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The Backwater / Tomogui (Shinji Aoyama, Japan 2013)

Der Fluss und die Fruchtbarkeit - nicht nur mythologisch sondern auch cineastisch ein nicht selten thematisierter Topos im japanischen Film (wobei der Fluss generell als Schwelle viele Konnotationen beinhaltet, auch jenseits allen Psychologisierens), mit am deutlichsten formuliert vielleicht etwa in Shohei Imamuras THE EEL und seinem späten wollüstigen Meisterwerk WARM WATER UNDER A RED BRIDGE. Nun also BACKWATER, das Brackwasser, das von hinter den Häusern verseucht zum Meer schwemmt und in dem noch Fische, zumindest Aale, leben. Der Protagonist Toma (Masaki Suda), ein junger wankelmütiger Kerl inmitten der sexuellen Erweckung, isst diese Aale nicht, er will sich nicht vergiften. Seinem Vater aber schmecken sie ausgezeichnet. Das hat natürlich was zu bedeuten, denn gerade von diesem  möchte und muss er sich lösen, diesem möchte er entkommen. Der Vater ist wie ein genetischer Fluch, der auf dem Helden lastet. Der Vater schlägt seine Frauen. Und betrügt sie und schlägt sie w...

Gangs of Wasseypur (Anurag Kashyap, Indien 2012) / pt. 1

Am Ende ist es ein Tanz im Feuer, im Feuergefecht, wenn Godfather Sardar Khan, Hauptfigur in diesem Epos, wie in einem Todesballett sich um sich selbst dreht, herumgewirbelt wird von den Kugeln, die seinen Körper durchlöchern. "The Killer" von John Woo fällt einem da ein, im Hintergrund die grellgelben Feuer- und Explosionswolken oder die Zeitlupentode bei Sam Peckinpah - bei Anurag Kashyap aber ohne das Pathos, das vielen westlichen Zuschauern zu pappig ist. Hier sind die Bilder grobkörnig, schlicht und direkt in ihrer Bedeutung, die nur sie selbst sind und als tiefere Lesart den Verweis auf die ihnen ähnlichen Filmbilder zulassen - aber nicht auf religiöse Elevatio, Verklärung oder gar auf eine Erlösung hinweisen. Und so ist auch der Begriff "Epos" eigentlich zu unscharf für diesen doch sehr langen Film, denn Epik trifft nicht den narrativen Gestus dieses Films, der in sich elliptisch ist, voller Auslassungen, sprunghaft, wenig erklärt und sowieso nicht wie e...

The Kirishima Thing (Daihachi Yoshida, Japan 2012)

Es hat mich zunächst verwundert, wie erstaunlich viele positive Kommentare man im Netz zu diesem Film finden kann: wie authentisch er den japanischen Schulalltag abbilde, wie verstanden sich viele von diesem Film fühlen. Identifikationsangebote liefert THE KIRISHIMA THING tatsächlich zuhauf, entsprechend groß ist das Figurenarsenal. Man muss sich zurecht finden in zwei Gruppen Jungs (dem Volleyballclub und dem Filmclub), sowie einer Gruppe Mädchen um die schöne Lisa, die wiederum mit dem Volleyballstar Kirishima zusammen ist (und auch vorher schon mal, psst!, einen Freund hatte). Die Pointe des Films ist nun die, dass besagter Kirishima, um den sich alles zu drehen scheint, verschwunden ist - und überhaupt nicht im Film auftaucht. Er ist ein klassischer MacGuffin. Auch die Gründe, weshalb er verschwunden ist, bieten viel Anlass zu Spekulationen, doch keiner weiß genaues, selbst Lisa nicht. Doch der Alltag geht weiter, Schule und Clubs von früh bis spät, und wie die Figuren ...

Bhajarangi (Varsha / Harsha, Indien 2013)

Wie die Kritiken und trailer alerts von J. Hurtado (Twitchfilm) dem Leser regelmäßig in maximaler Lautstärke zurufen, ist das südindische Mainstreamkino bunter, wilder, lauter, unterhaltsamer als all das, was der interessierte Laie außerhalb Indiens unter dem Etikett ,Bollywood‘ zu Gesicht bekommt. Ein Kino der Exzesse, ein Kino der Extreme; und ein Kino, dessen DarstellerInnen im Industrie- und Fanjargon gewöhnlich als HeldInnen firmieren. Südindien, das sind vor allem Rajnikanth, Shankar und S.S. Rajamoulis FliegenReinkarnations-Rachethriller EEGA (2012, Telugu).  Auf den ersten Blick scheint A. Varshas Kannada-Blockbuster BHAJARANGI (2013) recht mühelos in dieses Schema zu passen: Schon der impressionistisch gehaltene Trailer kündigt u.a. eine an Tony Scott gemahnende Ästhetik, Melodramatik allenthalben und monströstätowierte Schurken mit Vampirzähnen an, die Helden und Heldinnen pflegen, im Einklang mit dem übersteuerten Ton, ihre Dialoge eher zu brüllen, zu kreischen ...

