Freitag, 27. Mai 2016

Nippon Connection 2016: Lowlife Love (Eiji Uchida, Japan 2015)

 

Der Independent-Regisseur - das unbekannte Wesen. Von uns Zuschauern hoch verehrt, denn er ist der letzte unbürgerliche Fackelträger der reinen Kunst. So könnte man denken, wenn man naiv an die Sache rangeht. Und Uchida und mit ihm sein großartiger Hauptdarsteller, der ungemein sympathische Kiyohiko Shibukawa, haben nichts besseres zu tun, als uns diese romantische Vorstellung vom wahren Künstler, der an nichts als der radikalen Realisierung seiner Vision interessiert ist, um die Ohren zu schlagen. In Japan wurde der Film hart kritisiert - von innerhalb des Filmbusiness. Ganz einfach deshalb, weil er eine richtige Pestpocke ist, ein Nestbeschmutzer par excellence.

Denn obwohl Indie-Talent Tetsuo vor Jahren mal einen viel diskutierten Film gemacht hat, ist seitdem nichts mehr so richtig zustande gekommen. Oder, um mit der Wahrheit herauszurücken: er ist ein vollkommener Hedonist und Loser, der nur an seinem persönlichen Vorteil interessiert ist. Und dafür ist ihm jede Grenzüberschreitung recht. Er wohnt nur zuhause bei Mutti, leiht sich überall Geld, hält sich mit Porno-Produktionen über Wasser, und beutet seine Schauspieler aus. Seine körperlichen Übergriffe geraten durchaus auch mal in den Bereich der versuchten Vergewaltigung. Er ist dreist, arrogant, ungepflegt. Aber er geht durch den Tag mit einer Chuzpe, die ihm eine Aura der Autorität und Unverwundbarkeit verleiht - welche er freilich gnadenlos ausnutzt. Im Film geht es nun darum, wie er nach dem Casting für sein jüngstes Projekt eine weitere Darstellerin verführen möchte - und diese das nicht zulässt. Und je mehr sie sich verweigert, desto mehr steigert er sich in seine Besitzphantasien hinein. Dafür lässt er sogar die Freundschaft zu seinem "Produzenten" draufgehen, mit dem er die Pornofilme dreht und der in ihn  verliebt ist. Es ist ein heilloses Durcheinander, ein Schlamassel der Eitel- und Abhängigkeiten, in das uns Uchida und sein Produzent Adam Torel von Third Window Films führt. Dieser hatte seine private Schallplattensammlung verkauft, um diese bittere Komödie finanziert zu bekommen. Es ist eine schmutzige Welt von Sex, Ausbeutung und Alkoholexzessen. Es ist die Welt des Independent-Films in Japan.

Oder beinahe. So zumindest die beiden Inszenatoren dieses Films, die beim Q&A auf der Bühne nicht müde werden zu behaupten, dass es solche gnadenlosen Gestalten im Filmbusiness gibt. Wie auch immer, das spielt erstmal für den Film selbst keine Rolle. Dass sich Schauspieler einem Regisseur durchaus mal an den Hals schmeißen, ist wohl bekannt und ausgiebig dokumentiert. Aber dieser nihilistische Blick "hinter die Kulissen" schlachtet schon ein wenig die heilige Kuh dessen, was man immer für hoch und heilig gehalten hatte. Und das ausgesprochen gut gelaunt und kurzweilig. Die Fährnisse dieses "sexbesessenen Kotzbrockens" (Zitat Programmhaft) sind temporeich inszeniert, relativ explizit, körperbetont, und eine wunderbare Gelegenheit, mal durch die schmierigen Seitengassen des ansonsten auf glitzerne Lackfassaden abonnierten Gewerbes nachzugehen. LOWLIFE LOVE ist ein Highlight des Festivals - und wenn dann noch ein Schauspieler wie Denden als abgehalfterter Pinku-Regisseur in einem ausgedehnten Cameo auftritt, dann weiß man, dass man hier nichts falsch machen kann.

Michael Schleeh

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Donnerstag, 26. Mai 2016

Nippon Connection 2016: Gonin Saga (Takashi Ishii, Japan 2016)


Es gibt Kinomomente, die sind so überdeckt von Geraune und unklaren Vorahnungen, dass einen die Ungewissheit, was denn nun zu erwarten sei, fast verrückt machen könnte. Entsprechend ambivalent habe die Vorführung von Takashi Ishiis Yakuza-Klassiker-Fortsetzung GONIN SAGA erwartet. Wird das nun eine langweilige Fortsetzung des heiligen Gangsterfilm-Grals, eine Schändung des eigenen Legendenstatus gar? Oder sollte der Film vielleicht sogar was können? Die Meinungen und die Stimmungslage, die man im Vorfeld aus dem Programm-Macher-Team der Nippon Connection herausdestillieren konnte, war ebenso ambivalent. Und Ishii ist auch kaum zu greifen, ein Regisseur, der schon immer alles gemacht hat: zuletzt etwa wieder Pinku-Erotikfilme mit so vielversprechenden Titeln wie SWEET WHIP (2013) oder NIGHT IN NUDE (2011) - etwas, was so gar nicht ins bierernst genommen werden wollende System des europäischen Filmautorenbegriffs passen will. Und so wurde auch, offen und ehrlich, in der Anmoderation auf die internen Diskrepanzen hingewiesen, die die Programmierung dieses Films ausgelöst hatte. Um es kurz zu machen: Takashi Ishii hat meine Erwartungen nicht nur erfüllt, er hat sie sogar völlig übertroffen.

