Sonntag, 20. Juli 2014

Qissa - The Tale of a Lonely Ghost (Anup Singh, Indien/D 2013)


Obwohl Qissa im Punjab angesiedelt ist, 1947, vor dem Hintergrund der Teilung der Provinz durch das Erreichen der Unabhängigkeit des Subkontinents, ist Qissa kein Historienfilm. Ein Teil wurde dabei Pakistan, der andere aber Indien zugesprochen und dadurch kam es in der Folge zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen - mit Mord und Totschlag zwischen Sikhs und Moslems. Anschließend zu unvermeidlichen  Migrationsbewegungen, da viele Familien ihr Zuhause verloren oder es aus Angst verlassen mussten. Die Teilung des Landes, deren Auswirkungen für viele der Opfer lebensbedrohlich war, ist aber ebensowenig die Grundlage für ein obligatorisches Biopic, auch wenn Qissa vor allem die Frage nach der verloren gegangenen Identität der Vertriebenen stellt, die an neuem Ort eine neue Existenz aufbauen müssen.

Diese "Chance" bekommt auch die Heldin dieses Films aufoktroyiert, die viertgeborene Tochter Umbers (gespielt von Irrfan Khan): neu anzufangen, alles hinter sich zu lassen. Für sie könnte das eine Befreiung sein. Nur ist das gar nicht so einfach, wenn das Unterdrücken der eigenen Identität zur konstituierenden Persönlichkeit geworden ist. Doch zurück zum Anfang: nach drei Töchtern wünscht sich das Familienoberhaupt Umber Singh nichts sehnlicher als einen Sohn. Doch als ihm seine Frau erneut eine Tochter schenkt, verschließt er die Augen vor der Realität, und erzieht das heranwachsende Mädchen als Jungen. Die Androgynität des Kindes erlaubt das zunächst, auch gegen die Widerstände seiner Gattin setzt er sich als patriarchalischer Vorstand der Familie durch. Und später, beruflich erfolgreich und angesehen, wagt niemand an seinem Konstrukt zu zweifeln. Aber es ist noch viel schlimmer: es scheint tatsächlich niemand zu sehen, dass eine junge Frau vor den Augen aller ihrer Persönlichkeit, ihrer Bedürfnisse, ihrer normalen Entwicklung beraubt wird. Und auch die Frau selbst weiß lange Zeit nicht, was eigentlich ihre authentischen Bedürfnisse überhaupt sind oder sein könnten, da sie die ganze Zeit eine Rolle zu erfüllen hat. Qissa als tragisches Transgender-Epos.

Qissa ist ein Film über Menschen in der Diaspora, in dem eine äußere Entwurzelung mit einem inneren Identitätsverlust parallelisiert wird. Der Sohn Kanwar (toll gespielt von der vielleicht etwas zu femininen Tillotama Shome, die man etwa aus Monsoon Wedding kennen könnte) bricht dann aber aus seinem Gefängnis ab dem Zeitpunkt aus, da Umber ihn/sie an die Tochter eines Zigeuners verheiraten möchte. Ein Ereignis, das man tatsächlich als Umbers Kapitulation lesen könnte: eine Verheiratung an ein Mädchen aus niedrigerer Kaste, die letztlich zwangsläufig zur Enthüllung des Konstrukts führen muss.

Abgesehen von einigen gut vermarktbaren offensichtlichen Exotismen (der Film ist co-produziert von arte, Heimatfilm, und dem ZDF) und dem bisweilen etwas konstruiert anmutenden Plot überzeugt der Film aber auf visueller Ebene, wo von schwergewichtiger Politik und diffizilen Gender-Diskursen nichts zu bemerken ist: Qissa ist vielmehr, zunächst noch versteckt, als visuelles Poem angelegt. Und das, ohne dabei träumerisch oder gar schwülstig zu sein. Der narrativ geradlinige Film löst sich gegen Ende immer weiter auf und treibt hinein in ein mystisch-märchenhaftes, beinahe folktale-haftes Erzählen (die Erzählung des einsamen Geistes), das sich in die Darstellung seelischer Gefilde begibt, die an die weiten, panoramatischen Landschaften vom Beginn des Films erinnern. Zur träumerischen Poetik der Bilder sei dieser Beitrag von Rüdiger Tomczak bei shomingeki empfohlen. Qissa ist ein indischer Film, bei dem kurzzeitig sogar eine lesbische Utopie möglich zu sein scheint - und bei dem es sicherlich förderlich ist, wenn man versucht, sich für die fremde Kultur zu öffnen und sich vom eigenen, vorgeprägten und westlichen Blick zu lösen. Man könnte also erstmal damit beginnen, indische Filmkritiken zu lesen. Wie auch sonst sollte man den Geistern, die diesen spannenden Film umtreiben, beikommen?

***

Freitag, 18. Juli 2014

No Blood Relation / Nasanunaka (Mikio Naruse, Japan 1932)


Der etwa ein Jahr vor Apart from You entstandene Film Nasanu naka, Naruses erster Langfilm, ist unter den noch verfügbaren Stummfilmen eine deutlich ungehobeltere Produktion, als dessen recht bekannter Nachfolger. Schon die Eröffnungssequenz ist ein richtiger Tritt vor die Brust. Mit schnellen Schnitten und agiler Kamera wird die turbulente Verfolgung eines Taschendiebes gezeigt. Bevor der Dieb später auf offener Straße, so die komödiantische Auflösung, die Hosen herunterlässt um seine Unschuld zu beweisen (übrigens sehr zum Amusement der ebenfalls anwesenden jungen Damen, die aus dem Kichern nicht mehr herauskommen). Die Eröffnung aber ist gleich ein radikaler Reißschwenk über eine Straßenszene hinweg, hinein in eine schreiende Schrifttafel mit dem Ausruf: DIEB! Hier die Sequenz:


