Direkt zum Hauptbereich

Asu no Taiyo / Tomorrow's Sun (Nagisa Oshima, Japan 1959)


TOMORROW'S SUN ist eine Rarität: ein früher Kurzfilm Oshimas, der im Stil eines Trailers gemacht ist. Freilich zu einem Film, der nicht existiert. Man sieht ein junges Mädchen, das sich in einen Jungen verliebt und auf einer Theaterbühne allerhand spannende Gefahren überstehen muss, um ihren Angebeteten zu bekommen. Das ist alles recht klamaukig, voller toller visueller Einfälle, ein Revue-Film mit Gangstern im Frack und mit Kanonen und Tanz und Gesang - allerdings konnte ich keine Untertitel auftreiben, und es wird recht viel gesprochen, erzählt, erläutert und von einem engagierten Mädchenchor vorgetragen. Beinahe wähnt man sich in einem Film von Yasuzo Masumura. Hier ein paar Screenshots, die ein wenig den Plot illustrieren und die fantastische gestalterische Bildkraft Oshimas verdeutlicht:











Zwei Jahre vor diesem Film entstand Masumuras KUCHIZUKE / KISSES (1957), der immer wieder gerne (vereinfacht) zum Auftakt der Japanischen Nouvelle Vague erklärt wird, ein Film in dem sich eine Liebesgeschichte zwischen zwei Jugendlichen Bahn bricht, die ihren Ausdruck in wilden Fahrten auf dem Motorrad findet. Hier das Äquivalent dazu (bei Oshima sitzt allerdings die Frau vorne - was keine generelle Kritik an Masumuras Frauenrollen sein soll; gerade dessen Protagonistinnen sind später meist sehr starke, kämpfende Frauen):


Oshima schneidet lustigerweise dann direkt auf eine identische Fahrt auf dem Fahrrad - wer weiß, ob das ein ironischer Kommentar sein könnte?). Und am Ende kehren wir mit einem Rahmen zum Anfangsbild zurück. Winke winke!

Kommentare

  1. Ich als Masumura-Kenner habe - dies nur als Richtigstellung - "Kisses" nie der japanischen Nouvelle Vague zugeordnet. Vielmehr wies mich die nicht genannt sein wollende japanische Mafia rechtzeitig darauf hin, dass der grosse Regisseur "zwischen den Zeiten" steht und in den 70ern sogar den "Klassikern" gern seine Reverenz erwies.

    Hach, das tat gut! Whoknows, der Japan-Spezialist! ;)

    AntwortenLöschen
  2. Ich seh' schon, da kommt noch was auf mich zu... :D

    AntwortenLöschen
  3. Ich seh' schon, da kommt noch was auf mich zu...

    Aber sicher: Ein paar Hollywood-Schnulzen aus den 50ern. Du weisst ja, wie "souverän" ich mich in Sachen "Japanischer Film" fühle. ;)

    AntwortenLöschen
  4. Danke für den Tipp, ich hab ihn mir gerade bei YouTube angesehen. Erinnert mich etwas an Jacques Demy, insbesondere DIE MÄDCHEN VON ROCHEFORT. Interessant, dass ein Regie-Lehrling in seinem ersten Film gleich in Breitbild und Farbe drehen durfte, auch wenn es nur gut 6 Minuten sind. Bei Shochiku scheint man sich viel von ihm versprochen zu haben.

    Dem Kollegen Whoknows sei gesagt, dass "in den 70ern sogar den "Klassikern" gern seine Reverenz erwies" wenig aussagt. Masahiro Shinoda, der eindeutig zum harten Kern der japanischen Neuen Welle gehörte, hat auch ein paar ziemlich mizoguchieske Filme gedreht. Aber Masumura mit seiner Ausbildung in Italien stand schon etwas zwischen den Stühlen. Vielleicht sollte man sich gar nicht auf den Begriff "Neue Welle" versteifen, sondern lieber sagen, dass ca. 1956 mit den "Sun Tribe"-Filmen der Modernismus im japanischen Film begann, der dann verschiedene Ausprägungen nahm: Hier Sun Tribe, da die von Shochiku ausgerufene Neue Welle (Oshima, Shinoda, Yoshida), nah verwandt damit Imamura, weniger verwandt Masumura.

