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Die zehn Lieben des Nishino (Hiromi Kawakami, 2019)


 In zehn recht knapp gehaltenen Kurzgeschichten wird aus der Perspektive von einigen ehemaligen Geliebten und Freundinnen Nishinos dessen Leben und Charakter beleuchtet. Eigentlich erfährt man dabei mehr über die Frauen und Mädchen selbst, als über den immer etwas mysteriös bleibenden, sexuell doch recht abenteuerlustigen Mann. Er scheint attraktiv zu sein, sanft und zurückhaltend - aber eben ganz und gar nicht schüchtern. Dennoch: Sein Profil bleibt nebulös. Es sind die Frauen, um die es hier geht.

 Dabei werden verschiedene Lebensabschnitte abgehakt, von der Schulzeit über die Universitätsjahre bis hin zum reiferen Alter. Nishino selbst bleibt unverheiratet und unausgesprochen ahnt man, dass er sein Leben zwar genießt, so ausgefüllt es ist, dass er aber andererseits unfähig ist, sich wirklich zu binden. Letztlich nimmt er alles hin, was ihm zustößt. Was ihn freilich auch wieder sympathisch macht, da von ihm keinerlei Bedrängung oder gar Gewalt ausgeht. Die handelnden Figuren sind bei Hiromi Kawakami die Frauen.

 Interessanterweise sind viele der Geschichten auf Dreiecks-Beziehungen hin angelegt. Da sind z.B. zwei Freundinnen, die sich Nishino als Liebhaber teilen. Oder die Nachbarin, die sich um eine zugelaufene Katze kümmert, und dann auch noch um den Nachbarn Nishino, der ganz ähnlich bei ihr unterschlüpft. Und dann - wie die Katze - wieder aus ihrem Leben verschwindet. Oder die verheiratete Haus-"Frau im besten Alter", die Nishino bei einem Kochkurs kennenlernt und die sich eine Affäre mit ihm herbeisehnt. Was freilich auch gelingt - und man fragt sich, mit wie vielen anderen Damen Nishino ein ähnlich intimes Verhältnis unterhält, wie mit der Protagonistin der Erzählung.

 Yukihiko Nishino ist nur der Aufhänger für ein Portrait, oder: einen Einblick in die "weibliche Psyche Japans"; in das Leben dieser so unterschiedlichen Frauen. Stilistisch und sprachlich unterscheiden sich die einzelnen Erzählstimmen leider nicht besonders stark voneinander, sodaß nach kurzer Zeit in der Erinnerung alles ineinander fließt. Der ruhige Erzählfluss hat etwas Einnehmendes und liegt näher bei Naoko Ogawa, als bei Haruki Murakami. Wobei die Schriftstellerin Hiromi Kawakami vor einzelnen, kleineren Derbheiten nicht zurückschreckt. Die Dinge werden hier recht offen beim Namen genannt. Das macht das Buch doch ziemlich sympathisch, auch wenn zu vermuten steht, dass es nicht ihr Meisterwerk ist.


Michael Schleeh

Die zehn Lieben des Nishino ist im Februar 2019 gebunden bei Hanser erschienen und hat 188 Seiten.

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