GONIN SAGA beginnt ganz klassisch nach den Mechanismen des Genres: nach einer kurzen, hektischen, hochgetakteten und episodischen Szenenfrequenz, in der die Vorgeschichte erläutert wird, entfaltet sich nach und nach die nachtdunkle, neonbeleuchtete Großstadt-Geschichte um eine Generation väterloser Yakuza-Kinder, die ebendiese Morde an ihren Eltern nun endlich rächen wollen. Dazu findet sich eine heterogene Gruppe von drei Charakteren zusammen (einer von ihnen ist investigativer Journalist auf der Suche nach einer knalligen Story), die dann noch mit der schönen, mysteriösen Prostituierten Asami gemeinsame Sache machen. Das Ziel: Rache an den Clanbossen, und zugleich: ein Raub von zig Millionen Yen aus den Safes eines kriminellen loan sharks. Um sich danach abzusetzen und den Lebensabend zu versüßen. Bevor natürlich alles, wie es sich für einen Neo-Noir gehört, nach einer spektakulären, finalen Shootout-Szene, in Schutt und Asche versinkt.

Zur Kritik am Film war dann freilich zu hören, dass der Anfang katastrophal unübersichtlich sei, und über Gebühr an den Nerven des sowieso schon psychisch angekratzten Publikums am Ende eines langen Festivaltages zehren würde. Übersehen wird dabei natürlich, ganz abgesehen davon, dass sich das genrebedingt so gehört, dass der Zuschauer in eben genau jene Position der Protagonisten versetzt werden soll, die sich in einem undurchschaubaren Netzwerk aus Gefahren, Verbindungen, Zugehörigkeiten und Abhängigkeiten befinden. Viele Figuren, viele Handlungsstränge, unklare Rivalitäten. Wie soll man das verstehen, rational nachvollziehen? Ganz einfach: man kann es nicht. Es ist auch nicht gedacht, das zu tun. Der Inhalt (die Unübersichtlichkeit) gerinnt zur Form, der Film ist also in seiner Mechanik und Struktur vollkommen schlüssig und sinnig. Zudem: nach etwa der Hälfte der Spielzeit entwirrt sich das Netz etwas mit dem gemeinsamen Ziel des Überfalls auf das Yakuzabüro des Kredit-Wucherers. Er fokussiert sich, entschlackt, und wird immer mehr zu einer geradlinigen Erzählung, die sich in ihren Actionmomenten zu einer Eruption des Körperkinos hinreissen lässt, wie man es aus den allerschönsten Exzessen des Yakuza-Films in den 90ern kennt.

Mit dem Abspann, einem Kameraflug über die nächtliche Tokyo Bay zu tribalistisch-perkussiver Musik, die unheimlich und bedrohlich den Zuschauer bis zuletzt in einem Spannungsverhältnis hält, bis auch das letzte Filmbild von der Leinwand verschwunden ist, setzt der Film einen eindrücklichen Schlußpunkt über die Vergeblichkeit des menschlichen Strebens, der nihilistischen Gewalt, die sich immer gegen sich selbst wenden wird. GONIN SAGA trägt die mythische Geschichtsschreibung des Yakuza-Films fort, geht ganz in ihr auf, und ist somit im besten Sinne ein traditioneller Film, der modernen Varianten, die sich allzu oft in eine Form des selbstgefälligen Meta-Humor flüchten, eine Absage erteilt. Es ist eine wunderbare Zeit fürs Kino in der diese Positionen nebeneinander stehen können: GONIN SAGA neben Takeshi Kitanos RYUZO AND HIS SEVEN HENCHMEN (Review) - beides Filme, die ernst genommen werden wollen, und die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Michael Schleeh

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P.S.: die netten Kollegen von Schöner Denken haben mich nach der Vorführung des Films zu einem nächtlichen Podcast-Gespräch eingeladen, an dem ich gerne teilgenommen habe. Sobald die Episode online ist, werde ich das hier noch verlinken.

Mittwoch, 25. Mai 2016

Nippon Connection 2016: Oyster Factory / Kakikoba (Kazuhiro Soda, Japan 2015)


Der in New York lebende und aus Tokyo stammende japanische Dokumentarfilmer Kazuhiro Soda legt mit OYSTER FACTORY seinen neuesten Film vor: 2007 war er mit CAMPAIGN noch bei der Berlinale vertreten, weitere Filme liefen auf verschiedenen Festivals. Dieser ist nun der sechste Film in einer Reihe von Dokumentarfilmen, die Soda selbst in den Anfangstiteln als Serie durchnummeriert. Der Regisseur tritt zugleich als Produzent, Skriptwriter, Kameramann und Cutter auf. OYSTER FACTORY ist also ein Leidenschaftsprojekt, das mit wenigen Mitteln finanziert wurde und als Autorenkino durchgehen darf. Sein Platz im Programm der Reihe Nippon Visions ist also durchaus angemessen, obwohl Soda alles andere als ein Debutant ist. Und umso toller, dass er mein Eröffnungsfilm des Festivals war, denn dieser Film ist großartig.

Es war ein wenig der Zufall, der mich in diesen Film trieb: Kiyoshi Kurosawas JOURNEY TO THE SHORE, der eigentliche Eröffnungsfilm des Festivals, war bereits rappelvoll, und ich hatte ihn sowieso bereits gesehen (große Empfehlung, Review). Zeitgleich startete nun allerdings OYSTER FACTORY im etwas kleineren Kino in der Naxoshalle, und die Anwesenden schienen allesamt von ihm fasziniert zu sein. Zumindest verließ kein einziger Zuschauer bei zweieinhalb Stunden Laufzeit den Saal. Bei einem überlangen Dokumentarfilm über industrialisierte Austernzucht in der Inlandsee keine Selbstverständlichkeit. Dieser Film ist - neben seinen offensichtlichen Attraktionen wie der idyllischen Naturschönheit - vor allem enorm kurzweilig. Soda portraitiert drei Familienunternehmen, wie sie ihrem entbehrungsreichen Arbeitsalltag in der kleinen Hafenstadt Ushimado nachgehen. Einer der sympathischen Protagonisten ist dabei selbst ein Flüchtling. Er stammt aus Miyagi und ist ein Vertriebener des Tsunamis von 2011 und der radioaktiven Strahlungsbelastung von Fukushima. Seiner Familie, insbesondere seinen drei Töchtern, die immer wie verrückt und nebenbei durch den Film sich balgen, spielen und tollen, wollte er dieses Schicksal, die mögliche Strahlenkrankheit, ersparen. Als Austernfischer übernimmt er den Betrieb seines ehemaligen Arbeitgebers. 

