Direkt zum Hauptbereich

Wakaranai: Where Are You? (Masahiro Kobayashi, Japan 2009)


Mit wackliger Handkamera gefilmt, ohne zusätzliches Licht, wodurch die Dunkelheit viele Details, teilweise sogar ganze Bilder zu verschlucken droht, alles ohne Musik: Masahiro Kobayashis WAKARANAI schaut nach einem waschechten Independent-Film aus. Und die Produktionsfirma namens 'Monkey Town Productions' spricht ebenfalls dafür, denn die hat offensichtlich alle Kobayashi-Filme produziert. Das dürfte folglich die eigene Produktionsfirma des Regisseurs sein. Es beginnt auch schon sehr ungewöhnlich, wie man das bei einem kommerziellen Film nicht erwarten würde: denn am Anfang des Films ist erstmal nichts. Ein Song ertönt, Gitarre und Gesang, gut fünf Minuten lang, dazu ein Schwarzbild. Dann erst beginnt der eigentliche Film mit einem Filmbild. Am Ende genauso merkwürdig: der Junge stolpert aus der Szene, eine endlose Straße entlang, so verlässt er das Filmbild, den ganzen Film. Das Ende ist ein Aufbruch ins Unbekannte. Die Kamera lässt ihn gehen, in eine ungewisse Zukunft hinein. Beinahe ein Kind noch, auf sich alleine gestellt, der nun Erwachsener spielen muss und emotional völlig fertig ist. Der einen Panzer um sich trägt und lange Zeit mit versteinerter Miene spielt. Wollte man einen europäischen Vergleich ziehen, dann könnte man an die Filme der Brüder Dardenne denken, die schon häufiger Jugendliche und Kinder in äußerst prekären Verhältnissen - mit ganz ähnlichen filmischen Mitteln - abgebildet haben.

Und die Spirale in den Abgrund scheint unaufhaltsam: nicht nur wächst Ryu Kawai (Yuto Kobayashi) ohne Vater auf, sondern auch seine Mutter ist seit mehreren Monaten wegen einer schweren Krankheit im Krankenhaus. Der Junge geht noch zur Schule und muss nicht nur sein eigenes Leben völlig selbständig organisieren und auf die Reihe bekommen, nein, er muss auch das Geld für die Behandlung seiner Mutter irgendwie auftreiben. Strom und Wasser hat er schon längst nicht mehr, da er die Rechnungen nicht bezahlen konnte. Im Convenient-Store, wo er aushilfsweise arbeitet, klaut er Reisbällchen, da er sich nicht mal das Essen guten Gewissens leisten kann. Und weil es immer noch schlimmer kommt, als es schon ist, wird er dabei ertappt und verliert auch noch den Job, das letzte Standbein. Kobayashi macht das dann auch ganz einfach, weil er seinen Protagonisten immer beim Essen zeigt. Also, was heißt da "essen": beim Hineinschaufeln, beim gierigen Schlingen, schlicht: beim Fressen, weil es bei der Nahrungsaufnahme ums Überleben geht. Und die Tragödie nimmt hier noch kein Ende, es wird dann sehr schlimm für ihn und rührend für den Zuschauer. Sentimental allerdings nie. Kobayashi lässt alles aus, was zu affektgeladen sein könnte. Ryu bleibt dem Zuschauer auch deswegen immer etwas fremd, auf Distanz, so ganz kommt man nicht an ihn ran und also traut man ihm auch alles zu. Da er immer mehr zum wilden Tier degeneriert, hätte es mich nicht gewundert, wenn er wie HWAYI, der koreanische Monster Boy (Review), auch mal unvermittelt richtig zubeisst.

