Direkt zum Hauptbereich

Journey to the Shore (Kiyoshi Kurosawa, Japan 2015)


Für eine lange Zeit war Mizuki alleine, ganze drei Jahre. Ihr Mann war und blieb verschwunden. Ein Unfall auf dem Meer? Doch eine Leiche wurde nie gefunden. Dann setzt der Film ein, und wie damals in PULSE (2001) oder SÉANCE (2000) sind es die Schatten, in denen eine Grenze zwischen dem Jenseits und dem Diesseits überschritten werden kann. Eines morgens steht Yusuke (Tadanobu Asano) plötzlich im Raum, im Halbdunkel, ohne Bewegung. Er sei zurück gekommen, nun wieder da, auch für sie. Mizuki (Eri Fukatsu) ist freilich zunächst verunsichert, akzeptiert dann aber schnell, und mit immer größerer Freude, dass ihr Gatte nun als Geist zu ihr zurückgekehrt ist. So romantisch sich das anhört, so nüchtern ist es inszeniert. Mizuki beschwert sich dann auch erst einmal, dass er bitte seine Schuhe ausziehen soll, wenn er in der Wohnung ist. Ganz ohne Kitsch, völlig gedämpft und verhalten arrangiert Kurosawa in diesem neu entstandenen Gefüge ein Miteinander, das beide Protagonisten herbeisehnen, aber noch nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Mizuki ist noch die Forderndere der beiden. Sie will irgendwann Nähe, auch körperlich, und einige Dinge klären, die sich in der Zwischenzeit ergeben haben. Etwa die Affäre, die ihr Mann im Krankenhaus mit der Krankenschwester Tomoko (Yu Aoi) hatte. Kurz daruf machen sie sich auf eine Reise zu den Orten, an denen sich Yusuke während seiner Rückkehr aus dem Jenseits aufgehalten hatte. Es ist ein Prozess der langsamen Wieder-Annäherung. Und eine Reise ans Meer, dorthin, wo er gestorben ist.

JOURNEY TO THE SHORE ist ein sehr ruhiger Film geworden, einer, der auf der Oberfläche nur  den Alltag zeigt - aber darunter, im Diffusen, liegt das Geheimnis, das Mysteriöse. Und das macht ihn auch zugleich so spannend: die Figuren stecken in einer Situation, die eigentlich unmöglich ist. Die völlig fragil wirkt, weil man sich in ihr überhaupt nicht orientieren kann. So ist Mizuki auch mehrfach voller Panik in den Momenten, in denen sie befürchtet, dass Yusuke so einfach wieder verschwunden sein könnte, wie er gekommen ist. Und der Film spielt auch mehrmals mit dieser Möglichkeit, etwa wenn sie aus dem Schlaf hochschreckt und glaubt, alles sei nur geträumt und eingebildet gewesen. Oder wenn eines der Häuser, in denen sie sich für kurze Zeit aufgehalten hatten auf ihrer Reise, am nächsten Morgen verlassen und verfallen ist. Eine Ruine. Fragilität, Flüchtigkeit. Auch für sie als Mensch wird das Dasein zu einem Schwebezustand in einem Zwischenreich. Ihr altes Leben hat Mizuki verlassen ohne in einem neuen Lebenskontext wirklich anzukommen. Ihre Bemühungen dahingehend, genauere Auskunft von Yusuke zu bekommen, scheitern. Oder sich mit ihm ein neues Leben in einer fremden Stadt aufzubauen, dort, wo es ihr einmal so sehr gefällt. Yusuke lässt das nicht zu, als könne es keinen wirklichen Neustart geben. Oder etwas Verbindliches. Das Gefühl der Ungewissheit nimmt stetig zu, obwohl sich zugleich eigentlich eine Situation der Verlässlichkeit etabliert hat - zumindest, was die Präsenz von Yusuke und damit die Stabilität der zwischen-mensch-geistlichen Beziehung angeht. Und auch die Verzweiflung Mizukis ist verschwunden. Ihr sei alles egal, ob er Mensch oder Geist sei, sie wolle nur wieder mit ihm zusammen sein. Da nimmt sie es auch hin, wenn sie wieder aufbrechen zu einem weiteren Ort auf ihrer Reise. Und ganz im Gegensatz zu Mizuki, weiß der Zuschauer, wo es hingeht: ans Meer. Eben dorthin, wo Yusuke sein Leben verloren hat. Und klar ist auch, dass sich dort etwas entscheiden wird.

