Direkt zum Hauptbereich

The most Beautiful / Am Allerschönsten / Ichiban utsukushiku (Akira Kurosawa, Japan 1944)


Obwohl Kurosawas zweiter Spielfilm ein semi-dokumentarischer Propagandafilm ist, der zu Hochzeiten des Zweiten Weltkriegs strengen Zensurvorlagen unterlag und vor allem zur Stärkung der Kriegsmoral dienen sollte, ist ihm dennoch das Kunststück gelungen, ein in Ansätzen charakterorientiertes Drama zu inszenieren. Der „westlichste japanische Regisseuer“ suchte auch in diesem Film, der in größerem Rahmen sicherlich auf die Stärke des Gruppenzusammenhalts abzielt, durch Heraushebungen einzelner Figurenschicksale einige der Charaktere mit Leben zu füllen und eine allzu offensichtliche Instrumentalisierung der Individuen zu umgehen.

Der Inhalt des Filmes ist schnell zusammengefasst: eine Gruppe von Arbeiterinnen in einer Fabrik für optische Präzisionslinsen, die in Kriegsgerät eingebaut werden, geraten unter Druck, als sie sich selbst ein unnötig hohes Ziel zur Erlangung der Produktionsquote stecken; eines, das kaum zu schaffen ist. Selbst die Fabrikleitung – unter ihnen Takashi Shimura – ist um die Gesundheit der Frauen besorgt; denn diese arbeiten in patriotischem Geiste bis zur völligen Erschöpfung an der Erfüllung des Plans und ignorieren krankheitsbedingte Alarmsignale ebenso wie familiär-persönliche Schicksalsschläge – alles im Dienste für's Vaterland.

Kaum zu ertragen, könnte man meinen. Und tatsächlich ist dieser Film nur vor der Folie des gesellschaftspolitischen Hintergrundes ansehbar. Hat man diese Prämissen aber akzeptiert wird der Blick frei (abseits des Marschier-Trainings und der ständigen Volkslieder, die die Niederschlagung mongolischer Barbarentruppen zum Thema haben) für die eben oben genannte individuelle Dramen der Damen, sowie Kurosawas formale Finesse. Die Mixtur aus Zitaten des Dokumentarfilms in Verbindung mit Spielfilmelementen bewirkt eine Spannung zwischen Allgemeinheit und Individuum, Gruppe und einzelnem Charakter. Verstärkt wird dies durch die Abbildung der Arbeitsplätze und Maschinenräume der Fabrik, die dem Film immer wieder eine quasi-objektive Nüchternheit verleihen. Besonders stark wirken da gegengeschnittene Bilder der euphorischen jungen Frauen etwa in dem famos montierten Volleyballspiel, das meiner Meinung nach zu einer der schönsten Stellen der Filmgeschichte zählt, was Dynamik, Tempo, Einstellungswechsel und Rhythmik angeht. Da verbindet sich das zeithistorische Dokument auf's Schönste mit der Expertise des Spielfilmregisseurs.

Der Film, den Kurosawa in seiner Autobiographie So etwas wie eine Autobiographie als seinen Lieblingsfilm herausstellt, hat ihm auch persönliches Glück gebracht. In seiner Hauptdarstellerin, mit der er anscheinend viele Kämpfe auszufechten hatte, fand er seine zukünftige Ehefrau. Die anderen Darstellerinnen aber gaben nach den anstrengenden Dreharbeiten zu THE MOST BEAUTIFUL ihren Beruf auf und drehten nie wieder einen Film.

Kommentare

  1. Die Formulierung "der westlichste japanische Regisseur" hast du aber extra wegen mir reingestellt, weil du mich foppen willst. Ich soll dir nämlich Gerüchten zufolge mal privatissime unter virtuellen Tränen gestanden habn, dass ich mich ausserordentlich schäme, weil ich so wenige Filme vom westlichsten japanischen Regisseur kenne (ja, ja, es sind zwei) - du Bösewicht ;)

    AntwortenLöschen
  2. "Die Formulierung "der westlichste japanische Regisseur" hast du aber extra wegen mir reingestellt, weil du mich foppen willst."

    Aber gerne doch. Für dich immer! In der Tat wünsche ich dieses Gespräch fortzuführen. Eine Antwort meinerseits kommt demnächst...
    (wer hat denn dieses geflügelte Wort eigentlich ursprünglich geprägt? Du oder Onkel Donald Richie?) ;-)

    "Ich soll dir nämlich Gerüchten zufolge mal privatissime unter virtuellen Tränen gestanden habn, dass ich mich ausserordentlich schäme, weil ich so wenige Filme vom westlichsten japanischen Regisseur kenne (ja, ja, es sind zwei) - du Bösewicht ;)"

    Im übrigen: Scham ist die völlig falsche Reaktion; Freude vielmehr ist angebracht, denn da kannst du noch 30 Filme entdecken, die du noch nie gesehen hast! ;-)

    AntwortenLöschen
  3. 30? Ähem.

