Mittwoch, 17. September 2014

Into the Faraway Sky / Toku no sora ni kieta (Isao Yukisada, Japan 2007)


Handlungsort: ein Provinznest im ländlichen Japan. Endlose Weizenfelder, sternklare Nächte, die Leute sind hier so (verschroben also), wie sie sind. Der Fluss der modernen Zeiten fließt hier bedeutungslos vorbei. Doch nun soll mitten in diese Idylle hinein ein Flughafen gebaut werden, und da regt sich verständlicherweise erheblicher Widerstand. Ein zwielichtiger Biologe kehrt da extra nach Hause zurück, in sein Heimatdorf, zu seiner Familie, um ihnen unter die Arme zu greifen. Die gemeine Japanische Feldmaus würde durch diesen Betrieb ebenso gestört, wie das ruhige Leben der Menschen in ihrem Winkel. Doch eigentlich geht es vielmehr um eine Lausbubengeschichte, in der sich der örtliche Krawallmacher mit dem (typisch Yukisada) androgyn wirkenden Sohn des Flughafenbeauftragten befreundet, nachdem sie mehrfach aneinandergeraten waren. Fortan haben sie beide immer schmutzige Knie. Erste Liebe, Mädchen, durchgeknallte Zirkusleute russischer Abstammung, hilflose Väter, rabiate Mütter, Sonnenuntergänge, Sternschnuppen. Wir sind hier in einem Land des Fabulierens, in einem Märchenland.

So unzuverlässig wie der Wahrheitsgehat der einzelnen Stränge der Geschichte ist auch der Erzähler, der in der Rahmenhandlung auftritt. Die Heimkehr des Jungen, der den Stewardessen des Flugzeugs auf dem Rollfeld diese Geschichte seiner Jugend erzählt. Auslöser ist keine Madeleine, sondern ein einbetonierter Kinderschuh. Und am Ende fragt er sie augenzwinkernd: na, habt ihr mir das etwa alles geglaubt?

Die Frage stellt sich natürlich auch dem Zuschauer, der dieses sprunghafte Erzählen auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Genres auch ersteinmal als bare Münze nehmen muss. Eine coming-of-age Jugendgeschichte in Verbindung mit einem Ökothriller, der aussieht wie durch die Mühlen von Emir Kusturica gedreht (aber ohne allzu deftig oder gar zu kartoffelig werden, freilich). Das kann in seiner ganzen Länge von 140 kreativ genutzten Minuten schon auch einmal nerven und dann auch ungewollt anöden, wobei das eher die Ausnahme ist. Isao Yukisada (GO, CRYING OUT LOVE, IN THE CENTER OF THE WORLD) ist schon ein Profi des kommerziellen Films geworden, und diese Hügelauf-Hügelab-Geschichte ist letztlich turbulent genug, einen immer bei der Stange zu halten.

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Montag, 8. September 2014

The Viral Factor (Dante Lam, Hongkong/China 2012)


The Viral Factor ist ein überbordender Koloss. In gut zwei Stunden wird hier ein Actionfeuerwerk veranstaltet, das seinesgleichen sucht. Die Setpieces reihen sich dabei jedoch mit einer Regelmäßigkeit aneinander, dass es beinahe schon wieder langweilig wird. Zu allererst wird hier immer wieder verfolgt: zu Fuß, mit dem PKW, dem Kleinlaster, dem Motorrad, und dann, als Höhepunkt: mit Helikoptern durch die Hochhausschluchten Kuala Lumpurs, mit einer Ehrenschleife vor den Petronas Towers. Sightseeing à la Dante Lam. Dann freilich, wird ununterbrochen geschossen. Mit den unterschiedlichsten Feuerwaffen, und Waffennarren dürften hier ihre wahre Freude haben bei diesem "Gunporn". Die Tonspur hyperventiliert dazu. Die Produktion des Films verschlang über 200 Millionen HK$, gedreht wurde hauptsächlich in Malaysia und an einigen weiteren verschiedenen internationalen Schauplätzen, vor allem im Nahen Osten. The Viral Factor ist das Werk eines Big Budget-Regisseurs.

