Montag, 27. Juli 2015

BiFan 2015: Love & Peace (Sion Sono, Japan 2015)


When a man loves a turtle: Salaryman Ryo Suzuki (Hiroki Hasegawa) wird von allen Kollegen permanent gemobbt. Kein Wunder, macht er doch fast alles falsch, hängen ihm tagein, tagaus die Mundwinkel herab und seine Schüchternheit versucht er hinter den langen Haaren zu verbergen. Außerdem hat er sich in eine Brillenschlange verkuckt, ebenfalls, natürlich, eine Außenseiterin (Kumiko Aso). Zum Trost für dieses trübe Dasein wendet sich der Einzelgänger abends an seine Schildkröte namens Pikadon (Pika, Pika-chan), die er auf dem Dach gefunden hat. Sie hat immer ein offenes Ohr für ihn und ist ihm treu ergeben.

Dass "Pikadon" auch der Name einer Atombombe ist, lernt man bald aus dem Fernsehen und lacht über die groteske Schere zwischen Bezeichnung und Bezeichnetem - ahnt dabei natürlich die Wandlung zum Kaiju-Monsterfilm voraus. Das kommt dann auch, aber viel später. Davor wird das Tier per Toilette genrefilmgemäß unfreiwillig entsorgt und landet in der Kanalisation beim Weihnachtsmann (Toshiyuki Nishida). Ja. Genau. Der ist ein obdachloser Alkoholiker mit großem Herzen, der sich um all das kümmert, was Mensch wegwirft und nicht mehr gebrauchen kann. Und Ryo entwickelt sich derweil: zum Rockstar ("Wild Ryu" heißt er dann, und wird angekreischt von vielen schönen Mädchen, die ihn plötzlich lieben. Achtung: Mediensatire!).

Durchgeknallt? Hanebüchen? Freilich. Aber das war noch nicht alles - für hier soll es aber allemal genügen. Im System Sion Sono funktioniert das Aufeinanderprallen dieser zahlreichen Themen und Fantastereien, Märchen- und Traumweltkomplexe, auch Liebesschnulze und Monsterfilm dazwischengerührt, ein Musikfilm ebenfalls natürlich, ganz reibungslos. Als würde diese Welt eben so funktionieren und man hätte sein (von der Ratio geprägtes) Leben lang nur nicht genau genug hingeschaut. Weil Sion Sono das so konsequent durchzieht, sich nicht beirren lässt, den Zuschauer immer wieder mit noch einer weiteren Hookline, einem deftigen Punker-Riff oder einem Drücken auf die Tränendrüse voll in den Film hineinzieht. Das schlägt Funken, Feuerwerk auf der Leinwand und im Herzen des hingerissenen Zuschauers. Das ist allerbestes Flimmertheater!

Michael Schleeh

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Donnerstag, 23. Juli 2015

BiFan 2015: Korean Independents - The Stone (Cho Se-rae, Südkorea, 2014)


Was erstmal am stärksten wirkt: Die Hände hämmern die Steine aufs Spielbrett, und nur bei äußerster Erregung landet einer im Nirgendwo. Go ist ein Brettspiel großer Konzentration und Könnerschaft, und wenn einer mal durchdreht, dann kann er kein Meister sein. Vielleicht ist er dann "military level 3", wie einer der Gangster im Film, einer, dem die Selbstbeherrschung in den entscheidenden Momenten fehlt.

Das kann und soll man moralisch lesen als Metapher auf das Leben. Der Film bietet das an. Allerdings sind auch die Go-Spieler, die zu bescheiden sind, sich "Meister" zu nennen, nicht immer auf dem Pfad der Erleuchtung. Häufig sind es abgerissene Gestalten, die bei getürkten Matches die Kontrahenten ausnehmen. Diese Gambler sind dann eben auch schon Kleingangster, auch wenn die sich das nicht eingestehen wollen.

THE STONE ist ein fulminanter, dreckiger kleiner Independent-Film, gedreht mit dem Geld eines privaten Mäzens, wie beim anschließenden Q&A zu hören war. Gute Kamera, Seoul-Backstreets, häufig Nachtaufnahmen, Genrefilm. Keine Liebe, und natürlich: keine Väter.

Die Anti-Helden sind also beide auf der Suche nach dem, was ihnen gefehlt hat im Leben: Einem Vater. Und der viel ältere Gangsterboss zwingt den jungen Go-Meister dazu, dessen Lehrer zu sein - der Junge wird der Sensei des Älteren, dass er ihm die Kniffe und die mentale Einstellung zum Spiel nahe bringt. Am Ende zerfliegt alles, was eh schon immer brüchig war in den Querelen der Unterwelt.

Das Bucheon International Fantasy Film Festival im Süden von Seoul, Südkorea, schimpft sich das größte Genre-Filmfestival der Welt, was durchaus anzuzweifeln ist. Mit über 40 Vorstellungen pro Tag ist aber ordentlich Stoff vorhanden für ein paar cineastische Tage, die 11 Kinos sind alle gut zu Fuß oder dem Shuttle-Bus zu erreichen und die Betreuung durch den Staff ist vorbildlich. Die verschiedenen Sektionen wirken etwas willkürlich, allerdings finden sich schöne Glanzlichter, etwa die Retrospektive Simon Yam oder "I am (not) Sion Sono" (ein Spruch, geklaut und umformuliert bei KHAVN), der dann auch zu einem Filmmakers Gespräch vor Ort ist. Gezeigt werden auch seine beiden neuesten Filme TAG und LOVE & PEACE. Schön auch, dass im Programmheft bei allen Filmen das Abspielformat angegeben ist. Filme wie GERMAN ANGST, ALLELUJA oder ICH SEH ICH SEH sind hier übrigens ebenfalls zu sehen.