Um nochmal auf die Machart des Films zu kommen: wieder ist es kurosawatypisch die Reduktion als stilistisches Mittel, die am meisten auffällt. Passt hier natürlich wunderbar: um das Ungewöhnliche im Gewöhnlichen zu etablieren, zeigt man alles so, als sei es alltäglich. Da reicht dann das Krächzen einer Krähe, um eine Bedrohung aufzubauen. Oder, ganz besonders schön, die Bilder einfach ein klein wenig überzubelichten, sie ins Weiß hinübergleiten zu lassen, ähnlich wie bei einem lens flare. Das wirkt ganz großartig, und subtil zugleich. Oder ein andermal, an einem Wasserfall im Wald, da hängt eine Wolke aus Feuchtigkeit zwischen den Bäumen und über der Szene, die andeutet, dass sich hier gerade die verschiedenen Realitätsebenen überschneiden. Und so ist es dann auch: immer wieder trifft man in diesem Film auf weitere Geister, die wie ganz normale Menschen am Leben teilhaben. Oder doch nicht? Können sie überhaupt von allen gesehen werden? Verschwinden sie nicht manchmal einfach plötzlich wieder? Es wird nicht alles geklärt in diesem Film, einiges scheint offen zu bleiben. Zukünftige Filmbetrachtungen könnten sicherlich noch weitere Details ans Tageslicht befördern. JOURNEY TO THE SHORE ist trotz seines ersten Eindrucks der reduzierten Einfachheit ein komplexer, vielschichtiger Film geworden. Und mit dem großartigen CREEPY (Review) ein weiteres aktuelles Beispiel für Kiyoshi Kurosawas Meisterschaft.

Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Ali's Wedding (Jeffrey Walker, Australien 2017)

Nachdem der talentierte aber leider erfolglose Ali die Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium an der Universität von Melbourne verpatzt hat, bringt er es nicht übers Herz, seinem Vater den Misserfolg einzugestehen. Der Sohn war die große  Hoffnung des muslimischen Klerikers, der das Zentrum der arabischen Community darstellt, und höchstes Ansehen genießt. Dass dessen Rivale nur auf einen Misserfolg Alis hofft, um selbst den Platz des Vaters einnehmen zu können, ist ein Seitenerzählstrang, der einen hochinteressanten Handlungsverlauf innerhalb der Moschee voranschiebt.
 Das sind humoristische und tolle Einblicke hinter die Kulissen, die man nicht jeden Tag bekommt. Jedoch: Ali lügt. Er habe hervorragend abgeschlossen - und wird nun als Wunderkind gehandelt und sieht sich alsbald gezwungen, ein Leben an der Uni vorzutäuschen. Dort läuft er aber nicht nur permanent dem Sohn des Konkurrenten seines Vaters über den Weg, sondern auch der schönen Libanesin Dianne, in die er sich Hals über Kopf…

HERRMANN (Reda, Deutschland 2012)

Ein nicht mehr ganz junger Familienvater, der aus der linksalternativen Szene zu stammen scheint und der  mittlerweile wohl ziemlich in der Bürgerlichkeit angekommen ist, verabschiedet sich eines Abends von seiner Frau/Freundin und seinem bereits schlafenden Kind, da er noch auf einen Geburtstag will. Sein halb schelmisch-unterwürfig ausgedrückter Wunsch, anschließend noch kurz aufs Konzert zu gehen (dem ein echtes Begehren zugrunde zu liegen scheint, da seine Stimme schon zu zittern beginnt), wird von der verantwortungsbewußteren, vernünftigen Herzdame mit Stirnrunzeln weggeknutscht. Vermutlich kennt auch sie das Lied von der Punkband Oma Hans, wo die Mädchen auf dem Konzert einfach besser küssen als sonstwo. Da muss sie gar nicht mehr viel zu sagen, es liegt alles in ihrem Blick: er soll halt endlich mal erwachsen werden, dieser Berufsjugendliche. Schließlich gibt es jetzt Familie. Und eigentlich hatte er ja auch schon kapituliert, bevor er überhaupt den Mund aufgemacht hat. Da kan…

Das Lächeln im Angesicht der Tragödie: Yasujirô Shimazus Tonari no Yae-Chan / Our Neighbour, Miss Yae (Japan 1934)

 Als ich vor kurzem einmal wieder Our Neighbour, Miss Yae gesehen hatte, da war das einer von diesen seltenen Momenten, wo man nicht genau weiß, was da eigentlich gerade passiert ist; aber als die Abblende kam, nach dem letzten Bild mit der Kamera in den wolkenverhangenen Himmel hinauf – obwohl sich doch, wenn nicht alles, so doch so manches zum Guten aufgelöst hatte – war ich den Tränen nahe und zutiefst gerührt. Dabei war da gar nichts wirklich Rührseliges passiert, oder gar aufwühlend Melodramatisches. Der Film endet so, wie er anfängt, zumindest auf der Tonspur. Eine liebliche, langgezogen sehnsuchtsvolle Geigenminiatur, die von etwas Herzschmerz aus dem Leben kleiner Leute der unteren Mittelschicht aus irgendeiner japanischen Vorstadt in der Nähe von Tokio verkündet. Einmal sagt die Mutter, heute sei das Wetter so klar, man könne den Fuji sehen, aber das muss man glauben. Im Film taucht er nicht auf. Das ist kein Film für nationale Monumente. Hier wirken Dinge und K…