Der Plot ist ebenso aufgeblasen wie die Action, denn es überschneiden sich zwei, drei Handlungsstränge, aus denen man auch eigenständige Filme hätte machen können: die Haupthandlung führt den Helden Jo Man (Jay Chou), Polizist und Mitglied einer Spezialeinheit nach Kuala Lumpur, um den international agierenden Verbrecher Sean Wong (Andy On), sprich: Geschäftsmann, daran zu hindern, die Welt mit einem mutierten Pocken-Virus zu verseuchen. Sean war übrigens früher auch bei Jo Mans Spezialeinheit IDC. Das Antidot dazu bietet er aber ebenfalls an, verfügbar mittlerweile durch den Pharmakonzern eines weiteren Komplizen. Es geht also ums ganz große Geld. Nun ist es aber so, dass der von Jo Mans Mutter im Kindesalter verstoßene Vater samt ältestem Sohn sich ebenfalls ins Malaysia aufhalten, und sich dort als Kleinkriminelle durchschlagen. Bruder Man Yeung (Nicholas Tse) gerät dabei in Querelen mit Sean Wong und wird so in die Sache mit dem Virus hineingezogen. Was folgt: Zwei Brüder auf den gegenüberliegenden Seiten des Gesetzes. Neben dem ganzen Drumherum mit der Action ist der Film eigentlich auch eine Familiengeschichte, bei der die von einander entfremdeten und verfeindeten Parteien wieder zueinander finden. Zu allem Überfluss, und dies nun Story Teil 3, hat Jo Man noch eine Kugel im Kopf stecken von einem Einsatz in Jordanien, die man operativ nicht entfernen konnte. Sie wandert Richtung Hirn, und es ist von Beginn an klar, dass der Protagonist, hier die große HK-Tragik, den Film nicht wird überleben können. Umso stärker allerdings und rücksichtsloser gegen sich selbst wirft er seinen Körper in den Kugelhagel.

Der Körper des Actionhelden beginnt seinen Kampf also bereits mit großen Defiziten und Thanatos sitzt ihm allgegenwärtig auf der Schulter. Für ihn stellt sich letztlich die Frage, ob er seine Ziele in der ihm noch verbleibenden Zeit wird erreichen können, auf ein Wunder in letzter Sekunde mag und kann man hier in dieser zerstörerischen Welt jedoch niemals hoffen. Somit wird der Fokus schon früh auf einen guten Ausgang, ein Happy End, gelenkt, das nur im kollektiven Glück der Familie aufgehen kann, das sich gemeinsam an den Fackelträger erinnert. Und so steht eigentlich zu Beginn schon fest, was dieser rastlos hochdynamische Bewegungsfilm im Kern eigentlich wirklich ist: ein Familienfilm.

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Mittwoch, 20. August 2014

Amida-do Dayori / Letter from the Mountain (Takashi Koizumi, Japan 2002)


Takashi Koizumi war Regieassistent bei Akira Kurosawa (bei den Filmen Ran, Kagemusha und Dreams) und Letter from the Mountain ist seine zweite, eigene Regiearbeit. Nach einer literarischen Vorlage vom japanischen Autor Keishi Nagi umgesetzt (Akutagawa-Preis 1988, keine Übersetzung), ist dies offenkundig ein sehr literarischer Film geworden, werden doch an einigen Stellen einige der großartigen Gedichte Kenji Miyazawas zitiert, die zum etwas getragenen, elegischen Ton des Films beitragen. Außerdem verliest der Protagonist Takao (Akira Terao) mehrfach die kurzen literarischen Beiträge eines krebskranken Mädchens (Manami Konishi als Sayuri), die für die lokale Zeitung schreibt. Er selbst ist ein Schriftsteller, der seit einer größeren Auszeichnung literarisch nichts mehr hinbekommen hat und mit sich selbst und seiner Schreibblockade ringt. Eine weitere Nebenfigur, ein älterer sensei, ein Professor, hat seine Bücher der Stadtbibliothek vermacht, weil er sich auf den Tod vorbereitet - er wartet darauf, so sagt er einmal, dass er von einem großen Wind in den Himmel gehoben wird. Die eigentliche Protagonistin des Films ist aber Takaos Gattin, die unter Panikattacken leidende Ärztin Michiko (Higuchi Kanako), die im Ort das lokale Krankenhaus wieder besetzen soll, obwohl sie selbst noch rekonvaleszent ist. Es ist eine Rückkehr aus der Metropole Tokyo in die Heimat Takaos, nach Shinshu in die ländliche Region der Präfektur Iwate. Eine Rückkehr zu den Ahnen.

