Direkt zum Hauptbereich

Berlinale 2013: Kai Po Che / Brothers for Life (Abhishek Kapoor, Indien 2013)


Indien in den frühen 2000er Jahren: die drei besten Freunde Ishaan (Sushant Singh Rajput), Omid (Amit Sadh) und Govind (Raj Kumar Yadav) sind unzertrennlich, streunen voller Euphorie durchs Leben und wissen doch nicht genau, wohin sie eigentlich wollen - die Verpflichtungen des Erwachsenseins melden sich immer dringlicher und das schlechte Gewissen wird größer. Insbesondere Ishaan, der von Cricket total besessen ist, hat einen Hang zum Cholerischen und scheint auch der größte Tagedieb der drei Freunde zu sein. Da kommt ihnen der scheinbar geniale Gedanke, die Leidenschaft zur Geschäftsidee zu machen und sie eröffnen eine Cricket-Fachgeschäft mit angeschlossener Sportschule, da sich hinter dem Laden eine große ungenutzte Fläche befindet. Ishaan soll trainieren, Govind als der Vernünftigste kümmert sich um die Finanzen und wird der Manager, Omid besorgt das Startkapital. Doch der Onkel, der finanziell einspringt und in dessen Schuld sie nun stehen, verpflichtet Omid in seine Partei einzutreten und wird dort immer stärker involviert. Da entwickelt sich Ahmedabad zum Pulverfass, als die Unruhen zwischen Hindus und Muslimen eskalieren. Ausgerechnet jetzt, wo Ishaan ein muslimisches Cricket-Naturtalent ausgemacht hat, einen Jungen aus einer armen Familie, den er unter seine Fittiche genommen hat und zum Profi ausbilden möchte.

KAI PO CHE bedeutet -laut wikipedia- soviel wie: "I have cut the kite!" und bezieht sich auf eine Szene, in der die drei Freunde als Rivalen mit Lenkdrachen gegeneinander antreten - und wird aber gegen später im Film auch immer wieder als Zeichen des Jubels und Ausdruck der spielerischen Rivalität genutzt. Denn auch genau darum dreht sich dann der Film: um eine große Freundschaft, die auseinanderzubrechen droht. Die zerrieben wird in den Mühlen des Alltags, in den Streitereien über die Zukunft, in den sich anbahnenden Konflikten. Etwa wenn der zurückhaltende Govind von Ishaans Schwester Vidya (Amrita Puri) augenzwinkernd provoziert wird, der er eigentlich Nachhilfeunterricht geben soll. Und bald schon kann er ihr nicht mehr widerstehen und es entwickelt sich eine romantische Beziehung im Geheimen. Eine besondere Attraktion des Films sind die Locations: die Altstadt Ahmedabads in Gujarat, die unüberschaubar ist, mit engen Straßen und Gässchen, Ecken und Winkeln, geheimen Abkürzungen, mit Schleichwegen über und durch dir Häuser hindurch. Und wenn der Film am Anfang recht harmonisch und wie von leichter Hand inszeniert ist, so kippt die Stimmung zusehends. Spätestens mit den sich verschärfenden religiösen wie politischen Konflikten wird es hier ernst. Eine erste Verfolgungsjagd zeigt dann urplötzlich, wozu man inszenatorisch in der Lage ist (jenseits von der überkitschigen Inszenierung von eingeölten Bauchmuskeln und angedeuteter Männerliebe), das Tempo zieht gewaltig an, und der Film wird richtig düster. Nach den taghellen Bildern in Ockerfarben wird es nachtschwarz, böse und brutal - es beginnt die Nacht der blutigen Schwerter. Da wird aus KAI PO CHE ein atemloses Gewaltbrett, das einen in den Kinosessel presst - und man kann sich beileibe nicht vorstellen, dass dieser Film in seiner Ausweglosigkeit gut ausgehen kann.

Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Aido: Slave of Love (Susumu Hani, Japan 1969)

Here are some pictures I took during a private screening of Susumu Hani's extremely rare and seldom seen feature film  AIDO - SLAVE OF LOVE , which is the movie Hani made after the famous NANAMI: INFERNO OF FIRST LOVE. The film is beautifully shot, completely absorbing and structurally abandoning all narrative consensus - it is somehow - for most of the time - a subjective trip into the mind of the protagonist Shusei (Kenzo Kawarasaki). As you can asume, a dreamlike state predominates the film; and with its' devotion to extensively focussing on the details of the body while making love, presented in detailed close-ups, aswell as its' beautifully daring setpieces, it reminded me to some extent of Toshio Matsumoto's experimental oeuvre, as for example in his short film PHANTOM . AIDO was submitted to the competition-section of the 19th Berlin International Film Festival (aka Berlinale) - a fact that is quite astonishing, if you consider the direction the main section of ...

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...

Nippon Connection 2016: Ken and Kazu (Hiroshi Shoji, Japan 2015)

Der Konflikt, der in KEN TO KAZU das Leben der Hauptfiguren ruiniern wird, ist der Spagat zwischen dem Lebensentwurf des kriminellen Kleingangsters und dem einer bürgerlichen Existenz. Als Saki schließlich schwanger wird, setzt sie ihren Freund Ken mächtig unter Druck: endlich mit Kazu zu brechen und ein ordentliches Leben zu beginnen. Etwas, was Ken ihr wohl schon mehrfach versprochen hat, aber anscheinend nicht einhalten wollte. Die Spuren seines unsteten und kriminellen Lebenswandels werden ihm während des Films mehrfach entlarvend ins Gesicht geschrieben: Kratzer auf den Wangen, eine blutige Nase, Schwellungen und blaue Flecken von Prügeleien. Und so muss sich Ken entscheiden, ob er eine Familie gründen und es bei den Einkünften aus seiner Autowerkstatt belassen will, oder ob er dem ständigen Drängen des penetrant grenzüberschreitenden, brutalen Kazu nachgibt und weiterhin Drogen verhökert. Doch Ken kommt nicht gegen ihn an, er wirkt eingeschüchtert und scheint zuviel Angst vo...