Direkt zum Hauptbereich

Ship of Theseus (Anand Gandhi, Indien 2013)


Nicht nur in Toronto, sondern etwa auch in Mumbai oder Rotterdam, wo der Film auf den namhaften Festivals lief, war die Rezeption geradezu enthusiastisch. Ein mutiger Film sei es, von umwerfender Schönheit, der wichtigste Film aus Indien seit langer Zeit. Ein gewichtiger Film, der Fragen nach Identität, Tod, Gemeinschaft und Verantwortung stellt - der Film eines neuen Indiens, das nun auch international mitspielen könne. Ganz so, als hätte es nie ein unabhängiges Kino in Indien gegeben, das bengalische Parallel Cinema und dessen Erben, die Vielfältigkeit der verschiedenen indischen Regionalkinematographien oder als sei der Koloss Bollywood prinzipiell despektierlich. Eines allerdings verströmt Ship of Theseus enorm: den Geruch nach Weltkino, das auf internationalem Festival-Parkett mitspielen möchte.

In der ersten der drei Kurzgeschichten darüber, wie die moderne Transplantationsmedizin das Leben der Menschen grundlegend verändern kann, wird die ungewöhnliche Geschichte einer blinden Photographin (!) erzählt, die nach einer Netzhauttransplantation wieder sehen kann. Daraufhin verändert sich natürlich, nach erster Faszination, aber vor allem der Blick auf die Welt und der künstlerische Zugang zum "Material Welt" - ihr Zugang zur Kunst ist nun ein völlig anderer. Es stellt sich die Frage, ob sie nun noch dieselbe Person ist, wie zuvor, ihre Kunst dieselbe bleiben kann oder sich zwangsläufig verändern muss (ganz abgesehen davon, dass eine Stagnation sowieso nicht erstrebenswert sein kann). Es ist also eine Frage nach der Identität des Menschen, vor allem des künstlerischen Subjekts. Darüber, wie Teile oder Aspekte eines Ichs oder genereller: einer Einheit ausgetauscht oder ersetzt werden wie eben im titelgebenden, philosophischen Paradoxon des Schiffs des Theseus, und was dann mit dieser Einheit passiert. Gefilmt ist das in ausgesucht arthousigen Einstellungen, dicht an der Protagonistin dran, oft auch mit subjektivem Blick, im Gegenlicht, mit lens flares, lichter und leichter in der zweiten Hälfte, mit verschwimmenden Autolichtern in der Nacht im Großstadtdschungel, während die Tonspur runterfährt und sich auf einen inneren Körperton fokussiert, der durch minimalistische Elektronik ausgedrückt wird. Kurzweilig, elegisch, schön, mit schönen Menschen. Ein Film, der allerdings etwas (vielleicht zu sehr) zur Kunst hin drängt, manchesmal manieriert und gewollt wirkt. Für ein Publikum, das sich für Fragen der Ästhetik interessiert.

In der zweiten Geschichte dieses Films geschieht eine genau gegenteilige Bewegung: war diese aufgrund der Blindheit der jungen Frau zunächst bedächtig vorwärtstastend, die dann mit dem Sehenkönnen Geschwindigkeit aufnahm, so ist es hier umgekehrt. Es erfolgt eine zunehmende Entschleunigung, sogar bis hin zum meditativen Stillstand. Der Guru einer Glaubensgemeinschaft setzt sich vor Gericht für härtere Kontrollen bei Tierversuchen und für neue Statute in Medizin und Forschung ein. Jedes Lebewesen habe dieselben Rechte auf ein erfülltes, friedliches Dasein und die Pflicht der Erleuchtung zuzustreben. Er lehnt Tierversuche ab, in der Kosmetikindustrie sowieso, aber auch in der Medizin. Kurz darauf bekommt er die Diagnose einer Leberzirrhose, es ist das Endstadium einer chronischen Leberkrankheit. Der behandelnde Arzt will ihm eine neue Leber transplantieren, was kein Problem sei, doch der Guru lehnt die Operation schon allein deshalb ab, da er keine Medikamente konsumieren wolle, die an Tieren getestet wurden. Sein Schüler wirft ihm Rücksichtslosigkeit vor, sogar Selbstmord auf Zeit. Ein grüblerisches Zwischenstück ist dieses Segment, extrem elegisch, beinahe zum Stillstan kommend, mit einer Kamera, die dem Protagonisten auf Zentimeternähe auf die Haut rückt. Wie durch ein Vergrößerungsglas sieht man da die Poren, und die Versehrungen, die seine Krankheit mit ihm anrichtet. Wie er sich entscheiden wird steht offen, es ist das Karma, mit dem er hadert.