Letter from the Mountain ist ein enorm schön gefilmter, subtiler und leiser Film, der Koizumis Status als großen japanischen Regisseur bestätigt. Dessen Erstlingswerk Ame Agaru basiert auf einem Skript von Akira Kurosawa, das er von ihm übernommen hatte. Hier nun eine ganz stille Ästhetik, mit einer Bewegung hin aufs Land, zur Natur, weg von der Stadt, die Augen öffnet - eine Veränderung, die die Protagonisten, die sich alle in einer Krise befinden, wieder zu sich finden lässt. Gerade auch dadurch, dass sie sich für andere einsetzen und ihnen zu helfen bereit sind. Schönerweise erzählt Koizumi aber ohne moralische Keule, auch wenn sich das in der Zusammenfassung etwas geballt nach Gutmenschenkino anhören mag. Es ist ein fließender Film, einer mit vielen offenen Möglichkeiten, zu denen er sich hinbewegen könnte, einer, der durch seine Humanität Vertrauen einflößt, auch weil er sich so sanft vorantastet. Zugleich aber überschattet die Präsenz des Todes und der Vergänglichkeit alles - eine Thematik als Gegenpol, die den Film in Balance hält. Und so geht es also eher darum, im Angesicht der Vergeblichkeit des menschlichen Tuns seinen Frieden mit dem Leben zu machen - und dem Lebensweg, den man eingeschlagen hat. Sehr, sehr schöner Film.

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Freitag, 15. August 2014

The Drudgery Train / Kueki Ressha (Nobuhiro Yamashita, Japan 2011)


Mit seinen stark verpixelten, grobkörnigen Bildern der Tristesse eines naturalistischen Alltags wirkt The Drudgery Train von Nobuhiro Yamashita (Linda, Linda, Linda, The Matsugane Potshot Affair) wie eine Independent-Produktion, die das Besondere im Trivialen findet. Es ist eine schwarze Komödie, der nie die Bitternis ausgeht, mit einem Hang zum Düsteren, Dunklen, der man immer auch zutraut, abstürzen zu können ins Üble, Böse, Brutale. Das Gegenmodell zum eigentlich sehr unsympathischen Helden Kanta Kitamachi (Mirai Moriyama), der nichts hinbekommt in seinem Leben und alles was, um ihn herum an Positivem entsteht, kaputt machen muss, ist sein neuer Arbeitskollege Shoji Kusakabe (Kengo Kora aus A Story of Yonosuke (2014)), der sich zu seiner Ausbildung auf einer weiterführenden Schule was als Tagelöhner dazuverdient.

Kanta freundet sich mit ihm an, drängt sich ihm etwas auf (wie er das immer macht), führt ihn ans Trinken heran und dann auch irgendwann mal in die Stripbar hinein und auch ins Bordell. Shoji hat zwar Vorbehalte, will aber auch kein Spielverderber sein und findet dann Gefallen an den nächtlichen Extravaganzen. Das hat aber schnell ein Ende, als er sich ernstlich in ein junges Mädchen verliebt - doch eben da brandet Kantas Eifersucht auf, der selbst sein Verhältnis zu einer jungen Buchhändlerin namens Yasuko (Atsuko Maeda) nicht auf die Reihe bekommt. Er will immer mehr, als sie zu geben bereit ist. Und Kantas Ausbrüche sind nie weit, das spürt auch sie, wenn seinen Ansprüchen und Erwartungen nicht entsprochen wird - aber dann ist es auch wieder ihre schüchterne Höflichkeit, die sie keine klaren Grenzen ziehen lässt.

