Dienstag, 30. Juni 2015

9413*, Hongkong/Seoul-Tagebuch, Teil 2

Da wählt man aus Jux einen Titel - und schon kommt die Realität dem Sprichwort näher, als es einem lieb ist: 9413 und MERS allenthalben. Die TVB-Nachrichten schießen sich darauf ein, China gibt eine Reisewarnung für Südkorea heraus, in Seoul verweilende Studenten aus Hongkong treten mitten im Semester die Flucht an (und werden prompt vom Dozenten rausgeschmissen). Und das alles obwohl sich bislang alle Verdachtsfälle in Hongkong als negativ herausgestellt haben. All das erinnert an die Berichterstattung deutscher Medien zu SARS damals. Dieselbe Hysterie, dieselbe Meinungsmache. Da werden dann auch die nüchternen Einschätzungen der WHO und der südkoreanischen Experten von radebrechenden Hongkonger Ärzten hinterfragt. Bitteschön ja keine Vernunft und Gelassenheit aufkommen lassen.

Passend dazu sehe ich Choi Kai-kwongs Indie-Produktion THE SAND PEBBLES, die er selbst in einige Kinos gebracht hat. Choi ist aus seiner Generation einer der wenigen, die immer noch mit allen Mitteln versuchen Filme zu machen. Die meisten anderen New Waver aus der zweiten Reihe sind in der Lehre versumpft bzw. entsprechend emeritiert (Lau Shing-hon, Peter Yung) oder sind, meist schon in den 1990ern, wieder beim Fernsehen gelandet (Alex Cheung, Terry Tong). Nun ja, nicht jeder heißt Tsui Hark oder Ann Hui. Choi jedenfalls, das merkt man dem Film recht deutlich an, musste offenbar mit einem Winz-Budget auskommen. Dass er dabei auch eine seiner Töchter besetzt hat, erweist sich aber überraschender Weise als Glücksfall. Neben Altstar Paw Hee-ching ist sie die einzige, die schauspielerisch überzeugen kann. Die Prämisse ist ebenfalls recht vielversprechend: Drei völlig unterschiedlich aufgewachsene Jugendliche werden vorübergehend bei ihrer Großmutter abgeladen, die, so will es Chois Versuchsanordnung, 2003 ausgerechnet in Block E der Amoy-Garden-Siedlung wohnt, wo das SARS-Virus auf besonders heftige und unerklärliche Weise zu wüten beginnt. Das Problem aber ist nicht nur der Holzhammer, der das Parabelhafte besonders platt erscheinen lässt (die drei Jugendlichen sind natürlich eher Konzepte als Figuren), sondern auch die beiden anderen Darsteller; mit ihren bisweilen unerträglichen Overacting hätten sie besser in eine Cinema-City-Komödie der 1980er Jahre gepasst. Letzterer Eindruck mag der Dramaturgie geschuldet sein - schließlich müssen die zunächst völlig selbstbezogenen Kids einen Lernprozess durchlaufen -, dennoch brachte mich ihre unerträgliche Larmoyanz dazu, sie schon nach kurzer Zeit zu hassen. Beklemmend wird der Film immer dann, wenn er den Alltag beschreibt, Details und Rituale wie das Temperaturmessen aufgreift, wenn er fast schon beiläufig vermittelt, wie das Leben und die Bewegungsfreiheit zunehmend eingeschränkt werden, bis das Gebäude schließlich geräumt wird. Im Grunde scheint Choi aber nicht so recht gewusst zu haben, worauf er hinaus will: Parabel, Sozialstudie, Horrorfilm oder teils komisch angelegte coming-of-age-Geschichte. Er bringt diese disparaten Elemente, anders als es vielleicht Fruit Chan getan hätte, nicht überzeugend zusammen. Choi selbst scheint ebenfalls nicht so recht zufrieden mit dem Ergebnis. Dennoch wünscht man ihm, dass es nicht wieder vierzehn Jahre dauert bis zu seinem nächsten Film. Seine Projekte jedenfalls, die im Drehbuchstadium stecken geblieben sind (u.a. ein historischer, in Penang angesiedelter Actionfilm mit Jackie Chan), klingen spannender als vieles, was in den letzten Jahren in den Verwertungskreislauf gelangt ist.

