Direkt zum Hauptbereich

Komödie mit äußerst trockenem Humor: SAWAKO DECIDES von Yuya Ishii (Japan, 2010)


 Das mangelnde Selbstbewusstsein und eine niedrige Meinung von sich selbst haben: das ist das Motto, das Yuya Ishiis Komödie SAWAKO DECIDES wie einen roten Faden durchzieht. Diese Charaktereigenschaften betreffen eigentlich das gesamte jüngere Personal des Films, vor allem aber die Anti-Heldin Sawako. Sie stutzt dann auch alle in ihrer Umgebung zurecht, wenn wieder einmal eine(r) größe Töne spuckt und kräftig aufschneidet. Und wie ihr Weg dann zu mehr Selbstbestimmtheit, Souveränität und Autonomie führt, das erzählt dieser Film.

 In Tokyo quält sie sich durch den Alltag eines öden und demütigenden Bürojobs, der häufig darin besteht, dass sie den Herrschern dieser Welt, also den männlichen Angestellten, irgendwelche Akten bringen muss, oder auf Wunsch auch Kaffee. Ihr Freund ist einer aus der Kreativabteilung - er wurde aber gerade geschasst, da die "Mama-Puppe", die er entworfen hatte, eine Pleite war. Zuhause strickt er gerne blaue Pullover und seine Ex-Frau hat ihn sitzen lassen mitsamt Töchterchen Kayako, weil er ein totaler Loser ist. Sawako weiß auch nicht so recht, was sie eigentlich von ihm will, denn irgendwie mag sie ihn auch gar nicht.

 Die Figuren in SAWAKO DECIDES sind in Situationen gefangen, die sie nicht glücklich machen. Yuya Ishii macht daraus aber keinen depressiven Selbstmörder-Film, sondern eine Komödie mit extrem bitterem Humor. Da muss man sich drauf einlassen, auch auf die Langsamkeit, mit der er seine Geschichte erzählt. Die Bilder sind vor allem in der ersten Stunde wie entbleicht, das sieht triste aus, und selbst die Blumen wirken wie mit Staub bedeckt. Später im Film, wenn Sawako dann immer mehr zu sich selbst findet, werden sie farbenfroher, heller und damit auch positiver.


 In der zweiten Filmhälfte reist die unmögliche Familie in Sawakos Herkunftsort, in die Provinz. Da Sawakos eventueller Ehemann sowieso nichts zu verlieren hat, drängt er sich auf und bewegt sie zur Rückkehr. Der Vater liegt zudem im Sterben und die kleine Muschel-Verpackungs-Firma der Familie droht pleite zu gehen. Dass Sawako damals aber einen ziemlichen Scherbenhaufen zurückgelassen hatte, als sie nach Tokyo ausbüchste, hat er nicht bedacht. Man kann nun nicht behaupten, dass dem Leben hier weniger Steine im Wege lägen.

 Hier nimmt der Film nun deutlich Fahrt auf, auch weil Sawako nun der Albernheiten genug hat und endlich etwas Sinnvolles mit ihrem Leben anfangen will. Die Zeit des Herumdriftens ist für sie vorbei. Und als energiegeladene, zupackende junge Frau reißt sie alle um sich herum mit. SAWAKO DECIDES - Loser-Ballade oder coming-of-age-Film? Es ist jedenfalls Zeit, erwachsen zu werden. Ein schöner Jugendfilm von Yuya Ishii, der auf der Grenze zwischen Komödie und Drama balanciert.

Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Ali's Wedding (Jeffrey Walker, Australien 2017)

Nachdem der talentierte aber leider erfolglose Ali die Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium an der Universität von Melbourne verpatzt hat, bringt er es nicht übers Herz, seinem Vater den Misserfolg einzugestehen. Der Sohn war die große  Hoffnung des muslimischen Klerikers, der das Zentrum der arabischen Community darstellt, und höchstes Ansehen genießt. Dass dessen Rivale nur auf einen Misserfolg Alis hofft, um selbst den Platz des Vaters einnehmen zu können, ist ein Seitenerzählstrang, der einen hochinteressanten Handlungsverlauf innerhalb der Moschee voranschiebt.
 Das sind humoristische und tolle Einblicke hinter die Kulissen, die man nicht jeden Tag bekommt. Jedoch: Ali lügt. Er habe hervorragend abgeschlossen - und wird nun als Wunderkind gehandelt und sieht sich alsbald gezwungen, ein Leben an der Uni vorzutäuschen. Dort läuft er aber nicht nur permanent dem Sohn des Konkurrenten seines Vaters über den Weg, sondern auch der schönen Libanesin Dianne, in die er sich Hals über Kopf…

HERRMANN (Reda, Deutschland 2012)

Ein nicht mehr ganz junger Familienvater, der aus der linksalternativen Szene zu stammen scheint und der  mittlerweile wohl ziemlich in der Bürgerlichkeit angekommen ist, verabschiedet sich eines Abends von seiner Frau/Freundin und seinem bereits schlafenden Kind, da er noch auf einen Geburtstag will. Sein halb schelmisch-unterwürfig ausgedrückter Wunsch, anschließend noch kurz aufs Konzert zu gehen (dem ein echtes Begehren zugrunde zu liegen scheint, da seine Stimme schon zu zittern beginnt), wird von der verantwortungsbewußteren, vernünftigen Herzdame mit Stirnrunzeln weggeknutscht. Vermutlich kennt auch sie das Lied von der Punkband Oma Hans, wo die Mädchen auf dem Konzert einfach besser küssen als sonstwo. Da muss sie gar nicht mehr viel zu sagen, es liegt alles in ihrem Blick: er soll halt endlich mal erwachsen werden, dieser Berufsjugendliche. Schließlich gibt es jetzt Familie. Und eigentlich hatte er ja auch schon kapituliert, bevor er überhaupt den Mund aufgemacht hat. Da kan…

A Pool without Water / Mizu no nai puuru (Kôji Wakamatsu, 1982)

Überdeutlich ein Film der 80er Jahre: körnige Farbflächen, Neonlicht, Großstadt. Melancholische Synthieflächen zu den Gesichtern von Menschen, die sich in sich selbst zurückgezogen haben. Da ist ein Familienvater, der den Alltag nicht mehr erträgt: er arbeitet bei den Verkehrsbetrieben, steht den ganzen Tag am Eingang zur U-Bahn und muss Fahrscheine entwerten. Auf dem Screenshot oben sieht man seine Hand mit dem Locher, den er in rasender Geschwindigkeit und in panischen Rhythmen zusammenklackert, ein Stakkato zur elegischen Hintergrundmusik. Ein sprechendes Bild ist das: äußerlich scheint er völlig ruhig zu sein und abgetaucht in die Monotonie seiner endlos öden Arbeit - dieses Detail aber offenbart, wie sehr er innerlich aufgeladen ist.
Diese Spannung überträgt sich bald auf die Handlung und findet ein Ventil - mehrfach wird er Zeuge, wie verschiedene Menschen, meist Frauen, Opfer von Rücksichtslosigkeiten, rüpelhaftem Benehmen oder gar körperlicher Gewalt werden. Da ist er dann de…