Michael Schleeh

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Sonntag, 5. Juli 2015

9413*, Hongkong/Seoul-Tagebuch, Teil 3

Es scheint, als habe die mediale Propaganda-Maschinerie ihr Ziel erreicht: Während sich für einen Flug nach Okinawa am Schalter nebenan früh eine beachtliche Warteschlange bildet, sind wir auf dem Flug nach Seoul insgesamt zu fünfzehnt - 10 maskierte Passagiere, 5 unmaskierte Crew-Mitglieder. Nun ist es ein früher Flug einer regionalen Hongkonger Billig-Airline, voll wäre das Flugzeug auch unter normalen Umständen wohl nicht gewesen. Dennoch hat die Situation etwas Gespenstisches.

Am Flughafen in Incheon dann ist davon wenig zu spüren. Eine Schleuse zum Temperaturmessen, ein paar Maskierte hier und da, aber sonst business as usual, so scheint es. Mein erster Eindruck von Seoul nach der knapp vierzigminütigen Fahrt in die Stadt: größer, weitläufiger als Hongkong und auch gemächlicher, einschließlich der wahrscheinlich langsamsten Rolltreppen, die es irgendwo auf der Welt gibt. Und was die nächsten Tage immer wieder zum Hindernis wird: fehlende Sprachkenntnisse allenthalben, hier Koreanisch, dort Englisch. Seoul als mein ganz persönliches 'Reich der Zeichen'. Das erschwert nicht zuletzt die Nahrungszufuhr erheblich, denn jenseits der 7-11-Shops (und lokaler Varianten, die es tatsächlich noch häufiger zu geben scheint als in Hongkong) und Coffee Shops, die, scheinbar einem aktuellen Trend folgend, wie hiesige DM-Drogerien aus dem Boden geschossen sind, fällt die Auswahl alles als andere als leicht. Restaurants gibt es genug, nur ist es selten klar, was es dort zu essen gibt und ob ich das dann auch bekommen würde. Überhaupt ist es von vielem zu viel. Ich gönne mir einen Tag Pause und arbeite im Hotelzimmer.

Am Mittwoch der erste Gang zum Korean Film Archive; Filmsichtungen, die ausschließlich dort möglich sind: GOLDEN OPERATION 70 IN HONG KONG, OPERATION TOKYO EXPO '70 (beide 1970, beide Choe In-hyeon), CORRESPONDENT IN TOKYO (1968, Kim Soo-yong), MAN AND WOMAN FROM HONG KONG (1970, Shin Kyeong-gyun) und viele andere - anti-kommunistische Propaganda-Melodramen im Gewand eines Bond-Abenteuers. Alles in ordentlichen Kopien als Video-on-Demand zur Verfügung gestellt, ohne Termine oder Reservierungen, wie das in Hongkong notwendig ist, weil RentnerInnen nicht auf ihre Kanton(opern)klassiker verzichten möchten (und gerne bei den Liedern mitsingen). Nicht übel. Tatsächlich warten ganze Genres darauf, im Detail erschlossen zu werden. Dass sich das Archiv in seinen ansonsten vorbildlichen DVD-Editionen vornehmlich auf Melodramen, Kriegsfilme, Komödien und Historienfilme eingeschossen hat und mithin einer hochkulturell geprägten Kanonbildung Vorschub leistet, ist durchaus beklagenswert. Immerhin ist mit Chung Chang-whas BONANZA (1961) gerade ein waschechter Genre-Titel erschienen und in der Cinematheque des Archivs läuft eine Filmreihe zu Horrormaestro Lee Yong-min (A BLOODTHIRSTY KILLER, 1965). Es wird aber mittelfristig wohl den Muttersprachlern vorbehalten sein, die zahlreichen Mandschurischen Western, Spionagefilme oder die muhyeop younghwa (das koreanische Äquivalent zu wuxia- und Samurai-Film) zu erforschen. Man fragt sich, was wohl passiert wäre, hätte man in Südkorea viel früher begonnen, über Exportmöglichkeiten nachzudenken und die Filme mit Untertitel auszustatten. So aber ist es den Koreanern lange Zeit genauso ergangen wie anderen populären Kinematografien Asiens, sei es Thailand, die Philippinen, Indonesien oder Malaysia: Abgesehen von kurzen Momenten internationaler Sichtbarkeit - man denke an Ko-Produktionen für die grindhouses und Bahnhofskinos-, blieben sie, sicher auch dank der Dominanz Hongkongs und Japans, regelrecht unsichtbar.

Nach einem weiteren Sichtungsmarathon im Archiv bin ich am Freitag mit Lee Myung-se verabredet, um den es nach seinem internationalen Erfolg mit NOWHERE TO HIDE (1999) trotz oder gerade wegen weiterer Arbeiten wie THE DUELIST (2005) und M (2007) zunehmend ruhiger geworden ist. Warum das so kam, ist eines der zentralen Themen unseres Gesprächs. Kurz gesagt: Lees Taktik, seine filmischen Experimente über Genre-Verpackungen an Investoren und Publikum zu bringen, ist aufgeflogen. Ich hatte auch immer das Gefühl, dass selbst NOWHERE TO HIDE bei einigen Kritikern, aber vor allem bei Genre-Fans eher auf Unverständnis stieß. Die koreanische Filmindustrie jedenfalls, darum wird es in den folgenden Gesprächen immer und immer wieder gehen, will sich einen Filmemacher wie Lee nicht mehr leisten. Trotz 50% Marktanteil geht man nun, vielleicht bis heute traumatisiert von Koreas HEAVEN'S GATE namens RESURRECTION OF THE LITTLE MATCH GIRL (2002, Jang Sun-woo), auf Nummer sicher. Der buchhalterische Ansatz gerade in der Drehbuchphase, den die Koreaner natürlich von Hollywoodpraktiken abgeschaut haben, hat Lee auch dazu bewogen, aus seinem letzten Projekt, MISTER K (als THE SPY: UNDERCOVER OPERATION 2013 unter der Regie von Lee Seung-jun realisiert), auszusteigen. Erschwerend kommt hinzu, dass Lee nicht mehr der Jüngste ist und die jüngeren Investoren nicht mit Respektspersonen verhandeln und im Zweifel für deren Gesichtsverlust sorgen wollen. Konfuzianische Werte vorgeschoben, um sich die Unliebsamen und die Unruhestifter vom Hals zu halten? Durchaus möglich.

