Direkt zum Hauptbereich

Nippon Connection 2014: Lesson of the Evil / Aku no kyôten (Takashi Miike, Japan 2012)


Takashi Miike hat einen dunklen, sehr dunklen Film gemacht: tiefe Blautöne, die seine Bilder einhüllen, in Kälte, Einsamkeit, Verschlossenheit. Das Menschliche ist ihnen ziemlich ausgetrieben. Beinahe so stilisiert wie der umjubelte CONFESSIONS befinden wir uns auch hier an einer Schule, in der in diesem Film jedoch ein Serienmörder umgeht. Und der Zuschauer weiß schon früh Bescheid: es ist der gutaussehende, sympathische Lehrer Hasumi (Hideaki Ito), der Dank eines Kindheitstraumas nun so einige psychologische Defekte mitbringt. Auch er tötet zunächst seine Mutter (wie der Killer in Werner Herzogs My Son My Son, What Have Ye Done? - allerdings ein über weite Strecken tagheller Film), nun Hasumi aber, der Hand an seine Schüler legt. Im wörtlichen Sinne. Zuerst diejenigen, die ihm (und anderen) irgendwie quer kommen ("bullying"), dann aber auch Mädchen, mit denen er Sex hat, und so einige mehr. Eine merkwürdige, tranceartige Szene spielt den Compagnon namens Clay ein, einen Bruder im Geiste (wie auch in Taten) und Amerikaner, den er bei seinen Arbeitsverhältnissen in den USA kennenlernte - doch auch den macht er bald kalt - was kann schon so ein Amerikaner im Vergleich zu den Japanern! Miike rechnet hier auf Serienkillerebene nochmal mit dem alten Feind aus dem Zweiten Weltkrieg ab. Also: dieser Film ist irgendwie auch eine schwarze Komödie.

Auch mit über 50 Jahren haut Miike die Filme reihenweise heraus, alleine drei im Jahr 2012, insgesamt schon weit über 90 in seiner Karriere. Das ist ein Arbeiten am Gesamtwerk, das man sehr schätzen kann. Eines, das mit seinem japanischen Studiosystem schwer im Gegensatz zum europäischen Geniegedanken steht, und ich persönlich finde es bewundernswert, welches Niveau hier durchweg erreicht und gehalten wird. Allerdings, das muss man auch ganz deutlich sagen: eine persönliche Handschrift geht Lesson of the Evil weitestgehend ab. Zwar lassen sich einige Überdrehtheiten finden, die man sehr gut ins Schaffen Miikes einsortieren kann, overall gesehen ist dieser Film aber - so gut er unterhalten mag - recht gesichtslos. Eher die frühen Flme David Cronenbergs kommen einem in den Sinn, wenn urplötzlich mutierende Gewebewesen auftauchen und dem Protagonisten Teuflisches einflüstern. Das Böse materialisiert sich da ganz gegenständlich - und keineswegs ist das klar, ob das nur die wahnhaften Augen des durchgedrehten Lehrers Hasumin erkennen können. Vielmehr drängt der Film zur Annahme, Hasumin sei gerade kein Verrückter, sondern einer, der ein Spiel spiele.

Am Ende, als die Schüler über Nacht im Gebäude bleiben und das Abschlussfest vorbereiten, inklusive Geisterbahn, da kommt es zum erwartbaren Gemetzel. Und die Rücksichtslosigkeit, mit der hier das Splatterfest losgetreten wird, erstaunt schon. Zunächst müssen wieder die Schüler herhalten, die negativ aufgefallen waren. Das erinnert in seiner Gewalt gegen die Schulkinder doch sehr an Kinji Fukasakus Battle Royale, wo das Morden ebenfalls einen erzieherischen Effekt auf die Eleven haben soll und der sich völlig an den zynischen Praktiken einer durch die Medien irre gewordenen Gesellschaft besäuft. Oder an den nach Rache sinnenden Lehrer in Tetsuya Nakashimas Confessions. Lesson of the Evil ist da einfacher gestrickt, geradliniger vielleicht. Allzugerne vergisst man dabei allerdings, dass Hasumin ein Fan Betolt Brechts ist und dessen Dreigroschenoper verehrt. Mehrfach summt er das Lied, bzw. Die Moritat von Mackie Messer vor sich hin. Neben der bekannten Haifischstelle* am Beginn lautet die vorletzte Strophe so:

Und das große Feuer in Soho
Sieben Kinder und ein Greis
In der Menge Mackie Messer, den
Man nichts fragt, und der nichts weiß.