Da sich aber nun für diesen knochenharten Job keinen Nachwuchs findet, sieht er sich gezwungen, chinesische Leiharbeiter einzustellen. Hier wird der Film nochmals um einige Schichten komplexer, da er innerhalb seines Mikrokosmos große gesamtgesellschaftliche Umwälzungen (des Makrokosmos) wie in einem Brennglas stellvertretend thematisiert. Denn über "die Chinesen" ist niemand glücklich. Ein latenter Rassismus wird deutlich in kleinen Nuancen, die sich überall finden. Zugleich aber die offenherzige Freundlichkeit der Japaner: denn er bestellt einen Wohncontainer für die Leiharbeiter, über den selbst die anwesenden Japaner sagen, dass sie gerne in so einem leben würden. Auch hier kommt übrigens wieder das Thema Fukushima ins Spiel, wenn es in einer Diskussionsschleife um die temporary housings der Tsunami-Opfer geht. Dies ist dann auch die vielschichtige menschliche Qualität, die bei Sodas Film immer wieder thematisiert wird - es ist ein komplexes Wechselspiel aus vielerlei Einflüssen, die den status quo des heutigen Menschen in der Gesellschaft bestimmen. Insbesondere da man hier Einblicke gewinnt in einen Broterwerb, der gerne als hinterwäldlerisch abgewertet wird (wenn man von Tokyo aus auf die Peripherie schaut, wie es einmal im Film heißt). Überhaupt faszinierend ist, mit welcher Präzision und Kenntnisreichheit, ja Spezialistentum alles Arbeiten am Produktionsprozess ausgeführt wird. Hier ist jeder ein großer Könner seines Fachs und der gesamte Betriebsablauf hochkomplex und faszinierend aufeinander eingespielt.

Als roter Faden durch den gesamten Film allerdings bewegt sich eine streunende Katze namens Shiro, also: weiß, die Weiße, die immer wieder überall eindringt und sich nicht abwimmeln lässt. Genauso wie der Regisseur, der auch mit der Kamera in die Leben fremder Menschen eindringt, zu unpopulären Themen Stellung bezieht, keinerlei Idyllisierung vornimmt. Lange Zeit ist OYSTER FACTORY lediglich Abbildung ohne Kommentar, die Bilder sprechen für sich. Erst später, wenn Soda selbst angesprochen wird, die Leute ihn kennenlernen, wird er mit seiner Kamera zunehmend selbst Gegenstand des Films - kulminierend in der Szene, in der die neuen chinesischen Arbeiter schließlich kommen, und die Japaner Angst davor haben, dass die Kamera sie abschrecken könnte. Aber auch da lässt sich Soda nicht unterkriegen und bekommt zugestanden, weiter zu drehen. Kazuhiro Soda in einem übrigens toll fotografierten Film: als die Katze Shiro, die auch mal beißt - als Metapher auf den Filmemacher selbst. Äußerst sehenswert.

Michael Schleeh

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Freitag, 6. Mai 2016

Die Nippon Connection 2016 - Japanisches Filmfestival Frankfurt


Was ich nie vergessen werde: wie im Frühjahr 2013, an einem für die Jahreszeit viel zu heißen Tag, die ganzen Leute, mit denen man sich getroffen hat, dann gemeinsam ins Filmmuseum Frankfurt hinabgestiegen sind um sich im kühlen, dunklen Kino von einer Bikergang überfahren zu lassen. In meiner Erinnerung ist im ganzen Film kein einziger normal ausgesprochener Satz gefallen, alles wurde gebrüllt oder geschrien, über das Röhren der rauchenden Auspuffe hinweg, über das Wegspritzen des Drecks und des Steinbelags, Gummispuren auf dem Asphalt hinterlassend und man selbst war eingehüllt in eine Nebelwolke aus Abgasen und Ekstase. Der Film hieß CRAZY THUNDER ROAD, sein Regisseur Sogo Ishii. Einführung: Tom Mes. Ein selten aufgeführter Mega-Klassiker der japanischen Filmgeschichte, der so genannten "Punk Years", gezeigt in der Retrospektive Eccentric and Explosive - the cinema of Sogo Ishii. Dieser Film war nur einer der Höhepunkte dieses Festivals, da gab es noch viel andere. Und neben all den Filmen und Spektakeln war es eben auch besonders toll, mal wieder die ganzen Leute - auf einem Fleck - zu treffen, die man schon lange nicht mehr gesehen hatte (manche kannte man auch nur von Facebook), die mit einem dieselbe Leidenschaft teilten. Aber dieses Gefühl, das lässt sich schönerweise wiederholen, jedesmal ein bisschen anders, klar, bei der Nippon Connection in Frankfurt. Dem japanischen Fimfestival in Deutschland und Europa, dem vielleicht schönsten Filmfestival des ganzen Jahres. Und das aus vielerlei Gründen, und zur diesjährigen, wieder spektakulären Retro, später mehr.

Für eine knappe Woche wird das Gelände um den Mousonturm in der Frankfurter Innenstadt, eine Art aufgehübschter Kulturbunker, zum Zentrum des Festivals. Dort befinden sich auf mehreren Ebenen Kinos, Veranstaltungsräume, Ticketschalter, Merchandise-Stand, Cafés, Pressezentrum usw. usf. Schräg gegenüber, in einer restaurierten historischen Fabrikhalle, der Naxoshalle, kann ebenfalls ins Kino gehen, Essen abholen und Leute aus dem Organisationsteam treffen. Dort herrscht eine entspanntere Atmosphäre, weil nicht so voll. Die Bierbänke vor dem Eingang verführen zum Sitzenbleiben, Quatschen, Leute Kennenlernen. Eigentlich halte ich mich dort am liebsten auf: man steht so ein bisschen am Rand und ist aber trotzdem mit dabei. Filme laufen ja außerdem auch noch, oder eine Performance wird gezeigt. In der Peripherie der Stadt finden sich dann die weiteren Spielstätten, wie das Mal Seh'n-Kino oder eben das oben erwähnte Filmmuseum. Ein Theater und eine Galerie gehören dieses jahr auch noch zum Festivalhorizont. Da muss man dann aber überall extra hinfahren und sich Zeit nehmen, klar. Nun aber zum Festival-Programm (Link):