Auch SPL 2: A TIME FOR CONSEQUENCES, um meine Gedanken nachzureichen, klingt zunächst vielleicht wenig zwingend, aber Regisseur Cheang Pou-soi gelingt es tatsächlich, alle Schwächen des ersten Films (und damit meine ich vor allem das Buch, das die Geschichten von Donnie Yen und Simon Yam/Sammo Hung wenig überzeugend zusammenbringt) restlos zu tilgen und sogar noch eins drauf zu setzen. Was Cheangs Film vor allem - jenseits einiger atemberaubender Action-Setpieces (großartig: Max Zhang) - auszeichnet, ist seine in sich geschlossene, durch und durch pessimistische Weltsicht und die Sicherheit, dass all das, was schlimmer werden kann, auch tatsächlich schlimmer wird. Wie fein die melodramatischen Fäden schicksalhaft miteinander verwoben sind, ist erstaunlich und erinnert in dieser Konsequenz etwas an Bollywood-Filme von Manmohan Desai. Deshalb geht auch jegliche Kritik an vermeintlich unrealistischen, unglaubwürdigen Wendungen und Zufällen völlig am Punkt vorbei. SPL2 ist auch nicht wirklich Cheangs Rückkehr zu ACCIDENT (2009), wie in einer der ersten Rezensionen geschrieben wurde. Das Konzept mag durchaus thematische Überschneidungen mit dem Milkyway-Way-Korpus besitzen, aber der eigentliche Bezugspunkt, ästhetisch wie auch tonal, ist Cheangs rabiater DOG BITES DOG (2006). Die Welt, die Cheang in SPL2 entwirft, mit ihren korrupten Cops, brutalen Gefängniswärtern, skrupellosen Organhändlern (kantonesischer wie nordkoreanischer Provenienz) und zum Tode geweihten Kindern, ist streckenweise schwer zu ertragen. In beiden Filmen ist ein Menschenleben beängstigend wenig wert. SPL2 ist cineastische Schwarzmalerei par excellence - aber auch einer der besten Actionfilme der letzten Jahre.

Im Laufe der nächsten Tage verpasse ich leider die Eröffnung der Hongkonger Zweigstelle der L'Immagine Ritrovata, die nun unter der Leitung von Bede Cheng Klassiker des asiatischen Kinos restaurieren wird (nachdem die Firma bereits sieben Projekte in Italien abgeschlossen hat; das jüngste, die 4K-Restauration von Woos A BETTER TOMORROW (1986) erlebte gerade in Shanghai seine Weltpremiere).

Ebenfalls zu kurz kommt leider die aktuelle Filmreihe des Filmarchivs, die unter der Überschrift "The Art of Film Scripting" in Vorführungen und Diskussionsrunden den in Hongkong eher mäßig respektierten Autoren huldigt. Kuratorin Winnie Fu verschafft mir immerhin ein Interview mit Chan Man-keung, der vor allem als Autor für Ann Hui (SUMMER SNOW), Lawrence Ah Mon (GANGS) und zuletzt Stephen Chow (KUNG FU HUSTLE) bekannt wurde - aber, so höre ich zum ersten Mal, auch ein Schüler von Stephen Siu (Sen.) ist. Siu begann seine Karriere beim Fernsehen und avancierte später als Autor und Produzent zu einer zentralen Figur in Johnny Maks Produktionsfirma. Obwohl Mak seit Anfang der 1980er Jahre bis in die frühen 1990er eine feste Größe in der Produktionslandschaft war, hat man sich bislang kaum darum bemüht, das 'System Johnny Mak' zu verstehen. Im Vergleich zu Tsui Harks Film Workshop, Golden Harvest oder Cinema City (Retrospektive wahrscheinlich nächstes Jahr) ist entsprechend wenig bekannt über die Strategien und Abläufe bei Mak und Co. Selbst meine wiederholten Gespräche mit dem jüngeren Bruder Michael Mak konnten bislang nicht alle Unklarheiten beseitigen. Chan gelingt es durchaus, das Bild weiter zu vervollständigen. Was aber auch er nicht beantworten kann, ist die ein Frage, die jedem unter den Nägeln brennt, der Maks furioses Regiedebüt LONG ARM OF THE LAW (1984) gesehen hat: Warum er danach nie wieder einen Film inszeniert hat. Chans Erklärungsversuch geht so: Da Mak sowieso immer die Zügel in der Hand hatte, war es egal, ob Michael, David Lai oder Taylor Wong die Regie übernahm. Das passt nun nicht unbedingt zu dem, was ich von Michael gehört habe...