Was auf tragische Weise im Laufe der nächsten Tage und Gespräche deutlich wird: Koreas Filmindustrie befindet sich in einer Krise, vielleicht in keiner wirtschaftlichen. Aber der Selbstmordversuch eines Altmeisters, der für einige der größten Hits der 1980er Jahre verantwortlich zeichnet, aber nun seit geraumer Zeit keinen Film gedreht hat, belegt: Irgendwas läuft gehörig falsch, und zwar auf eine äußerst hässliche Weise. Hätte er mit seinem Vorhaben Erfolg gehabt, wäre er nur einer von vielen in einer langen Reihe ähnlicher Schicksale.

Auch Kim Kuk-hyeong, der 1999 mit dem alptraumhaften Noir BLACK HOLE reüssierte und danach einige Zeit an seiner ehemaligen Alma Mater, dem Seoul Institute of the Arts, lehrte, zeigt mir lieber sein Autogramm von Hanna Schygulla, das er ihr auf einer Rucksacktour durch Europa abringen konnte, als über seine Karriere und die Filmindustrie zu sprechen. Seinen Kumpels, die er zum Treffen mitbringt - Shim Kwang-jin (A MASTERPIECE IN MY LIFE, 2000) und Park Chul-hee (NO MERCY FOR THE RUDE, 2006) -, ist es nur marginal besser ergangen.

Das gemeinsame Trinken von zu viel koreanischem Reiswein beschert mir erhebliche Kopfschmerzen, die die kurz darauf folgende Vorstellung von Oh Seung-uks THE SHAMELESS (Cannes 2015) fast unerträglich machen. Wenig hilfreich ist dabei, dass der Film ohne Untertitel gezeigt wird und ohnehin eher sperriger, ja hermetischer Natur ist. Oh ist einer der wenigen seiner Generation, die trotz aller Widrigkeiten einen zweiten Film fertigstellen konnten - wenn auch ganze fünfzehn Jahre (!) nach seinem ähnlich frostigen Debüt KILIMANJARO (2000). Zwischendurch war Oh als Produzent aktiv und schrieb ein schmales Büchlein zur Geschichte des koreanischen Actionfilms. Mein Vorhaben, ihn unter anderem dazu zu befragen, scheitert an einem zu vollen Terminplan. Dabei zeigt er sich bei der über einstündigen Podiumsdiskussion nach dem Film als durchaus lebendiger - und in meiner Situation allzu ausführlicher - Interview-Partner.


*) Frei nach dem kantonesischen Sprichwort und Titel des Herman-Yau-Films: Gau sei yat sam: Neun von zehn sterben, im übertragenen Sinne: Die Chancen stehen schlecht...

Stefan Borsos

Dienstag, 30. Juni 2015

9413*, Hongkong/Seoul-Tagebuch, Teil 2

Da wählt man aus Jux einen Titel - und schon kommt die Realität dem Sprichwort näher, als es einem lieb ist: 9413 und MERS allenthalben. Die TVB-Nachrichten schießen sich darauf ein, China gibt eine Reisewarnung für Südkorea heraus, in Seoul verweilende Studenten aus Hongkong treten mitten im Semester die Flucht an (und werden prompt vom Dozenten rausgeschmissen). Und das alles obwohl sich bislang alle Verdachtsfälle in Hongkong als negativ herausgestellt haben. All das erinnert an die Berichterstattung deutscher Medien zu SARS damals. Dieselbe Hysterie, dieselbe Meinungsmache. Da werden dann auch die nüchternen Einschätzungen der WHO und der südkoreanischen Experten von radebrechenden Hongkonger Ärzten hinterfragt. Bitteschön ja keine Vernunft und Gelassenheit aufkommen lassen.

Passend dazu sehe ich Choi Kai-kwongs Indie-Produktion THE SAND PEBBLES, die er selbst in einige Kinos gebracht hat. Choi ist aus seiner Generation einer der wenigen, die immer noch mit allen Mitteln versuchen Filme zu machen. Die meisten anderen New Waver aus der zweiten Reihe sind in der Lehre versumpft bzw. entsprechend emeritiert (Lau Shing-hon, Peter Yung) oder sind, meist schon in den 1990ern, wieder beim Fernsehen gelandet (Alex Cheung, Terry Tong). Nun ja, nicht jeder heißt Tsui Hark oder Ann Hui. Choi jedenfalls, das merkt man dem Film recht deutlich an, musste offenbar mit einem Winz-Budget auskommen. Dass er dabei auch eine seiner Töchter besetzt hat, erweist sich aber überraschender Weise als Glücksfall. Neben Altstar Paw Hee-ching ist sie die einzige, die schauspielerisch überzeugen kann. Die Prämisse ist ebenfalls recht vielversprechend: Drei völlig unterschiedlich aufgewachsene Jugendliche werden vorübergehend bei ihrer Großmutter abgeladen, die, so will es Chois Versuchsanordnung, 2003 ausgerechnet in Block E der Amoy-Garden-Siedlung wohnt, wo das SARS-Virus auf besonders heftige und unerklärliche Weise zu wüten beginnt. Das Problem aber ist nicht nur der Holzhammer, der das Parabelhafte besonders platt erscheinen lässt (die drei Jugendlichen sind natürlich eher Konzepte als Figuren), sondern auch die beiden anderen Darsteller; mit ihren bisweilen unerträglichen Overacting hätten sie besser in eine Cinema-City-Komödie der 1980er Jahre gepasst. Letzterer Eindruck mag der Dramaturgie geschuldet sein - schließlich müssen die zunächst völlig selbstbezogenen Kids einen Lernprozess durchlaufen -, dennoch brachte mich ihre unerträgliche Larmoyanz dazu, sie schon nach kurzer Zeit zu hassen. Beklemmend wird der Film immer dann, wenn er den Alltag beschreibt, Details und Rituale wie das Temperaturmessen aufgreift, wenn er fast schon beiläufig vermittelt, wie das Leben und die Bewegungsfreiheit zunehmend eingeschränkt werden, bis das Gebäude schließlich geräumt wird. Im Grunde scheint Choi aber nicht so recht gewusst zu haben, worauf er hinaus will: Parabel, Sozialstudie, Horrorfilm oder teils komisch angelegte coming-of-age-Geschichte. Er bringt diese disparaten Elemente, anders als es vielleicht Fruit Chan getan hätte, nicht überzeugend zusammen. Choi selbst scheint ebenfalls nicht so recht zufrieden mit dem Ergebnis. Dennoch wünscht man ihm, dass es nicht wieder vierzehn Jahre dauert bis zu seinem nächsten Film. Seine Projekte jedenfalls, die im Drehbuchstadium stecken geblieben sind (u.a. ein historischer, in Penang angesiedelter Actionfilm mit Jackie Chan), klingen spannender als vieles, was in den letzten Jahren in den Verwertungskreislauf gelangt ist.

