Direkt zum Hauptbereich

Amida-do Dayori / Letter from the Mountain (Takashi Koizumi, Japan 2002)


Takashi Koizumi war Regieassistent bei Akira Kurosawa (bei den Filmen Ran, Kagemusha und Dreams) und Letter from the Mountain ist seine zweite, eigene Regiearbeit. Nach einer literarischen Vorlage vom japanischen Autor Keishi Nagi umgesetzt (Akutagawa-Preis 1988, keine Übersetzung), ist dies offenkundig ein sehr literarischer Film geworden, werden doch an einigen Stellen einige der großartigen Gedichte Kenji Miyazawas zitiert, die zum etwas getragenen, elegischen Ton des Films beitragen. Außerdem verliest der Protagonist Takao (Akira Terao) mehrfach die kurzen literarischen Beiträge eines krebskranken Mädchens (Manami Konishi als Sayuri), die für die lokale Zeitung schreibt. Er selbst ist ein Schriftsteller, der seit einer größeren Auszeichnung literarisch nichts mehr hinbekommen hat und mit sich selbst und seiner Schreibblockade ringt. Eine weitere Nebenfigur, ein älterer sensei, ein Professor, hat seine Bücher der Stadtbibliothek vermacht, weil er sich auf den Tod vorbereitet - er wartet darauf, so sagt er einmal, dass er von einem großen Wind in den Himmel gehoben wird. Die eigentliche Protagonistin des Films ist aber Takaos Gattin, die unter Panikattacken leidende Ärztin Michiko (Higuchi Kanako), die im Ort das lokale Krankenhaus wieder besetzen soll, obwohl sie selbst noch rekonvaleszent ist. Es ist eine Rückkehr aus der Metropole Tokyo in die Heimat Takaos, nach Shinshu in die ländliche Region der Präfektur Iwate. Eine Rückkehr zu den Ahnen.

Letter from the Mountain ist ein enorm schön gefilmter, subtiler und leiser Film, der Koizumis Status als großen japanischen Regisseur bestätigt. Dessen Erstlingswerk Ame Agaru basiert auf einem Skript von Akira Kurosawa, das er von ihm übernommen hatte. Hier nun eine ganz stille Ästhetik, mit einer Bewegung hin aufs Land, zur Natur, weg von der Stadt, die Augen öffnet - eine Veränderung, die die Protagonisten, die sich alle in einer Krise befinden, wieder zu sich finden lässt. Gerade auch dadurch, dass sie sich für andere einsetzen und ihnen zu helfen bereit sind. Schönerweise erzählt Koizumi aber ohne moralische Keule, auch wenn sich das in der Zusammenfassung etwas geballt nach Gutmenschenkino anhören mag. Es ist ein fließender Film, einer mit vielen offenen Möglichkeiten, zu denen er sich hinbewegen könnte, einer, der durch seine Humanität Vertrauen einflößt, auch weil er sich so sanft vorantastet. Zugleich aber überschattet die Präsenz des Todes und der Vergänglichkeit alles - eine Thematik als Gegenpol, die den Film in Balance hält. Und so geht es also eher darum, im Angesicht der Vergeblichkeit des menschlichen Tuns seinen Frieden mit dem Leben zu machen - und dem Lebensweg, den man eingeschlagen hat. Sehr, sehr schöner Film.

***

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Solang ich lebe / Jab Tak Hai Jaan (Yash Chopra, Indien 2012)

Der stille Eigenbrötler Samar (Shah Rukh Khan) arbeitet für das indische Militär als Bombenentschärfer, wo er sich einen legendären Ruf als "Mann, der nicht sterben kann" erworben hat. Im Gegensatz zu seinen Kollegen trägt er bei seinen Einsätzen nämlich keinen der dicken, unförmigen Schutzanzüge und Gesichtsmasken, sondern geht mit bloßen Händen und im Grünzeug an die Sache ran. Weshalb nun der schöne Unzugängliche so rücksictslos mit seinem Leben spielt, diese Geschichte erzählt JAB TAK HAI JAAN.
Es ist freilich die Geschichte einer unerfüllten Liebe, die hinter seinem persönlichen Unglück steht. Die eines Schwurs im Geiste der Religion, die seine Geliebte von ihm fernhält. In einem Rückblick blättert der Film die Geschichte der beiden ungleichen Liebenden auf: in London soll die schöne Meera (Katrina Kaif), Erbin eines Supermarkt-Tycoons (Anupam Kher), an einen erfolgreichen Karrieremenschen verheiratet werden. Da sie der Augapfel des Vaters ist, wagt sie nicht zu widers…

The Handmaiden / Die Taschendiebin (Park Chan-wook, Südkorea 2016)

Das ungute Gefühl, vom Regisseur an der Nase herum geführt zu werden, das kann man bei Filmen mit Twists sehr schnell bekommen. Wenn sich nun einer, der dafür bekannt ist, jeden Millimeter seiner filmischen Erzählung genau zu vermessen wie eine architektonische Zeichnung, dann wundert es nicht, dass sich dieser Mann einen Roman wie Sarah Waters' The Handmaiden zur Vorlage seines neuesten Filmes nimmt. Der Roman, der im viktorianischen London des 19. Jahrhunderts spielt (und dann auf einem Landgut draußen im Themsetal) wird von Park ins Korea des 20. Jahrhunderts versetzt, in eine Zeit in den 30ern, in der die japanischen Truppen sich im Land breit gemacht haben. Offensichtlichste Referenz ist das Gebäude, in dem The Handmaiden dann erstmal die erste Filmhälfte über spielt. Das Haupthaus ist ein westliches Herrschaftsgebäude, das durchaus auch in Europa stehen könnte oder in den Hammer Studios, die Anbauten aber sind koreanischer und japanischer Art. Besonders auffällig wird das …

The Ebb of Forgetting (Liryc Dela Cruz, Philippinen 2016)

Liryc de la Cruz is a young filmmaker from Mindanao, the Philippines, and was an assistant to Lav Diaz a couple of times (e.g. duringNorte, the End of History)."Like walking through an endless dream"is a line that preludes the opening scene and what follows is the meanderings of a woman through woods and brushland, until she finally arrives at some kind of seashore - in search of another person which might exist only in her own troubled mind. You can obviously see and feel the influence of Lav Diaz in the imagery and the pictures of the first half of this 17 minute short film. So, this starts like a tribute to him, a continuation maybe that might give the filmmaker its own place in cinematic history. 
It definitely is film about remembrance aswell, which is more obvious in the second half. It is very open in its structure and towards a possible meaning. I guess, you could read some political meaning into it, too, as the Philippines have got a heavily burdenend history of po…