Darauf die Verfolgung des Taschendiebes durch die alarmierten Passanten, die von der Straße zusammenkommen oder aus den umliegenden Geschäften herausstürzen, alles mit schnellen Schnitten montiert und in einer raschen Fluchtbewegung von rechts nach links dargestellt, die hier in den Stills durchaus schon komödiantisches Potenzial erahnen lässt:


Als der Flüchtende schließlich um eine Ecke herum rennt, wird er plötzlich zurückgestoßen - ein offenkundiges Slapstick-Element. Der Stoßende ist allerdings sein Komplize (was wenig später klar wird), der ihm die Beute rechtzeitig abnimmt, von den Verfolgern unbemerkt. Der dann besagte Durchsuchung des Diebes dem verfolgenden Mob zur Beweisermittlung vorschlägt (wohl wissend, dass sie nichts finden werden). Die gehen ihm freilich auf den Leim, der Dieb wird verhört und vergeblich gefilzt.






Hier nun die Momente, in denen sich der Halunke bereitwillig und mit geschwellter Brust entkleidet, um seine Unschuld zu beweisen. Er hat auch bereits wieder eine große Klappe, da er sich sicher fühlen kann - bevor er anschließend den "Verleumder" sogar in aller Öffentlichkeit ohrfeigt und unbekümmert davongeht, die Hose noch zwischen den Knien:





Der Zuschauer sieht also einen Film, in dem zwei Gauner ihren Zuschauern eine Szene vorgaukeln - eine spielerische Ouvertüre auf zweiter Ebene, in der wie nebenbei das Verhältnis von Theater/theatralischer Perfomance und Realität angedeutet wird. Dieses Motiv durchzieht dann auch den gesamten Film. Kurze Zeit später erreicht die Schauspielerin Tamae (Yoshiko Okada, eine der Hauptfiguren mit Künstlernamen, und damit ebenfalls eine Doppelung) mit dem Schiff ihre Heimat, die sie vor sechs Jahren gen Hollywood verlassen hatte. Sie möchte, nach gemachten Erfolgen, endlich ihre Tochter Shigeko wiedersehen, die sie bei ihrem Mann zurückgelassen hatte. Diesen hatte sie seinerzeit allerdings sitzen lassen, ihre Karriere war ihr wichtiger gewesen. Die Lauterkeit ihres Ansinnens darf also mit Recht angezweifelt werden. Ihr damaliger Gatte jedoch hat neu geheiratet, und seine zweite Frau Masako (Yukiko Tsukuba), die die eigentliche Hauptdarstellerin des Films ist, ist zur wirklichen Mutter des Kindes geworden. Der Form nach zwar "nur" die Stiefmutter, ist sie doch als Erziehende für die Tochter zum emotionalen Zentrum ihres Lebens geworden. Die Schauspielerin Tamae ist dem Kind fremd, eine wie aus dem Nichts auftauchende und besitzergreifende Frau.  Eine, die das junge Kind zudem nun zu sich in ihre feudalen Verhältnisse entführen möchte. So fragt der Film auch, veranschaulicht am Konflikt der zwei Mütter (die Mutter-Doppelung), was eigentlich Familie ausmacht, was Zusammengehörigkeit bedeutet.

Und da handelt es sich tatsächlich um eine Entführung, die die leibliche Mutter zur Not auch mit sanfter Gewalt durchzusetzen bereit ist. Dazu soll ihr der Bruder helfen, welcher eben jener Halunke ist, der dem Buben in der oben beschriebenen Szene die gestohlene Geldbörse abgenommen hatte. Ihr scheint jedes Mittel Recht. Hier gerät ein weiteres markantes Thema der Zeit in den Fokus, nicht nur bei Naruse, sondern wie bei vielen shoshimin eigas der frühen Shochiku-Kamata-Filme: die Opposition von moderner versus traditioneller Frauenrolle. Am Ende wird die moderne Frau Tamae ihre Sache aufgeben und wieder abreisen (müssen) - ganz im Einklang mit den traditionellen Werten der damaligen Zeit und, natürlich, der Studiopolitik.

Schon äußerlich unterscheiden sich die beiden Frauen durch ihre Kleidung: Tamae trägt vornehmlich schicke westliche Kleidung (wenn sie nicht ihre "japaneseness" betonen will, etwa für die Presse bei Interviews), garniert mit etwas Schmuck; Masako hingegen trägt traditionell Kimono. Wo aber die Sympathien liegen (sollen), ist zunächst jedenfalls in jedem Moment klar: die moderne Frau wird als egoistische Karrierefrau gezeigt, wohingegen ihr Gegenpart Masako als emotionales Zentrum installiert wird, die über alle selbstaufopfernden und liebevollen Charakterzüge eines traditionellen Frauenbildes verfügt. Der melodramatische Konflikt ist also von vornherein eigentlich schon entschieden.