Auch SPL 2: A TIME FOR CONSEQUENCES, um meine Gedanken nachzureichen, klingt zunächst vielleicht wenig zwingend, aber Regisseur Cheang Pou-soi gelingt es tatsächlich, alle Schwächen des ersten Films (und damit meine ich vor allem das Buch, das die Geschichten von Donnie Yen und Simon Yam/Sammo Hung wenig überzeugend zusammenbringt) restlos zu tilgen und sogar noch eins drauf zu setzen. Was Cheangs Film vor allem - jenseits einiger atemberaubender Action-Setpieces (großartig: Max Zhang) - auszeichnet, ist seine in sich geschlossene, durch und durch pessimistische Weltsicht und die Sicherheit, dass all das, was schlimmer werden kann, auch tatsächlich schlimmer wird. Wie fein die melodramatischen Fäden schicksalhaft miteinander verwoben sind, ist erstaunlich und erinnert in dieser Konsequenz etwas an Bollywood-Filme von Manmohan Desai. Deshalb geht auch jegliche Kritik an vermeintlich unrealistischen, unglaubwürdigen Wendungen und Zufällen völlig am Punkt vorbei. SPL2 ist auch nicht wirklich Cheangs Rückkehr zu ACCIDENT (2009), wie in einer der ersten Rezensionen geschrieben wurde. Das Konzept mag durchaus thematische Überschneidungen mit dem Milkyway-Way-Korpus besitzen, aber der eigentliche Bezugspunkt, ästhetisch wie auch tonal, ist Cheangs rabiater DOG BITES DOG (2006). Die Welt, die Cheang in SPL2 entwirft, mit ihren korrupten Cops, brutalen Gefängniswärtern, skrupellosen Organhändlern (kantonesischer wie nordkoreanischer Provenienz) und zum Tode geweihten Kindern, ist streckenweise schwer zu ertragen. In beiden Filmen ist ein Menschenleben beängstigend wenig wert. SPL2 ist cineastische Schwarzmalerei par excellence - aber auch einer der besten Actionfilme der letzten Jahre.

Im Laufe der nächsten Tage verpasse ich leider die Eröffnung der Hongkonger Zweigstelle der L'Immagine Ritrovata, die nun unter der Leitung von Bede Cheng Klassiker des asiatischen Kinos restaurieren wird (nachdem die Firma bereits sieben Projekte in Italien abgeschlossen hat; das jüngste, die 4K-Restauration von Woos A BETTER TOMORROW (1986) erlebte gerade in Shanghai seine Weltpremiere).

Ebenfalls zu kurz kommt leider die aktuelle Filmreihe des Filmarchivs, die unter der Überschrift "The Art of Film Scripting" in Vorführungen und Diskussionsrunden den in Hongkong eher mäßig respektierten Autoren huldigt. Kuratorin Winnie Fu verschafft mir immerhin ein Interview mit Chan Man-keung, der vor allem als Autor für Ann Hui (SUMMER SNOW), Lawrence Ah Mon (GANGS) und zuletzt Stephen Chow (KUNG FU HUSTLE) bekannt wurde - aber, so höre ich zum ersten Mal, auch ein Schüler von Stephen Siu (Sen.) ist. Siu begann seine Karriere beim Fernsehen und avancierte später als Autor und Produzent zu einer zentralen Figur in Johnny Maks Produktionsfirma. Obwohl Mak seit Anfang der 1980er Jahre bis in die frühen 1990er eine feste Größe in der Produktionslandschaft war, hat man sich bislang kaum darum bemüht, das 'System Johnny Mak' zu verstehen. Im Vergleich zu Tsui Harks Film Workshop, Golden Harvest oder Cinema City (Retrospektive wahrscheinlich nächstes Jahr) ist entsprechend wenig bekannt über die Strategien und Abläufe bei Mak und Co. Selbst meine wiederholten Gespräche mit dem jüngeren Bruder Michael Mak konnten bislang nicht alle Unklarheiten beseitigen. Chan gelingt es durchaus, das Bild weiter zu vervollständigen. Was aber auch er nicht beantworten kann, ist die ein Frage, die jedem unter den Nägeln brennt, der Maks furioses Regiedebüt LONG ARM OF THE LAW (1984) gesehen hat: Warum er danach nie wieder einen Film inszeniert hat. Chans Erklärungsversuch geht so: Da Mak sowieso immer die Zügel in der Hand hatte, war es egal, ob Michael, David Lai oder Taylor Wong die Regie übernahm. Das passt nun nicht unbedingt zu dem, was ich von Michael gehört habe...