Man kann dieses Jahr dann auch gleich mit Sogo Ishii weitermachen, der sich seit neuerem Gakuryu Ishii nennt (und der sich mit seinem Comeback-Film ISN'T ANYONE ALIVE? im Jahr 2012 umbenannt hat): auf dem Festival läuft THAT'S IT (Soredake, 2015), der an seine wilden Punk-Years anschließen soll, an Klassiker wie BURST CITY oder eben die Bikergangs in CRAZY THUNDER ROAD. Der Titel ist inspiriert von einem Song der japanischen Rockband Bloodthirsty Butchers und ist also, neben seinem Plot um einen jungen Mann, der aus einer Verbrecherbande aussteigen will und dabei einen dummen Fehler begeht, auch eine Hommage an den jüngst verstorbenen Sänger dieser Band. Außerdem, und darauf bin ich besonders gespannt, weil ich Isao Yukisadas Filme so mag: PINK AND GRAY, den ich in Hong Kong verpasst habe. Eiji Uchidas neuer Film LOWLIFE LOVE hat einiges an Turbulenzen erzeugt: es ist ein no-budget-Film, produziert und finanziert vom Chef von Third Window Films, der für den Film seine private Schallplattensammlung verkauft hat. Auf Twitter konnte man dem Entstehen des Filmes wunderbar beiwohnen. Und dann gab es auch noch Ärger, weil er als Selbst-Reflexion auf die japanische Filmindustrie deren Untiefen auslotet und sich als Nestbeschmutzer bezichtigen lassen musste. Schön!

Der neue Takeshi Kitano, RYUZO AND THE SEVEN HENCHMEN (Review), ist eine großartige, dabei ziemlich bittere Altherren-Yakuzakomödie und sorgt mit Sicherheit für einen gelungenen Abend (dafür verbürge ich mich). Auch auf Yoji Yamadas Film NAGASAKI: MEMORIES OF MY SON freue ich mich besonders, der laut bisheriger Resonanz ganz besonders rührend ausgefallen sein muss. Ob er besser ist als sein neuster, im Jahr 2016 entstandener Film mit dem spöttischen Titel WHAT A WONDERFUL FAMILY! (Review), wird sich allerdings zeigen müssen. Ebenfalls im Programm findet sich eine Mini-Retrospektive einiger Filme von Kiyoshi Kurosawa, der dieses Jahr mit dem Nippon Honor Award geehrt wird. Gezeigt werden TOKYO SONATA (Review), CURE, CREEPY (Review) und sein großartiger, dabei ziemlich ruhiger Film JOURNEY TO THE SHORE (Review). Besonders freuen darf man sich außerdem auf eine geballte Doppelladung Sion Sono: neben THE WHISPERING STAR läuft noch sein völlig großartiger LOVE & PEACE, der für mich zu den besten Filmen des gesamten letzten Jahres zählt (Review).

Neben einer ganzen Reihe von Animationsfilmen wie MISS HOKUSAI (heiß erwartet!), THE CASE OF HANA & ALICE von Shunji Iwai (Review), HARMONY von Michael Arias oder EMPIRE OF CORPSES von Ryotaro Makihara kann man neues Cine-Gold auch in der Sektion Nippon Visions entdecken, in der noch unbekannte Filmemacher mit etwa zwanzig Filmen vertreten sind. Außerdem finden sich hier auch drei Kurzfilmprogramme. Sektionenübergreifend werden natürlich auch gesellschaftlich relevante Themen verhandelt, ganz besonders im Fokus steht hier das schreckliche 5jährige "Jubiläum" der Dreifachkatastrophe in Sendai, mit dem Erdbeben, dem Tsunami und der Reaktorkatastrophe von Fukushima. Ein äußerst virulentes Thema, das auch - schon alleine wegen der Spätfolgen - filmisch noch längst nicht abgeschlossen behandelt ist, auch wenn sich vor Ort partiell etwas Normalität einzustellen beginnt.

Die Filme der Nippon Retro sind  dieses Jahr eine ganz besondere Delikatesse, denn es geht um japanische Geistergeschichten. Und da reihen sich große Filmklassiker wie Kenji Mizoguchis UGETSU MONOGATARI, Kaneto Shindos ONIBABA oder Nobuo Nakagawas bildgewaltiger JIGOKU, der seine Höllenbilder ganz einzigartig auf die Leinwand wirft, neben bei uns unbekannteren Werken wie Nakagawas MANSION OF THE GHOST CAT oder Kenji Misumis YOTSUYA KWAIDAN. Diese Filme sind völlig zu unrecht in Vergessenheit geraten und gehören dringend wieder ins Bewußtsein einer größeren Zuschauerschaft katapultiert. Es sind magische Filme, die auf bedrohliche Weise die Schwelle zwischen Leben und Tod aufzulösen vermögen und die die Angst und den Terror, auch den Sog, den sie auf ihre Protagonisten auslösen, in enigmatischen Bildern zu visualisieren vermögen. Die Filme dieser Retro muss man ausnahmslos alle gesehen haben.

Außerdem läuft noch Satsuo Yamamotos PEONY LANTERN GHOST STORY (1968), der im Programm unter dem etwas ungewöhnlichen US-Titel THE BRIDE FROM HADES aufgeführt wird - und der der einzige Film der Retrospektive ist, den ich noch nicht kenne. Einige der Filme sind so gut wie niemals in Deutschland auf der großen Leinwand zu sehen, wenn man nicht gerade in der Nähe eines Ablegers der Japan Foundation wohnt, aus dessen Bestand die Filme der Retro stammen dürften. Zumindest habe ich im Japanischen Kulturinstitut in Köln das meiste der Sachen gesehen. Aber wie auch immer: das ist eine ganz tolle Zusammenstellung und absolut essenziell, wenn man sich für klassische Horror- und Geisterfilme aus Japan interessiert.