Das Interessante am Film ist nun auch weniger der Plot an sich, als wie oben bereits eingehend erläutert, die radikale Machart des Films, der sich vor allem durch sein schnelles Pacing und sein dynamisches Editing auszeichnet. Schwenks, Dollys, Zooms verdeutlichen Blickrichtungen, Gefühle und Konfrontationen der Charaktere, die in emotionale Spannungssituationen geraten. Die dynamische Energie der Kamera ist immer allgegenwärtig und verdeutlicht so auch in einer tollen Szene die Brisanz der vor dem Ruin stehenden Firma von Atsumi, von Shigekos Vater. Dieser muss seinen Angestellten, die schon länger kein Gehalt mehr bekommen haben, den Bankrott des Unternehmens nahebringen. Hier schleicht sich auf einem Umweg noch einmal die soziale Härte eines depression-Dramas in den Film, der mit dem Begriff "Melodram" nur unzureichend bezeichnet wäre. Der Film wird um einen Konflikt, eine Dimension erweitert: was soll aus der Tochter werden, wenn sie in einem Elternhaus aufwächst, das zwar ein liebendes, dafür aber ein verarmtes ist? Soll man da nicht lieber das Kind weggeben? (Ex-Frau Tamae hatte sich sogar angeboten, die Firma vor dem Bankrott zu retten - und wie ist das nun wieder zu bewerten!) Solche bitteren Ereignisse, die die Komplexität der Erzählung noch einmal deutlich anheben, sind ein weiteres Markenzeichen Mikio Naruses. Auch wenn am Ende ganz sentimental das Glück und die Einheit der japanischen Familie wieder hergestellt wird, allzu einfach macht er es dem Zuschauer nie. No Blood Relation ist also nicht nur - aber auch - wegen des stilistischen Exzesses sehenswert.

***

Sonntag, 13. Juli 2014

Parasite Doctor Suzune – Evolution (Ryu Kaneda, Japan 2011)

(c) Tiberius Film

Doktor Suzune erwacht in einer kahlen Fabrikhalle aus einem Koma und beginnt zuerst einmal damit, sich wachzureiben und dabei merkwürdig zu stöhnen. Das macht ihr sichtlich keinen großen Spaß, aber sie kann wohl nicht anders. Ihr Bustier ist üppig und die Lederklamotten sind genauso makellos wie in Teil 1, wo sie analog auf einem Hausdach aufgewacht war – ein kurzer Moment, in dem man an Koji Wakamatsu Go, Go, Second Time Virgin! (1969) denken konnte, bevor einen der cineastische Alltag wieder ernüchternd einholte. Zum Glück aber hat sie noch ihren Frosch dabei, in der hübschen Retro-Tasche, die sie sich um den Oberschenkel geschnallt hat, und der mit Vorliebe Parasitenwürmer verzehrt. So ist sie nicht ganz allein. Und Suzune fragt sich dann, inwändig philosophisch zu sich selbst sprechend, was an der Katastrophe, die die Menschheit momentan heimsucht, Schuld sein könnte… “Immer mehr gesundes Essen, Haustiere, die Erderwärmung?”

Darauf folgt eine Montage der Sexszenen aus Teil 1, der da gewichtig hieß: Genesis (und derart gewisse Parallelen auf erfolgreiche US-Blockbuster herzustellen versucht). Wir lernen: Der Verzehr von Tomaten aus einer Bento-Box kann Viren übetragen, insbesondere, wenn es sehr lasziv geschieht; aber auch das Bummsen mit dem Abteilungsleiter auf einem roten Ledersofa hat in apokalyptischen Zeiten unvorhersehbare(re) Folgen. Suzune aber gibt nicht auf, sie sucht nach Parasiteneiern in der ganzen großen Stadt, und wenn sie mal durchschnaufen muss, dann begibt sie sich aufs Hausdach und starrt bedrückt über die Dächer der Metropole. Dazu etwas melancholische Musik, und beinahe findet man das dann gut, irgendwie. Regen setzt ein.

Anschließend folgen mehrere Szenen, die offensichtlich aus willkürlich zusammengewürfeltem Material arrangiert wurden, in denen irgendwelche Personen auftauchen, die mit der Handlung nichts weiter zu tun haben, die auch hinsichtlich Suzune keine Konsequenz haben – es wird also eher für Verwirrung gesorgt und ordentlich Spielzeit herausgeschlagen, denn dieser Teil 2 will eben auch gefüllt werden. Doch dann findet der Film wieder zu sich und konzentriert sich ganz auf die Brüste und die Fährnisse seiner Protagonistin Suzune. Diese, ja!, jagt nun wieder Würmer, bzw. Menschen, die mit Parasitenwürmern befallen sind. Die nächste rektale OP lässt also nicht mehr lange auf sich warten, doch zuvor müssen noch mehrere Kampfsportszenen mit verschiedenen Unholden abgefeiert werden, bzw. etwas Wire-Fu mit den drei irren, blauberockten Wissenschaftlern des bösen Imperiums, das Suzunes Vater zu installieren bestrebt ist...


***

Freitag, 4. Juli 2014

Apart from You / Kimi to Wakarete (Mikio Naruse, Japan 1933)


 Es sind oft die kleinen Nebenszenen, die Seitenblicke, in denen ein Bruch passiert, sich ein Film dann unvermutet öffnet hin zu einer Bedeutungsverschiebung, die man nicht mehr vergessen kann. Auch in Mikio Naruses frühem Stummfilm Apart from You gibt es (mehrere) dieser Momente: da kommt das Sorgenkind Yoshio (Akio Isono) ins Zimmer herein und bemerkt beschämt - was ungewöhnlich für ihn ist, da ansonsten eher ein Raufbold, im Begriff auf die schiefe Bahn zu geraten - am Knie das Loch in seiner Hose. Da hält er schnell seine Kappe drüber, doch auch in dieser befindet sich ein Loch, sodass das Loch auf Loch zu liegen kommt, und er damit, anstatt seine ärmliche Herkunft verbergend, sie unfreiwillig selbst umso deutlicher entlarvt. Später dann eine weitere solche Szene, da aber haben sich Yoshio und die zweite Protagonisten des Films, die junge Geisha Terugiku (die fabelhafte Sumiko Mizukubo, der Leuchtstern dieses Films), die ihm so sympathisch ist und die sich ihm angenommen hat (um der Mutter Willen, bevor das eigene Herz überzufließen beginnt), bereits schon angenähert. Sie versucht, ihm eine Hand zu reichen und eine Lebensalternative aufzuzeigen vor dem sicheren Absturz in die Kriminalität. Die Angst ist plötzlich verflogen, und bei einem Besuch am Meer bei ihren Eltern, wo er Terugiku hin begleitet, versucht er dann die Löcher in seinen Socken zu verstecken. Glücklicherweise aber ist ein Pinsel mit Tusche zur Hand, womit er kurzerhand seine Zehen schwärzt.


