Direkt zum Hauptbereich

Bitter Money (Wang Bing, Hong Kong/Frankreich, 2016)


 Es sind ganz verschiedene Eindrücke, die mich an Wang Bings Dokumentarfilm BITTER MONEY nicht mehr loslassen. Stärker übrigens,  als das bei TA'ANG der Fall war, alleine schon, weil ich hier die Kamera viel interessanter finde. Aber was es genau ist, weiß ich nicht (und TA'ANG abwerten, das will ich nun gleich gar nicht). Es geht um prekäre Arbeitsverhältnisse: arme Leute aus den ländlichen Gegenden reisen in eine Großstadt, um dort in einer, mehreren Textilfabriken zu arbeiten. Irgendwo in China gibt es eine solche Stadt, wo eben viele kleinere Unternehmen angesiedelt sind, und dort strömen eine ganze Menge Leute hin. Man wohnt auch dort, baut sich vielleicht was auf. Der Film beginnt am Anfang der Reise, im Zug. Alle sitzen, schlafen, essen, quatschen stundenlang mit- und gegeneinander. Verlorene, Familien, Liebende, auf der Suche nach Geld, Glück, Sicherheit. Einer Zukunft. Dann kommen sie in der Stadt an und arbeiten, essen, schlafen. Laufen herum, telefonieren. Wang Bing driftet von einer Person zur nächsten, erzählt viele Geschichten in diesem knapp dreistündigen Film. Leider hört er dann irgendwann auf, ich hätte noch lange weiter gucken wollen.

 Der Film also erzählt nicht eine Geschichte kohärent von einem Anfangs- hin zu einem Endpunkt, sondern gibt lediglich den Rahmen vor, den man sich vorher ausgedacht hat. Abreise, Ankunft, Arbeit, Abreise. Die Geschichten, die erzählt werden, die fallen hinein in dieses Muster, ohne diese Stadien zu durchlaufen, sondern jede erzählt etwas, einen Teilaspekt, einen Ausriss aus dem großen Ganzen (das man Leben nennen könnte - oder Film). Und bei einer anderen Person ist es eben anders gelaufen - und dann doch auch wieder gleich, irgendwie. Das ist auch das Schöne an diesem Film, dass alle Personen Individuen sind, und zugleich Stellvertreter für viele. Jede Figur weist über sich selbst hinaus, obwohl alles so furchtbar alltäglich ist. Die banale Existenz.

 Natürlich wird nicht kommentiert, es "entlarvt sich" auch nichts "selbst", wie vielleicht bei Ulrich Seidl. Wang Bing zeigt einfach nur, und sagt gar nichts. Braucht er auch nicht, sein Werk ist völlig offen, und der Zuschauer kann daraus machen, was er will. Die Bilder selbst, das ist seine Auswahl, sein Gestalten. Und wenn einer zehn Stunden an einer Nähmaschine sitzt, dann kann man das schlimm finden, aber was wirklich los ist, weiß man nicht so richtig. Plötzlich lacht der, und freut sich, dass er so und soviele Teile heute genäht hat. Kapitalismuskritik schwingt freilich mit, aber so einfach ist es nun auch wieder nicht. Später sitzt man dann auf der Straße herum, trinkt Bier und flirtet mit ein, zwei Mädchen. Wenn ich an den Flm denke, dann häufig an diese Nachtszenen, in denen mal gegessen, mal gearbeitet wird. Oder geschlafen, zu dritt in einem Verschlag. Und klar hätte man sicherlich gerne eine eigene Wohnung, aber man kann nicht sagen, dass sich jemand beklagen würde. Auch die Mädels, die nicht viel anders hausen, gehen duschen und machen sich dann hübsch fürs Ausgehen. Eine streitet mit ihrem Ehemann, der wird dann ruppig, und man wünscht sich, dass das dann gespielt ist, eine fiktionale Szene. Ich bezweifle es, aber ganz sicher kann man sich nie sein.