Das Script stammt von Shinji Imaoka, einem Meister des pinku eiga, des japanischen Erotikfilms, und mehr als einmal driftet der immer wieder sexuell aufgeladene Film in die dunklen Ecken des Rotlichtviertels. Letztlich bleibt der Film so etwas wie eine Mixtur aus Slacker-Komödie mit schwarzem Humor und Coming-of-Age-Film, doch die Grätsche zum Erotikkino durch verschiedene Grenzüberschreitungen wird mehrfach gesucht. Eine leichte Verunsicherung macht sich dann auch breit, man kann ihn kaum einschätzen, diesen herrlich tristen Film. Vor allem da Kanta immer weiter abstürzt, sich zusehends isoliert, vermehrt zurückgewiesen und dadurch zum Außenseiter wird. Dass es nicht lange dauert, bis er dann mal von zwei Yakuza-Gangstern in einer Nudelbar so richtig eins auf die Fresse bekommt, verwundert nicht. Eine Feelgood-Komödie ist der Film also keinesfalls, so richtig runterziehend ist er aber auch nicht - wenn auch für Kanta wenig übrigbleibt an Optionen, in einem Leben ohne jede Perspektive. Die er sich bedauerlicherweise selbst genommen hat.

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Mittwoch, 13. August 2014

River (Ryuichi Hiroki, Japan 2011)


In seinem Film River von 2011 begibt sich der Regisseur quasi-dokumentarisch auf die Fährte seiner Protagonistin Hikari (Misako Renbutsu, auch in Yoshihiro Nakamuras Snow White Murder Case (2014)) durch das tokioter Stadtviertel Akihabara, filmt sie beim Umherwandern zwischen den Elektronikstores und beim Flanieren in den Seitengassen, wo es schnell mal etwas seedier zugeht, wo Kleinmädchenschlepperinnen junge Herren in Bars hineinlocken um ihnen dort zu Diensten zu sein. Die Heldin des Films ist eine Anti-Heldin, sie trauert um ihren ermordeten Freund Kenji, auf dessen Spuren sie sich begeben hat. Sie möchte seine Umgebung, dort wo er, ein Elektronik-Nerd, sich bevorzugt aufgehalten hat, mit eigenen Augen sehen, sehen, was er gesehen hat. Der Junge ist schon seit drei Jahren tot. Und dies ein authentischer Fall, als ein 25-Jähriger 2008 mit einem Lastwagen in Akihabara in eine Gruppe Menschen hineingefahren war und anschließend mit einem Messer etwa nochmals zehn Personen erstochen hat, viele auch verwundet. Kenji ist einer von ihnen. Ryuichi Hiroki folgt also nicht nur Hikaris Spuren, sondern begleitet sie auch auf den Spuren ihrer Trauerarbeit. 

Quasi-dokumentarisch ist der Stil, mit Handkamera gefilmt von Noriyuki Mizuguchi (Kamera für Kiyoshi Kurosawas Doppelgänger (2003)), mitten durch die Passanten hindurch, von denen einige auch immer wieder in die Kamera schauen, was ist denn hier los! Misako Renbutsu lässt sich davon nicht beeindrucken, sie spielt beeindruckend, vor den Augen der Öffentlichkeit. Die Trauer hat sich tief in ihr Leben hineingeschnitten, lange hatte sie sich aus der Gesellschaft rausgenommen, sich zuhause eingeschlossen in ihrer Höhle ("I holed myself up at home..."). Was auch bedeutet: immer wieder lange Einstellungen, ruhig, slow-paced, beinahe lyrisch. Die Konfrontation mit dem Tod in der Öffentlichkeit soll es ihr ermöglichen, darüber hinwegzukommen, doch dazu muss sie sich freilich ihrem Schmerz stellen. Immer wieder bricht sie in Tränen aus, es ist eine tiefe Trauer, die sie hinter einem maskengleichen Gesicht zu verbergen versucht.