Es ist eine Geschichte der Frauen, wie Mikio Naruse immer Geschichten von Frauenschicksalen erzählt: das ist sein Sujet. Und Apart from You ist einer seiner ersten, frühen Erfolge; neben dem vielleicht noch bekannteren Film Yogoto no Yume / Nightly Dreams aus demselben Jahr. Beide Filme landeten im Jahr 1933 auf der Top Ten-Bestenliste der Kinema Junpo. Es hatte lange gedauert, bis Mikio Naruse endlich sein Potential bei der Shochiku entfalten durfte: Naruse war Shiro Kido, dem legendären Studioboss, suspekt. Zu zurückhaltend, zu schüchtern, allzu melancholisch, schien er diesem zu sein. (1) Und das, obwohl er seit seinem fünfzehnten Lebensjahr als Assistent im Studio gearbeitet hatte und mit Yasujiro Ozu und Heinosuke Gosho zwei prominente Fürsprecher hatte. Catherine Russell zitiert Naruses Stammschauspielerin Hideko Takamine: "Mr. Naruse was more than merely reticent: he was a person, whose refusal to talk was downright malicious." (2) Was man sich kaum vorstellen kann, bei diesem sympathischen Bild weiter unten. In der Literatur allerdings bestätigt sich dieser Eindruck überall: Naruse galt als Arbeitstier mit schweren sozialen Defiziten, den nichts als seine Arbeit interessiert haben muss. Auch seine eigene Familie musste stets zurückstehen - er habe in seiner langen Karriere nicht ein einziges Mal ein vorgelegtes Drehbuch, einen Auftrag abgelehnt. 


 In Apart from You geht es um die Sorgen und Nöte der nun älter werdenden Geisha Kikue (Mitsuko Yoshikawa) - die sich vor allem um die Zukunft ihres delinquenten Sohnes sorgt. Ein Mann ist nicht im Haus, sie ist allein erziehend, und durch die Umstände dazu gezwungen, diese Arbeit zu verrichten. Schwer frustriert vom Leben spricht sie auch immer öfter, sogar zum Missfallen ihres Stammkunden, dem Sake zu. Dieser beginnt bereits nach jüngeren Damen Ausschau zu halten und Kikue fühlt sich auf dem Abstellgleis angekommen. Der Begriff Geisha ist hier übrigens noch in seiner ursprünglichen Form zu verstehen, als der der hochgebildeten, in den Künsten ausgebildeten Unterhalterin. Mit Körperlichkeiten hatte das nichts zu tun, und wenn es doch einmal dazu kam, dann nur auf Basis gegenseitiger Einwilligung. Das Gravitationsfeld des Films aber ist der Sohn Yoshio, der das Mitglied einer Bande von Ganoven ist, die das Viertel unsicher macht. Eigentlich sollte er noch zur Schule gehen, doch dort ist er freilich schon lange nicht mehr gewesen. "Already in Apart from You, the delinquency of the son of a single mother is a key Naruse theme." (3) Ganz glaubwürdig ist das übrigens nicht, denn Isono wirkt etwas zu alt für seine Rolle. Andererseits entspricht diese Unschärfe dann aber wieder seiner Beziehung gegenüber Terugiku, die sich zunächst unentschieden zwischen schwesterlicher Zuneigung und aufkeimender Liebe bewegt.


In diesem häufig sehr dunklen Film, der viel in der Nacht spielt, wenn eben die Figuren ihrer Arbeit nachgehen, finden sich immer wieder Momente des Innehaltens, in denen Naruse und seinem Kameramann Suketaro Inokai, der auch viel mit Hiroshi Shimizu zusammen gearbeitet hat, tolle Portraitaufnahmen gelingen. Häufig sind es Blicke in Spiegel, durch Fensterscheiben oder Reflexionen in Oberflächen, die eine Identitätssuche und  eine Krise des Ichs der Figuren veranschaulichen. Im Screenshot unten sieht man die beiden Protagonistinnen in der Umlenkung in einem Spiegel, als Yoshios Mutter einzelne graue Haare entdeckt, die sie eine Szene später ausrupfen wird. Im Hintergrund ihre junge Begleiterin, die sich ihr annimmt, und die ihre Zuneigung zu Yoshio entdecken wird.





Apart from You hat einen durchaus melodramatischen Plot, der aus der Fülle ähnlich gelagerter Filme dieser Zeit kaum herausragt. Der Reiz des Films liegt meines Erachtens nicht in der reinen Handlungsbetrachtung, sondern in der cineastischen Narration, wie oben bereits angedeutet, in der Vielzahl  kunstvoll ausgestalteter, auch formaler Motivspuren, die immer wieder in originell realisierten Szenen kulminieren (die Zugfahrt - ein Meisterwerk der Montage!). Mit harten und weichen Schnitten und Blenden, mit Spiegeltechniken, was bis hin zu überraschenden Zuschauertäuschungen reicht, etwa wenn in einer frühen Szene das Verzehren einer Nudelsuppe sich als Traum- oder Wunschsequenz einer hungrigen und schläfrigen Geisha entpuppt, etwas, das sich also lediglich in der Psyche der Figur abspielt.

