Direkt zum Hauptbereich

Shubun / Scandal (Akira Kurosawa, Japan 1950)


Die in dem Boulevardblättchen "Amour" publizierte Photographie eines Paparazzos und die dazugedichtete Liebesgeschichte über eine bekannte Sängerin (Yoshiko Yamaguchi) und einen Maler (Toshiro Mifune) löst einen Skandal aus, als die beiden Geschädigten den Mut fassen, sich zu wehren und eine Klage anzustrengen. Ihr Anwalt (Takashi Shimura) ist allerdings ein Trinker und Spieler, der sich unbedachterweise in die Abhängigkeit des Amour-Herausgebers begibt und gezwungen wird, die Interessen seiner Klienten nur pro forma zu vertreten. Doch der Maler Aoye vertraut ihm weiterhin.

SHUBUN, Kurosawas Kommentar zur wiedererlangten Pressefreiheit, beginnt wie eine Liebesromanze, die sich in starken Bildern entfaltet; die Motorradfahrt sei genannt, die erste Annäherung der Protagonisten, Mifunes außerordentliches Screen-Charisma. Als freidenkender, selbstbewußter Künstler scheint er Bäume ausreißen zu können, und man erwartet eine spannungsgeladene Tragikomödie.
Doch leider geht der Film in eine gänzlich andere Richtung. Der kurosawasche Held Aoye, der es wieder einmal mit der ganzen Welt aufnimmt, muß der Figur des Anwalts Platz machen, der in die Zwickmühle zwischen Herz, Pflichtbewußtsein, Trunksucht und Spielleidenschaft gerät. Wohnhaft unweit des Sumpflochs aus DRUNKEN ANGEL und mit einer Praxis in Form eines Bretterverschlags auf dam Dach eines Hochhauses scheint er ein Idealist zu sein, der für seinen Glauben einsteht. Kämen ihm nicht seine Schwächen dazwischen. Shimura, der sich hier immer mit einem Bein im Overacting befindet ist m. E. der interessanteste, weil gebrochene, Charakter der Figuren. Doch mäandert der Film ohne Spannungshöhepunkte durch seinen Plot, und auch die Gerichtsverhandlungen, die so richtig etwas hermachen könnten, tun das nicht.
Warum? Dies liegt auf der Hand. Denn Anwalt Hiruta sind die Hände gebunden. Er läßt seinen Kopf hängen und sagt beinahe gar nichts. Seine Mandanten reitet er in die ***ei*e, doch der Mann schämt sich nur und schaut zu Boden. Man möchte mitleiden, doch ist ebenso genervt, dass wiedermal nichts passiert.
Der positivste Charakter ist Hirutas kranke Tochter, die ihren Vaters sehr gut kennt, und als moralische Instanz zuhaus auf seine Rückkehr wartet. Da sich Hiruta auch ihr gegenüber schämt, ist die Heimkehr nur betrunken zu bestehen. Man sieht: ein Teufelskreis.

Gegen Schluß entscheidet sich Kurosawa zu einem zügigen Ende, das einige Fragen offen läßt. Zum Beispiel wie die beiden Protagonisten nun mit ihrer erwachten Zuneigung umgehen, doch scheint das den Meister nicht zu interessieren. Nun denn. Feierabend. Schade, dass sich Kurosawa einmal mehr für die Moral entschieden hat - die Liebesromanze in der Gesellschaftskritik hätte mich mehr interessiert.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Jugend am Abgrund: Love and Other Cults (Eiji Uchida, Japan 2017)

Der japanische Independent-Film bringt auch heute noch saftige, verbotene Früchte hervor: ein gutes Beispiel ist des Regisseurs Eiji Uchidas vorherige, ebenfalls von Third Window Films produzierte, Meta-Erotikfilm-Groteske LOWLIFE LOVE (2015) mit einem fabelhaft fiesen Kiyohiko Shibukawa in der Hauptrolle. Auch hier gibt es wieder eine starke Protagonistin mit Sairi Ito als Ai, die zuerst als junges Mädchen in ein Jesuscamp gesteckt wird, wo sie einem Messias aus dem Westen huldigt, und später dann auf die schiefe Bahn gerät und im Pornobusiness endet.
 Aber: leider ist das nur die halbe Wahrheit. LOVE AND OTHER CULTS ist bei weitem nicht so dicht gescriptet wie sein Vorgänger, sondern stellt eine ganze Vielzahl an verschiedenen Figuren immer wieder ins Zentrum seiner vielen Geschichten. Eine Entscheidung, die den Film nicht nur in einzelne Episoden zerlegt, sondern insgesamt auch wenig kohärent erscheinen lässt. Und dann kommen noch ein paar Zeitsprünge hinzu und das Chaos ist komp…

Afterlife / Wandâfuru raifu (Hirokazu Kore-eda, Japan 1998)

Angekommen in einem nüchternen Zwischenreich, müssen zehn Verstorbene den schönsten Moment ihres Leben auswählen, um mit dieser Erinnerung anschließend ins Jenseits einzugehen.

Kore-eda ist ein Regisseur der vom Dokumentarfilm kommt. Das sieht man ihm auch bei seinen filmischen Mitteln im feature film an. Die Kreation irrwitziger Filmwelten ist nicht sein Ding. Stets führt die ruhige Kamera in langen Einstellungen "reales" Leben vor, das sich nicht den Gesetzen des Entertainments unterwirft. Lange Einstellungen, Stille, Respekt vor den Menschen, dem kleinen Moment des Besonderen.
Seine Mittel der Authentizitätserzeugung wählt er gründlich: neben den bereits erwähnten technisch-strukturellen Komponenten ist es auch die Wahl der Schauspieler und Laiendarsteller, für die er sich enorm viel Zeit genommen hatte. So werden die Toten (etwa 10 Personen) allesamt von Laien dargestellt, die Kore-eda nach 500 geführten Interviews ausgewählt hatte. Zudem waren nur die Dialoge der profe…

Eine irre und wirre Komödie: CRIME OR PUNISHMENT ?!? (Keralino Sandorovich, Japan 2009)

Eine wirre und irre Komödie aus Japan, die auf einem Theaterstück desselben Regisseurs basiert. Einzelne Momente, z.B. die komplette Eröffnung mit dem Sararyman ist toll, einzelne Momente und Erzählstränge später - während des recht lange sich anfühlenden Films - ebenso. Leider kann der Film aber weder sein Tempo halten, noch die Aufmerksamkeit des Zuschauers über die gesamte Spieldauer fesseln. Zu sehr fasert er auseinander, zu weit driften die einzelnen Stränge der Handlung auseinander.

Da verwundert es wirklich, dass Regisseur ケラリーノ・サンドロヴィッチ, kurz KERA genannt, alle diese Fäden auch wieder zusammenbringt. Eine reife Leistung! Allerdings muss man sich mehrfach dazu zwingen, bei diesem etwas bemüht wirkenden Film, am Ball zu bleiben. Das gelingt aber immer wieder dann doch, weil der Film niemals ganz abstinkt, oder die SchauspielerInnen zu gut sind. Zu gut für ihre Rollen, möchte man manchmal meinen. Und so Leute wie eine Sakura Ando taucht dann auch plötzlich auf - m…