Direkt zum Hauptbereich

Be Sure to Share / Chanto Tsutaeru (Sion Sono, Japan 2009)


Ein ruhiger, melodramatischer Film Sion Sonos. Ohne Blut, fast ohne Gewalt - ein bei uns weniger wahrgenommer Aspekt im Oeuvre des hauptsächlich auf seine Skandalfilme reduzierten Regisseurs. Aber Sonos Bandbreite ist größer (vgl. der hier besprochene INTO A DREAM von 2005) - gleichwohl ist der Film so etwas wie der ruhende Pol zwischen Filmen wie EXTE und LOVE EXPOSURE (davor) und COLD FISH (danach). BE SURE TO SHARE ist ein gefühlvolles Krankendrama, das zwischen Erwachsenwerden, Erinnerung, und Familie hin und her gleitet und dabei die Brüche offenlegt, die man in solch fragilen Gefügen nur allzu gerne zu übersehen bereit ist.

In der Hauptrolle des Shiro ein Pop-Idol, Akira von der Band Exile. Seine süße Freundin wird von Ayumi Ito gespielt, die man vielleicht aus GANTZ! kennt, oder als Akemi in INTERIOR DESIGN aus dem omnibus-Film TOKYO! Eiji Okuda spielt den Vater, um dessen Anerkennung Shiro kämpft. Die Zeit jedoch wird knapp, mit einer Krebsdiagnose liegt das Familienoberhaupt im Krankenhaus. Und ihr Verhältnis war alles andere als herzlich, wie die zahlreichen Flashbacks in die Jugend Shiros belegen: sein Vater, der zugleich der Sportlehrer war, hat seinen Sohn, um ihn nicht den anderen Schülern zu bevorzugen, besonders hart rangenommen. Erst später gab es dann eine emotionale Annäherung - ein sowieso schwieriges Thema im japanischen Familiengefüge -, und so ist das gemeinsame Sehnsuchtsziel ein Angel-Trip zu einem nahegelegenen See. Doch auch seine seit Jahren andauernde Freundschaft mit Yoko bewegt sich nicht voran. Diese wartet auf ein Zeichen des schüchternen Jungen, beide sind Ende 20 und müssten dringend heiraten. Auch Shiros Mutter ist diese offene Beziehung ein Dorn im Auge.

In der Auflistung der Ereignisse wird das melodramatische Potenzial des Films deutlich - Shiro kauft sich sogar noch eine Angel, um dem Vater die Dringlichkeit seiner Genesung klar zu machen. Und dann erfolgt die Potenzierung der Schicksalsschläge - tragische Ironie der Ereignisse: bald sogar wird Shiro mit einem Krebsleiden diagnostiziert, was er aber der Familie verschweigt. Und nur Yoko bekommt schließlich die Wahrheit zu hören. BE SURE TO SHARE hätte ein wahrlich furchtbarer Film werden können - nicht aber bei einem Mann wie Sono. Ruhig ist der Film inszeniert, wie in einem Kammerspiel völlig von den Figuren und dem souveränen Schauspiel der Darsteller getragen. Ohne Bombast und Pomp, ohne Schmalz inszeniert, allenfalls mit einem Hang zum Grotesken, was sich etwa in der Szene der Begräbnisprozession zeigt. Dadurch bekommt der Film einen emotionalen Grip, den ich ihm nicht zugetraut hätte. Es ist ein Film, der sich Zeit lässt, und doch nie manieristisch wird. Ein Jugendfilm, ein Coming-of-Age-Film, ein Generationendrama mit impliziter Gesellschaftskritik, die sich wie im Vorbeigehen entwickelt. Weder die Landschaften, noch die Sets tragen auf - der Film zeichnet sich durch seine Lakonie aus, und das in jeder Hinsicht. Dafür, dass er sein Gerüst auf so vielen Stereotypen aufbaut, ist dieser "kleine" Film aus dem japanischen Alltag sehr gelungen, und dann doch wieder - aus den richtigen Gründen - ein großer.