Eines der vielen wiederkehrenden Motive ist das des Kreises, was von Kamerabewegungen hin zum Spielen mit Yo-Yos auf der Straße und der Aufsicht von oben auf einen, eigentlich zwei, sich drehenden Phonographen (mit Schuss auf die rotierenden Plattenteller) reicht. Überleitungen werden mehrfach  als match-cut gestaltet (das Beieinanderliegen der Beine), Räume werden als sich gegenseitig konfrontierende oder korrespondierende angelegt: auf eine beklemmende Innenraumszene wird auf ein sich weitendes Straßenpanorama geschnitten, helle Räume folgen auf dunkle, auf einen Flötenspieler folgt eine Schallplattenaufnahme, eine komplette Innenraumszene wurde über einen Spiegel (als Abbild / Spiegelbild) gedreht, was sich dadurch auflöst, dass der Spiegel plötzlich mit einem Tuch verhangen wird. Auch später werden immer wieder Spiegel verhangen, sodass die Täuschungsszene immer wieder in Erinnerung gerufen wird. Diese Montagen verfügen häufig über eine solch starke Konnektivität, dass man hier in Apart from You schon sehr gut Naruses spätere, viel gepriesene gleitende Erzähltechnik des "unsichtbaren Schnitts" vorausahnen kann.


Jenseits dieser Aspekte aber ist Kimi to Wakarete ganz einfach ein wunderschöner Film mit etlichen berührenden Szenen, den durchweg eine sanfte Zurückhaltung und eine melancholische Traurigkeit durchzieht. Die Frauen, die hier mit ihrem Schicksal kämpfen, sind zugleich diejenigen, die es in die Hand nehmen und - zwar nicht unbedingt immer völlig selbstbestimmt, dafür ist das Korsett der gesellschaftlichen Zwänge zu eng - aber dennoch selbstbewusst ihre Zukunft zu gestalten versuchen. So durchweht auch immer eine leise Spur der Hoffnung und des positiven Ausblicks einen im Ansatz feministischen Film, der ansonsten durch und durch niederschmetternd sein müsste.

***
(1) vgl. Michael Kerpan, Apart from You, reviewed in Senses of Cinema.com.
(2) Catherine Russell, The Auteur as Salaryman, in: "The Cinema of Naruse Mikio. Women and Japanese Modernity", Duke UP, London 2008.
(3) Chris Fujiwara, Mikio Naruse: The Other Women and the View from the Outside, in: film comment.com.

***

Samstag, 28. Juni 2014

Parasite Doctor Suzune – Genesis / Kisei jui Suzune: genesis (Ryu Kaneda, Japan 2011)


“So also sieht Hentai aus, wenn man daraus einen Live-Action-Film macht!” – mit diesen Worten spottet ein User bei AsiaWiki über Parasite Doctor Suzune. Nun muss man wissen, ein Hentai ist eine völlig durchsexualisierte Variante der in Japan allseits beliebten riesengroßen Industrie der Mangakultur – und da gibt es alle möglichen Varianten, von harmlosem Blümchensex bis hin zur üblen Vergewaltigungsphantasie an Schulmädchen durch gefrustete Büromenschen. Warum es das gibt? Nun, die Darstellungen im normalen Spielfilm wären ganz einfach: verboten. Hier wird Verdrängtes, ansonsten Unmögliches kompensiert.

Parasite Doctor Suzune: Genesis springt mitten in die Geschichte hinein. Eine junge Büroangestellte überfällt urplötzlich unbändige Paarungslust, und schon bespringt sie ihren Abteilungsleiter. Zum Glück ist die spärlich bekleidete Suzune zur Stelle, denn schon kurz nachdem die manische Sexmaschine am Hosenschlitz des Vorgesetzten herumschmatzen konnte, greift sie behände ein: mit einem gezielten Griff in den Unterleib der Wütenden entfernt sie einen glibberigen Wurm, der eben, als gefährlicher Parasit, seinen Opfern eine unbändige Paarungslust einimpft. Aber eben auch: Kraft und Gewalt, was sie zu so etwas wie Sex-Zombies werden lässt. Es bleibt also alles in glaubwürdigem Rahmen.

Natürlich hat das alles einen Hintergrund, und der liegt, wer hätte es gedacht, in der Vergangenheit der Protagonistin selbst. Ein Trauma gilt es zu bewältigen mit dem Otosan, ihrem Herrn Papa. Und dieser ist Wissenschaftler. Erfahrene Genrespezialisten riechen nun freilich den Braten. Parasite Doctor Suzune: Genesis ist trotz aller hanebüchener Abstrusitäten gar nicht so langweilig und nervig, wie man meinen könnte – und wie man mancherorts liest...