Abgerundet wird das filmische Programm wie jedes Jahr mit einer ganzen Fülle an Attraktivitäten, die alleine für sich schon genügen würden, um das Publikum anzulocken. Man kann in dieser Woche quasi einen Kurzurlaub in Japan verbringen, wenn man sich auf all die verschiedenen kulinarischen Genüsse stürzt. In der Saké-Lounge abhängt, an einer Teezeremonie oder an einem Kochkurs teilnimmt. Musikalisches findet sich ebenso bei Konzert- und Karaoke-Veranstaltungen, man kann einen Manga-Workshop belegen und verschiedenen Vorträgen und Podiumsdiskussionen beiwohnen (zum Beispiel einen mit dem interessanten Titel Female Ghosts in Japanese Cinema, der mit Sicherheit auch auf die Retro abzielt und hoffentlicht auch die yuki onna, meine Lieblingsgeistergestalt, mit einbezieht, die in der Retro übrigens sträflichst vernachlässigt wird). Ansonsten gibt es noch einen japanischen Markt, ein Game-Center, Origami-Kurse, ein Schwertkampfspektakel und noch so einiges mehr, wenn man das Stillsitzen im Kino satt hat. Es ist eine Überfülle, der sich schwerlich Herr werden lässt, und wie so oft bei solchen Veranstaltungen wird man dazu gezwungen, sich in der Kunst des Weglassens zu üben: wenn ich mich für A entscheide, dann muss ich B und C sausen lassen. Es ist eine Tragödie. Aber eine schöne. Darauf ein mono no aware!

Michael Schleeh

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Mittwoch, 27. April 2016

Two Countries (Shafi, Indien 2015)

 
"A marriage is the most important business deal in a man's life!"

Vor allem dann ist die Aussage wahr, wenn man nicht viel Knete hat. Und zum Beispiel gerade seine illegale Import-Export-Firma ruiniert hat. Da kommt dem Helden Ullas (Dileep), einem sympathischen Schwindler, die Hochzeit im Hause des Kredithais gerade recht: denn dort ist auch dessen Tochter anwesend, auf die er es abgesehen hat. Diese dürfte über eine gewaltige Mitgift verfügen, was die Probleme des Anti-Helden schlagartig lösen dürfte. Ullas wähnt sich seiner Sache sicher, denn sie sitzt im Rollstuhl und die Anzahl ihrer Verehrer ist bedauerlicherweise gering. Er wirft ihr zuckersüße Blicke zu, hinweg über Gesang & Tanz, und tatsächlich, sie scheint von seinem Charme sehr angetan. Sogar der Vater, ein knallharter Geschäftemacher mit dem Ruf eines brutalen Psychopathen und mit einem beeindruckenden Schnauzer ausgestattet, kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. Das Geld, das er Ullas geliehen hat, hätte er aber trotzdem gerne wieder. Kurz darauf kommt Ullas aber eine bessere Partie wie vor die Füße gefallen: seine ehemalige Jugendfreundin Laya (Mamta Mohandas) ist zurück, die dann in Kanada aufgewachsen ist, wodurch sie sich aus den Augen verloren haben. Auch deren Eltern verfügen über ein großes Vermögen. Sie hat ihn schon kurz darauf wieder verzaubert und er setzt alles daran, nach Kanada zu kommen, um im fremden Land sein Glück zu machen. Was er nicht weiß, weil er, trunken vor Liebe, nicht richtig hingehört hat: seine Angebetete ist Alkoholikerin und ihr Erbe eingefroren.

Wenn man sich auskennt im südindischen Film, dann kennt man die beiden Hauptdarsteller. Sie sind Superstars des Malayalam Films, oder vielleicht sagt man auch Malayalali Film. Man finde mal einen brauchbaren deutschen Text zu dieser National-, bzw. Regionalkinematographie, das wäre allein schon gut, um mal die Begriffe zu klären. Jedenfalls ist Schauspieler Dileep, der mit vollem Namen Gopalakrishnan Padmanabhan Pillai heisst, eine Institution in seiner Heimat. Er hat bisher in über 130 Filmen mitgespielt und ist noch keine 50 Jahre alt. Auch hat er jeden namhaften indischen Filmpreis gewonnen, den man sich vorstellen kann. Auch als Produzent ist er tätig und als comedian, man muss es gar nicht erwähnen: auch da ist er jeweils erfolgreich. 2 COUNTRIES ist nun eine kommerzielle Liebeskomödie, die auch aus ihrem culture-clash-Potenzial einiges an Sprachwitz und sanfter Gesellschaftskritik zieht. Am meisten gefreut hat mich, dass hier ein Tabu zwar mit leichter Hand inszeniert wurde (das Alkoholproblem Layas), aber generell die Rolle(n) der Frau(en) sehr stark gemacht wurden. Dabei sind die Männer in diesem Film nicht nur steifhüftige Volltrottel, deren eigentlicher Boss die Angetraute zu Hause ist, sondern im Film finden sich auch mehrere Dialogszenen, die ernsthaft für ein freieres, offeneres Gesellschaftsmodell plädieren, in der die Rechte der Frauen stark gemacht werden. Rechte, die nicht nur als selbstverständlich zu erreichendes Ziel etabliert werden, sondern auch als ein notwendiges. Denn mit den Männern steuert man todsicher auf den Abgrund zu.

