Direkt zum Hauptbereich

Funeral Parade of Roses / Bara no soretsu (Toshio Matsumoto, Japan 1969)


 Der Film ist ein Portrait der japanischen Gay-Szene Ende der bewegten Sechziger Jahre. Der Transvestit Eddie rivalisiert mit einer Drag-Queen um die Gunst des Nachtclubbesitzers Gonda (Kurosawa-regular Yoshio Tsuchiya), der sich auch im Drogenmilieu durchzusetzen weiß. Doch im Fokus steht Eddie: seine Leidenschaften, seine Vergangenheit, die Eltern, die Hoffnungen auf die Zukunft. Matsumotos Film (über dessen früheren Kurzfilm THE WEAVERS OF NISHIJIN ich hier etwas geschrieben habe) ist beachtlich in mehrer Hinsicht: nicht nur stellt er einen der sehr frühen, von der Art Theatre Guild produzierten Film dar, der somit unabhängig von der japanischen Filmindustrie produziert und realisiert werden konnte und darauf in den ATG-eigenen Kinos zu sehen war, sondern ist in seinem künstlerischen Anliegen deutlich dem Avantgarde-Film verpflichtet. Matsumoto, der sich zuerst auf dem Feld der Malerei versuchte und über die Photographie und den Dokumentarfilm zum Spielfilm kam, hatte sich in früheren Jahren intensiv mit den europäischen Avantgarde- und Surrealismusbewegungen auseinandergesetzt (was sich im Film auch an mehreren Literaturzitaten zeigt, etwa einem von LeClézio). Das Medium Film bot ihm die Möglichkeit, diese Einflüsse künstlerisch zu bündeln; so ist es auch nicht verwunderlich, daß FUNERAL PARADE ein formensprengendes und narrativ herausforderndes Werk geworden ist, das sich einer normalen Unterhaltungsfilmrezeption verweigert und zunächst bruchstückhaft wahrgenommen wird, bevor sich einzelne Handlungsaspekte zu einer "logischen" und "konsistenten" Erzählung strukturieren lassen.


 Diese Offenheit ist es auch, die den Film so frisch und immer aufs Neue überraschend werden läßt, die den Zuschauer permanent zum Mitdenken auffordert oder beim Bildergenuß ganz alleine läßt. Denn gerade in der Bildgestaltung weiß der Film völlig zu überzeugen, denn hier treffen Originalität und Kreativität auf eine, für damalige Verhältnisse, völlig neue Subkultur, die in den Massenmedien weitgehend ausgeblendet wurde. Daß Matsumoto aber auf die Montage genauso wert legt, ist offensichtlich: der Film ist sehr dicht geschnitten, jede Szene birgt einen verstörenden Aspekt (den man manchmal aufgrund der Subtilität auch erst beim mehrfachen Sehen entdeckt), besser: einen Verfremdungseffekt, der sich am deutlichsten noch in der Verwendung des Scores manifestiert. Der Ton ist hier alles andere als unterstützende Gefühlsverstärkung, jedoch ohne in ein platt-offenkundiges Kontrastverhältnis zu treten, dem man Bauernfängerei vorwerfen könnte. Ein weiteres offensichtliches und ständig die filmische Illusion brechendes Mittel ist die Verwendung von dokumentarischem Material - was soweit getrieben wird, dass die Schauspieler die Produktionsbedingungen reflektieren. Oder auch, wenn slapstickarftige Szenen durch Speed-Ups erzeugt werden. Oder wenn man beim Pornodreh plötzlich das echte Filmset zu sehen bekommt.


 Die Verortung des Films vor einem realen gesellschaftspolitischen Hintergrund (die Demonstrationen gegen den ANPO-Vertrag, die in einer kurzen Sequenz zu sehen sind und dann deutlicher thematisiert werden, wenn Eddie dem Demonstranten den blutenden Kopf verbindet) läßt dem Film jenseits des Portraits der Gay-Szene eine kulturhistorische Dimension zukommen, die ihn aus dem "exotischen Exil" in den allgein-gegenwärtigen Alltag befördern (vgl. A FALSE STUDENT von Yasuzo Masumura, der sich dem Thema auch über ein individuelles Schicksal nähert und das einen Wahnsinn in sich birgt). Er steht also nicht als Experimentalfilm und fremdes Objekt in der Distanz - und ist somit für den brav-biederen Durchschnittsbürger ungefährlich - sondern befindet sich quasi inmitten der Gesellschaft. Auch dadurch bekommt er eine große Kraft - jenseits aller unterdrückter sexueller Bedürfnisse, die hinter Anzug und Krawatte (das unterstelle ich uns allen) im Zaum gehalten werden.