***

Sonntag, 15. Juni 2014

NIPPON CONNECTION 2014 - ein Festivalbericht


Wenn Naoki mit Satomi zusammen ist, Koji mit Tomoko, der brillentragende Hobbypunknerd Osamu mit „dem Hundegesicht“ Yuko – wie sie bösartig genannt wird – verkuppelt werden soll, sich Takashi währenddessen in Kaori verliebt, der und die eine vielleicht mal fremd geht, mit Satomi, Tomoko oder sonstwem, und man auch nicht genau weiß, was Satomi nachts eigentlich so treibt, wenn sie jobben geht – dann befindet man sich mitten in Daisuke Miuras turbulenter Komödie BE MY BABY (Koi no uzu, 2013). Ein Film, in dem permanent alles irgendwie auf dem Kopf steht. Ist der Titel Wunsch oder Befehl? Wohl beides, je nachdem. Wie in einem Kammerspiel schwatzt hier alles aufeinander ein, klettert übereinander drüber, auf der Suche nach der Spielekonsole etwa, die die ganze Zeit über zwitschert, schnattert und plärrt, sucht man nach Zigaretten, Bier oder Knabberspaß, klingelt zwischendurch die Tür, neue Gäste kommen, raucht die Kippe, raucht der Joint, kriegt einer einen Lachanfall, klingeln ständig irgendwelche Handys, redet einer… einen Moment lang zulange mit der falschen Frau. Der Auslöser zu einem Skandal, ganz klar. Dabei noch ein vorgetäuschter, denn eigentlich hat er, der Bösewicht des Films, ja schon genug von seiner Freundin und die Konfrontation wird inszeniert, um einen Streit vom Zaun zu brechen. Um ihr die Schuld zuzuschieben, sie kleinzumachen, um sie endlich mit einem Alibigrund verlassen zu können. Weil man Schiss hat, die Wahrheit zu sagen: lieber ein bisschen Mindfuck – sie habe sich außerdem nicht um die neue Freundin soundso gekümmert, die alleine in der Ecke saß. Er ja auch nicht. Er brüllt aber lauter und findet noch ein weiteres (oder zwei oder drei), vorgeschobenes Argument, das er ihr in die Schuhe schieben kann. Mittzwanziger Freeter-/Furiita-Jobber ohne Lebensplan werden hier gezeigt, die sich so durchschlagen und nicht viel mehr tun, als ihren Beziehungsstatus (auch ständig auf allen sozialen Netzwerken) pflegen, auf der faulen Haut liegen, viel rauchen, Bier trinken, vögeln. Das wird gefilmt mit Handkamera, shaky, dicht dran, gut inszeniert mit Ruhepausen, die dann in ernsthaftere Gefilde abdriften, in die Paarkonstellationen, wo die Schauspieler auch zeigen dürfen, was sie können. BE MY BABY ist vom Regisseur von LOVE STRIKES! / MOTEKI (2011) und ein sehr gelungener, extrem unterhaltsamer Langfilm des ehemaligen Fernsehregisseurs Daisuke Miura.

*
Über 100 Filme präsentiert die diesjährige 14. Ausgabe der Nippon Connection seinem Publikum, und wie in diesem Film BE MY BABY kann es auch abends im Foyer des Mousonturms dann ein riesiges Durcheinander werden, etwa wenn ein Film wie THE APOLOGY KING völlig ausverkauft ist. Überhaupt scheint die „neue“ Location, in die die Veranstaltung letztes Jahr bereits umgezogen war, vom Publikum sehr gut angenommen zu werden. Überhall hört man positive Stimmen zu der Kombination der beiden Festivalzentren Mousonturm – Naxoshalle, die nur hundert Meter auseinanderliegen (und die auch das Mal Seh’n Kino gut anschließen). Die Stimmung jedenfalls ist sehr gut, dicht, auch aufgrund der räumlichen Nähe. Lediglich die Schalldämpfung im Kino der Naxoshalle lässt etwas zu wünschen übrig, wenn es abends richtig voll wird und das Gemurmel der sich unterhaltenden Gäste hereindringt aus dem Foyer, das dann mit Pressecounter, Essensständen, Bar und Spieletischen zum Treffpunkt der Festivalbesucher wird.

*
Dazu passt auch gut Shinobu Yaguchis irre Komödie ROBO-G (2012), in der drei Waschmaschinen-Ingenieure mal eben so einen Roboter entwickeln sollen, da sich ihr Firmenchef als progressiver Erneuerer auf einer Robotermesse präsentieren möchte. Es geht natürlich – alles schief. Und zwar in einem großen Scherbenhaufen. Die einzige Lösung: bißchen Schwindeln. Gefunden wird ein grantiger Rentner auf Sinnsuche, der in eben jenes Roboterkostüm klettern soll, um die drei Anti-Helden vor dem Ruin zu retten. Dass die Aktion eine lange Kette an wirklich zum Schreien komischer Ereignisse auslöst und nach sich zieht, muss kaum erwähnt werden, und so ist denn auch dieser Film vom Publikum sehr beklatscht worden. Yaguchi ist ein Meister des nicht nur sanften Humors und wird nicht umsonst als einer der wichtigen Erneuerer der japanischen Komödie nach 2000 angesehen. Man erinnere sich an seinen Film WATERBOYS (2001) oder den nicht weniger tollen SWING GILS (2004). Yaguchi ist übrigens auch ein Filmemacher, dessen Werke es in das Archiv der Japan Foundation geschafft haben. Kulturell relevant also für die neuere japanische Filmgeschichte. Ausrufezeichen.

*
THE APOLOGY KING (2013) von Nobuo Mizuta ist hingegen das, was gemeinhin eine Groteske genannt wird. Mizuta verfilmt hier ein Drehbuch des extrem erfolgreichen Drehbuschschreibers (und Darstellers und Regisseurs) Kankuro Kudo (AMACHAN, YAJI AND KITA, MEMORIES OF MATSUKO, GO, MAIKO HAAAAN!), das in einem überdrehten Hirngespinst seine Prämisse findet: Yuzuru Kuroshima (der Komiker Sadao Abe mit Helmfrisur und quirky Klamotten) betreibt eine „Agentur für Entschuldigungen“, die die große Kunst des „Dogeza“, bzw, des „ultra-Dogeza“ (des Entschuldigens mittels des richtigen Verbeugens bzw. des Hinkniens) praktiziert. Natürlich wird hier die hochkomplexe japanische Entschuldigungskultur aufs Korn genommen, jeweils in einzelnen mehr oder weniger zusammenhängenden Kapiteln, die dann immer wieder tatsächlich tiefgründige Themen anschneiden. Aus einer grotesken Komödie wird so immer wieder auch ein ernsthaftes, in Momenten durchaus bitteres Drama – bei dem man aber stets weiß, dass das nächste Knallbonbon schon bald gezündet werden wird...