Keine Frage, der Film bietet auch viel Slapstick und Sprachwitz, den man nicht unbedingt nochmals aufgewärmt gebraucht hätte. Auf der anderen Seite ist der Humor oft originell, von einer befreienden Albernheit, und durchaus mit viel Liebe zum Detail inszeniert und herausgearbeitet worden, sodass der Film leichtfüßig dahinfliegt und sehr gut zu unterhalten weiß. Wenn es dann mal aus den Ohren herausdampft, weil Dileep innerlich kocht, dann kann man das durchaus verzeihen (oder auch okay finden). Ob der Film nun eine Sternstunde der Malayalam Komödie markiert oder einfach nur ein weiteres Lustspiel unter vielen vergleichbaren ist, das kann ich mit meinem beschränkten Horizont nicht beurteilen. Dafür kenne ich mich schlicht zu wenig aus. Er ist jedenfalls nicht so ruppig wie viele Vertreter des tamilischen Kinos, die ich bisher gesehen habe - das waren allerdings auch eher Vertreter der "Neuen Welle" und weniger Klopper des Mainstream-Kinos. Am Ende jedenfalls hat der Film noch etwas versöhnliche Moral auf der Pfanne (die man so gar nicht unbedingt erwartet hätte), und ein, zwei spannende Twists zu bieten, die völlig plausibel sind und noch etwas Geschwindigkeit in die ohnehin euphorische Schlußsequenz pumpen. Da kommt alles sauber zusammen, die losen Fäden werden sortiert und am Ende zu einer runden Sache gefügt. Davon, auf diesem Level, gerne zukünftig mehr.

Michael Schleeh

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Freitag, 22. April 2016

Wakaranai: Where Are You? (Masahiro Kobayashi, Japan 2009)


Mit wackliger Handkamera gefilmt, ohne zusätzliches Licht, wodurch die Dunkelheit viele Details, teilweise sogar ganze Bilder zu verschlucken droht, alles ohne Musik: Masahiro Kobayashis WAKARANAI schaut nach einem waschechten Independent-Film aus. Und die Produktionsfirma namens 'Monkey Town Productions' spricht ebenfalls dafür, denn die hat offensichtlich alle Kobayashi-Filme produziert. Das dürfte folglich die eigene Produktionsfirma des Regisseurs sein. Es beginnt auch schon sehr ungewöhnlich, wie man das bei einem kommerziellen Film nicht erwarten würde: denn am Anfang des Films ist erstmal nichts. Ein Song ertönt, Gitarre und Gesang, gut fünf Minuten lang, dazu ein Schwarzbild. Dann erst beginnt der eigentliche Film mit einem Filmbild. Am Ende genauso merkwürdig: der Junge stolpert aus der Szene, eine endlose Straße entlang, so verlässt er das Filmbild, den ganzen Film. Das Ende ist ein Aufbruch ins Unbekannte. Die Kamera lässt ihn gehen, in eine ungewisse Zukunft hinein. Beinahe ein Kind noch, auf sich alleine gestellt, der nun Erwachsener spielen muss und emotional völlig fertig ist. Der einen Panzer um sich trägt und lange Zeit mit versteinerter Miene spielt. Wollte man einen europäischen Vergleich ziehen, dann könnte man an die Filme der Brüder Dardenne denken, die schon häufiger Jugendliche und Kinder in äußerst prekären Verhältnissen - mit ganz ähnlichen filmischen Mitteln - abgebildet haben.

Und die Spirale in den Abgrund scheint unaufhaltsam: nicht nur wächst Ryu Kawai (Yuto Kobayashi) ohne Vater auf, sondern auch seine Mutter ist seit mehreren Monaten wegen einer schweren Krankheit im Krankenhaus. Der Junge geht noch zur Schule und muss nicht nur sein eigenes Leben völlig selbständig organisieren und auf die Reihe bekommen, nein, er muss auch das Geld für die Behandlung seiner Mutter irgendwie auftreiben. Strom und Wasser hat er schon längst nicht mehr, da er die Rechnungen nicht bezahlen konnte. Im Convenient-Store, wo er aushilfsweise arbeitet, klaut er Reisbällchen, da er sich nicht mal das Essen guten Gewissens leisten kann. Und weil es immer noch schlimmer kommt, als es schon ist, wird er dabei ertappt und verliert auch noch den Job, das letzte Standbein. Kobayashi macht das dann auch ganz einfach, weil er seinen Protagonisten immer beim Essen zeigt. Also, was heißt da "essen": beim Hineinschaufeln, beim gierigen Schlingen, schlicht: beim Fressen, weil es bei der Nahrungsaufnahme ums Überleben geht. Und die Tragödie nimmt hier noch kein Ende, es wird dann sehr schlimm für ihn und rührend für den Zuschauer. Sentimental allerdings nie. Kobayashi lässt alles aus, was zu affektgeladen sein könnte. Ryu bleibt dem Zuschauer auch deswegen immer etwas fremd, auf Distanz, so ganz kommt man nicht an ihn ran und also traut man ihm auch alles zu. Da er immer mehr zum wilden Tier degeneriert, hätte es mich nicht gewundert, wenn er wie HWAYI, der koreanische Monster Boy (Review), auch mal unvermittelt richtig zubeisst.

Wie auch in Kobayashis Film HARUS REISE (Review), der bei uns wegen einer DVD-Veröffentlichung und einer Ausstrahlung beim Fernsehsender arte etwas Bekanntheit erlangt hat, so entfaltet sich hier in WAKARANAI die Geschichte sehr langsam. Es wird nichts erklärt, Personen werden nicht eingeführt, dem Betrachter werden keine Hilfestellungen an die Hand gegeben oder gar per Dialog unlautere Abkürzungen gewählt. Denn alles, was man nicht versteht, klärt sich im Laufe des Films. Man muss nur warten können, mitdenken, ein wenig sich auf den Film einlassen. Der belohnt es dann, weil er nichts vorgaukelt, nicht taktiert mit seinen Infos (eine echte Krankheit heutzutage), belässt den Zuschauer nicht absichtlich im Dunkeln um ihn dann per ausgeklügeltem "Mindfuck"-Twist zu überrumpeln. Das hat dieser viel zu sehr am alltäglichen Realismus entlang schrammende Film weder nötig, noch auf seiner ästhetischen Agenda. Er springt mitten hinein in die Erzählung (abgesehen vom musikalischen Prolog), beinah wie in einem Kurzfilm stellt er eine Unmittelbarkeit her, die eben gerade nicht durch einen Establishing shot die Dinge ins Verhältnis setzt. Nein, man ist dicht dran am Erlebnishorizont des Jungen, an seinen unübersichtlichen Problemen, an seinem Leiden, an seinem Panzer, mit dem er sich zu schützen versucht. Vor den Mitschülern, den Erwachsenen, der Gesellschaft, die das Zahlungsmittel Geld zum allein seligmachenden Kommunikationsmittel erhoben hat. Besitzt man es nicht, wird man zur persona non grata, zum Außenseiter. Man wird verstoßen aus dem Sozialverband  und zwingt das Opfer in eine parasitäre Notlage. Dort, an den Rändern, findet der Film oft seine schönsten Momente, so grotesk das klingen mag. Denn, wie er die Mutter im Boot aufs Meer hinausschiebt, das ist ein kleiner großer Moment in diesem viel zu wenig beachteten Film.