Dann Treffen mit dem wie immer unermesslich großzügigen Law Kar und Sam Ho, zwischendurch weitere Filmsichtungen im Archiv. Beim Mittagessen mit Samson Chiu erfahre ich, dass I AM SOMEBODY, der neue Film von Derek Yee, an dem Chiu beteiligt war, richtig gut geworden ist. Er selbst soll die Spielszenen eines Big-Budget-Actionfilms inszenieren, arbeitet aber auch an einem eigenen Projekt. Neben erleuchtenden Ausführungen, wie in den 1960er Jahren mit einer neuen Generation gewitzter Werbe- und PR-Profis auch neue Wege der Übersetzung 'westlicher' Konzepte und Titel in die Film(kultur) Einzug halten, klärt er mich fast beiläufig auch darüber auf, warum der Kanto-Regisseur und -Produzent Chung Kwok-yan (HIRED GUNS, ORDINANCE 17) immer noch so etwas wie ein Phantom darstellt. Chiu hatte Chung zum ersten Mal vor ein paar Jahren erwähnt und damals provokativ behauptet, Chung hätte das, was Johnnie To in ELECTION im Hinblick auf Triadenkultur getan hat, bereits Anfang der 1980er Jahre erledigt. Kein Wunder, da Chung scheinbar selbst zu den Triaden gehörte.

Next Stop: Seoul!

*) Frei nach dem kantonesischen Sprichwort und Titel des Herman-Yau-Films: Gau sei yat sam: Neun von zehn sterben, im übertragenen Sinne: Die Chancen stehen schlecht...

Stefan Borsos

Donnerstag, 25. Juni 2015

Was am 25. Juni 2015 in Wakkanai im Kino läuft...

Wenn man sich auf einer Reise befindet, dann sind oft ganz andere Dinge wichtig, als zuhause. Leidenschaften bleiben in der Regel aber dieselben, sonst wären sie keine. Zum Schreiben bin ich die letzten Monate kaum gekommen, leider, was vor allem daran liegt, dass ich mich für ein Tablet anstatt eines Laptops entschieden habe. Die paar wenigen Texte hier, alles auf dem Handy geschrieben. Also: Mad Max: Fury Road in Hanoi war toll (Kostenpunkt: 2€), die wiederholte Sichtung von The Broken Circle Breakdown allerdings weniger. Hier in Wakkanai, ganz oben im Norden von Hokkaido, wo schon das Ochotskische Meer die kalte Gischt herüberbläst, gibt es ein Kino. Und WLAN. Und das läuft gerade:

Shinjuku Swan (Sion Sono)

Shinjuku Swan (Sion Sono)

Maze Runner

Fast & Furious 7

Tomorrowland

Cinderella

Wird das Kinoprogramm in den großen Städten Japans von einheimischen und asiatischen Filmen wenn nicht sogar dominiert, dann wenigstens ausgeglichen bespielt, so ist das hier in der Provinz anders. Viel US-Blockbuster, der neue Kore-eda etwa, Umimachi Diary, läuft verwunderlicherweise nicht. Ach ja, aber einer noch, der viel Wind macht:


Michael Schleeh

Dienstag, 16. Juni 2015

Occult / Okaruto (Koji Shiraishi, Japan 2009)


Nachdem Koji Shiraishi mit seinem Film "Noroi: The Curse" (2005) einen ziemlichen Achtungserfolg hinlegen konnte - sogar in Deutschland ist eine DVD des Films erschienen - bleibt der Regisseur, Screenwriter, Cutter und Cinematographer in Personalunion seinem Thema treu und lässt mit "Occult" einen ganz ähnlichen, vielleicht nicht ganz so dichten Film folgen. Dazwischen: der Horrorfilm "The Slit-mouthed Woman" (2007) und einige bei uns unbekannte TV-Produktionen. Seine Filme werden häufig dem Horrorgenre des "Found Footage" zugeordnet (in der Bugwelle des Erfolges der "Paranormal Activity"-Reihe), auch wenn das im Detail vielleicht gar nicht immer so stimmt.

In "Occult" nun geht es zunächst sehr realistisch-naturalistisch zur Sache: der mit Handkamera "zufällig" anwesende Regisseur Koji Shiraishi filmt den grausamen Mord an zwei Touristinnen an einem japanischen Erholungsort: über einer Schlucht sticht ein Amokläufer seine Opfer auf einer Hängebrücke nieder, bevor er einem dritten Opfer, einem jungen Mann, das Messer ansetzt und diesem sowohl ein Muster in den Rücken schnitzt, als auch ins Ohr flüstert, er sei jetzt an der Reihe. Eine Übergabe des Tötungsauftrags. Dann springt er von der Klippe ins Meer.

Das Schnitzopfer ist dann in der Folge auch die eigentliche, ziemlich unsympathische Hauptfigur des Films von Koji Shiraishi, der selbst auch immer wieder ins Bild kommt, weil der Überlebende die Kamera übernimmt. Er ist ein arbeitsloser Tagedieb mit Hang zur psychischen Störung. Er sei empfindlich für übernatürliche Ereignisse, die er verspricht, für Shiraishi auf Film festzuhalten.

Der Film geht nun eigene Wege, mäandert weg von seiner eigentlichen Handlungshauptlinie, die Irrungen und Wirrungen des Freeita-Jobbers nehmen Überhand. Japanischer Alltag, Slackertum, Trinkgelage. Und tatsächlich drängt nun auch das Übernatürliche in den Film. Schwarze Schatten zeigen sich auf den Bildern, Geisterbilder. Oder sind die doch real? Übernatürliches? Vorahnungen? Diese schwarzen Ballungen zeigen jedenfalls an, wo etwas geschieht und wem gleich etwas zustoßen wird.

Aber auch das Muster auf der Haut gibt Rätsel auf: Shiraishi holt sich Rat bei einem Experten, der nun ausgerechnet Regisseur Kiyoshi Kurosawa ist, und der das mythologische Mysterium zumindest teilweise lüften kann. Sehr hübscher Gedanke.

Da das Filmmaterial in jedem Moment explizit für "Okurato" hergestellt wird, kann man sicherlich nicht von klassischem "found footage" sprechen, auch wenn die Ästhetik quasi dieselbe ist. Handkamera, Unmittelbarkeit, das Versprechen des Authentischen. Zumindest aber kommt man um die leidige Frage der Montage herum. Sehr sehenswert, auch sehr understated insgesamt, dieser durchweg spannende und unterhaltsame, ja sehr angenehm unprätentiöse Film. Vor allem und gerade auch in seinen Seit- und Umwegen. Und ganz am Ende, da donnert diese Mockumentary doch noch richtig was auf den Bildschirm.

