineller Einfälle, von lautem und leisem Witz, immer durchzogen von einer Spur Ironie und Humor. A STORY OF YONOSUKE ist trotz seiner 160 Minuten extrem kurzweilig, und hat eine völlig ungewöhnliche Narration. Beim ersten Einschub eines sozusagen "zukünftigen Flashbacks", denn die Zeit der Haupthan...

Aido: Slave of Love (Susumu Hani, Japan 1969)

Here are some pictures I took during a private screening of Susumu Hani's extremely rare and seldom seen feature film  AIDO - SLAVE OF LOVE , which is the movie Hani made after the famous NANAMI: INFERNO OF FIRST LOVE. The film is beautifully shot, completely absorbing and structurally abandoning all narrative consensus - it is somehow - for most of the time - a subjective trip into the mind of the protagonist Shusei (Kenzo Kawarasaki). As you can asume, a dreamlike state predominates the film; and with its' devotion to extensively focussing on the details of the body while making love, presented in detailed close-ups, aswell as its' beautifully daring setpieces, it reminded me to some extent of Toshio Matsumoto's experimental oeuvre, as for example in his short film PHANTOM . AIDO was submitted to the competition-section of the 19th Berlin International Film Festival (aka Berlinale) - a fact that is quite astonishing, if you consider the direction the main section of ...

The Warped Ones aka The Wild Love-Makers / Kyonetsu no kisetsu (Koreyoshi Kurahara, Japan 1960)

THE WARPED ONES ist die totale Tayozoku-Madness, ein Film über jugendliche Rebellen im Nachkriegsjapan: zwei "juvenile delinquents" kommen aus dem Gefängnis heraus und beginnen direkt mit ihrer Hatz auf Vergnügungen, auf Mädchen, Alkohol und Befriedigung der Primärbedürfnisse. Wenn die Strecke zu weit ist, klaut man eben kurz einen Wagen. Hat man Hunger, klaut man was am nächsten Straßenstand. Die Sonne brennt vom Himmel, der Schweiß steht auf der Stirn, der Jazzbeat treibt voran, die Artikulation geschieht hauptsächlich durch Grunzen, Brüllen, Knurren und sonstige animalische Laute. Wird gegessen, dann wird geschlungen. Gebratene Hühnchen werden zerrissen, Reis wird gestopft. Wasser wird aus der Kanne direkt in den Mund gegossen und läuft über den von Schweißtropfen perlenden, entblößten Körper. Dieser prototypische Suntribe-Film (die man als Vorläufer der "Neuen Welle" in Japan verstehen kann) ist ein einziger, rasender Exzess der Respektlosigkeit. Die beide...