Direkt zum Hauptbereich

Liebe in korrupten Zeiten: NOOR von Sunhil Sippy (Indien, 2017)


Mumbai, you're killing me.

 Immer wieder diese dreckigen Bilder aus den Slums von Mumbai, den Vorstädten, den vor sich hin schimmelnden Wohnblocks eines Molochs. Aber auch immer wieder die reiche Vorstadt, dort, wo man noch Luft zum Atmen bekommt und wo morgens die Sonne golden zum Fenster hereinscheint. In NOOR treffen diese beiden Welten aufeinander, und Sunhil Sippy macht sich gar nicht die Mühe, diese krassen Gegensätze nicht gegeneinander auszuspielen. Er tut es bewusst. Und was uns im Westen wie eine ästhetische Fehlleistung aussehen mag, ist vielleicht das tatsächliche Abbild einer Realität der Gegensätze, in der die Menschen dort tagtäglich leben.

 Die junge und attraktive Noor Choudhary (Sonakshi Sinha) ist eine engagierte Journalistin, die allerdings ziemlich frustriert ist. Ihre gut recherchierten Artikel über soziale Missstände in Mumbai werden vom Chefredakteur regelmäßig abgewiesen und stattdessen werden ihr Celebrity-Quatsch und Lokalnachrichten aufgebrummt, die an das Niveau von Reality-TV-Inhalten erinnern. Unzufrieden mit ihrer Situation (auch beziehungstechnisch, denn sie ist gerade Single) versucht sie nun in einem Rundumschlag ihre Karriere nach vorne zu bringen, wie auch das große Liebesglück zu finden. Als sie zufällig einen charismatischen Foto-Reporter einer großen Agentur kennenlernt, scheint plötzlich der Traum zum Greifen nah. Doch leider kommt alles anders, als erwartet.

 Ab diesem Moment rutscht der Film aus dem Bereich der Komödie heraus und gerät zu einem ziemlich beinharten Sozialdrama. Denn die Geschichte, der sie nachjagt, ist eine grausame: ein bekannter Armenarzt, der seine mittellosen Patienten gratis behandelt, ist keineswegs der Wohltäter, für den er sich ausgibt. Noor kommt ihm auf die Spur. Er pflegt Kontakte zu kriminellen Organhändlern und die selbstlos durchgeführten OPs sind gar nicht so umsonst, wie man das vielleicht denkt. Denn wenig später fehlt den Patienten ein lebenswichtiges, inneres Organ - was sie aufs Krankenbett schickt und bald in den Tod. Entsorgt wird die Leiche auf einer nahen Müllhalde.

 Hier stößt der Film die Reporterin Noor nun in ein moralisches Dilemma, da sie unbedingt diesen großen Enthüllungsbeitrag veröffentlichen möchte. Sie tut das aber nur bedingt deswegen, weil hier ein großes Unrecht geschieht. Sondern sie sieht vor allem darin die Chance, endlich zu einer anerkannten Reporterin zu werden und die Käse-Agentur verlassen zu können, die ein Klotz an ihrem Bein ist - um endlich ernsthaften Jornalismus machen zu können. Ihre Motive sind reichlich egoistisch: es ist ihr nur Mittel zum Zweck. Und bald rächt sich das, wenn interviewte Opfer plötzlich verschwinden und auch ihr eigenes Leben bedroht wird. Die Organmafia hat ihre Mittel und Wege, das äußerst lukrative Geschäftsmodell zu erhalten.

 So springt der mitunter hochspannende Film hin und her zwischen den Schrecken des investigativen Journalismus und der Suche nach dem individuellen Liebesglück. Denn da ist auch noch ein alter Schulfreund, der sich in London eine neue Existenz aufgebaut und der ganz offensichtlich immer noch Interesse an Noor hat. Doch ob sie das erkennen wird, das wird sich zeigen. Der Film NOOR jedenfalls ist eine unterhaltsame Gemengelage aus unterschiedlichen Stilrichtungen mit sehr ordentlichen, mitreissenden Songs. Die Ernsthaftigkeit des sozial-politischen Hintergrunds, bei dem Menschen ihr Leben verlieren, wirkt für diesen Film etwas forciert und gar zu drastisch. Dennoch meistert Sonakshi Sinha als Protagonistin immer wieder sehr gut den Kraftakt, diese beiden so verschiedenen Welten zusammenzubringen. Mit einer schwächeren Hauptdarstellerin wäre der Film vermutlich zum Scheitern verurteilt gewesen.

Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Ali's Wedding (Jeffrey Walker, Australien 2017)

Nachdem der talentierte aber leider erfolglose Ali die Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium an der Universität von Melbourne verpatzt hat, bringt er es nicht übers Herz, seinem Vater den Misserfolg einzugestehen. Der Sohn war die große  Hoffnung des muslimischen Klerikers, der das Zentrum der arabischen Community darstellt, und höchstes Ansehen genießt. Dass dessen Rivale nur auf einen Misserfolg Alis hofft, um selbst den Platz des Vaters einnehmen zu können, ist ein Seitenerzählstrang, der einen hochinteressanten Handlungsverlauf innerhalb der Moschee voranschiebt.
 Das sind humoristische und tolle Einblicke hinter die Kulissen, die man nicht jeden Tag bekommt. Jedoch: Ali lügt. Er habe hervorragend abgeschlossen - und wird nun als Wunderkind gehandelt und sieht sich alsbald gezwungen, ein Leben an der Uni vorzutäuschen. Dort läuft er aber nicht nur permanent dem Sohn des Konkurrenten seines Vaters über den Weg, sondern auch der schönen Libanesin Dianne, in die er sich Hals über Kopf…

HERRMANN (Reda, Deutschland 2012)

Ein nicht mehr ganz junger Familienvater, der aus der linksalternativen Szene zu stammen scheint und der  mittlerweile wohl ziemlich in der Bürgerlichkeit angekommen ist, verabschiedet sich eines Abends von seiner Frau/Freundin und seinem bereits schlafenden Kind, da er noch auf einen Geburtstag will. Sein halb schelmisch-unterwürfig ausgedrückter Wunsch, anschließend noch kurz aufs Konzert zu gehen (dem ein echtes Begehren zugrunde zu liegen scheint, da seine Stimme schon zu zittern beginnt), wird von der verantwortungsbewußteren, vernünftigen Herzdame mit Stirnrunzeln weggeknutscht. Vermutlich kennt auch sie das Lied von der Punkband Oma Hans, wo die Mädchen auf dem Konzert einfach besser küssen als sonstwo. Da muss sie gar nicht mehr viel zu sagen, es liegt alles in ihrem Blick: er soll halt endlich mal erwachsen werden, dieser Berufsjugendliche. Schließlich gibt es jetzt Familie. Und eigentlich hatte er ja auch schon kapituliert, bevor er überhaupt den Mund aufgemacht hat. Da kan…

Das Lächeln im Angesicht der Tragödie: Yasujirô Shimazus Tonari no Yae-Chan / Our Neighbour, Miss Yae (Japan 1934)

 Als ich vor kurzem einmal wieder Our Neighbour, Miss Yae gesehen hatte, da war das einer von diesen seltenen Momenten, wo man nicht genau weiß, was da eigentlich gerade passiert ist; aber als die Abblende kam, nach dem letzten Bild mit der Kamera in den wolkenverhangenen Himmel hinauf – obwohl sich doch, wenn nicht alles, so doch so manches zum Guten aufgelöst hatte – war ich den Tränen nahe und zutiefst gerührt. Dabei war da gar nichts wirklich Rührseliges passiert, oder gar aufwühlend Melodramatisches. Der Film endet so, wie er anfängt, zumindest auf der Tonspur. Eine liebliche, langgezogen sehnsuchtsvolle Geigenminiatur, die von etwas Herzschmerz aus dem Leben kleiner Leute der unteren Mittelschicht aus irgendeiner japanischen Vorstadt in der Nähe von Tokio verkündet. Einmal sagt die Mutter, heute sei das Wetter so klar, man könne den Fuji sehen, aber das muss man glauben. Im Film taucht er nicht auf. Das ist kein Film für nationale Monumente. Hier wirken Dinge und K…