Die eindrücklichste Geschichte ist aber die dritte: ein junger Broker bekommt eine Nierentransplantation und erfährt kurz darauf, dass seine Niere womöglich von einen Organdiebstahl her stammt. Dies bewahrheitet sich später nicht, jedoch sucht er den beraubten Tagelöhner Shankar auf, der sich eigentlich einen Blinddarm hatte herausnehmen lassen müssen und dem nun eine Niere fehlt. Aus Nächstenliebe und Verantwortungsgefühl, auch weil er etwas Gutes tun möchte, verspricht er, sich Shankars Sache anzunehmen und den Käufer der Niere ausfindig zu machen. Der lebt allerdings in Kanada. Als er diesen dennoch aufsucht, begegnet er einem freundlichen aber zerbrechlichen Mann, der viel Geld für das Organ bezahlt hat und der von dem Verbrechen nichts wusste. Und dass Shankar vielleicht sogar viel weniger eine zweite Niere als ein dickes Bündel Geld brauchen könnte, stellt die Welt - hier der Twist der Story - auf den Kopf. Auch in diesem dritten Segment sind es die hervorragenden Schauspieler, die diese (für mein Gefühl) überfrachteten Plots retten können und die mit ihrer völlig authentischen Art den durchstilisierten Bildern zu trotzen wissen. Den Anspruch, reale Geschichten aus dem heutigen Mumbai erzählen zu wollen und zugleich seinen Film in eine derartige Überformung zu treiben, hat für mich nicht funktioniert - wenngleich der Film sicher auf der richtigen Seite ist. Etwas weniger Überbau und eine weniger ausgesucht edle Kameraarbeit wären schonmal ein Anfang für das nächste (hoffentlich weniger überambitionierte) Großwerk. Ein Film wie Lunchbox scheint mir da doch näher an den Menschen zu sein, als dieser zum "künstlerisch Wertvollen" drängende Film.












***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Ali's Wedding (Jeffrey Walker, Australien 2017)

Nachdem der talentierte aber leider erfolglose Ali die Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium an der Universität von Melbourne verpatzt hat, bringt er es nicht übers Herz, seinem Vater den Misserfolg einzugestehen. Der Sohn war die große  Hoffnung des muslimischen Klerikers, der das Zentrum der arabischen Community darstellt, und höchstes Ansehen genießt. Dass dessen Rivale nur auf einen Misserfolg Alis hofft, um selbst den Platz des Vaters einnehmen zu können, ist ein Seitenerzählstrang, der einen hochinteressanten Handlungsverlauf innerhalb der Moschee voranschiebt.
 Das sind humoristische und tolle Einblicke hinter die Kulissen, die man nicht jeden Tag bekommt. Jedoch: Ali lügt. Er habe hervorragend abgeschlossen - und wird nun als Wunderkind gehandelt und sieht sich alsbald gezwungen, ein Leben an der Uni vorzutäuschen. Dort läuft er aber nicht nur permanent dem Sohn des Konkurrenten seines Vaters über den Weg, sondern auch der schönen Libanesin Dianne, in die er sich Hals über Kopf…

HERRMANN (Reda, Deutschland 2012)

Ein nicht mehr ganz junger Familienvater, der aus der linksalternativen Szene zu stammen scheint und der  mittlerweile wohl ziemlich in der Bürgerlichkeit angekommen ist, verabschiedet sich eines Abends von seiner Frau/Freundin und seinem bereits schlafenden Kind, da er noch auf einen Geburtstag will. Sein halb schelmisch-unterwürfig ausgedrückter Wunsch, anschließend noch kurz aufs Konzert zu gehen (dem ein echtes Begehren zugrunde zu liegen scheint, da seine Stimme schon zu zittern beginnt), wird von der verantwortungsbewußteren, vernünftigen Herzdame mit Stirnrunzeln weggeknutscht. Vermutlich kennt auch sie das Lied von der Punkband Oma Hans, wo die Mädchen auf dem Konzert einfach besser küssen als sonstwo. Da muss sie gar nicht mehr viel zu sagen, es liegt alles in ihrem Blick: er soll halt endlich mal erwachsen werden, dieser Berufsjugendliche. Schließlich gibt es jetzt Familie. Und eigentlich hatte er ja auch schon kapituliert, bevor er überhaupt den Mund aufgemacht hat. Da kan…

Das Lächeln im Angesicht der Tragödie: Yasujirô Shimazus Tonari no Yae-Chan / Our Neighbour, Miss Yae (Japan 1934)

 Als ich vor kurzem einmal wieder Our Neighbour, Miss Yae gesehen hatte, da war das einer von diesen seltenen Momenten, wo man nicht genau weiß, was da eigentlich gerade passiert ist; aber als die Abblende kam, nach dem letzten Bild mit der Kamera in den wolkenverhangenen Himmel hinauf – obwohl sich doch, wenn nicht alles, so doch so manches zum Guten aufgelöst hatte – war ich den Tränen nahe und zutiefst gerührt. Dabei war da gar nichts wirklich Rührseliges passiert, oder gar aufwühlend Melodramatisches. Der Film endet so, wie er anfängt, zumindest auf der Tonspur. Eine liebliche, langgezogen sehnsuchtsvolle Geigenminiatur, die von etwas Herzschmerz aus dem Leben kleiner Leute der unteren Mittelschicht aus irgendeiner japanischen Vorstadt in der Nähe von Tokio verkündet. Einmal sagt die Mutter, heute sei das Wetter so klar, man könne den Fuji sehen, aber das muss man glauben. Im Film taucht er nicht auf. Das ist kein Film für nationale Monumente. Hier wirken Dinge und K…