Wie auch in Kobayashis Film HARUS REISE (Review), der bei uns wegen einer DVD-Veröffentlichung und einer Ausstrahlung beim Fernsehsender arte etwas Bekanntheit erlangt hat, so entfaltet sich hier in WAKARANAI die Geschichte sehr langsam. Es wird nichts erklärt, Personen werden nicht eingeführt, dem Betrachter werden keine Hilfestellungen an die Hand gegeben oder gar per Dialog unlautere Abkürzungen gewählt. Denn alles, was man nicht versteht, klärt sich im Laufe des Films. Man muss nur warten können, mitdenken, ein wenig sich auf den Film einlassen. Der belohnt es dann, weil er nichts vorgaukelt, nicht taktiert mit seinen Infos (eine echte Krankheit heutzutage), belässt den Zuschauer nicht absichtlich im Dunkeln um ihn dann per ausgeklügeltem "Mindfuck"-Twist zu überrumpeln. Das hat dieser viel zu sehr am alltäglichen Realismus entlang schrammende Film weder nötig, noch auf seiner ästhetischen Agenda. Er springt mitten hinein in die Erzählung (abgesehen vom musikalischen Prolog), beinah wie in einem Kurzfilm stellt er eine Unmittelbarkeit her, die eben gerade nicht durch einen Establishing shot die Dinge ins Verhältnis setzt. Nein, man ist dicht dran am Erlebnishorizont des Jungen, an seinen unübersichtlichen Problemen, an seinem Leiden, an seinem Panzer, mit dem er sich zu schützen versucht. Vor den Mitschülern, den Erwachsenen, der Gesellschaft, die das Zahlungsmittel Geld zum allein seligmachenden Kommunikationsmittel erhoben hat. Besitzt man es nicht, wird man zur persona non grata, zum Außenseiter. Man wird verstoßen aus dem Sozialverband  und zwingt das Opfer in eine parasitäre Notlage. Dort, an den Rändern, findet der Film oft seine schönsten Momente, so grotesk das klingen mag. Denn, wie er die Mutter im Boot aufs Meer hinausschiebt, das ist ein kleiner großer Moment in diesem viel zu wenig beachteten Film.

Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Aido: Slave of Love (Susumu Hani, Japan 1969)

Here are some pictures I took during a private screening of Susumu Hani's extremely rare and seldom seen feature film  AIDO - SLAVE OF LOVE , which is the movie Hani made after the famous NANAMI: INFERNO OF FIRST LOVE. The film is beautifully shot, completely absorbing and structurally abandoning all narrative consensus - it is somehow - for most of the time - a subjective trip into the mind of the protagonist Shusei (Kenzo Kawarasaki). As you can asume, a dreamlike state predominates the film; and with its' devotion to extensively focussing on the details of the body while making love, presented in detailed close-ups, aswell as its' beautifully daring setpieces, it reminded me to some extent of Toshio Matsumoto's experimental oeuvre, as for example in his short film PHANTOM . AIDO was submitted to the competition-section of the 19th Berlin International Film Festival (aka Berlinale) - a fact that is quite astonishing, if you consider the direction the main section of ...

Nippon Connection 2016: Oyster Factory / Kakikoba (Kazuhiro Soda, Japan 2015)

Der in New York lebende und aus Tokyo stammende japanische Dokumentarfilmer Kazuhiro Soda legt mit OYSTER FACTORY seinen neuesten Film vor: 2007 war er mit CAMPAIGN noch bei der Berlinale vertreten, weitere Filme liefen auf verschiedenen Festivals. Dieser ist nun der sechste Film in einer Reihe von Dokumentarfilmen, die Soda selbst in den Anfangstiteln als Serie durchnummeriert. Der Regisseur tritt zugleich als Produzent, Skriptwriter, Kameramann und Cutter auf. OYSTER FACTORY ist also ein Leidenschaftsprojekt, das mit wenigen Mitteln finanziert wurde und als Autorenkino durchgehen darf. Sein Platz im Programm der Reihe Nippon Visions ist also durchaus angemessen, obwohl Soda alles andere als ein Debutant ist. Und umso toller, dass er mein Eröffnungsfilm des Festivals war, denn dieser Film ist großartig. Es war ein wenig der Zufall, der mich in diesen Film trieb: Kiyoshi Kurosawas JOURNEY TO THE SHORE, der eigentliche Eröffnungsfilm des Festivals, war bereits rappelvoll, und ...

HKIFF 2013: A Story of Yonosuke (Shuichi Okita, Japan 2012)

Mitte der 80er kommt der junge Yonosuke nach Tokyo um dort zu studieren. Er ist eine ziemlich schräge Gestalt: groß gewachsen, Wuschelhaare, er hat einen ungewöhnlichen Humor und hat einen einnehmend, offenen Charakter. Einer der zugleich irgendwie schräg ist, rausfällt. 16 Jahre später erinnern sich verschiedene Personen, die alle seine Bekanntschaft gemacht hatten, an ihn, und in übergangslos montierten Rückblicken findet der Film - durch seine unterschiedlichen Perspektiven - neue Blickwinkel auf die Person Yonosukes. Hierfür gibt es auch einen Anlaß, der teilt sich aber erst ganz am Ende des Films mit. Dieser Film, eigentlich eine coming-of-age-Geschichte, ist voller origineller Einfälle, von lautem und leisem Witz, immer durchzogen von einer Spur Ironie und Humor. A STORY OF YONOSUKE ist trotz seiner 160 Minuten extrem kurzweilig, und hat eine völlig ungewöhnliche Narration. Beim ersten Einschub eines sozusagen "zukünftigen Flashbacks", denn die Zeit der Haupthan...