Direkt zum Hauptbereich

4:30 (Royston Tan, Singapur 2005)


Der elfjährige Xiao Wu kämpft sich durch den Alltag, was bei ihm soviel bedeutet wie: Schule, absente Mutter (in Beijing), herzloser Vater, Nudelsuppe, Wunsch nach Anerkennung. Royston Tan, der "bad boy" aus Singapur, aufgefallen in der Videokunst-/Kurzfilmszene und immer wieder vertreten auf Filmfestivals zu Uhrzeiten, wenn keiner ins Kino geht, macht hier einen Film nicht als Erzählung von Geschichte, sondern als Erzählung aus Bildern. Markant also schonmal die beinah komplette Abwesenheit von Sprache. Tan gibt uns keine Hilfestellungen wie Namen, eine Einführung in das Geschehen, irgendwie Zugang. Man ist unmittelbar mittendrin (wie in einem Kurzfilm), ultimativ, ganz, ohne Vorwissen. Und dann kommt erstmal der Krimiplot, die heimliche Durchstöberung der Habseligkeiten des - was man noch nicht weiß - stets betrunkenen Vaters.
4:30 ist dabei zugleich total stilisierter Kunstfilm mit seiner statischen Kamera, der Sprachlosigkeit, der Wahl der Bildausschnitte, der blauen und grünen Einfärbungen. Kunstfilm deshalb, weil der Film seine Ästhetik offen zur Schau stellt. Dass das nie langweilig wird, ist sicher eine Leistung - und am Ende kommt es auf leisen Sohlen knüppelhart, unerwartet. Aber auch mit leisem, sehr leisem Humor. Wo ist nur die Zeit geblieben? Ein unerwartet ruhiger, schöner Film.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Die neue Freundin des Sohnes - Masaki Kobayashis Debut-Film YOUTH OF THE SON (1952)

Wenn man in die Filmgeschichte hineinsticht gibt es immer wieder Momente, die einen völlig verblüffen können. So mag einem Masaki Kobayashis Debut-Film als völlig irre vorkommen, wenn man den Regisseur nur von seinen ernsten, gravitätischen Meisterwerken her kennt, die er dann Anfang der 60er gemacht hat: BARFUSS DURCH DIE HÖLLE und HARAKIRI (den ich für den vielleicht besten japanischen Film überhaupt halte, aber das nur nebenbei). Aber Kobayashis Werk ist viel mehr, deutlich vielgestaltiger, als "nur" diese ernsten Schwarzweiß-Dramen, in denen es der menschlichen Existenz an den Kragen geht und schlichtweg alles auf dem Spiel steht. Oder wie in BARFUSS gleich die komplette conditio humana. Weshalb der englische, internationale Titel THE HUMAN CONDITION nicht nur weniger reisserisch ist, als der deutsche, sondern auch genauer am treffenden Originaltitel (Ningen no joken). Hier, in diesem Film, ist die Situation im Vergleich geradezu lächerlich läppisch: es geht um die ers…

Von Kriegsschuld und Verzweiflung: Masaki Kobayashis THE THICK-WALLED ROOM (1953)

Japan, vier Jahre nach dem Ende des verlorenen Weltkriegs: ein Erzähler aus dem Off spricht mit ernster Stimme von schlimmen Kriegsverbrechen und verspricht schonungslose Aufklärung. Hinter den Mauern dieses Hochsicherheitsgefängnisses befänden sich die Männer, die sich schlimmster Verbrechen schuldig gemacht hätten. Die Kamera lässt daran keinen Zweifel: bevor wir überhaupt den ersten Gefangenen sehen, haben die schwarz-weißen, hartkontrastigen Bilder bereits ihre Wirkung erreicht. In diesem Szenario der Bedrohung aus unterirdischen Gängen, Gittern, Betonwänden und rechteckigen Linien, scharfen Kanten und bewaffneten Soldaten der amerikanischen Militärpolizei kann sich nur Unvorstellbares abspielen.
 Kurz darauf: tragische Musik und vor Schmerzen verzerrte Gesichter der zusammengepferchten Insassen, ein jeder hängt seinen eigenen Alpträumen nach. Heimlich versucht sich einer im Abort zu erhängen. Aber auch am Tage gibt es keine Erlösung: da wird erbarmungslos im Steinbruch geschuft…

Samurai *Gerupftes Huhn*: Takashi Miikes Manga-Adaption BLADE OF THE IMMORTAL (Japan, 2017)

Der Film beginnt mit Verve und einer Eleganz wie ein Film vom Säulenheiligen Kihachi Okamato: hartkontrastige Bilder in schwarz-weiß fügen sich zu einer Oper des stählernen Totschlags. Diese Schwerter sind so scharf wie keine anderen zuvor - die Leichen drapiert wie in einer Choreographie von Akira Kurosawa. So ist der Samurai, der zum Ronin geworden ist, auch ein Bodyguard for hire ein Yojimbo. Diese Anspielung ist sicherlich bewusst gewählt. Und so klassisch dieser Film beginnt, so modern geht es weiter. Wie in einem New Wave - Film entblättert sich der Plot erst nach und nach, wenig wird erklärt. Übersicht stellt sich erst mit der Zeit ein. Dann die Farbenexplosion und die Manga-Adaption, die sich vor allem in den exotischen Waffen und der exaltierten Figurenzeichnung offenbart. Das ist ziemlich toll, wie das alles hier zusammengeführt wird.



 Manji-san ist der zerzauste, unsterbliche Wurm-Samurai (Takuya Kimura), der wie ein zerrupftes Huhn durch diesen Film rennt und sich wie ei…