    Würde übrigens empfehlen, mit unterschätzten Perlen wie I live in fear oder, noch besser, Drunken angel anfangen, bevor Du Dich zum Kanon vorarbeitest.

    AntwortenLöschen
  4. Na schön! Ihr habt meinen Onkel Richie und mich ertappt. Wir stiessen natürlich wegen "Recherchen" zu Kurosawa immer wieder auf die Formulierung, mit der zum Ausdruck gebracht werden sollte, dass der Regisseur im Westen wesentlich angesehener ist als in Japan (ob sich das im Zusammenhang mit seinem 100. Geburtstag geändert hat?). - Grund für die Recherchen: Wir liesen uns auf das Spiel "Fime raten" ein und gerieten prompt an einen Kurosawa-Kenner, der uns mit hinterhältigen Hinweisen seinen letzten, in unserer Gegend etwas vernachlässigten, Film "Madadayo" erraten liess... - Ich lasse mich jetzt nicht über unsere Blamage aus; sonst schäme ich mich schon wieder.

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

Mad World - Hong Kong's entry for the foreign language Oscar (Wong Chun, 2016)

Wong Chun's debut feature film is not really part of the Hong Kong International Film Festival, but one I did see during my stay here at Mongkok's Broadway Circuit outlet as a regular screening on a sunday morning.

It's a quiet and atmospheric film that is quite beautifully shot and extremely well acted by Eric Tsang (kudos!) and Shawn Yue, his son suffering from bipolar disease. It's a film about fatherhood and responsibilities, about getting old in financially difficult times. They both live in a shared flat with three other parties. No one seems to be able to pay rent anymore in Hong Kong. It's really depressing.

Mad World is definitely worth watching, as it has been screened in Busan and in Toronto. It got mixed reviews overall, but I really don't understand why. There are no loose ends, the plot is fragmented with flashbacks to family history, but that always makes sense and adds to the depth of the characters. I really liked it and recommend…

A Pool without Water / Mizu no nai puuru (Kôji Wakamatsu, 1982)

Überdeutlich ein Film der 80er Jahre: körnige Farbflächen, Neonlicht, Großstadt. Melancholische Synthieflächen zu den Gesichtern von Menschen, die sich in sich selbst zurückgezogen haben. Da ist ein Familienvater, der den Alltag nicht mehr erträgt: er arbeitet bei den Verkehrsbetrieben, steht den ganzen Tag am Eingang zur U-Bahn und muss Fahrscheine entwerten. Auf dem Screenshot oben sieht man seine Hand mit dem Locher, den er in rasender Geschwindigkeit und in panischen Rhythmen zusammenklackert, ein Stakkato zur elegischen Hintergrundmusik. Ein sprechendes Bild ist das: äußerlich scheint er völlig ruhig zu sein und abgetaucht in die Monotonie seiner endlos öden Arbeit - dieses Detail aber offenbart, wie sehr er innerlich aufgeladen ist.
Diese Spannung überträgt sich bald auf die Handlung und findet ein Ventil - mehrfach wird er Zeuge, wie verschiedene Menschen, meist Frauen, Opfer von Rücksichtslosigkeiten, rüpelhaftem Benehmen oder gar körperlicher Gewalt werden. Da ist er dann de…

Nippon Connection 2017: Kohei Taniguchis Independent-Wrestling-Komödie DYNAMITE WOLF (Japan, 2017)

Der kleine Hiroto, oben links außen auf dem Bild, steckt in der Krise: er ist zwar erst in der Grundschule, doch kann er sich partout nicht dafür entscheiden, welchen Freizeit-Kurs er an der Schule belegen soll. Es versucht es mit Fußball, das endet aber dramatisch als Desaster. Da gerät er zufällig in ein Wrestling-Match mit dem berühmten Dynamite Wolf und ist wie elektrisiert: das Spektakel, die Inszenierung, das Toben der Leute vor Begeisterung - ja, da schlägt sein Herz höher und zum ersten Mal lächelt er dann im Film. Seinen Eltern und den Mitschülern erzählt er erstmal nichts von seiner neuen Leidenschaft, ist doch seine einzige Möglichkeit zu trainieren die Bekanntschaft mit einem merkwürdig abgerissenen Gesellen am Flußufer (oben rennend), der mit einer umgebauten Dummy-Sexpuppe als Sparringspartner trainiert. Ob das der richtige Umgang für einen Jungen ist, das darf mit Fug und Recht bezweifelt werden.
 Aber natürlich, so will es das Gesetz des Films: es hätte ihm nichts Be…