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Love Exposure / Ai no mukidashi (Sion Sono, Japan 2008)


"Meine Filme handeln von Sünde, Perversion und Erektion."  Sion Sono 

Auf der Berlinale hatte Sion Sonos Hentai-Familiendrama ordentlich abgeräumt: er war der Gewinner des FIPRESCI-Preises der unabhängigen Jury der Filmkritiker. Vier Stunden lang, bisweilen ziemlich exzessiv, graphisch sehr deutlich. Und in seiner thematischen Ausrichtung mit Fokus auf den von seinem Vater-Priester in die Sünde hinein getriebenen Sohn Yu, der sich einer Gruppe selbsternannter Perverser in Shibuya anschließt, die sich ausschließlich dem Photographieren von Damenhöschen widmen (sog. panchira), auch ziemlich radikal. Kaputte Familienverhältnisse und ein verklemmtes Verhältnis zur eigenen Sexualität machen aus Yu einen "Hentai", der so natürlich überhaupt keine Chance mehr hat, auf normalem Wege ein Mädchen kennenzulernen. Er wartet also auf ein "Wunder", das, groß angekündigt, sich auch in Filmmitte dann ereignet: da begegnet er seiner "Maria", einer späteren Mitschülerin, der er, verkleidet als Sasori (eine klare Anspielung auf die Sasori von und mit Meiko Kaji), bei einem Straßenkampf gegen eine Männerbande verteidigen kann. Allerdings verliebt sich diese in eben jene Sasori - und nicht in Yu. Dumm gelaufen. Obiges Bild zeigt jedoch eine rivalisierende Frauenbande, die plötzlich wie aus dem Nichts auftaucht, angeführt von der gerissen-diabolischen Sakura Ando (und ihrem Wellensittich, der in ihrem Dekolleté wohnt), die sich als Vorsteherin einer Sekte offenbart, der sog. "Zero Church", die ihren Mitgliedern zwar ewiges Glück verspricht, aber sie dabei um ihre Freiheit und das Ersparte bringt. Yu jedenfalls kämpft um die Liebe seiner Maria, da sie die einzige Frau ist, bei der er einen ordentlichen Ständer bekommen kann.

Sion Sonos Kunst ist es nun nicht zuletzt, dass er aus diesen vielen verschiedenen Erzählsträngen, die alle randvoll sind mit Irrsinn, Trauer, Gewalt, Sexualität, Glaubensquatsch, Opulenz, Manierismen, Pathos und Orientierungslosigkeit einen schlüssigen, stets glaubhaften und nachvollziehbaren Film macht. Einer, der Power hat und unterhält, zu Tränen rührt. Und wem der Film zu lang ist, dem sei gesagt, dass er ursprünglich ganze sechs Stunden hätte gehen sollen, und nur die Macht der Produzenten den Regisseur bändigen konnte. Schade, ein solcher Director's Cut wäre das Sahnehäubchen auf dem Blu-ray Release von Rapid Eye Movies gewesen. Ein Film, der schon ein moderner Klassiker geworden ist und den das British Film Institute (BFI) zu den einflussreichsten Filmen seit 2000 zählt.

Zur Blu-ray Veröffentlichung:

Nach der schon sehr gelungenen 2DVD-VÖ von REM (mit Bonusmaterial und einem Essay von Rüdiger Suchsland), ist nun als Nachklapp der Film in High Definition erschienen. Das Bild schaut teilweise sehr gut aus, ist dann aber auch, vor allem in den Schwarzwerten bei dunklen Szenen, nicht völlig befriedigend - obwohl angeblich von einem neu abgetasteten Master stammend. Da grieselt es doch ordentlich und flimmert in den Details. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob das vielleicht auch an der Verwendung verschiedener Kameras liegen könnte - Sion Sono würde ich zutrauen, dass er auch kurz mal eine Szene mit der GoPro schießt, wenn es nicht anders geht. Puristen sollten da nochmal tiefer graben. Ansonsten gibt es auch hier wieder Bonusmaterial im Umfang der Dokumentation und einem neuen Text von Tom Mes im Booklet, einem der Macher der stilprägendsten und jüngst leider eingestellten Web-Zeitschrift zum Japanischen Film, midnight eye. Die Texte sind im Stile humoristischer Zeitungsartikel verfasst ("SÜNDIGE TEENAGER BLOSSGESTELLT! SCHNAPPSCHUSS-SKANDAL WEITET SICH AUS von unserem Reporter Tom Mes"), sind sehr unterhaltsam zu lesen, da schön reißerisch, und spoilern freilich den gesamten Filminhalt. Also Vorsicht, das Booklet lieber erst nach dem Filmgenuß lesen. "Hat die japanische Familie noch eine Zukunft?" wird da an einer Stelle gefragt, nun, am Ende des Films ist man vielleicht dahingehend etwas schlauer. Auch wenn die Protagonisten zu diesem Zeitpunkt schon längst in einer Irrenanstalt gelandet sind.

Michael Schleeh

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