Auf ihrem Weg durch das Viertel begegnet sie verschiedenen Personen, die alle einen Einfluß auf die Entwicklung nehmen. Eine Photographin, die sie ungefragt portraitiert und ihr aber dadurch zeigt, wie schön sie ist (ohne dass das im Film gesagt werden würde - so didaktisch ist Hiroki freilich nicht). Ein junger Mann, der auf einem der Hochhausdächer an derselben Stelle trauert wie sie, der aber keinen Angehörigen verloren hat sondern derjenige war, der dem Mörder unfreiwillig Hilfeleistung gestellt hat, indem er ihm eine Autovermietung in der Gegend empfohlen hat. Eine jungen Bekannten, die sich mittlerweile für Pornodrehs hergibt, da sie Schauspielerin werden will, und sich dafür aufopfert. Ein Mädchenbarbesitzer, der sie anheuern möchte, bei ihm zu arbeiten und sich mit ihr über den Sinn des Lebens unterhält, über Ziele, die man sich setzen muss. Und der sie abschleppen will in ein Stundenhotel. Neben einigen anderen begegnet sie schließlich noch einem obdachlosen Drifter namens Yuji (Yukichi Kobayashi), der sich mit dem Verkauf von Elektronikschrott über Wasser hält, und der, wie sich herausstellt, zufällig ihren Freund Kenji kannte. Sie findet ihn sympathisch, da er sich nicht aufdrängt, der zurückhaltend und beinahe scheu ist, der erst Traumatisches klären muss - hier kann sie ihm helfen, ihn dazu zu bewegen, sich seiner Vergangenheit zu stellen, seine Eltern zu besuchen. 

Da entfernt sich der Film von Hikari und Tokio, und begleitet den Jungen ins Gebiet Sendai, das durch den Tsunami und das Tohoku-Erdbeben völlig zertsört worden ist. Ryuichi Hiroki, der selbst aus der Gegend stammt, verknüpft auf diese Weise zwei Katastrophen in seinem Film. Yuji also wandert durch die Trümmer seiner Heimat, taumelt beinahe, bricht in Tränen aus angesichts des Schreckens, der ihn hier erwartet, und der verpassten Chancen seiner Eltern gegenüber. Eine unglaublich intensive Szene ist das, und zeigt einmal mehr, wie dicht Ryuichi Hiroki an allem dran ist, an den Ereignissen in Japan, an der Jugend. Am Ende findet der Film zu seiner Protagonistin zurück und gibt einen tendenziell hoffnungsvollen Ausblick, ohne diesen freilich zu stark zu machen. Da ist der Weg wieder offen, frei für Neues, und das ist schon ganz schön viel.







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Freitag, 8. August 2014

Revolver Rani (Sai Kabir, Indien 2014) - review in english


Alka Singh (who is Revolver Rani aswell), angry young woman and leader of a dubious political party, loses her heart to Bollywood wannabe-actor Rohan. Needless to say, he is is just an impostor with hopes and dreams he doesn't believe in himself. When he finally decides to leave Alka Singh for another woman, his chances are bad - she is already pregnant with his child. Besides, leaving Rani is never an option, because she is fast with her guns and gets easily carried away in her anger. If there's something she doesn't like, Rani fires.