Michael Schleeh

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Samstag, 2. April 2016

Journey to the Shore (Kiyoshi Kurosawa, Japan 2015)


Für eine lange Zeit war Mizuki alleine, ganze drei Jahre. Ihr Mann war und blieb verschwunden. Ein Unfall auf dem Meer? Doch eine Leiche wurde nie gefunden. Dann setzt der Film ein, und wie damals in PULSE (2001) oder SÉANCE (2000) sind es die Schatten, in denen eine Grenze zwischen dem Jenseits und dem Diesseits überschritten werden kann. Eines morgens steht Yusuke (Tadanobu Asano) plötzlich im Raum, im Halbdunkel, ohne Bewegung. Er sei zurück gekommen, nun wieder da, auch für sie. Mizuki (Eri Fukatsu) ist freilich zunächst verunsichert, akzeptiert dann aber schnell, und mit immer größerer Freude, dass ihr Gatte nun als Geist zu ihr zurückgekehrt ist. So romantisch sich das anhört, so nüchtern ist es inszeniert. Mizuki beschwert sich dann auch erst einmal, dass er bitte seine Schuhe ausziehen soll, wenn er in der Wohnung ist. Ganz ohne Kitsch, völlig gedämpft und verhalten arrangiert Kurosawa in diesem neu entstandenen Gefüge ein Miteinander, das beide Protagonisten herbeisehnen, aber noch nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Mizuki ist noch die Forderndere der beiden. Sie will irgendwann Nähe, auch körperlich, und einige Dinge klären, die sich in der Zwischenzeit ergeben haben. Etwa die Affäre, die ihr Mann im Krankenhaus mit der Krankenschwester Tomoko (Yu Aoi) hatte. Kurz daruf machen sie sich auf eine Reise zu den Orten, an denen sich Yusuke während seiner Rückkehr aus dem Jenseits aufgehalten hatte. Es ist ein Prozess der langsamen Wieder-Annäherung. Und eine Reise ans Meer, dorthin, wo er gestorben ist.

JOURNEY TO THE SHORE ist ein sehr ruhiger Film geworden, einer, der auf der Oberfläche nur  den Alltag zeigt - aber darunter, im Diffusen, liegt das Geheimnis, das Mysteriöse. Und das macht ihn auch zugleich so spannend: die Figuren stecken in einer Situation, die eigentlich unmöglich ist. Die völlig fragil wirkt, weil man sich in ihr überhaupt nicht orientieren kann. So ist Mizuki auch mehrfach voller Panik in den Momenten, in denen sie befürchtet, dass Yusuke so einfach wieder verschwunden sein könnte, wie er gekommen ist. Und der Film spielt auch mehrmals mit dieser Möglichkeit, etwa wenn sie aus dem Schlaf hochschreckt und glaubt, alles sei nur geträumt und eingebildet gewesen. Oder wenn eines der Häuser, in denen sie sich für kurze Zeit aufgehalten hatten auf ihrer Reise, am nächsten Morgen verlassen und verfallen ist. Eine Ruine. Fragilität, Flüchtigkeit. Auch für sie als Mensch wird das Dasein zu einem Schwebezustand in einem Zwischenreich. Ihr altes Leben hat Mizuki verlassen ohne in einem neuen Lebenskontext wirklich anzukommen. Ihre Bemühungen dahingehend, genauere Auskunft von Yusuke zu bekommen, scheitern. Oder sich mit ihm ein neues Leben in einer fremden Stadt aufzubauen, dort, wo es ihr einmal so sehr gefällt. Yusuke lässt das nicht zu, als könne es keinen wirklichen Neustart geben. Oder etwas Verbindliches. Das Gefühl der Ungewissheit nimmt stetig zu, obwohl sich zugleich eigentlich eine Situation der Verlässlichkeit etabliert hat - zumindest, was die Präsenz von Yusuke und damit die Stabilität der zwischen-mensch-geistlichen Beziehung angeht. Und auch die Verzweiflung Mizukis ist verschwunden. Ihr sei alles egal, ob er Mensch oder Geist sei, sie wolle nur wieder mit ihm zusammen sein. Da nimmt sie es auch hin, wenn sie wieder aufbrechen zu einem weiteren Ort auf ihrer Reise. Und ganz im Gegensatz zu Mizuki, weiß der Zuschauer, wo es hingeht: ans Meer. Eben dorthin, wo Yusuke sein Leben verloren hat. Und klar ist auch, dass sich dort etwas entscheiden wird.