 Die Verwendung des antiken Ödipusstoffes kristallisiert sich erst relativ spät heraus, führt aber am Ende alle Fäden zusammen und walzt den Zuschauer nieder. Nach all der Freiheit ist soviel gebündelte Kraft kollosale Gewalt. Die Posesie des Schlußbildes innerhalb der gesellschaftlichen Verstörung gehört dann zum Eindrücklichsten, was das japanische Kino zu bieten hat.

Michael Schleeh

***
 

Beliebte Posts aus diesem Blog

Ali's Wedding (Jeffrey Walker, Australien 2017)

Nachdem der talentierte aber leider erfolglose Ali die Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium an der Universität von Melbourne verpatzt hat, bringt er es nicht übers Herz, seinem Vater den Misserfolg einzugestehen. Der Sohn war die große  Hoffnung des muslimischen Klerikers, der das Zentrum der arabischen Community darstellt, und höchstes Ansehen genießt. Dass dessen Rivale nur auf einen Misserfolg Alis hofft, um selbst den Platz des Vaters einnehmen zu können, ist ein Seitenerzählstrang, der einen hochinteressanten Handlungsverlauf innerhalb der Moschee voranschiebt.
 Das sind humoristische und tolle Einblicke hinter die Kulissen, die man nicht jeden Tag bekommt. Jedoch: Ali lügt. Er habe hervorragend abgeschlossen - und wird nun als Wunderkind gehandelt und sieht sich alsbald gezwungen, ein Leben an der Uni vorzutäuschen. Dort läuft er aber nicht nur permanent dem Sohn des Konkurrenten seines Vaters über den Weg, sondern auch der schönen Libanesin Dianne, in die er sich Hals über Kopf…

HERRMANN (Reda, Deutschland 2012)

Ein nicht mehr ganz junger Familienvater, der aus der linksalternativen Szene zu stammen scheint und der  mittlerweile wohl ziemlich in der Bürgerlichkeit angekommen ist, verabschiedet sich eines Abends von seiner Frau/Freundin und seinem bereits schlafenden Kind, da er noch auf einen Geburtstag will. Sein halb schelmisch-unterwürfig ausgedrückter Wunsch, anschließend noch kurz aufs Konzert zu gehen (dem ein echtes Begehren zugrunde zu liegen scheint, da seine Stimme schon zu zittern beginnt), wird von der verantwortungsbewußteren, vernünftigen Herzdame mit Stirnrunzeln weggeknutscht. Vermutlich kennt auch sie das Lied von der Punkband Oma Hans, wo die Mädchen auf dem Konzert einfach besser küssen als sonstwo. Da muss sie gar nicht mehr viel zu sagen, es liegt alles in ihrem Blick: er soll halt endlich mal erwachsen werden, dieser Berufsjugendliche. Schließlich gibt es jetzt Familie. Und eigentlich hatte er ja auch schon kapituliert, bevor er überhaupt den Mund aufgemacht hat. Da kan…

Das Lächeln im Angesicht der Tragödie: Yasujirô Shimazus Tonari no Yae-Chan / Our Neighbour, Miss Yae (Japan 1934)

 Als ich vor kurzem einmal wieder Our Neighbour, Miss Yae gesehen hatte, da war das einer von diesen seltenen Momenten, wo man nicht genau weiß, was da eigentlich gerade passiert ist; aber als die Abblende kam, nach dem letzten Bild mit der Kamera in den wolkenverhangenen Himmel hinauf – obwohl sich doch, wenn nicht alles, so doch so manches zum Guten aufgelöst hatte – war ich den Tränen nahe und zutiefst gerührt. Dabei war da gar nichts wirklich Rührseliges passiert, oder gar aufwühlend Melodramatisches. Der Film endet so, wie er anfängt, zumindest auf der Tonspur. Eine liebliche, langgezogen sehnsuchtsvolle Geigenminiatur, die von etwas Herzschmerz aus dem Leben kleiner Leute der unteren Mittelschicht aus irgendeiner japanischen Vorstadt in der Nähe von Tokio verkündet. Einmal sagt die Mutter, heute sei das Wetter so klar, man könne den Fuji sehen, aber das muss man glauben. Im Film taucht er nicht auf. Das ist kein Film für nationale Monumente. Hier wirken Dinge und K…