Tazza: The Hidden Card (Kang Hyeong-cheol, Südkorea 2014)

[Gastbeitrag von Stefan Borsos, dem Herausgeber des CineAsia-Magazines.] In einer Filmkultur, in der Sequels und Remakes eine untergeordnete Rolle spielen, verdienen derartige Projekte besondere Aufmerksamkeit, zumal wenn es sich beim ,Original‘ um einen der größeren Blockbuster in der an Blockbustern nicht gerade armen südkoreanischen Filmindustrie handelt. Seit Choi Dong-hoons TAZZA: THE HIGH ROLLERS (2006) sind mittlerweile fast zehn Jahre vergangen und als Regisseur war zunächst sogar Regieexzentriker Jang Joon-hwan (SAVE THE GREEN PLANET!) vorgesehen. Beides eher ungewöhnliche Umstände im Kontext von Fortsetzungslogik und einer Industrie, die dem Anschein nach ästhetisch und personell allzu oft den geringsten Widerstand geht. Gerne hätte man gesehen, was Jang, dessen nachtschwarze Coming-of-Age-Studie HWAYI: A MONSTER BOY jüngst recht erfolglos in den Kinos und auf wenigen Festivals lief, aus dem Stoff gemacht hätte. Andererseits ist auch Kang Hyeong-cheol (SCANDAL MAKERS, S...

Happy Times (Zhang Yimou, China 2000)

In Zhang Yimous Alltagsdrama aus der mittleren Schaffensphase sieht man die Bestrebungen der 5. Generation chinesischer Filmemacher noch deutlicher offenbar, als in seinen späteren Werken - oder gar in solch staatsdienenden Entgleisungen wie der Eröffnungsshow bei den olympischen Spielen in Peking oder dem durchkommerzialisierten, touristischen Event - Wasserballett im provinziellen Yangshuo, das mit viel Liebe, Pomp und Feuerwerk eine in China allseits bekannte Liebesgeschichte jeden Tag aufs neue inszeniert und zelebriert. Keine Frage, auch dieser Zhang wird in seiner Heimat geliebt, nur in unsere westlichen Kategorien des regimekritischen, aufbegehrenden Künstlers passt er dann nicht mehr so gut. Da wird dann auch schnell gespottet, denn man fühlt sich ja im Besitz der alleinigen und allgemeingültigen Wahrheit. Und die moralische Hoheit hat man sowieso, klar. Happy Times jedenfalls ist kein eskapistischer Heldenschnack, sondern eine Geschichte aus der Mitte der untersten Ar...

Yang Fudong - Filmscapes @acmi, Melbourne

Gut, dass es, wenn es derart heiß ist, mitten im Zentrum von Melbourne am Federation Square das Australian Centre of the Moving Images gibt. Ein architektonisch tolles, verschachteltes Bauwerk mit zwei Kinos, Mediathek und Shop aus Filmbüchern und Cine-Devotionalien, das in seinem Souterrain die Gallery 1 & 2 beherbergt, nun für diese Ausstellung ein nachtschwarzes Labyrinth aus Sichtungsräumen, Betonpfeilern und hellen Projektionsflächen, die je nach Installation verschieden gruppiert sind.  Gleich zu Beginn scharf rechts in diesem brutalistischen Gelände eine der tollsten Arbeiten von Yang Fudong (* 1971 in Peking): ein 10 Minuten und 37 Sekunden langer s/w - Kurzfilm, der in seiner starken durchästhetisierten Art ein träumerischer Schneefilm geworden ist (Yejiang, The Nightman Cometh, 2011). Performanz und Theater. Ein geschminkter Mann im weißen Anzug - wie aus einem Stück von Edogawa Rampo - bewegt sich durch eine mysteriöse Schneelandschaft, die ganz nach Attrapp...