Direkt zum Hauptbereich

A Conversation With God (Tsai Ming-Liang, Taiwan 2001, Video, 30')

Die Grundidee Tsais war es, ein sogenanntes menschliches "Medium" zu filmen, das mit den Göttern in Kontakt steht. Erhofft hatte er sich, dies mit der Kamera einfangen zu können. Ästhetisch ein einfacher, realistischer Videokamerablick: die Kamera als Auge. Auf einem Motorroller sitzend beginnt er zu filmen, und auf seinem Weg durch die nächtliche Stadt geschieht alles mögliche Unerwartete: so wird er aufgehalten von einer rituellen Prozession, in der ein junger Mann durch Geißelung in einen tranceartigen Zustand gerät oder von einem Karaoke-Spielhaus, bei dem das Licht ausfällt, usw. In der zweiten Hälfte wird der Film ruhiger und er konzentriert sich auf Details: Blätter, Mücken, tote Fische im Gras. Er filmt menschenleere Straßenunterführungen und verfaulte Fische am Flußufer; schließlich das Medium, das in faszinierender Weise spastische Segnungen ausspricht und in Trance mit einem Pinsel Bilder vollschmiert (die vermutlich anschließend verhökert werden). Abfertigung wie am Fließband.

Was will uns das alles sagen? Man weiß es nicht immer so genau, und teilweise sieht das aus wie ein Urlaubsvideo. Dann wieder, in den beiden den Film rahmenden "Kontaktaufnahmen" sehr faszinierend. Aber auch hier ist die Kameraposition die eines Beistehenden, der den anderen über die Schulter schaut.

I decided to use the most basic and simple way of filming. This changed the way I saw things. Filming the underground passage, I didn’t consider it to be filming but rather using the camera as my eyes.

Somit bleibt er hier seinem Realismusprojekt verschrieben, einer unabschließbaren Suche des Filmemachers nach dem Umgang mit der zwangsläufig vermittelten Realität. Schon bei seinem 1992 erschienen Erstlings-Film REBELS OF THE NEON GOD formulierte er sein ästhetisches Programm: dieser sei ein Versuch, “[to] make a feature that was even more documentary, even more real, about everyday life in Taipei.” So stellt der Film aber eben auch, ganz in der Tradition eines art cinema, mehr Fragen, als dass er Antworten gibt. Die Kontaktaufnahme mit dem Zuschauer allerdings dürfte leider größtenteils scheitern.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...

Shinjuku Mad (Kôji Wakamatsu, Japan 1970)

Der Film beginnt wie ein jazziges Requiem: zu sowohl swingender wie melancholischer Musik läuft die Kamera (wie der Protagonist) durch die Straßen Shinjukus und überall liegen Leichen oder schwerverletzte Jugendliche herum. Ein Gefühl von Vergeblichkeit und Hoffnungslosigkeitg, von Entsetzen macht sich breit. In einem amerikanischen Film wäre das nun die Ausgangslage, und in einem Rückblick würde man sehen, wie es zu diesem Desaster gekommen ist. Nicht so bei Wakamatsu, der von seinen Zuschauern zu wissen erwarten kann, dass man es hier mit den Aufständen der Studenten zu tun hat, die Mitte und Ende der 60er gegen den Staat und das Militär die Stimme und auch ihre Fäuste erhoben, eine Gemeinschaft der Revolte, mit Splittergruppen der Japanischen Roten Armee, oder sonst einer radikalisierten linken Zelle. Vielleicht waren es aber auch nur Künstler oder Hippies, die hier ihr Leben lassen mussten. Vor diesem politischen Hintergrund spielt sich das persönliche Drama eines Vaters ab,...

Mad World - Hong Kong's entry for the foreign language Oscar (Wong Chun, 2016)

Wong Chun's debut feature film is not really part of the Hong Kong International Film Festival , but one I did see during my stay here at Mongkok's Broadway Circuit outlet as a regular screening on a sunday morning. It's a quiet and atmospheric film that is quite beautifully shot and extremely well acted by Eric Tsang (kudos!) and Shawn Yue, his son suffering from bipolar disease. It's a film about fatherhood and responsibilities, about getting old in financially difficult times. They both live in a shared flat with three other parties. No one seems to be able to pay rent anymore in Hong Kong. It's really depressing. Mad World is definitely worth watching, as it has been screened in Busan and in Toronto. It got mixed reviews overall, but I really don't understand why. There are no loose ends, the plot is fragmented with flashbacks to family history, but that always makes sense and adds to the depth of the characters. I really liked it and...