Direkt zum Hauptbereich

Sanshiro Sugata (Akira Kurosawa, Japan 1943)

Über Kurosawa ist schon sehr viel geschrieben worden: Essays en masse, Bücher, Texte im Netz. Auch und immer wieder über seinen allerersten Spielfilm: wie souverän der noch junge Regisseur sein Metier bereits auszuführen wußte. Seine Ausbildung bei Yamamoto, der Tod seines filmbesessenen Bruders, der den Niedergang des Benshis nicht verkraften konnte. So die Legende. Über Uma/Perde, Kurosawas quasi-ersten Film, an dem er maßgeblichen Regie-Anteil hatte.
Wie also soll man sich so einem Monument des Weltkinos nähern? An seinem Geburtstag, an dem es sogar in den großen Tageszeitungen in Deutschland zu Würdigungen seines Werkes kommt?
Für mich ganz klar: über Details. Hier findet sich keine umfassende Abhandlung zum großen Judoka, aus Schüchternheit, Faulheit, Überfordertsein. Was also hat mir besonders gefallen?
Drei Dinge:
1. Der Held als unheroische Identifikationsfigur, das Drama als coming-of-age-Erzählung. Nur der "unfertige" Charakter des Judokas Sanshiro kann in seiner Ungestümheit die festgeformte Finesse des Jujitsu-Experten brechen.
2. Der finale Kampf am Ende auf dem wogenden Kornfeld - DIE Blaupause für asiatische Duellsituationen von HARAKIRI bis HOUSE OF THE FLYING DAGGERS. Und dann ganz besonders: es ist eben NICHT der aus dem Kampf erwachsen hervorgehnende Held, das Kind, das zum Manne geworden ist und die Frau als Trophäe mit nach Hause nimmt. Er bleibt der kleine Junge im Zug, der sich schüchtern um die Dame kümmern muß, bis der Film das (?) junge Paar verläßt, und uns mit den Segnungen der Ruhe aus dem Film entläßt.
3. Die Übergänge, extremst elegant. Hier ein Reihe Screenshots, wie Kurosawa das Vergehen von Zeit anhand der von Sanshiro abgelegten Holzschuhe (seiner Geta) inszeniert:









Es wechselt das Wetter, es ändern sich die Jahreszeiten, es knabbert ein Hund, es vergehen Jahre. Am Ende schwenkt er vom Fluß hoch in eine Straßenszene zu einem Kampf zweier Betrunkener, einer davon der nun technisch erfahrene Sanshiro. Solcherlei eleganter Delikatessen der poetischen Erzählökonomie gibt es zuhauf: auch etwa das Motiv der Lotusblüte oder der "Gewebe" (Stoffe, Papiere, usw). Ich habe den Film jetzt zweimal gesehen. Ich glaube aber, man kann ihn sich unzählige Male anschauen.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Ali's Wedding (Jeffrey Walker, Australien 2017)

Nachdem der talentierte aber leider erfolglose Ali die Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium an der Universität von Melbourne verpatzt hat, bringt er es nicht übers Herz, seinem Vater den Misserfolg einzugestehen. Der Sohn war die große  Hoffnung des muslimischen Klerikers, der das Zentrum der arabischen Community darstellt, und höchstes Ansehen genießt. Dass dessen Rivale nur auf einen Misserfolg Alis hofft, um selbst den Platz des Vaters einnehmen zu können, ist ein Seitenerzählstrang, der einen hochinteressanten Handlungsverlauf innerhalb der Moschee voranschiebt.
 Das sind humoristische und tolle Einblicke hinter die Kulissen, die man nicht jeden Tag bekommt. Jedoch: Ali lügt. Er habe hervorragend abgeschlossen - und wird nun als Wunderkind gehandelt und sieht sich alsbald gezwungen, ein Leben an der Uni vorzutäuschen. Dort läuft er aber nicht nur permanent dem Sohn des Konkurrenten seines Vaters über den Weg, sondern auch der schönen Libanesin Dianne, in die er sich Hals über Kopf…

HERRMANN (Reda, Deutschland 2012)

Ein nicht mehr ganz junger Familienvater, der aus der linksalternativen Szene zu stammen scheint und der  mittlerweile wohl ziemlich in der Bürgerlichkeit angekommen ist, verabschiedet sich eines Abends von seiner Frau/Freundin und seinem bereits schlafenden Kind, da er noch auf einen Geburtstag will. Sein halb schelmisch-unterwürfig ausgedrückter Wunsch, anschließend noch kurz aufs Konzert zu gehen (dem ein echtes Begehren zugrunde zu liegen scheint, da seine Stimme schon zu zittern beginnt), wird von der verantwortungsbewußteren, vernünftigen Herzdame mit Stirnrunzeln weggeknutscht. Vermutlich kennt auch sie das Lied von der Punkband Oma Hans, wo die Mädchen auf dem Konzert einfach besser küssen als sonstwo. Da muss sie gar nicht mehr viel zu sagen, es liegt alles in ihrem Blick: er soll halt endlich mal erwachsen werden, dieser Berufsjugendliche. Schließlich gibt es jetzt Familie. Und eigentlich hatte er ja auch schon kapituliert, bevor er überhaupt den Mund aufgemacht hat. Da kan…

Das Lächeln im Angesicht der Tragödie: Yasujirô Shimazus Tonari no Yae-Chan / Our Neighbour, Miss Yae (Japan 1934)

 Als ich vor kurzem einmal wieder Our Neighbour, Miss Yae gesehen hatte, da war das einer von diesen seltenen Momenten, wo man nicht genau weiß, was da eigentlich gerade passiert ist; aber als die Abblende kam, nach dem letzten Bild mit der Kamera in den wolkenverhangenen Himmel hinauf – obwohl sich doch, wenn nicht alles, so doch so manches zum Guten aufgelöst hatte – war ich den Tränen nahe und zutiefst gerührt. Dabei war da gar nichts wirklich Rührseliges passiert, oder gar aufwühlend Melodramatisches. Der Film endet so, wie er anfängt, zumindest auf der Tonspur. Eine liebliche, langgezogen sehnsuchtsvolle Geigenminiatur, die von etwas Herzschmerz aus dem Leben kleiner Leute der unteren Mittelschicht aus irgendeiner japanischen Vorstadt in der Nähe von Tokio verkündet. Einmal sagt die Mutter, heute sei das Wetter so klar, man könne den Fuji sehen, aber das muss man glauben. Im Film taucht er nicht auf. Das ist kein Film für nationale Monumente. Hier wirken Dinge und K…