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In Bong Joon-hos OKJA (2017) rettet die Liebe eines Mädchens zu seinem Hausschwein eine kleine Welt


 Am Beginn von OKJA, Bong Joon-hoos neuestem creature feature für netflix, öffnet sich die koreanische Landschaft auf die schönste Weise. Man staunt über die grünen Hügel und Wälder, die steilen Schluchten und Täler, die einen großen Kontrast setzen zu den allerersten Minuten des Films im Herzen der zubetonierten Metropole Manhattans. Dort nämlich befindet sich die Mirando Corporation, ein Nahrungsmittelhersteller, der mittels Gen-Food seinen Aktienindex hochjubeln möchte. Dazu braucht es Fleisch. Viel Fleisch, und besonders leckeres. Und viel kosten darf es auch nicht. Deswegen werden Riesenschweine gezüchtet (optisch geht das Richtung Seekuh), die Qualitätsfleisch versprechen. Eines der Versuchsschweinchen durfte in den Wäldern und Bergen Koreas aufwachsen, und es ist freilich das Prachtexemplar schlechthin, das dem Film den Titel gibt. Möglicherweise ist es aber vor allem die Liebe, die das Tier erfahren hat, das es so gut gedeihen ließ. Geliebt wird es heiß und innig von dem 13-jährigen Mädchen Mija, für die das Tier mit dem sanften Gemüt und den intelligenten Augen genauso zum Alltag dazugehört, wie ihr Opa, bei dem sie aufwächst. Doch bald schon klopft die Corporation an die Tür und will das Prachtexemplar zurück. Nun geht es ans Hackfleisch.

 Dass der koreanische Regisseur Bong Joon-ho für solche Stoffe prädestiniert ist, das ahnte man schon seit dem großartigen Film THE HOST, in dem sich ein Monster im Han-Fluss von Seoul aufhielt und die Gegend terrorisiert hatte. Song Kang-hos trottelige Familie musste damals die eigene Haut vor der Bestie retten, und Bong konnte plötzlich einen der tollsten Tierhorrorfilme vorweisen. 

 Hier, in OKJA, verläuft es nun gegengleich: das Monster ist der Mensch und gerettet werden muss das Tier. Das zeigt sich vor allem gegen Ende des Films, wenn es um die Industrialisierung der so genannten "Fleischproduktion" geht, und Okja schon den kalten Stahl des Schlachters am Halse spürt. Da ist dann die nach New York geeilte Mija am rechten Fleck und versucht das Unglück aufzuhalten. Dass aber unter solchen Bedingungen (der Mensch besitzt die Waffe und damit die größere Macht) kein Happy End möglich ist, war zu erwarten. Denn essen muss der Mensch, und Fleisch, das isst er gerne. Leider wird allzu gerne ignoriert, woher es stammt. Und welche Massen "produziert" werden müssen, um diesen immensen Hunger zu stillen.

 OKJA ist also ein durch und durch politischer Film, der auf nicht gerade subtile Weise den Spiegel vorhält und die Frage stellt: woher nehmt ihr eigentlich die Arroganz, um euch über andere Lebewesen zu erheben? Nun, und die Antwort ist sehr einfach: weil es der Mensch eben kann. Er ist rücksichtslos und egoistisch genug, weiß sogar um die gesundheitlichen Schäden und die katastrophalen Auswirkung für den Klimaschutz - und isst trotzdem immer weiter. 

 Dennoch gelingt es Bong sehr gut, den Film nicht zum moralischen Zeigefinger geraten zu lassen. Er spricht diese wichtigen Themen an, entlarvt die Doppelmoral und das rücksichtslose Gewinnstreben des Konzerns und bleibt dennoch ganz dicht bei seinen beiden Protagonisten Mija und Okja. Im persönlichen Schicksal wird die größere Wahrheit sichtbar. Und deswegen ist das letzte Drittel des Films auch zu Tränen rührend: da OKJA ein Spielfilm bleibt, und nicht zum politischen Manifest gerinnt. Und dann, der Mensch: der entlarvt sich selbst als Karikatur. Auf allen Ebenen. Eigentlich hat hier so ziemlich jeder, der sich auf zwei Beinen bewegt, einen gewaltigen Dachschaden. Es ist ein Wunder, dass die Erde noch nicht explodiert ist.

Michael Schleeh

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