 So eben endet auch Miikes Film: mit einem großen Feuer im Schulgebäude. Und Mackie Messer aka. Hasumin verschwindet "in der Menge", da er sich als Unschuldigen tarnt. Der Übeltäter sei freilich dieser andere Lehrer gewesen, von dem alle immer sagten, er sei ein wenig verschroben gewesen. Um seine These zu belegen, verletzt er sich selbst am Kopf und legst sich Handschellen an. Man glaubt ihm, und er wird "nichts gefragt". Aber dann gibt es doch noch einen Twist, ein Ereignis, an das Hasumin nicht gedacht hatte. In so einem Chaos kann eben auch Mackie Messer noch etwas Wichtiges entgehen, so will es das Drehbuch. Lesson of the Evil ist ein schwer unterhaltsamer Film, und er bekommt offensichtlich eine Fortsetzung. An den großartigen 13 Assassins kommt er aber meines Erachtens nicht heran.

***

*
Und der Haifisch, der hat Zähne
Und die trägt er im Gesicht
Und Macheath, der hat ein Messer
Doch das Messer sieht man nicht.

Und es sind des Haifischs Flossen
Rot, wenn dieser Blut vergießt
Mackie Messer trägt ’nen Handschuh
Drauf man keine Untat liest

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Tora-san: Our Lovable Tramp / Otoko wa tsurai yo / Tora-San 1 (Yoji Yamada, Japan 1969)

Nach zwanzig langen Jahren des Umherstreifens kehrt Torajiro (Kiyoshi Atsumi) nach Hause zurück: nach Shibamata, einem Vorort von Tokyo. Seine Schwester Sakura (Chieko Baisho) lebt mittlerweile bei Onkel und Tante, da die Eltern verstorben sind. Dort wird er mit offenen Armen empfangen, auch wenn alle wissen, was er für ein Herumtreiber ist. Sakura steht kurz vor der Hochzeit mit dem Sohn eines reichen Industriellen. Somit wäre für ihre Absicherung gesorgt. Zum gemeinsamen Essen mit dessen Eltern nimmt sie Tora als Begleitung mit; das allerdings war ein Fehler: in fantastisch kopfloser Weise betrinkt er sich und ruiniert mit seiner gespielten weltläufigen Gesprächsführung die Zusammenkunft - er verstößt in jeder Form gegen die gebotene Etiquette. Wie er auch im Folgenden, wenn er sich in die Brust wirft, um etwas für andere zu regeln, ein pures Chaos schafft und alles durcheinander bringt. Der Film allerdings ist keine reine Komödie. Denn Tora werden die Verfehlungen vorgehal

Eighteen Years, to the Sea / 十八歳、海へ (Toshiya Fujita, Japan 1979)

 Toshiya Fujita (Regisseur von z.B. den LADY SNOWBLOOD-Filmen oder STRAY CAT ROCK: WILD JUMBO ) liefert hier einen typischen japanischen End-70er-Jahre Genrebeitrag ab, in dem sich "Junge Wilde" in ihrem ganzen übersatten Ennui dermaßen anöden, dass sie auch mal dieses Ding mit dem Doppel-Liebestod ausprobieren wollen. Existenziellere Nöte gibt es kaum, sie sind sogar in ihrer Abschlußklasse ganz vorne auf der Liste. Die Eltern haben alle Geld, aber man kann es sich leisten, es nicht annehmen zu wollen.  Also geht man in Kamakura ins Meer, legt sich mit einer Bikergang an, nimmt Schlaftabletten (aber immer nur eine) und erhängt sich zum Spaß mit einem Seil, das schon ganz verrottet ist und auf jeden Fall reißt.  Ansonsten gibt es viel unbeholfenen Sex, der schnell in Gewalt ausartet, einmal auch in eine (fürs Genre obligatorische) Vergewaltigung, an deren Ende das Opfer den Täter sogar noch bittet, sich zukünftig um die Schwester zu kümmern.  Es ist alles wunderbar absurd, un

A Life Turned Upside Down: My Dad's an Alcoholic (Kenji Katagiri, Japan 2020) ~ im Rahmen der Nippon Connection 2020

 Was wie eine beschwingte Komödie beginnt, gerät allzubald zur Tragödie. Hätte man ahnen können, denn die Rollenwahl des Schauspielers Kiyohiko Shibukawa ist selten frei von gebrochenen Charakteren.  So auch hier: ein Familienvater, der sich, wie in Japan üblich, viel zu wenig um seine Familie kümmert, dafür umso mehr um seinen Job, bringt eben diese an den Rand des Zusammenbruchs. Weshalb? Ganz einfach: die Gewohnheit, abends noch ein paar Gläser trinken zu gehen, wird irgendwann zur Sucht. So ist bald jede Ausrede recht, um sich total ins Orbit zu schießen. Und am Anfang ist der Film auch inszeniert wie ein Sommerwind, der frisch durchs Fenster hereinweht. Wie sollte man diesem Charakterkopf mit dem Dauergrinsen und den hochgezogenen Augenbrauen auch böse sein! Doch er treibt seine Frau in den Wahnsinn, bzw. zunächst in den religiösen Fanatismus, und seine beiden Töchter in die innere Isolation. Hauptsache, er kann mit seinen Saufkumpanen die Mühen das Alltags mit ordent