Since two or three days (now: weeks) already I've been thinking about Revolver Rani and wonder about what I could prossibly write that could be of interest - and thus contribute to the discourse of this peculiar film that seems to stand midway between commercial filmmaking and exploitation. A point that would interest me a lot at least. Seemingly only that is, and that's the biggest problem of the film, because it definitely is, well, just a very uneven, blank commercial product with no ambition at all. The Grindhouse-appeal is just a poster tricking your unconscious mind. No ambition to break barriers, to shock, to show something unexpected or slightly new. Something of character. In the end it's another love story told in a stupid way. Maybe there wasn't even a script, because the movie loses its protagonists on its way. On the way in between a love so compassionate, that the heroine builds a gamepark (labelled: studioset) for her loverboy, but truly it is just there that they have the possibility of including an incredibly stupid citation of the most famous scene of one of the most horrible films in the history of moviemaking ever: Titanic. There they are, Rani and Rohan, stretching out their arms on their own little Titanic, not knowing that this is a very bad omen. The permanent references to other movies truly is the only "postmodern" - tarantinoesque or Robert Rodriguez-esque influence in a movie that tries to catch you with a Death Proof / Kill Bill-styled charm. That is, if your attention is not diverted by the most horrible acting of the main protagonists, Rani and her lover against his own will, Rrrrohan.

The general acting performance of superstar Kangana Ranaut as Rani is just terrible. Overacting is something that might be tolerated in an insanely crazy comedy from Hong Kong or an Indian lovestory, that is larger than life and gets totally carried away. A movie that wants to play with the ambivalence of a gritty reality versus love as a saviour, there should be, at least sometimes, a grain of reliable acting that hints towards the fact that there is actually something to fight for (that's why the scenes with Rani's father and his cohort of corrupt political hoodlums are the only ones that seem to be of interest). This goes for action sequences aswell. In one of the few fight scenes, the choreography is so bad and the editing so slow, that one has to think that it's a bad joke they are playing with the audience. This just looks like an unwilling imitation of a fight scene, and is a long way from the real stuff. Well, then, it might even be a mode of stylistic means, but like her acting in Revolver Rani, everything is just over the top, all the time.

This movie is grotesque, a politcal farce mixed with a really blunt lovestory and a - not even flawed - but unbelievably boring narration. After the interval in the second half of the movie, the entertainment level drops to unknown depths, and boredom reigns. Even Alka Singh herself seems to be bored by her much too violent and at the same time ordinary life, as she thinks about quitting politics and leaving the country with her soon-to-be husband and their child. Leaving her old life behind. Yes, this is a wise decision, I would quit a life like that, too. Before watching the movie, I was in good spirits and was prepared for a senseless time-waster, but after 30 minutes into Revolver Rani, I wanted to do my laundry and wished this ugly and uninspired bore of a movie would just stop. Still, I had to watch another one and a half hours. Be warned!

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Donnerstag, 24. Juli 2014

Lootera / Robber (Vikramaditya Motwane, Indien 2013)


Lootera beginnt wie ein Liebesdrama und kippt dann ziemlich überraschend irgendwann in ein bitterböses Gangsterstück. Um schließlich, gegen Ende, wieder zum Melodrama zurückzufinden. Auch wenn sich die Figuren schwer damit tun, denn inzwischen ist der Graben zwischen ihnen riesengroß geworden. Manikpur 1953, Westbengalen: Ranveer Singh spielt den Archäologen Varun, der auf dem Grundstück des Zamindar (Barun Chanda) einen alten Tempel vermutet und um Erlaubnis bittet, Ausgrabungen tätigen zu dürfen. Dass mit Varun und seinem Gehilfen etwas nicht stimmen könnte, kann man am Anfang nur erahnen. Aus kurzen Seitenblicken, die sich die beiden zuwerfen, aus Momenten, in denen das Gesprächsgeplänkel stockt, oder in der Unbestimmtheit von Varuns Antworten auf eigentlich sehr konkrete Fragen. Wer ebenfalls von Varuns Anwesenheit sehr angetan ist, das ist des Zamindars Tochter Pakhi (Sonakshi Sinha), eine asthmageplagte Nachwuchsschriftstellerin, die sich über den anfänglichen Flirt hinaus in den schüchtern wirkenden Gast verliebt.