 Das verdiente Geld ist natürlich bitteres Geld. Alle sind fern ihrer Heimat, viele haben die eigene Familie verlassen müssen und schicken das Geld nach Hause. Alle sind das, was wir arm nennen würden. Aber alle haben ihre Würde behalten, keiner und keine lässt sich verarschen. Alle nehmen die Sache (und sich selbst) ernst. Und wenn etwas völlig unakzeptabel ist, dann wird direkt gekündigt. So wenig Sicherheiten man hat, so viel Unverbindlichkeit (oder Freiheit?) genehmigt man sich. Keine der Personen lässt sich einsperren. Gibt es irgendwo bessere Arbeit, besser bezahlt oder sonstwie attraktiver, dann ist man sofort weg und bereit, alles hinter sich zu lassen. Das ist eine ganz merkwürdig faszinierende Freiheit, die sich die Menschen hier nehmen: die die instabilen Verhältnisse verinnerlicht haben und oft genug den Spieß umdrehen, wenn sie sich selbst das Wichtigste werden. Also auch in dieser Hinsicht, im Hinblick auf Arbeitsverhältnisse im 21. Jahrhundert, ist Wang Bings BITTER MONEY ein äußerst faszinierender Film. Die Personen allein und ausschließlich als Opfer der Verhältnisse wahrzunehmen, wäre völlig fehl am Platz. Auch wenn diesen Lebenswelten eine deutlich existenziellere Dringlichkeit innewohnt, als dem, was wir in Mitteleuropa als bedrohlich zu empfinden gewohnt sind. Mit poverty porn hat dieser Film nun aber gar nichts zu tun.

Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Masahista / The Masseur (Brillante Mendoza, Philippinen 2005)

Brillante Mendozas erste Spielfilmregie verortet ihn sogleich im Independentkosmos des modernen philippinischen, cineastischen Undergrounds. Geringe Budgets und die Digitalkamera eröffnen jungen Filmemachern die Möglichkeit, nicht nur jenseits einer etablierten Filmindustrie, sondern so gut wie jenseits jeder filmischen Szene aktiv zu werden. Ein Status, der sich auch in der Verfügbarkeit der Filme zeigt. So sind die Filme von Brillante Mendoza, Lav Diaz, Raya Martin, KHAVN de la Cruz u. a. nur in Ausnahmefällen auf DVD greifbar (wenn, dann sowieso nur weltweit), oder sie sind mit etwas Glück auf engagierten Retrospektiven und Filmfestivals zu sehen. Im Falle KHAVNs übrigens durchaus auch auf youtube, selbst eingestellt vom Regisseur. Die Filme eint neben den o. g. Kriterien ein Hang zum ästhetischen Radikalismus in Kombination mit einem Blick auf gesellschaftliche Mißstände, welcher gerne mal als "neorealistischer" italienischer Prägung oder als einer im Geiste des "Cin...

Accident / Yi ngoi (Soi Cheang, HK 2009)

Pou-Soi Cheangs erster Film unter Johnnie Tos Produktionshoheit (Milkyway) ist ein hervorragend schneller, straffer und kluger Genreknaller geworden. Ho Kwok-Fai (Louis Koo) hat ein Killerteam um sich geschart (Stanley Fung, Lam Suet, Michelle Ye), das sich auf die Inszenierung von Auftragsmorden spezialisiert hat. Diese laufen stets nach einem Dominosystem ab und erscheinen - da sie so komplex konstruiert wurden - wie tatsächlich Unfälle. Doch plötzlich wird einer des Teams während einer Aktion durch eine Verkettung tragischer Zufälle getötet. Ho entkommt nur knapp. An diesen Zufall will er nicht glauben und wähnt sich selbst das Ziel eines Killerteams. ACCIDENT beginnt enorm stark - und es ist eine Lust, den kreativen Inszenierungen zuschauen zu können. Cheangs in DOG BITE DOG zelebrierter harter Realismus und die ungestüme Wildheit SHAMOs geht ACCIDENT ab, da wurde er wohl von To gebremst. Doch nicht zum Schlechten: der Film ist sehr flüssig und elegant inszeniert, spart aber nicht ...

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...