Michael Schleeh

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Donnerstag, 11. Juni 2015

9413*, Hongkong/Seoul-Tagebuch, Teil 1


von Stefan Borsos

Eigentlich hätte an dieser Stelle ein Text/Bild-Essay zu Daniel Lee und dessen neuestem Film DRAGON BLADE stehen sollen, aber wie das manchmal so ist, hat sich alles etwas nach hinten verschoben und es ist schon Zeit für den ersten Teil meines Tagebuchs, das ich auf einer Forschungsreise nach Hongkong und Seoul führe und unregelmäßig alle paar Tage hier veröffentlicht wird. Nun hielt sich mein Bedürfnis nach Tagebuchführen bislang in engen Grenzen und auch mein Talent für spannende Alltagsbeobachtungen dürfte allenfalls mäßig ausgeprägt sein. Mögen folgende, mehr oder minder zusammenhängende Impressionen und Notizen dennoch von Interesse sein!

Es ist bereits der fünfte Tag in Hongkong und der schwül-heiße Sommer bleibt unbarmherzig. Nichtsdestotrotz scheint in der Filmwelt momentan eine enorme Betriebsamkeit zu herrschen. Carol Lai, Alan Mak und Lawrence Ah Mon befinden sich in der Vorproduktion für neue Projekte, Henry Lai legt gerade letzte Hand an die Filmmusik für Dante Lams von vielen sehnlichst erwarteten Fahrrad-Sportfilm TO THE FORE und Jack Ng schlägt sich die Nächte um die Ohren, um das Buch zu COLD WAR 2 zu vollenden. Nur so zu tun, als ob man beschäftigt sei, mag zwar zum Geschäft gehören. Dennoch bin ich einfach mal wohlwollend und glaube, dass bei allen Projekten ganz bestimmt auch fertige Filme herauskommen...

Die eigentliche Grund für die Reise, ein Dissertationsprojekt, treibt mich täglich ins örtliche Filmarchiv, wo es vor allem Exemplare des so genannten Jane-Bond-Zyklus zu sichten und zu entscheiden gilt, inwieweit diese tatsächlich etwas mit dem britischen Bond zu tun haben. Das Label, von Sam Ho in den 1990er Jahren ersonnen, ist zumindest insofern diskussionswürdig, als dass die Filme in den 1960er Jahren trotz teils klarer Bond-Bezüge unter anderen Bezeichnungen firmierten und selbst in der filmografischen Aufarbeitung Hongkonger Filmgeschichte durch das Archiv Hos Begriff keine Erwähnung findet. Nun hat sich seither ein Diskurs etabliert, der eine Auseinandersetzung mit dem Begriff erfordert. Nichtsdestotrotz gibt es Jane-Bond-Filme, die ganz viel mit Bond zu haben, und Jane-Bond-Filme, die nach 'westlichen' Maßstäben allenfalls als Krimikomödien durchgehen. In Jedem Fall scheinen feinere, klarere Ordnungsmaßnahmen angebracht.
Im November, auf meiner ersten Reise, hatte ich auch Gelegenheit, Chung Chang-whas weitgehend in Hongkong gedrehten Spionagethriller SPECIAL AGENT X-7 (1967) zu sichten, der, so will es der Mythos, Run Run Shaw dazu veranlasste, Chung nach Hongkong zu holen. Es handelte sich um eine Mandarin-sprachige VHS-Kopie in unansehnlichem Vollbild - aber die wohl momentan einzig zugängliche Version des Films (selbst das Filmarchiv in Seoul besitzt keine Kopie).

Dazu angeregt, dieses Mal etwas intensiver nach verborgenen Schätzen des Archivs Ausschau zu halten, bin ich auf zwei Filme gestoßen, die in frühen Retrospektiven des Hong Kong International Film Festivals (HKIFF) gezeigt wurden, aber danach kaum in entsprechenden Diskursen auftauchten und derzeit sonst nirgendwo verfügbar sind: COLD BLADE (1970), Chor Yuens erster wuxia-Film und zugleich eine der letzten Cathay-Produktionen überhaupt, sowie ANTI-CORRUPTION (1975) von Ng See-yuen.
COLD BLADE ist ein Film des Übergangs: Nach einer Karriere im kantonesischsprachigen Kino, wechselt Chor Anfang der 1970er Jahre notgedrungen zur mandarinsprachigen Konkurrenz - aus Chor Yuen wird Chu Yuan. Die Bavaeske Titelsequenz ist großartig und weist bereits auf Chors geradezu obsessive Beschäftigung mit dem wuxia-Schriftsteller Gu Long ab Mitte der 1970er Jahre hin. Wie die Vorlage sind auch die Stilmittel identisch: Zwei Schwertkämpfer trainieren in extremen Zeitlupenstudien, inmitten dicker, exquisit choreografierter Nebelschwaden und künstlichen Studiosets. Die wunderbar surreale Atmosphäre nimmt einen sofort gefangen. Interessant auch der Musikeinsatz zu Beginn des Films. Chor verzichtet auf allzu viele Dialoge und lässt in teils langen Totalen die Musik erzählen. Then the plot thickens - und der Film schlägt in seinen Handlungs- und Actionszenen leider einen anderen Weg ein, nutzt nur noch sporadisch die für Chors spätere Arbeit so typische mise-en-scène und Ausstattung. Die generische Handlung um eine Gruppe von Song-Rebellen im Kampf gegen Invasoren aus dem Norden ist zwar ordentlich verwickelt und mit Blick auf die zahlreichen Plottwists und eine tragische pan-ethnische Liebesgeschichte durchaus überraschungsreich und interessant, aber es fehlt dem Film insgesamt an Originalität. Die Action beispielsweise, mitchoreografiert von einem jungen Chan Koon-tai, der auch eine kleine Nebenrolle als Schurke hat, ist weitgehend konventionell. Chor wird mit Filmen wie DUEL FOR GOLD (1971), INTIMATE CONFESSIONS OF A CHINESE COURTESAN oder THE KILLER (beide 1972) weitere, mitunter spannendere Wege und Richtungswechsel erproben, bis er schließlich 1976 mit dem Trio KILLER CLANS, THE MAGIC BLADE und THE WEB OF DEATH endgültig zu seinem eigenen Stil im wuxia-Genre findet. COLD BLADE lässt sich mithin als Arbeit vieler Anfänge und Möglichkeiten verstehen, Möglichkeiten, die allerdings kaum ausgespielt werden. Besonders in ästhetischer Hinsicht kommt der Film zuweilen disparat und holprig daher, so dass einzelne Sequenzen wie die Titel zweifellos beeindrucken, er in seiner Gesamtheit aber nicht völlig überzeugen kann.

