Direkt zum Hauptbereich

Am Dasein verzweifeln: Ryuichi Hirokis Pinkfilm-Hommage KABUKICHO LOVE HOTEL (Japan, 2014)


 Ryuichi Hiroki lässt in einem Stundenhotel in Tokyo eine ganze Menge junger Leute aufeinander treffen, die alle mit ihren beschädigten Biographien zurecht kommen müssen. Ein Pärchen (oben auf dem Poster), er der Manager des Etablissements, sie eine aufstrebende Sängerin (Atsuko Maeda von AKB48) verkrachen sich dann ziemlich, als sie mit einem Produzenten ins Bett steigt um einen Plattenvertrag zu bekommen. Während zeitgleich herauskommt, dass er sie seit Jahren angelogen hat, was seine eigene Arbeitsstelle in diesem Stundenhotel anbelangt. Beide stammen ursprünglich aus Sendai und sind Flüchtlinge der Tsunami- und Atomkatastrophe von Fukushima. In Tokyo versuchen sie neu anzufangen. Und stehen doch mit einem Bein am Abgrund.

 Hiroki, der übrigens selbst aus Sendai stammt, hatte schon immer einen Hang zu Außenseitern, Ausgestoßenen und stillen Eigenbrötlern. Zumindest, wenn es sich nicht um seine ultrakommerziellen Filme handelt. Dieser hier, der auch eine ernüchternde Hommage an den Pinku Eiga ist, den japanischen Erotikfilm, führt ihn zurück zu seinen eigenen Wurzeln, als er selbst noch in der Branche tätig war. Es ist ein ziemlich toller Film geworden: nachtdunkel, betörend, verstörend und todtraurig. Aber die Figuren lassen sich nicht unterkriegen.

Hier geht es zum Podcast:



Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...

Two famous female writers from Japan: Yû Miri's 'Tokyo Ueno Station' & Hiromi Kawakami's 'People from my Neighbourhood'

TOKYO UENO STATION is not a straight narrative, but rather a quite experimental novel. As "the plot" unravels in flashbacks - by an obscure, already seemingly dead medium floating around Ueno park, the story of a life of hardship  is slowly being revealed. Of heavy labor, broken families, financial troubles and finally: homelessness. This is not the exotistic Japan you will find on a successful youtuber's channel. The events get illustrated by those of "greater dimensions", like the historical events around Ueno park hill during the Tokugawa period, the Great Kanto earthquake, the fire bombings at the end of WW II or the life of the Emperor. Quite often, Yû Miri uses methods of association, of glueing scraps and bits of pieces together in order to abstractly poetize the narrative flow . There are passages where ideas or narrative structures dominate the text, which only slowly floats back to its central plot. TOKYO UENO STATION is rather complex and surely is n...

Der Heilige (Yoshikichi Furui, Insel Verlag / Japanische Bibliothek, 1993; Original: "Hijiri"『聖』Shinchôsha 1976)

 Auf Yoshikichi Furui ( 古井由吉,  *1937), der in Japan alle wichtigen Literaturpreise gewann und den man im Westen kaum kennt - auch weil sein Stil schwierig und komplex und deswegen schwer zu übersetzen ist, bin ich durch die Dokumentation BOOK PAPER SCISSORS des Nippon Connection Filmfestivals aufmerksam geworden, in der ein Graphiker in Handarbeit einzigartige Buchdesigns anfertigte. Ebendort wurde auch Furui interviewt. Der Roman DER HEILIGE war lange der einzige in eine westliche Sprache übersetzte Roman Furuis, und ich vermute, er war sicher kein Verkaufserfolg.   Sehr komplex wird hier eine psychologische Isolations-Erzählung mit Ähnlichkeit zu Abe Kobos mystischem Roman FRAU IN DEN DÜNEN entwickelt, eingebunden in japanische Volksmythen, den Buddhismus, Shinto- und Taoismus-Rituale. Der Heilige als Mittler zwischen Diesseits und Jenseits, im Spinnennetz einer erotischen Dorfschönheit, die mit Sake und körperlichen Zuwendungen einen jungen Mann becirct, um die Gr...