Direkt zum Hauptbereich

Monsters Club / Monsutazu Kurabu (Toshiaki Toyoda, Japan 2011)



Die moderne Zivilisation hinter sich lassend, lebt Ryoichi (Eita) self-sufficient und einsam in einer Hütte in den tief verschneiten Bergen. Immer wieder versendet er Pakete, selbst gebastelte Bomben, an Vorstände von Firmen oder von Fernsehanstalten. Eines Tages begegnet er in den Wäldern einer merkwürdigen Kreatur, einem Schneemonster, das dann immer wieder urplötzlich auftaucht und ihn dazu zwingt, sich mit der dunklen Vergangenheit seiner Familie und seiner eigenen Biographie auseinanderzusetzen.

Monsters Club ist ein Schneefilm. Und er ist schwer symbolisch. Der zunächst so souverän wirkende (Anti-) Held Ryoichi wird zunehmend demontiert, als seine Schwächen deutlicher zu Tage treten. Da gibt es unterdrückte Schuldgefühle und eine nicht aufgearbeitete Familiengeschichte, eine tote Mutter, ein toter Vater, zwei tote Brüder. Und so wundert es auch nicht, dass die Monster - eines sieht aus wie ein missglückter Schneemann, ein später erscheinendes ist ein in blutrot zugekleistertes, hungriges Wesen - nur psychisch, für Ryoichi aber dennoch physisch real vorhanden sind. Er wird sprichwörtlich von seinen Dämonen eingeholt. Manchesmal wähnt man sich in einem der früheren Filme von David Cronenberg, wenn die psychischen Zustände des Helden als konkrete Manifestationen ins Bild treten. 

Das ist aber nur die eine Seite des Films. Die andere ist die poetische. Monsters Club sieht unheimlich toll aus, die weiten Landschaften, der enge Wald, alles tief verschneit, die Schneestürme, das Feuer in der Hütte und der konzentrierte Ryoichi beim Bauen der Bomben. Auch Literatur spielt eine große Rolle im Film, insbesondere die Gedichte Kenji Miyazawas, über die er einmal mit seiner Schwester spricht, als sie ihn gegen seinen Willen in der Bergwildnis aufsucht. Literatur, auch ein weiterer Anknüpfungspunkt zu einem der toten Brüder, wie auch zu innerjapanischen Rückzugskontexten, die in der Souveränität des Ichs einen Gegenpol zur Aufgabe desselben im Funktionieren in der Gesellschaft darstellt. Ein Aspekt, der an einer Stelle auch ausführlicher durch ein Voice over thematisiert wird.

Der Film lief auf allen größeren asiatischen Filmfestivals dieser Welt. Umso verwunderlicher, dass er scheinbar so völlig in der Versenkung verschwunden ist. Möglicherweise sind seine Langsamkeit und seine Stille Gründe dafür. Wie der Protagonist, so könnte man eine Analogie bilden, hat sich auch dieser, wie ich finde: hervorragende Film, aus der Welt zurückgezogen.






***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...

Shinjuku Mad (Kôji Wakamatsu, Japan 1970)

Der Film beginnt wie ein jazziges Requiem: zu sowohl swingender wie melancholischer Musik läuft die Kamera (wie der Protagonist) durch die Straßen Shinjukus und überall liegen Leichen oder schwerverletzte Jugendliche herum. Ein Gefühl von Vergeblichkeit und Hoffnungslosigkeitg, von Entsetzen macht sich breit. In einem amerikanischen Film wäre das nun die Ausgangslage, und in einem Rückblick würde man sehen, wie es zu diesem Desaster gekommen ist. Nicht so bei Wakamatsu, der von seinen Zuschauern zu wissen erwarten kann, dass man es hier mit den Aufständen der Studenten zu tun hat, die Mitte und Ende der 60er gegen den Staat und das Militär die Stimme und auch ihre Fäuste erhoben, eine Gemeinschaft der Revolte, mit Splittergruppen der Japanischen Roten Armee, oder sonst einer radikalisierten linken Zelle. Vielleicht waren es aber auch nur Künstler oder Hippies, die hier ihr Leben lassen mussten. Vor diesem politischen Hintergrund spielt sich das persönliche Drama eines Vaters ab,...

Eighteen Years, to the Sea / 十八歳、海へ (Toshiya Fujita, Japan 1979)

 Toshiya Fujita (Regisseur von z.B. den LADY SNOWBLOOD-Filmen oder STRAY CAT ROCK: WILD JUMBO ) liefert hier einen typischen japanischen End-70er-Jahre Genrebeitrag ab, in dem sich "Junge Wilde" in ihrem ganzen übersatten Ennui dermaßen anöden, dass sie auch mal dieses Ding mit dem Doppel-Liebestod ausprobieren wollen. Existenziellere Nöte gibt es kaum, sie sind sogar in ihrer Abschlußklasse ganz vorne auf der Liste. Die Eltern haben alle Geld, aber man kann es sich leisten, es nicht annehmen zu wollen.  Also geht man in Kamakura ins Meer, legt sich mit einer Bikergang an, nimmt Schlaftabletten (aber immer nur eine) und erhängt sich zum Spaß mit einem Seil, das schon ganz verrottet ist und auf jeden Fall reißt.  Ansonsten gibt es viel unbeholfenen Sex, der schnell in Gewalt ausartet, einmal auch in eine (fürs Genre obligatorische) Vergewaltigung, an deren Ende das Opfer den Täter sogar noch bittet, sich zukünftig um die Schwester zu kümmern.  Es ist alles wunderbar a...