***


Sonntag, 1. Juni 2014

Nippon Connection 2014: Lesson of the Evil / Aku no kyôten (Takashi Miike, Japan 2012)


Takashi Miike hat einen dunklen, sehr dunklen Film gemacht: tiefe Blautöne, die seine Bilder einhüllen, in Kälte, Einsamkeit, Verschlossenheit. Das Menschliche ist ihnen ziemlich ausgetrieben. Beinahe so stilisiert wie der umjubelte CONFESSIONS befinden wir uns auch hier an einer Schule, in der in diesem Film jedoch ein Serienmörder umgeht. Und der Zuschauer weiß schon früh Bescheid: es ist der gutaussehende, sympathische Lehrer Hasumi (Hideaki Ito), der Dank eines Kindheitstraumas nun so einige psychologische Defekte mitbringt. Auch er tötet zunächst seine Mutter (wie der Killer in Werner Herzogs My Son My Son, What Have Ye Done? - allerdings ein über weite Strecken tagheller Film), nun Hasumi aber, der Hand an seine Schüler legt. Im wörtlichen Sinne. Zuerst diejenigen, die ihm (und anderen) irgendwie quer kommen ("bullying"), dann aber auch Mädchen, mit denen er Sex hat, und so einige mehr. Eine merkwürdige, tranceartige Szene spielt den Compagnon namens Clay ein, einen Bruder im Geiste (wie auch in Taten) und Amerikaner, den er bei seinen Arbeitsverhältnissen in den USA kennenlernte - doch auch den macht er bald kalt - was kann schon so ein Amerikaner im Vergleich zu den Japanern! Miike rechnet hier auf Serienkillerebene nochmal mit dem alten Feind aus dem Zweiten Weltkrieg ab. Also: dieser Film ist irgendwie auch eine schwarze Komödie.

Auch mit über 50 Jahren haut Miike die Filme reihenweise heraus, alleine drei im Jahr 2012, insgesamt schon weit über 90 in seiner Karriere. Das ist ein Arbeiten am Gesamtwerk, das man sehr schätzen kann. Eines, das mit seinem japanischen Studiosystem schwer im Gegensatz zum europäischen Geniegedanken steht, und ich persönlich finde es bewundernswert, welches Niveau hier durchweg erreicht und gehalten wird. Allerdings, das muss man auch ganz deutlich sagen: eine persönliche Handschrift geht Lesson of the Evil weitestgehend ab. Zwar lassen sich einige Überdrehtheiten finden, die man sehr gut ins Schaffen Miikes einsortieren kann, overall gesehen ist dieser Film aber - so gut er unterhalten mag - recht gesichtslos. Eher die frühen Flme David Cronenbergs kommen einem in den Sinn, wenn urplötzlich mutierende Gewebewesen auftauchen und dem Protagonisten Teuflisches einflüstern. Das Böse materialisiert sich da ganz gegenständlich - und keineswegs ist das klar, ob das nur die wahnhaften Augen des durchgedrehten Lehrers Hasumin erkennen können. Vielmehr drängt der Film zur Annahme, Hasumin sei gerade kein Verrückter, sondern einer, der ein Spiel spiele.

Am Ende, als die Schüler über Nacht im Gebäude bleiben und das Abschlussfest vorbereiten, inklusive Geisterbahn, da kommt es zum erwartbaren Gemetzel. Und die Rücksichtslosigkeit, mit der hier das Splatterfest losgetreten wird, erstaunt schon. Zunächst müssen wieder die Schüler herhalten, die negativ aufgefallen waren. Das erinnert in seiner Gewalt gegen die Schulkinder doch sehr an Kinji Fukasakus Battle Royale, wo das Morden ebenfalls einen erzieherischen Effekt auf die Eleven haben soll und der sich völlig an den zynischen Praktiken einer durch die Medien irre gewordenen Gesellschaft besäuft. Oder an den nach Rache sinnenden Lehrer in Tetsuya Nakashimas Confessions. Lesson of the Evil ist da einfacher gestrickt, geradliniger vielleicht. Allzugerne vergisst man dabei allerdings, dass Hasumin ein Fan Betolt Brechts ist und dessen Dreigroschenoper verehrt. Mehrfach summt er das Lied, bzw. Die Moritat von Mackie Messer vor sich hin. Neben der bekannten Haifischstelle* am Beginn lautet die vorletzte Strophe so:

Und das große Feuer in Soho
Sieben Kinder und ein Greis
In der Menge Mackie Messer, den
Man nichts fragt, und der nichts weiß.

 So eben endet auch Miikes Film: mit einem großen Feuer im Schulgebäude. Und Mackie Messer aka. Hasumin verschwindet "in der Menge", da er sich als Unschuldigen tarnt. Der Übeltäter sei freilich dieser andere Lehrer gewesen, von dem alle immer sagten, er sei ein wenig verschroben gewesen. Um seine These zu belegen, verletzt er sich selbst am Kopf und legst sich Handschellen an. Man glaubt ihm, und er wird "nichts gefragt". Aber dann gibt es doch noch einen Twist, ein Ereignis, an das Hasumin nicht gedacht hatte. In so einem Chaos kann eben auch Mackie Messer noch etwas Wichtiges entgehen, so will es das Drehbuch. Lesson of the Evil ist ein schwer unterhaltsamer Film, und er bekommt offensichtlich eine Fortsetzung. An den großartigen 13 Assassins kommt er aber meines Erachtens nicht heran.

***

*
Und der Haifisch, der hat Zähne
Und die trägt er im Gesicht
Und Macheath, der hat ein Messer
Doch das Messer sieht man nicht.