Dann Treffen mit dem wie immer unermesslich großzügigen Law Kar und Sam Ho, zwischendurch weitere Filmsichtungen im Archiv. Beim Mittagessen mit Samson Chiu erfahre ich, dass I AM SOMEBODY, der neue Film von Derek Yee, an dem Chiu beteiligt war, richtig gut geworden ist. Er selbst soll die Spielszenen eines Big-Budget-Actionfilms inszenieren, arbeitet aber auch an einem eigenen Projekt. Neben erleuchtenden Ausführungen, wie in den 1960er Jahren mit einer neuen Generation gewitzter Werbe- und PR-Profis auch neue Wege der Übersetzung 'westlicher' Konzepte und Titel in die Film(kultur) Einzug halten, klärt er mich fast beiläufig auch darüber auf, warum der Kanto-Regisseur und -Produzent Chung Kwok-yan (HIRED GUNS, ORDINANCE 17) immer noch so etwas wie ein Phantom darstellt. Chiu hatte Chung zum ersten Mal vor ein paar Jahren erwähnt und damals provokativ behauptet, Chung hätte das, was Johnnie To in ELECTION im Hinblick auf Triadenkultur getan hat, bereits Anfang der 1980er Jahre erledigt. Kein Wunder, da Chung scheinbar selbst zu den Triaden gehörte.

Next Stop: Seoul!

*) Frei nach dem kantonesischen Sprichwort und Titel des Herman-Yau-Films: Gau sei yat sam: Neun von zehn sterben, im übertragenen Sinne: Die Chancen stehen schlecht...

Stefan Borsos

Donnerstag, 25. Juni 2015

Was am 25. Juni 2015 in Wakkanai im Kino läuft...

Wenn man sich auf einer Reise befindet, dann sind oft ganz andere Dinge wichtig, als zuhause. Leidenschaften bleiben in der Regel aber dieselben, sonst wären sie keine. Zum Schreiben bin ich die letzten Monate kaum gekommen, leider, was vor allem daran liegt, dass ich mich für ein Tablet anstatt eines Laptops entschieden habe. Die paar wenigen Texte hier, alles auf dem Handy geschrieben. Also: Mad Max: Fury Road in Hanoi war toll (Kostenpunkt: 2€), die wiederholte Sichtung von The Broken Circle Breakdown allerdings weniger. Hier in Wakkanai, ganz oben im Norden von Hokkaido, wo schon das Ochotskische Meer die kalte Gischt herüberbläst, gibt es ein Kino. Und WLAN. Und das läuft gerade:

Shinjuku Swan (Sion Sono)

Shinjuku Swan (Sion Sono)

Maze Runner

Fast & Furious 7

Tomorrowland

Cinderella

Wird das Kinoprogramm in den großen Städten Japans von einheimischen und asiatischen Filmen wenn nicht sogar dominiert, dann wenigstens ausgeglichen bespielt, so ist das hier in der Provinz anders. Viel US-Blockbuster, der neue Kore-eda etwa, Umimachi Diary, läuft verwunderlicherweise nicht. Ach ja, aber einer noch, der viel Wind macht:


Michael Schleeh

Dienstag, 16. Juni 2015

Occult / Okaruto (Koji Shiraishi, Japan 2009)


Nachdem Koji Shiraishi mit seinem Film "Noroi: The Curse" (2005) einen ziemlichen Achtungserfolg hinlegen konnte - sogar in Deutschland ist eine DVD des Films erschienen - bleibt der Regisseur, Screenwriter, Cutter und Cinematographer in Personalunion seinem Thema treu und lässt mit "Occult" einen ganz ähnlichen, vielleicht nicht ganz so dichten Film folgen. Dazwischen: der Horrorfilm "The Slit-mouthed Woman" (2007) und einige bei uns unbekannte TV-Produktionen. Seine Filme werden häufig dem Horrorgenre des "Found Footage" zugeordnet (in der Bugwelle des Erfolges der "Paranormal Activity"-Reihe), auch wenn das im Detail vielleicht gar nicht immer so stimmt.