    AntwortenLöschen
  5. Danke Manfred, den Demy-Film kenne ich noch gar nicht.

    @Tayozoku/Neue Welle: das war ein Insider von Bruno, da er mal einen Text von mir kokrrekturgelesen hatte, der sich mit diesem Thema (Masumura - ATG) beschäftigt hat, und der dann nie erscheinen sollte. Und in dem ich dieses Problem thematisierte, er sich dafür interessierte. Danke jedenfalls auch hier nochmal für's ins Bewusstsein spülen, CRAZED FRUIT etwa wartet schon ewig bei mir auf eine Sichtung. :-)

    AntwortenLöschen
  6. @mono.micha

    Wer is'n Bruno? Ist das der bildschöne, ja unwiderstehliche Kerl, den man auch als Whoknows kennt und der mal eine einzigartge Besprechung von Masumuras "Seisaku's Wife" lieferte? :P

    AntwortenLöschen
  7. Oh pardon, das ist mir entschlüpft. :-(

    Aber ja, der hat einen tollen Text geschrieben:

    http://whoknowspresents.blogspot.com/2010/12/japanisches-wagnis.html

    AntwortenLöschen
  8. Don't worry! Ich liebe es, entschlüpft zu werden. :)

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

Strenge Kompositionen, die beschädigt werden: Jun Tanakas verstörender Horrorfilm BAMY (Japan, 2017)

Schon in den ersten Minuten wird vollkommen klar, wie souverän Jun Tanaka in seinem Spielfilm-Regiedebüt agiert: lange Phasen ausgedehnter Ruhe wechseln sich ab mit subtilen, dabei intensiven Störungen des allzu gewohnten Alltags. Ein Schirm, der plötzlich durchs Bild fliegt, ein alter Bekannter, der plötzlich auftaucht und schräg unter dem Kapuzenpulli hervorschaut sind Elemente schon ganz am Beginn des Films, die eine stark verunsichernde Atmosphäre erschaffen. Strukturell wird der Film zunächst über seine Kamerabewegungen definiert: eine senkrechte Achse (die Fahrt der Protagonistin im gläsernen Fahrstuhl) wird um eine waagerechte Achse (der Weg über den Vorplatz) ergänzt, was dem Film den Eindruck einer genau durchdachten Konstruiertheit und somit  Zielgerichtetheit zugrundelegt, die durch das Element des herabfallenden Schirms aufgebrochen wird. Strenge Kompositionen, die beschädigt werden. Geometrien. Bild-Ton-Scheren. Außerdem erklingen auf der Tonspur urplötzlich abstrakte …

Banshiwala (Anjan Das, Indien 2010)

The sixth film of Bengali film director Anjan Das is a slowly moving arthouse film which features good actors and beautiful music. It is a literary adaption from the novel The Flautist by Shirshendu Mukhopadhyay and that instrument obviously has been one of the inspirations for the very lyrical, melodical songs here. Anjan Das already died in 2014 after directing eight feature films - for Banshiwala he was awarded two prices at international film festivals.

 The film basically asks the moral question if a house as a building is merely a property (of investment) or if it's somehow a sacred place of remembrance. In this case, the house even is a little bit run-down but still an impressive ancestral manor which bears memories of multiple generations of the family. So, selling it would be the equal to giving away the familial heritage. But there's a dark and hidden secret, too, which has to be challenged as the story comes to a close. In some abstract scenes, the fil…

Mad World - Hong Kong's entry for the foreign language Oscar (Wong Chun, 2016)

Wong Chun's debut feature film is not really part of the Hong Kong International Film Festival, but one I did see during my stay here at Mongkok's Broadway Circuit outlet as a regular screening on a sunday morning.

It's a quiet and atmospheric film that is quite beautifully shot and extremely well acted by Eric Tsang (kudos!) and Shawn Yue, his son suffering from bipolar disease. It's a film about fatherhood and responsibilities, about getting old in financially difficult times. They both live in a shared flat with three other parties. No one seems to be able to pay rent anymore in Hong Kong. It's really depressing.

Mad World is definitely worth watching, as it has been screened in Busan and in Toronto. It got mixed reviews overall, but I really don't understand why. There are no loose ends, the plot is fragmented with flashbacks to family history, but that always makes sense and adds to the depth of the characters. I really liked it and recommend…