Direkt zum Hauptbereich

Von Kriegsschuld und Verzweiflung: Masaki Kobayashis THE THICK-WALLED ROOM (1953)


 Japan, vier Jahre nach dem Ende des verlorenen Weltkriegs: ein Erzähler aus dem Off spricht mit ernster Stimme von schlimmen Kriegsverbrechen und verspricht schonungslose Aufklärung. Hinter den Mauern dieses Hochsicherheitsgefängnisses befänden sich die Männer, die sich schlimmster Verbrechen schuldig gemacht hätten. Die Kamera lässt daran keinen Zweifel: bevor wir überhaupt den ersten Gefangenen sehen, haben die schwarz-weißen, hartkontrastigen Bilder bereits ihre Wirkung erreicht. In diesem Szenario der Bedrohung aus unterirdischen Gängen, Gittern, Betonwänden und rechteckigen Linien, scharfen Kanten und bewaffneten Soldaten der amerikanischen Militärpolizei kann sich nur Unvorstellbares abspielen.

 Kurz darauf: tragische Musik und vor Schmerzen verzerrte Gesichter der zusammengepferchten Insassen, ein jeder hängt seinen eigenen Alpträumen nach. Heimlich versucht sich einer im Abort zu erhängen. Aber auch am Tage gibt es keine Erlösung: da wird erbarmungslos im Steinbruch geschuftet, bis man zusammenbricht. Der Thick-Walled Room, das ist die Gefängniszelle, aus der es kein Entrinnen gibt. In einem metaphorischen Sinne gibt es aber sowieso kein Entkommen: so wie der bärtige Gefangene Yamashita einen Käfig für eine große Spinne baut, die er eingefangen hat: ein Gefängnis innerhalb eines Gefängnisses, genau so sitzen die Gefangenen selbst in einem doppelten Gefängnis. Denn auch draußen, in der so genannten "Freiheit", regieren nun die Amerikaner ein immer noch stolzes Japan, das seine Kriegsschuld nicht eingestehen will und deshalb ganz Japan zu einem riesigen Gefängnis machen. Ein Entkommen ist also überhaupt nicht möglich. Man müsste sich erstmal den eigenen Verfehlungen stellen.

 Der Film, der thematisch sehr dicht am berühmten epischen Dreiteiler THE HUMAN CONDITION dran ist, entstammt dem Script von Akutagawa-Preis-Gewinner Kobo Abe (auch WOMAN IN THE DUNES, THE FACE OF ANOTHER) der in seinem gesamten schriftstellerischen Werk den Zustand der Verunsicherung als wesentlichen Bestandteil der menschlichen Existenz begreift. Literatur stehe an der Schwelle des Traumes und der Ratio entgegen, öffne neue Räume der Imagination und lasse so tiefere Erkenntnisse zu. Assoziation ist ihm wichtiger als kausale Logik, und so verwundert es auch nicht, dass der Film an sich als Medium mit seiner Bildmacht diesen Prämissen besonders gut nachzuspüren geeignet ist.

 THE THICK-WALLED ROOM hat auch eine interessante Veröffentlichungshistorie zu bieten: gedreht 1953, als zweiter Film Masaki Kobayashis, erschien der Film erst mit deutlicher Verzögerung im Jahr 1956. Ursache dafür war eben der kontroverse Inhalt über die Kriegsverbrechen der Japaner. Der legendäre Studioboss Shirô Kido von Shochiku (der "cinema shogun" seiner Zeit (Mark Schilling)), wollte Kobayashi davon überzeugen, einige Kürzungen vorzunehmen - worauf dieser sich nicht einlassen wollte und lieber auf eine Veröffentlichung seines Filmes verzichtete. Kein Wunder also ist dieser Film als einer von vieren in der Kobayashi-Criterion-Box enthalten, die den Titel Against the System (Eclipse Series No. 38) trägt.

 Die thematische Stoßrichtung des Plots, sich gegen das Schicksal aufzulehnen, das einem die Staatspflicht vorgaukelt in ihrer Kriegshysterie, das spiegelt sich strukturell in der Narration des Filmes wieder. Er ist nicht chronologisch erzählt, sondern führt seine Mikro-Erzählungen schlaglichtartig aus. Das Zentrum ist das Internierungslager, in dem die Gefangenen zusammen hausen. (Anmerkung: Masaki Kobayashi war direkt nach dem Krieg selbst in einem Gefangenenlager interniert, auf Okinawa.) In Rückblicken, Träumen, Wahnvorstellungen oder Halluzinationen aus Erschöpfung werden vergangene Ereignisse wieder hervorgeholt, oder zukünftige Ereignisse herbeigesehnt. Es ist, als ob die Protagonisten in einem Spinnennetz sitzen würden, aus dem sie nicht entfliehen können, und von dort die Strahlen der Erzählungen ins Freie drängen, in die Freiheit zu entkommen versuchen. Dabei lässt Kobayashi keinen Zweifel an ihrer Mitschuld: hier hat ein jeder, auch wenn man ihn mittlerweile sympathisch findet, Dreck am Stecken. Es ist der Krieg. Und doch hat ein jeder Mensch noch ein Gewissen, mit dem er leben muss.

Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Ein ungewöhnlicher Krimi aus Korea: DEIN SCHATTEN IST EIN MONTAG von Jung-Hyuk Kim (2019)

Nachdem sich die koreanische Literatur in den letzten zwei Jahren mit der deutschen und englischen Übersetzung von Han Kangs tollem Roman Die Vegetarierin und Min Jin Lees Pachinko (dt.: Mein einfaches Leben) erneut auf unserer literarischen Landkarte etablieren konnte, erscheint nun ein weiterer koreanischer Roman, der der Gravitas der beiden künstlerisch ambitionierten Werke eine Leichtigkeit entgegensetzt, die erfrischend ist. Dein Schatten ist ein Montag  von Kim Jung-Hyuk ist ein Kriminalroman, und zwar ein ziemlich ungewöhnlicher.

Der Ermittler Gu Dongchi ist ein ehemaliger Polizeibeamter und Einzelgänger, nun aber ist er als Privatdetektiv unterwegs. Genauer: als "Deleter". Soll heißen, er vernichtet Hinterlassenschaften seiner Klienten. Briefe, Fotos, und vor allem auch digitale Spurenreste. Da gibt es häufig so einiges, was niemals an die Öffentlichkeit gelangen soll, und Gu kümmert sich gewissenhaft darum. Als einer seiner Klienten ums Leben kommt und verschiedene…

Im Wahnsinn nachtdunkler Farben: The Ghost Bride (Chito S. Rono, Philippinen 2017)

The Ghost Bride ist einer der unzähligen philippinischen Grusel-Horror-Filme, die in ihrer tendenziell dilettantischen Machart hochsympathisch sind, auch weil es ihnen immer wieder gelingt, für Abwechslung und damit Überraschung zu sorgen: immer wieder spektakulär tolle Bilder, die aus einem Wust aus TV-Film-Optik herausragen, komische Geister aus dem südostasiatischen Raum (hier auch aus der chinesischen Mythologie) inmitten unzähliger amerikanisierter Jump-Scares, saturierte Farben verstörender Alpträume in einem Einheitsgrau der Bildgestaltung. Plötzlich hervorbrechend gutes Schauspiel in einem bisweilen an Overacting leidenden und an Ungelenkheiten krankenden Geisterfilm. Also Dinge, die verstören, faszinieren, begeistern. In einem Film, der streckenweise ziemlich öde, der in seiner Narration behäbig ist, und bei dem man immer wieder den Überblick verliert. Weil er vollgestopft ist mit Nebenhandlungen. Es ist eine typisch philippinische, schwer in sich verästelte Überforderung mit…

HKIFF 2019 ~ Three Husbands (Fruit Chan, Hongkong 2018)

Im dritten Teil seiner Prostitutions-Trilogie, achtzehn Jahre nach Durian Durian (2000) und dem großartigen Hollywood Hong Kong (2001), verknüpft Hongkongs Independent-Regielegende Fruit Chan mehrere bisweilen schwer erträgliche Erzählstränge zu einem allzu offensiven Missbrauchsdrama.

 Inhaltlich relativ komplex und stark verwoben mit seinem Handlungsort Hong Kong und den umliegenden chinesischen Provinzen, wird die Hauptfigur Ah Mui von der furchtlosen Chloe Maayan als geistig  leicht behindertes Tanka-Boot - Mädchen kongenial gespielt. Eine junge Frau, die von ihren drei Ehemännern an jeden dahergelaufenen Zahlungswilligen verkauft wird. Der Film ist allerdings ästhetisch unfassbar krude umgesetzt, vor allem wenn es um die Metaphorik für den Geschlechtsakt oder generell die weibliche Fruchtbarkeit geht, deren Bann sich "der Mann" wie schicksalshaft einfach nicht entziehen kann.
 Die Inszenierung des weiblichen Geschlechts in seinen verschiedenen metaphorisierten Darstell…