Und es sind des Haifischs Flossen
Rot, wenn dieser Blut vergießt
Mackie Messer trägt ’nen Handschuh
Drauf man keine Untat liest

***

Freitag, 23. Mai 2014

L'Amant (Ryuichi Hiroki, Japan 2004)


Das stark eingefärbte, koreanische Plakat täuscht etwas darüber hinweg, wie sehr dieser Film entfärbt ist. Ja, geradezu trist anmutet in seinen Grau-Brauntönen, gleich so, als wäre hier immer Herbst und Winter ohne Sonne, Schnee, Eis und alle helleren Flächen, die einem in die Augen blitzen könnten. Die Geschichte, die hier erzäht wird, mag auf den ersten Blick ebenso trist erscheinen. Ist sie aber nicht. Es ist ein Film von Ryuichi Hiroki. Und Hiroki mag seine Frauen, auch wenn sie häufig in sich selbst zurückgezogene Zweiflerinnen sind, und bisweilen einen Hang zur Selbstzerstörung haben.

Was auf den ersten Blick wie eine erotische Amour-Fou-Erzählung anmuten mag, die man etwa im Pink-Film, aber auch bei den eher strukturfokussierten Schachbrettfilmen der Franzosen der Nouvelle Vague wie Marguerite Duras oder Alain Robbe-Grillet finden könnte, ist bei Hiroki ein Thema, das in eine ganz eigene Richtung geht. Der eigentliche Erotik-Content, der auf den Bildschirm fließt, ist dann auch beinahe kaum existent und findet fast ausschließlich im Kopf des Zuschauers statt. Und die Erzählung geht also so: ein alternder, sterbender Erotomane wünscht sich auf dem Sterbebett die Erfüllung seiner erotischen Traumvorstellung: drei Männer (hier genannt A, B und C) "mieten" sich für ein ganzes Jahr eine Frau, die ihnen sexuell zur freien Verfügung zu stehen hat. Hier ist es nun eine 17jähriges Schülerin, der sie den Namen Hanako geben und die ihnen ihren richtigen Namen nicht offenbart. Nach der Schule begibt sie in ein mondänes Haus, wo sie auf die drei dort lebenden Männer trifft; sie verbringt dort ihren Alltag mit Hausaufgabenmachen und dergleichen, wie eben auch in der steten Bereitschaft, sexuell für die Herren verfügbar zu sein. Für die drei (auch charakterlich unterschiedlichen) Männer aber interessiert sich der Film nicht, wie auch kaum für die sexuellen Handlungen. L'Amant ist ein Film über das junge Mädchen selbst, das erwachsen wird. Ein coming-of-age-Film also, und so tritt sie auch immer wieder als Erzählerin ihrer eigenen Geschichte in Erscheinung, etwa in Voice-Over-Kommentaren, die von einem weit späteren Zeitpunkt die Geschichte wie in einem Rückblick erzählen.  

Hanako begibt sich freiwillig in diese Situation. Warum, das wird nicht ganz klar. Vermutlich geht es ihr ums Geld, wie sie einmal sagt - dabei lebt sie eigentlich bei ihrer Mutter in gesicherten Verhältnissen - wenn auch die Familie zerrissen scheint, der Vater absent ist und niemals im Film auftaucht. Eine ihrer Schulfreundinnen aber bemerkt ihr merkwürdiges Verhalten schon allein deswegen, weil sie nachmittags keine Zeit mehr hat und sich überall rauszieht. Wie so häufig in Hirokis Filmen hat man es wieder mit einer Protagonistin zu tun, die eine Alleingängerin ist, die aus der Zeit und auch aus der Gesellschaft wie herausgefallen scheint, die irgendwie nur mitläuft ohne groß aufzufallen, hinter der sich aber eine eigene Welt offenbart, die zunächst verborgen ist. Eine mögliche Erklärung für ihr Handeln wäre die, dass sie selbst diese Zeit als eine definiert, die sie - für sich - zum Experiment bestimmt. Ein Jahr lang, so sagt sie einmal selbst, macht sie das. Und mit dem Erreichen des Schulabschlusses ist die Zeit unweigerlich vorbei. So bricht sie auch rigoros die Beziehung zu den Männern ab, als das Jahr vorüber ist, auch wenn sich mittlerweile persönliche Zuneigung und Gefühle entwickelt hatten. Keinesfalls darf man sich vorstellen, dass Hiroki seine Hanako in einer Opferrolle inszenieren würde. Vielmehr wächst sie zu einer souveränen Frau heran. Das japanische Kino hält sich eben nicht immer an die gängigen Moralvorstellungen unserer Gesellschaft.

Produziert wurde der Film vom Spiele-, Film- und Musikkonzern Happinet Pictures, und dafür, dass er zugleich eine Manga-Adaption ist, wirkt er doch auf verblüffende Weise wie ein nach Europa schielender Kunstfilm mit einem Fuß tief im Arthouse. Und auch hier wieder, wie in allen seinen Filmen: Hirokis feines Gespür für das Wechselspiel von Stille und Musik. Tolle, eingespielte Songs kommen einer Erlösung gleich, die Stille nicht wie eine aufgezwungene Künstlichkeit sondern wie eine stete Steigerung der Anspannung. Wenngleich der Film sich mir etwas verschlossener präsentiert hat (manchmal als geradezu hermetisch sogar) als andere Filme dieses tollen Regisseurs, der sicher einer der wichtigsten zeitgenössischen Filmemacher seines Landes ist, so kann er doch nichtsdestotrotz völlig überzeugen. Und man kann die Nippon Connection in Frankfurt nur dazu beglückwünschen, diesem Regisseur Jahr für Jahr die Treue zu halten und seinen neuesten Film auf dem Festival zu zeigen.

***