Neben JUMPING ASH (1976) von Leong Po-chih und Josephine Siu Fong-fong gilt Ngs ANTI-CORRUPTION als einer der stilbildenden Kriminalfilme in der Frühphase der Hongkonger Nouvelle Vague. Dass wegen des akuten Kopienmangels Genrebeitrage der Shaw Brothers zugunsten unabhängiger Produktionen vernachlässigt wurden und mithin historische Einschätzungen aus heutiger Sicht etwas schief anmuten, bedarf sicher einer Korrektur. Ungeachtet dessen ist ANTI-CORRUPTION ein vergnüglicher, bisweilen ausgesprochen kurioser Film. Zu Beginn bemüht er Tropen des police procedural und braucht ein wenig, bis sich so etwas wie ein Plot in Gang setzt. Irritierender Weise ist es nicht der junge Polizist, der sich über den Umschlag mit Geld wundert, den der Film in den Blick nimmt, sondern ein britischer Vorgesetzter namens Hunter weit oben in der Hierarchie, dessen Schmiergeldzahlung bittersüße Erinnerungen in ihm weckt. Es ist wohl kein Zufall, in jedem Fall amüsant, dass der Darsteller verblüffende Ähnlichkeit mit Prince Charles und besonders Peter Cushing besitzt und mit seinen tätowierten Unterarmen wie ein Matrose mit einem Faible für flamboyante 70er-Jahre-Klamotten aussieht. In der Rückblende sehen wir, wie dieser anfangs naive, aufrechte Brite nach Hongkong kommt, von den Chinesen korrumpiert wird und sich, als hätte er keine andere Wahl, sich dem korrupten System ergibt. Doch man weiß natürlich, dass das nicht lange gut gehen kann. Kaum ist die Rückblende beendet, tritt die ICAC auf den Plan und rettet den Tag, indem sie alle korrupten Polizisten, einschließlich Peter Godbers, der hier als Nebenfigur erscheint, dingfest macht. Sie tut das in einer zielstrebigen Weise, jedes Mal pointiert durch ein besonders dynamisches Musik-Thema, das die Ermittler regelrecht zum schnellen Laufen und Ermitteln anzutreiben scheint. Und weil am Schluss alle Schuldigen im Knast sitzen, endet der Film mit fröhlicher Orchestermusik.
Obwohl Ngs Film Korruption ähnlich wie Peter Yungs äußerst bitterer THE SYSTEM (1979) als systemisches Problem etabliert, scheint er sein eigenes Konzept zu unterlaufen, indem er plötzlich die ICAC aus dem Hut zaubert, die dann alles in kürzester Zeit lösen kann. Ein Irritationsmoment bleibt insofern, als dass keiner der ICAC-Ermittler näher charakterisiert wird, selbst die sauberen Polizisten erhalten verhältnismäßig wenige Szenen. In Erinnerung bleiben schließlich vor allem die Beschattung Godbers, bei der er nur entkommen kann, weil der verfolgende Ermittler in einem Kiosk mit Sexmagazinen versumpft, eine Montagesequenz, die den Aufstieg Hunters in der Polizeihierarchie mit Sex und dem Kauf eines Diamantrings für seine Freundin zusammenbringt, oder auch eine Art Mitgliederversammlung korrupter Polizisten, auf der die britischen Darsteller (als Ergebnis von Ngs Schauspielführung?), in Mimik und Gestik chinesische Schauspiel-Tropen reproduzieren.