In "Occult" nun geht es zunächst sehr realistisch-naturalistisch zur Sache: der mit Handkamera "zufällig" anwesende Regisseur Koji Shiraishi filmt den grausamen Mord an zwei Touristinnen an einem japanischen Erholungsort: über einer Schlucht sticht ein Amokläufer seine Opfer auf einer Hängebrücke nieder, bevor er einem dritten Opfer, einem jungen Mann, das Messer ansetzt und diesem sowohl ein Muster in den Rücken schnitzt, als auch ins Ohr flüstert, er sei jetzt an der Reihe. Eine Übergabe des Tötungsauftrags. Dann springt er von der Klippe ins Meer.

Das Schnitzopfer ist dann in der Folge auch die eigentliche, ziemlich unsympathische Hauptfigur des Films von Koji Shiraishi, der selbst auch immer wieder ins Bild kommt, weil der Überlebende die Kamera übernimmt. Er ist ein arbeitsloser Tagedieb mit Hang zur psychischen Störung. Er sei empfindlich für übernatürliche Ereignisse, die er verspricht, für Shiraishi auf Film festzuhalten.

Der Film geht nun eigene Wege, mäandert weg von seiner eigentlichen Handlungshauptlinie, die Irrungen und Wirrungen des Freeita-Jobbers nehmen Überhand. Japanischer Alltag, Slackertum, Trinkgelage. Und tatsächlich drängt nun auch das Übernatürliche in den Film. Schwarze Schatten zeigen sich auf den Bildern, Geisterbilder. Oder sind die doch real? Übernatürliches? Vorahnungen? Diese schwarzen Ballungen zeigen jedenfalls an, wo etwas geschieht und wem gleich etwas zustoßen wird.

Aber auch das Muster auf der Haut gibt Rätsel auf: Shiraishi holt sich Rat bei einem Experten, der nun ausgerechnet Regisseur Kiyoshi Kurosawa ist, und der das mythologische Mysterium zumindest teilweise lüften kann. Sehr hübscher Gedanke.

Da das Filmmaterial in jedem Moment explizit für "Okurato" hergestellt wird, kann man sicherlich nicht von klassischem "found footage" sprechen, auch wenn die Ästhetik quasi dieselbe ist. Handkamera, Unmittelbarkeit, das Versprechen des Authentischen. Zumindest aber kommt man um die leidige Frage der Montage herum. Sehr sehenswert, auch sehr understated insgesamt, dieser durchweg spannende und unterhaltsame, ja sehr angenehm unprätentiöse Film. Vor allem und gerade auch in seinen Seit- und Umwegen. Und ganz am Ende, da donnert diese Mockumentary doch noch richtig was auf den Bildschirm.

Michael Schleeh

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Donnerstag, 11. Juni 2015

9413*, Hongkong/Seoul-Tagebuch, Teil 1


von Stefan Borsos

Eigentlich hätte an dieser Stelle ein Text/Bild-Essay zu Daniel Lee und dessen neuestem Film DRAGON BLADE stehen sollen, aber wie das manchmal so ist, hat sich alles etwas nach hinten verschoben und es ist schon Zeit für den ersten Teil meines Tagebuchs, das ich auf einer Forschungsreise nach Hongkong und Seoul führe und unregelmäßig alle paar Tage hier veröffentlicht wird. Nun hielt sich mein Bedürfnis nach Tagebuchführen bislang in engen Grenzen und auch mein Talent für spannende Alltagsbeobachtungen dürfte allenfalls mäßig ausgeprägt sein. Mögen folgende, mehr oder minder zusammenhängende Impressionen und Notizen dennoch von Interesse sein!

