Direkt zum Hauptbereich

Delinquent Girl Boss: Blossoming Night Dreams (Kazuhiko Yamaguchi, Japan 1970)


Als die schöne Rika (Reiko Oshida) endlich aus dem berüchtigten Frauengefängnis Akagi Girl's School herauskommt, findet sie recht schnell Unterschlupf in einer Bar als Animierdame. Dort trifft sie erfreulicherweise auf alte Zellengenossinen, und auch ihre Chefin, genannt Madam, ist eine Akagi-Veteranin. Ein wenig Unterstützung kann man in Tokyos Rotlichtviertel aber auch brauchen - die Reviere sind streng aufgeteilt und immer wieder rauschen die verschiedenen Gruppierungen ineinander. Als da wären Huren, Junkies, Hippies, Männer auf der Suche nach Druckablaß, verschiedene Yakuza-Banden und: ruppige Girl-Gangs. Auch Rika ist nun in einer solchen, und bald nimmt sie eine Führungsposition ein, da sie nicht nur charismatisch, sondern auch eine exzellenete Straßenkämpferin ist. Zwei Ereignisse bedrohen allerdings die Sicherheit der Bande: eine heroinabhängige und deswegen notorisch in Geldnot sich befindende Schwester einer der Frauen bringt die fürsorgenden Mädels regelmäßig in Schwierigkeiten, sowie die drohende Übernahme des Gebäudes in dem sich deren Haupteinnahmequelle, ein Nachtclub, befindet, und das durch die verfeindete, schmierige Ohba-Bande.


Der erste Teil der Girl Boss - Reihe überzeugt vor allem wegen seiner Schauwerte, und auch wenn er gemeinhin als eher schwacher Beitrag im Pinky Violence - Genre bezeichnet wird, so kann ich das nur in Ansätzen nachvollziehen. Wir haben es hier mit zwei ausgenommen sympathischen Hauptdarstellerinnen zu tun, mit formidablen Kämpfen, skurrilem Humor, mit einer irre überzeichneten, ausgesucht häßlichen Männerwelt, die beinahe ausnahmslos aus widerlichen Hackfressen besteht, und mit toller Musik und schönen Bildkompositionen (Hanjiro Nakazawa, der als Kameramann für seine Arbeiten u.a. bei Kinji Fukasaku bekannt ist). Außerdem natürlich Style ohne Ende, verrückte Kamerapositionen, freeze frames, Farbenexplosionen, Nachtschatten und Neonlicht. Allenfalls der Plot könnte manchmal mehr Zugkraft vertragen: der Teil vor dem großen Schlußkampf hängt leider etwas durch. Möglicherweise ist das Yamaguchis Unerfahrenheit anzulasten, der hier sein Debut inszeniert und der auch das Drehbuch schrieb.


Dass die schlimmen Mädels natürlich eigentlich alle ein Herz aus Gold haben, versteht sich. So geht Rika sogar soweit, sich selbst dem widerlichen Yakuzaboss anzubieten, um die noch fehlenden 500.000 Yen aufzutreiben, die die Bande als Lösegeld für das gefangengehaltene Heroinluder benötigt. In einer großen Szene gesteht sie Madam reumütig ihre Tat, die darauf stinksauer aber mitfühlend reagiert: man dürfe seine Weiblichkeit zwar zum Kampfe einsetzten - die Reinheit des Körpers soll aber erhalten bleiben. Denn die  Welt der Männer ist eine schmutzige. Die der Mädchenbanden hingegen eine höherstehende, sakrosankte, und der Kampf auf der Straße ist vor allem immer einer gegen die unterdrückende Herrschaft des Mannes, gegen den Mißbrauch. Solchen genrebedingten Zuspitzungen und Simplifizierungen, die zu ganz naiven Wahrheiten führen, denen kann man als Genrefreund natürlich nichts anderes als Sympathie entgegen bringen. Da muß man dann auch geflissentlich darüber hinwegsehen, dass im Finalkampf Umekos ehemaliger Liebhaber auftritt um die Mädchengang gegen Ohbas Yakuzabande mit seinem Schwert tatkräftig zu unterstützen. Und dass er am Ende sogar ganz heroisch sein Leben für sie läßt.


Beliebte Posts aus diesem Blog

Wenn Kunst und Qual und Lust zusammen kommen ~ IREZUMI - The Spirit of Tattoo (Yoichi Takabayashi, Japan, 1982)

  Yuki no hana , Blumen des Schnees sind es, die auf perfekte Haut tätowiert werden; Abbildungen, die besonders gelingen, wenn beim Akt des Stechens die körperliche Ekstase einhergeht. In diesem Erotik-Drama, das die Kunst des Tätowierens vor allem auf seinen spirituellen Überbau hin abklopft, gerät das Leben einer Frau aus den Fugen. Die Erfahrungen, die sie macht, verändern sie über die Zeit völlig und so weiß am Anfang niemand, wo das enden wird - jedenfalls nicht dort, wo es die dominante Männergesellschaft vorgesehen hatte. Im Hintergrund lauert aber ein größeres Drama, das sich später enthüllt - und auch hier ist das Motiv der Schneeflocke zentral.  Hideo Fujii, ehemals Technik-Assistent bei Hideo Gosha und Nagisa Oshima ist Kameramann bei Yoichi Takabayashis IREZUMI (aus dem Jahr 1982 - nicht mit dem gleichnamigen Film von Yasuzo Masumura verwechseln), ist in IREZUMI für die Kamera verantwortlich. Die Bilder sind gelungen in ihrem manchmal etwas biederen Vers...

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...

Aido: Slave of Love (Susumu Hani, Japan 1969)

Here are some pictures I took during a private screening of Susumu Hani's extremely rare and seldom seen feature film  AIDO - SLAVE OF LOVE , which is the movie Hani made after the famous NANAMI: INFERNO OF FIRST LOVE. The film is beautifully shot, completely absorbing and structurally abandoning all narrative consensus - it is somehow - for most of the time - a subjective trip into the mind of the protagonist Shusei (Kenzo Kawarasaki). As you can asume, a dreamlike state predominates the film; and with its' devotion to extensively focussing on the details of the body while making love, presented in detailed close-ups, aswell as its' beautifully daring setpieces, it reminded me to some extent of Toshio Matsumoto's experimental oeuvre, as for example in his short film PHANTOM . AIDO was submitted to the competition-section of the 19th Berlin International Film Festival (aka Berlinale) - a fact that is quite astonishing, if you consider the direction the main section of ...