Später wird sich herausstellen, dass alles nur ein getürktes Spiel war. Dass Varun zu einer organisierten Verbrecherbande gehört, die es sich zur Spezialität gemacht hat, in dieser Zeit des Umbruchs (durch das Erreichen der Unabhängigkeit Indiens von Großbritannien im Jahr 1947, was zur Entmachtung und auch zur weitgehenden Enteignung der Zamindare führte, die ihrer Privilegien beraubt wurden) die Großgrundbesitzer um ihre Besitztümer zu erleichtern. Ob sich Varun ebenfalls wirklich in Pakhi verliebt hat, oder ob auch das alles nur vorgetäuscht war, das bleibt lange Zeit sein Geheimnis und wird erst am Ende aufgelöst. Alleine schon, dass diese Frage überhaupt im Raum steht, ist Hinweis genug darauf, dass dieser bengalisch anmutende Bollywood-Film mehr wie ein zurückhaltendes Arthouse-Drama funktioniert, als wie die forcierten Stilexzesse des in allen Belangen überbordenden Masala-Films. Auch alle Machismen sind ihm fremd, flotte Sprüche sowieso, und aufgeknöpfte Hemden der gemeinhin unvermeidlichen Sixpack-Helden. Ranveer Singh spielt, ganz im Gegenteil, den zurückhaltenden, stets defensiv-leise sprechenden Intellektuellen, der (sogar) von der Frau erobert werden muss.

Zwischenzeitlich wird man völlig eingenommen vom märchenhaften Realismus dieses Films, vom hervorragenden Schauspiel der Akteure, die ihre Rollen mit Können und großer Leidenschaft spielen und die völlig in ihren Figuren aufzugehen scheinen. Aber auch auf Bildebene wird in Lootera einiges geboten. Eine ganz wunderbare Kamerarbeit und ein erstklassiges Editing verleihen dem Film eine selten gesehene Perfektion - ein Film, der zudem durch seine tolle, oft verstörende Tonspur besticht, dann wieder durch seine akzentuierte Stille, durch seine perfekte Ausgewogenheit. Wollte man ihm etwas vorwerfen, dann allenfalls, dass seine Perfektion zu einer gewissen Glätte führt, die zu wenig Widerstände bereit hält - dass der Film zu einfach gemocht werden könne. Was ein wenig absurd ist, weil er halt einfach so verdammt gut gemacht ist. Als Beispiel mag gegen Ende die Verfolgungsjagd zu Fuß durch die engen Gassen dienen, die in ihrer Großartigkeit beinahe, und doch anders, mit der dreckigen Verfolgungsjagd im philippinischen Gangsterfilm Kubrador von Jeffrey Jeturian mithalten kann - welche die beste Verfolgungsjagd ist, die ich jemals im Film gesehen habe. Lootera jedenfalls (übrigens co-produziert von Anurag Kashyap), gehört zu den besten zeitgenössischen indischen Filmen, die ich in letzter Zeit gesehen habe, gar keine Frage.

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Sonntag, 20. Juli 2014

Qissa - The Tale of a Lonely Ghost (Anup Singh, Indien/D 2013)


Obwohl Qissa im Punjab angesiedelt ist, 1947, vor dem Hintergrund der Teilung der Provinz durch das Erreichen der Unabhängigkeit des Subkontinents, ist Qissa kein Historienfilm. Ein Teil wurde dabei Pakistan, der andere aber Indien zugesprochen und dadurch kam es in der Folge zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen - mit Mord und Totschlag zwischen Sikhs und Moslems. Anschließend zu unvermeidlichen  Migrationsbewegungen, da viele Familien ihr Zuhause verloren oder es aus Angst verlassen mussten. Die Teilung des Landes, deren Auswirkungen für viele der Opfer lebensbedrohlich war, ist aber ebensowenig die Grundlage für ein obligatorisches Biopic, auch wenn Qissa vor allem die Frage nach der verloren gegangenen Identität der Vertriebenen stellt, die an neuem Ort eine neue Existenz aufbauen müssen.