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

A Pool without Water / Mizu no nai puuru (Kôji Wakamatsu, 1982)

Überdeutlich ein Film der 80er Jahre: körnige Farbflächen, Neonlicht, Großstadt. Melancholische Synthieflächen zu den Gesichtern von Menschen, die sich in sich selbst zurückgezogen haben. Da ist ein Familienvater, der den Alltag nicht mehr erträgt: er arbeitet bei den Verkehrsbetrieben, steht den ganzen Tag am Eingang zur U-Bahn und muss Fahrscheine entwerten. Auf dem Screenshot oben sieht man seine Hand mit dem Locher, den er in rasender Geschwindigkeit und in panischen Rhythmen zusammenklackert, ein Stakkato zur elegischen Hintergrundmusik. Ein sprechendes Bild ist das: äußerlich scheint er völlig ruhig zu sein und abgetaucht in die Monotonie seiner endlos öden Arbeit - dieses Detail aber offenbart, wie sehr er innerlich aufgeladen ist. Diese Spannung überträgt sich bald auf die Handlung und findet ein Ventil - mehrfach wird er Zeuge, wie verschiedene Menschen, meist Frauen, Opfer von Rücksichtslosigkeiten, rüpelhaftem Benehmen oder gar körperlicher Gewalt werden. Da ist er d

Tora-san: Our Lovable Tramp / Otoko wa tsurai yo / Tora-San 1 (Yoji Yamada, Japan 1969)

Nach zwanzig langen Jahren des Umherstreifens kehrt Torajiro (Kiyoshi Atsumi) nach Hause zurück: nach Shibamata, einem Vorort von Tokyo. Seine Schwester Sakura (Chieko Baisho) lebt mittlerweile bei Onkel und Tante, da die Eltern verstorben sind. Dort wird er mit offenen Armen empfangen, auch wenn alle wissen, was er für ein Herumtreiber ist. Sakura steht kurz vor der Hochzeit mit dem Sohn eines reichen Industriellen. Somit wäre für ihre Absicherung gesorgt. Zum gemeinsamen Essen mit dessen Eltern nimmt sie Tora als Begleitung mit; das allerdings war ein Fehler: in fantastisch kopfloser Weise betrinkt er sich und ruiniert mit seiner gespielten weltläufigen Gesprächsführung die Zusammenkunft - er verstößt in jeder Form gegen die gebotene Etiquette. Wie er auch im Folgenden, wenn er sich in die Brust wirft, um etwas für andere zu regeln, ein pures Chaos schafft und alles durcheinander bringt. Der Film allerdings ist keine reine Komödie. Denn Tora werden die Verfehlungen vorgehal

The Journalist (Michito Fujii, Japan 2019) - im Rahmen der Nippon Connection 2020

 Wie japanische Kommunikation funktioniert. Das Unausgesprochene zwischen den Wörtern und das Lesen des leeren Raums, das ist etwas, was man sehr schön in diesem Film beobachten kann. Ein Film, in dem eine Reporterin mit einem regierungsinternen Mitarbeiter einen Skandal aufdeckt. Beide Figuren, mit beschädigten Biographien, befinden sich an Schwellenmomenten in ihrem Leben. Sie merken, dass es so nicht mehr weiter gehen kann. Und so wird in diesem Film die Aufdeckung des Falls kurzgeschlossen mit dem Entwicklungsprozeß, der das eigene, persönliche Leben betrifft. Das ist ziemlich gut gemacht und steigert sich bis gegen Ende in ein tolles, sprachloses Finale. Nicht so gut hingegen ist das aufdringlich entmenschlichte Color-Grading des Films, das jede Wärme in schattig kalten Blautönen erstickt. Auch die rasenden Untertitel, die nicht nur dem dialoglastigen Film folgen müssen (wenn mal geredet wird, dann atemlos und unter Druck), sondern auch den vielen eingespielten Te