Um nochmal auf die Machart des Films zu kommen: wieder ist es kurosawatypisch die Reduktion als stilistisches Mittel, die am meisten auffällt. Passt hier natürlich wunderbar: um das Ungewöhnliche im Gewöhnlichen zu etablieren, zeigt man alles so, als sei es alltäglich. Da reicht dann das Krächzen einer Krähe, um eine Bedrohung aufzubauen. Oder, ganz besonders schön, die Bilder einfach ein klein wenig überzubelichten, sie ins Weiß hinübergleiten zu lassen, ähnlich wie bei einem lens flare. Das wirkt ganz großartig, und subtil zugleich. Oder ein andermal, an einem Wasserfall im Wald, da hängt eine Wolke aus Feuchtigkeit zwischen den Bäumen und über der Szene, die andeutet, dass sich hier gerade die verschiedenen Realitätsebenen überschneiden. Und so ist es dann auch: immer wieder trifft man in diesem Film auf weitere Geister, die wie ganz normale Menschen am Leben teilhaben. Oder doch nicht? Können sie überhaupt von allen gesehen werden? Verschwinden sie nicht manchmal einfach plötzlich wieder? Es wird nicht alles geklärt in diesem Film, einiges scheint offen zu bleiben. Zukünftige Filmbetrachtungen könnten sicherlich noch weitere Details ans Tageslicht befördern. JOURNEY TO THE SHORE ist trotz seines ersten Eindrucks der reduzierten Einfachheit ein komplexer, vielschichtiger Film geworden. Und mit dem großartigen CREEPY (Review) ein weiteres aktuelles Beispiel für Kiyoshi Kurosawas Meisterschaft.

Michael Schleeh

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Freitag, 1. April 2016

Galaxy Turnpike (Koki Mitani, Japan 2016)

 

Es ist erstaunlich, wie harsch mancherorts die Kritik diesem Film gegenüber ausfällt. Dabei ist er doch nichts weiter, als eine harmlose Komödie. Eben auch nicht mehr, aber woher die Verärgerung? Vermutlich liegt das an einem aufgestauten Unbehagen dem Kino Koki Mitanis gegenüber, der sich schon immer nicht gerade zurückgehalten hat, wenn es um grenzwertigen over-the-top-Humor ging. Den gibt es hier freilich auch, klar, aber doch nicht in einem Ausmaße, als dass es besonders bemerkenswert wäre. Jedenfalls nicht schlimmer, als der amerikanische Hang zum flotten One-Liner oder die Albernheiten aus Hong Kong. Intensitätsgrade wie die ironischen Zynismen eines DEADPOOL aber sind (nur als Beispiel) meilenweit, bzw. hier: Lichtjahre weit entfernt. Da hält der Film immer noch toll die Balance und schubst sich nur in wenigen, ins Extrem gesteigerten Szenen über den Rand des Ufos. Das macht ihn dann alles in allem doch ziemlich erträglich, sogar erfreulich bisweilen. Das liegt aber auch am großartigen Cast, der hier versammelt wurde. Allen voran: Haruka Ayase, die auch in Hirokazu Kore-edas UNSERE KLEINE SCHWESTER (Review) irre toll gespielt hat. Jedoch: die Komödie, so wissen wir und wurde stets gelehrt, ist das schwierigste aller Filmgenres.

Im Jahr 2256 geht es dem intergalaktischen Diner 'Sandsand Burger 33' nicht besonders gut. Der neue angelegte Highway 246666, der die Erde mit einer Kolonie zwischen Jupiter und Saturn mit Hochgeschwindigkeit verbindet, hat dazu geführt, dass an dieser Ausfahrt kaum mehr einer hält. Sie stehen kurz vor dem Bankrott, und Geschäftsführer Noa (Shingo Katori) hat schon seine Rücktrittspapiere bei irgendeiner intergalaktischen Behörde eingereicht. Wenig freut sich darüber seine Gattin Noe (Haruka Ayase), die so wie sonst keine die leckeren Burger isst - und den Traum ihres Mannes nicht leichtfertig aufgeben will. Was immer das genau heißen soll: einen Plan hat sie auch erstmal noch nicht. 

Im Verlauf des Films spulen sich die Ereignisse nach dem immer gleichen Muster ab: ein neuer Kunde kommt herein und mischt den Betrieb auf. Allesamt sind es space aliens, die ganz verschiedene Eigenschaften und Features aufweisen. Was die dann immer genau sind, das gehört mit zur Entdeckungsfreude des Films, der wie eine Wunderkiste stets etwas neues Erstaunliches aus dem Hut zaubert. Dieser Hang zum Überraschenden, der auch gerne mal etwas drastischer ausfällt (da man sich ja fortwährend übertrumpfen muss), kann dann doch ziemlich auf die Nerven gehen. Oder ganz toll sein, so wie der florale Kopfschmuck von Noas Ex-Freundin Yuka. Das mit langer Zunge urplötzliche durchs Gesichtschlecken ihres Mannes ist dann weniger appetitlich, richtig eklig wird aber erst die Szene, in der er sich - wie jeden Monat - auf dem Fußboden häuten muss. Die Episode mit der Prostituierten aus dem All geht dann auch anders aus, als sich der Kunde das vorstellt. Nur soviel dazu.

Derlei Spektakel reihen sich in GALAXY TURNPIKE aneinander, und es ist wäre wohl ungehörig, diese hier weiter auszuführen. Das Entdecken dieser japanischen Verrücktheiten (ob alle Witzchen international zünden würden?), der Überraschungseffekt, macht einen großen Teil des Spaßes am Film aus, und die Details sollen also nicht weiter gespoilert werden. Wie in einer klassischen Komödie jedenfalls werden diese Ereignisse nicht entwickelt. Hier baut kaum etwas aufeinander auf, das Drehbuch ist doch recht uninspiriert, was das große Ganze angeht: den Film als Narration. Ermüdend wird es dann auch mit der Zeit, immer neue und weitere Szenen und Kuriositäten durchstehen zu müssen, in denen wieder etwas Skurriles geschieht. Vom Drehbuch her gedacht bleibt vieles singulär und damit: additiv und auf lange Sicht willkürlich. Der Aspekt der Screwball-Komödie, der dem Film innewohnt, wird nach und nach zu Comic-Sketch-Niveau herunter gedummt, das man derart auch in einer Late-Night-Show im Fernsehen würde sehen können. Das ist bedauerlich, steht jedoch auch exemplarisch für eine Herangehensweise ans Filmemachen, die dem Zuschauer im Kino gestattet, zwischendurch mal seinen Newsstream am Mobiltelefon zu checken, ohne gleich aus der Geschichte zu fliegen. Schade, dass der Film dann doch so belanglos geworden ist.

Michael Schleeh

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