Diese "Chance" bekommt auch die Heldin dieses Films aufoktroyiert, die viertgeborene Tochter Umbers (gespielt von Irrfan Khan): neu anzufangen, alles hinter sich zu lassen. Für sie könnte das eine Befreiung sein. Nur ist das gar nicht so einfach, wenn das Unterdrücken der eigenen Identität zur konstituierenden Persönlichkeit geworden ist. Doch zurück zum Anfang: nach drei Töchtern wünscht sich das Familienoberhaupt Umber Singh nichts sehnlicher als einen Sohn. Doch als ihm seine Frau erneut eine Tochter schenkt, verschließt er die Augen vor der Realität, und erzieht das heranwachsende Mädchen als Jungen. Die Androgynität des Kindes erlaubt das zunächst, auch gegen die Widerstände seiner Gattin setzt er sich als patriarchalischer Vorstand der Familie durch. Und später, beruflich erfolgreich und angesehen, wagt niemand an seinem Konstrukt zu zweifeln. Aber es ist noch viel schlimmer: es scheint tatsächlich niemand zu sehen, dass eine junge Frau vor den Augen aller ihrer Persönlichkeit, ihrer Bedürfnisse, ihrer normalen Entwicklung beraubt wird. Und auch die Frau selbst weiß lange Zeit nicht, was eigentlich ihre authentischen Bedürfnisse überhaupt sind oder sein könnten, da sie die ganze Zeit eine Rolle zu erfüllen hat. Qissa als tragisches Transgender-Epos.

Qissa ist ein Film über Menschen in der Diaspora, in dem eine äußere Entwurzelung mit einem inneren Identitätsverlust parallelisiert wird. Der Sohn Kanwar (toll gespielt von der vielleicht etwas zu femininen Tillotama Shome, die man etwa aus Monsoon Wedding kennen könnte) bricht dann aber aus seinem Gefängnis ab dem Zeitpunkt aus, da Umber ihn/sie an die Tochter eines Zigeuners verheiraten möchte. Ein Ereignis, das man tatsächlich als Umbers Kapitulation lesen könnte: eine Verheiratung an ein Mädchen aus niedrigerer Kaste, die letztlich zwangsläufig zur Enthüllung des Konstrukts führen muss.

Abgesehen von einigen gut vermarktbaren offensichtlichen Exotismen (der Film ist co-produziert von arte, Heimatfilm, und dem ZDF) und dem bisweilen etwas konstruiert anmutenden Plot überzeugt der Film aber auf visueller Ebene, wo von schwergewichtiger Politik und diffizilen Gender-Diskursen nichts zu bemerken ist: Qissa ist vielmehr, zunächst noch versteckt, als visuelles Poem angelegt. Und das, ohne dabei träumerisch oder gar schwülstig zu sein. Der narrativ geradlinige Film löst sich gegen Ende immer weiter auf und treibt hinein in ein mystisch-märchenhaftes, beinahe folktale-haftes Erzählen (die Erzählung des einsamen Geistes), das sich in die Darstellung seelischer Gefilde begibt, die an die weiten, panoramatischen Landschaften vom Beginn des Films erinnern. Zur träumerischen Poetik der Bilder sei dieser Beitrag von Rüdiger Tomczak bei shomingeki empfohlen. Qissa ist ein indischer Film, bei dem kurzzeitig sogar eine lesbische Utopie möglich zu sein scheint - und bei dem es sicherlich förderlich ist, wenn man versucht, sich für die fremde Kultur zu öffnen und sich vom eigenen, vorgeprägten und westlichen Blick zu lösen. Man könnte also erstmal damit beginnen, indische Filmkritiken zu lesen. Wie auch sonst sollte man den Geistern, die diesen spannenden Film umtreiben, beikommen?

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