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Eine Geschichte von Kunst und Tod: Tharai Thappatai (Bala, Indien 2016)


 Bala gilt als einer der großen Erneuerer des indischen Kinos. Genauer: des Südindischen, als Vertreter der Tamilischen Neuen Welle. Er macht mit wenig Geld wütende Filme, die mit eingefahrenen Konventionen brechen und die sich nicht an den fertigen Konzepten der Filmindustrie wie auch den Sehgewohnheiten der Zuschauer orientieren. Sein Bezugspunkt ist die Realität mit all ihren Untiefen, nicht der romantische Eskapismus. Besonders erwähnenswert wäre etwa sein arg ungestüm unrundes Debüt, der ungeschliffene SETHU (1999), wie auch einer meiner liebsten indischen Filme überhaupt, der zehn Jahre später entstandene, völlig durchgedreht wilde NAAN KADAVUL (2009). Bala ist einer der markantesten Hoffnungsträger einer Generation Filmemacher, die das Potenzial haben, die Vormachtsstellung eines in Südindien sich schon längst etabliert habenden Mainstreamkinos - in all seinen Varianten - zu erschüttern und zu erneuern. Auch wenn THARAI THAPPATAI etwas zahmer ausfällt als der eben genannte NAAN KADAVUL.

 In THARAI THAPPATAI befinden wir uns irgendwo in Südindien in einer ländlichen Region und verfolgen die Geschehnisse um eine lokale Gesangs-und Tanzgruppe, die folkloristische Musik darbietet. Das ist farbenprächtig, laut, energiegeladen und erotisch. Viel Geld kann man hier in der Provinz ohnehin nicht verdienen, wenn man nicht als Bauer oder ungelernt auf Baustellen schuften will. Aber wo allen das Herz hoch schlägt: das ist die Musik. Und diese Gruppe ist etwas Besonderes. Sie sind so gut, die Darbietung so hoch-energetisch und faszinierend, dass sogar das Fernsehen kommt, um sie zu portraitieren. Außerdem gibt es noch einen stets schwelenden Vaterkonflikt. Denn der Anführer der Gruppe, Sannasi (gespielt von Regisseur M. Sasikumar, SUBRAMANIAPURAM (2008)), ein Herumhänger und Tagedieb vor dem Herrn, bringt ständig neue Einflüsse in die Musik und entwickelt sie "kommerziell" fort.* Sein Vater, ein großer Meister des traditionellen Trommelspiels, lehnt das entschieden ab und verfechtet eine klassische Spielweise des Instruments.

 Im Zentrum von THARAI THAPPATAI steht also ein Künstlerkonflikt, in dem Moderne und Klassizismus aufeinander prallen. Und am Ende wird der Eine eine Tote in den Armen tragen und der Andere dem Alkohol erlegen sein.

 Während eines Engagements geht dann auch alles schief, als sich abends nach dem Auftritt die Sängerinnen der Gruppe weigern, den Herren Veranstaltern zu Diensten zu sein. Eine ist besonders ruppig, das ist Sooravali (Varalaxmi Sarathkumar), sie prügelt die Nichtsnutze die Treppe hinunter. Allerdings werden sie nun aus dem Hotel geworfen und es beginnt eine Odyssee mit ungewisser Heimkehr. Die eigentliche Erkenntnis dieser Episode aber liegt darin, dass Sannasi erkennt, dass er seiner geliebten Sooravali nie eine gesicherte Existenz wird bieten können und plädiert dann später dafür, sie an einen fremden Bräutigam, der aber ein gesichertes Gehalt vorweisen kann, zu verheiraten. Und so nimmt das Unheil seinen Lauf: die Liebenden werden getrennt und der Mann, an den sie gerät, ist zu allem Überfluss auch noch ein Krimineller und Betrüger. Sooravali wird es schlecht ergehen: sie gerät in die Fänge von Menschenhändlern.

 Bala legt also auch in diesem Film wieder den Finger in die Wunde. So romantisch und komödiantisch der Film beginnt, so sehr kippt er dann in der letzten Dreiviertelstunde in ein nachtschwarzes Drama. Eine Tragödie, aus der es kein Entkommen gibt. Leider wirkt diese ganze letzte, gesellschaftlich kritische Etappe forciert, wie drangeklebt an einen Film, der bis dahin wie aus einem Guss erschien. So sehr es sich logisch aus der Geschichte heraus entwickelt, die narrative Kohärenz der ersten Hälfte wird drangegeben an plötzlich eintretende Wendungen und Twists zum Schlechten, die nun plötzlich wie vom Himmel fallen.

 Auch wirkt der Film nun sehr verknappt. Die neu hinzukommenden Figuren werden nicht genauer beschrieben und mit Leben gefüllt. Sie erfüllen nur Funktionen, um den Plot voran zu transportieren. Wo der Film also besonders emotional werden könnte, denn unseren sympathischen Anti-Helden geht es nun dreckig, distanziert sich der Film vom Zuschauer und wird fremd. Und das ist auch der Grund, warum THARAI THAPPATAI am Ende einen großen Teil seiner Wirkmächtigkeit einbüßt. Er ist am Ende einfach zu kurz. Der knapp zweistündige Film hätte vielleicht eine halbe Stunde länger angelegt werden müssen, um seinem erzählerischen Horizont gerecht werden zu können. Das ist schade, denn so beraubt sich der Film selbst eines Teils seines Potenzials. Dennoch: insgesamt sehr sehenswert. Und die Musik- und Tanzszenen in der ersten Hälfte sind absolut großartig.

Michael Schleeh

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* Die Musik wurde vom weithin bekannten Komponisten Ilaiyaraaja erstellt, dem Großmeister der südindischen Filmmusik. Auf sein Konto sollen mehr als 6000 Songs und mehr als 1000 komponierte Filmscores gehen. Er gilt als musikalischer Erneuerer klassischer indischer Musik durch die Implementierung westlicher Klänge. Sein klassisches Gitarrenmusikstudium hat er am Trinity College in London absolviert und die Anzahl der Preise für seine Musik sind Legende. Mit 14 Jahren hatte seine Laufbahn begonnen, als er sich der fahrenden Truppe seines Bruders angeschlossen hatte. Der Konflikt, der hier im Film zwischen Vater und Sohn eskaliert, ist also einer, der sich in der Person Ilaiyarajas selbst manifestiert haben dürfte.

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