Am Samstag Abendessen mit Herman Yau und einigen Freunden (darunter auch die Schriftstellerin Erica Li, als Drehbuchautorin eine von Yaus stock company). Yau ist gut gelaunt und lässt mich an seiner Ironie und schlichtem Unsinn fast verzweifeln. Ich frage mich, ob Chapman To vielleicht etwas damit zu tun hat, bei dessen Aussagen man nie so richtig sicher sein kann, ob man nicht einer schelmischen Flunkerei aufsitzt. Yaus Blacklist-Film MOBFATHERS ist gerade abgedreht, aber es gibt - natürlich - bereits ein neues Projekt: NESSUN DORMA, ein Thriller, dessen Dreharbeiten im August beginnen werden. Irgendwann im Laufe des Jahres soll auch Yaus Dissertationsprojekt zur Geschichte der politischen Zensur im Hongkong-Kino kommen. Nach einer gewissen Durststrecke ist Yau wieder gut im Geschäft. Seit meinem letzten Besuch sind drei neue Filme in die Kinos gekommen: KUNG FU ANGELS, SARA und AN INSPECTOR CALLS. Der wirklich relevante davon mag SARA sein, ein u.a. von Derek Elley reichlich missverstandenes Charakterdrama um die Beziehung der jungen Sara (Charlene Choi) zu einem viel älteren Beamten (Simon Yam), der gegen Sex ihre Ausbildung finanziert. Es gäbe viel zu sagen über diesen nicht unproblematischen Bildungsroman, über moralische Perspektiven, Vermarktungsstrategien - und mithin auch über Elleys, in seinem speziellen Branchenblatt-Sprech und -Blick besonders dumme Kritik. Dennoch möchte ich viel emphatischer auf einen spannenderen Film verweisen: AN INSPECTOR CALLS, ein Neujahrsfilm mit den üblichen Verdächtigen, dem als Konzept allen Ernstes ein sozialkritisches Theaterstück des Briten J.B. Priestley aus den 1940er Jahren zugrundegelegt wurde. Die Überraschung dabei: Es funktioniert. Auf eine irrsinnig bekloppte Weise, aber es funktioniert. Die Rückblenden, in denen das Fehlverhalten der Aristokratenfamilie gegenüber einer vermeintlichen Selbstmörderin nach und nach aufgedröselt wird, bietet genügend Raum für die Entfaltung des Plots, aber auch für die typischen Zutaten des Neujahrsfilms; am besten hierbei Raymond Wongs alle Peinlichkeit hinter sich lassende Verwandlungen und Verkleidungen sowie Donnie Yens Gastauftritt als Sänger einer Oldie-Schnulzen-Performance. (Dass Yen überhaupt die nötige ironische Distanz zu sich bzw. seinem Image besitzt, um einen solchen Auftritt zum wiederholten Male durchzuziehen, ist ein größeres Wunder.) Dabei geht es traditionsgemäß bunt und dank der theatralen Sets tendenziell surreal zu. Auf meine Frage, wer zum Teufel auf sowas kommt (und auch noch finanziert), ernte ich nur Gelächter. Leider war AN INSPECTOR CALLS sowohl in Hongkong wie auch in Festlandchina ein Flop, was wohl weitere Experimente mit der Neujahrs-Formel erst einmal wieder beenden dürfte. Schade!
Über SARA will Yau (erst einmal) nicht (mehr) reden, ebenso wenig über KUNG FU ANGELS; wenn auch wohl aus sehr unterschiedlichen Gründen. Noch weniger ist er jedoch erfreut, als das Gespräch über Umwege auf Wong Jing kommt. Offenbar sind die beiden keine großen Freunde. Das gilt ebenso für Stephen Chow und Jackie Chan, wie sich herausstellt. Sicher war es nicht erst die Umbrella- und Occupy-Central-Bewegung, die gewisse Konfliktlinien innerhalb der Hongkonger Film Community hervorgebracht hat. Dass sie seitdem klarer sichtbar werden, lässt sich allerdings kaum leugnen. Jedenfalls scheint mir, dass die Positionierung gegenüber Festlandchina und damit verbundene grundlegende (Identitäts)fragen (v.a. was ein Hongkong-Film ist/war/sein könnte/zu sein hat etc.) weiterhin die Filmemacher umtreiben wird. Yau erzählt später, dass er von seinem alten Kumpel Ivan Lai ständig gebeten wird, auf dem Festland zu arbeiten. Bislang hat er immer abgelehnt...

Zur Hongkong-Premiere von Soi Cheangs SPL2: A TIME FOR CONSEQUENCES gibt es das nächste Mal etwas. Vielleicht so viel vorneweg: Mein lieber Herr Gesangsverein, SPL2 ist eine völlig wahnsinnige Martial-Arts-Oper und tatsächlich ein ziemliches Meisterwerk!

*) Frei nach dem kantonesischen Sprichwort und Titel des Herman-Yau-Films: Gau sei yat sam: Neun von zehn sterben, im übertragenen Sinne: Die Chancen stehen schlecht...

Stefan Borsos

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Mittwoch, 27. Mai 2015

The Backwater / Tomogui (Shinji Aoyama, Japan 2013)


Der Fluss und die Fruchtbarkeit - nicht nur mythologisch sondern auch cineastisch ein nicht selten thematisierter Topos im japanischen Film (wobei der Fluss generell als Schwelle viele Konnotationen beinhaltet, auch jenseits allen Psychologisierens), mit am deutlichsten formuliert vielleicht etwa in Shohei Imamuras THE EEL und seinem späten wollüstigen Meisterwerk WARM WATER UNDER A RED BRIDGE. Nun also BACKWATER, das Brackwasser, das von hinter den Häusern verseucht zum Meer schwemmt und in dem noch Fische, zumindest Aale, leben. Der Protagonist Toma (Masaki Suda), ein junger wankelmütiger Kerl inmitten der sexuellen Erweckung, isst diese Aale nicht, er will sich nicht vergiften. Seinem Vater aber schmecken sie ausgezeichnet. Das hat natürlich was zu bedeuten, denn gerade von diesem  möchte und muss er sich lösen, diesem möchte er entkommen. Der Vater ist wie ein genetischer Fluch, der auf dem Helden lastet.

Der Vater schlägt seine Frauen. Und betrügt sie und schlägt sie wieder. Der Junge merkt, das ist auch in ihm drin, diese Gewalt, und als er rabiat wird Chigusa gegenüber, mit der er gern vögelt im Schuppen hintern Schrein, da erträgt er das kaum. Er will nicht werden wie der Vater, er würde ihn auch dafür umbringen.

Dieser idyllische Ort am Meer ist nur eine scheinbare Idylle, das merkt man schnell. Auch die Tonspur, ganz exzellent, zeigt das. Sounds, Verzerrungen, Übergriffe auf das Hörzentrum, angedeutete Melodien, die nicht sein dürfen. Dabei verpackt in den dem japanischen Film so eigenen Jugendfilm (für Erwachsene), in dem auch recht viel Sex vorkommt und gut gefüllte Kondome im Gegenlicht. Man erinnert sich an die Filme des Studios Nikkatsu, die genau solche Filme mit solchen Stoffen in den Siebzigern lancierten, vor allem unter exploitativen Gesichtspunkten (so genannte "Roman Porno"). Keine Hemmungen vor schwierigen und körperlichen Themen aber auch bei Aoyama, einem Meister der (nur scheinbaren) Stille, so schräg und grausam und so voll innerer Schönheit zugleich im deutschen Kino leider undenkbar.

Michael Schleeh

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