Es ist bereits der fünfte Tag in Hongkong und der schwül-heiße Sommer bleibt unbarmherzig. Nichtsdestotrotz scheint in der Filmwelt momentan eine enorme Betriebsamkeit zu herrschen. Carol Lai, Alan Mak und Lawrence Ah Mon befinden sich in der Vorproduktion für neue Projekte, Henry Lai legt gerade letzte Hand an die Filmmusik für Dante Lams von vielen sehnlichst erwarteten Fahrrad-Sportfilm TO THE FORE und Jack Ng schlägt sich die Nächte um die Ohren, um das Buch zu COLD WAR 2 zu vollenden. Nur so zu tun, als ob man beschäftigt sei, mag zwar zum Geschäft gehören. Dennoch bin ich einfach mal wohlwollend und glaube, dass bei allen Projekten ganz bestimmt auch fertige Filme herauskommen...

Die eigentliche Grund für die Reise, ein Dissertationsprojekt, treibt mich täglich ins örtliche Filmarchiv, wo es vor allem Exemplare des so genannten Jane-Bond-Zyklus zu sichten und zu entscheiden gilt, inwieweit diese tatsächlich etwas mit dem britischen Bond zu tun haben. Das Label, von Sam Ho in den 1990er Jahren ersonnen, ist zumindest insofern diskussionswürdig, als dass die Filme in den 1960er Jahren trotz teils klarer Bond-Bezüge unter anderen Bezeichnungen firmierten und selbst in der filmografischen Aufarbeitung Hongkonger Filmgeschichte durch das Archiv Hos Begriff keine Erwähnung findet. Nun hat sich seither ein Diskurs etabliert, der eine Auseinandersetzung mit dem Begriff erfordert. Nichtsdestotrotz gibt es Jane-Bond-Filme, die ganz viel mit Bond zu haben, und Jane-Bond-Filme, die nach 'westlichen' Maßstäben allenfalls als Krimikomödien durchgehen. In Jedem Fall scheinen feinere, klarere Ordnungsmaßnahmen angebracht.
Im November, auf meiner ersten Reise, hatte ich auch Gelegenheit, Chung Chang-whas weitgehend in Hongkong gedrehten Spionagethriller SPECIAL AGENT X-7 (1967) zu sichten, der, so will es der Mythos, Run Run Shaw dazu veranlasste, Chung nach Hongkong zu holen. Es handelte sich um eine Mandarin-sprachige VHS-Kopie in unansehnlichem Vollbild - aber die wohl momentan einzig zugängliche Version des Films (selbst das Filmarchiv in Seoul besitzt keine Kopie).

Dazu angeregt, dieses Mal etwas intensiver nach verborgenen Schätzen des Archivs Ausschau zu halten, bin ich auf zwei Filme gestoßen, die in frühen Retrospektiven des Hong Kong International Film Festivals (HKIFF) gezeigt wurden, aber danach kaum in entsprechenden Diskursen auftauchten und derzeit sonst nirgendwo verfügbar sind: COLD BLADE (1970), Chor Yuens erster wuxia-Film und zugleich eine der letzten Cathay-Produktionen überhaupt, sowie ANTI-CORRUPTION (1975) von Ng See-yuen.
COLD BLADE ist ein Film des Übergangs: Nach einer Karriere im kantonesischsprachigen Kino, wechselt Chor Anfang der 1970er Jahre notgedrungen zur mandarinsprachigen Konkurrenz - aus Chor Yuen wird Chu Yuan. Die Bavaeske Titelsequenz ist großartig und weist bereits auf Chors geradezu obsessive Beschäftigung mit dem wuxia-Schriftsteller Gu Long ab Mitte der 1970er Jahre hin. Wie die Vorlage sind auch die Stilmittel identisch: Zwei Schwertkämpfer trainieren in extremen Zeitlupenstudien, inmitten dicker, exquisit choreografierter Nebelschwaden und künstlichen Studiosets. Die wunderbar surreale Atmosphäre nimmt einen sofort gefangen. Interessant auch der Musikeinsatz zu Beginn des Films. Chor verzichtet auf allzu viele Dialoge und lässt in teils langen Totalen die Musik erzählen. Then the plot thickens - und der Film schlägt in seinen Handlungs- und Actionszenen leider einen anderen Weg ein, nutzt nur noch sporadisch die für Chors spätere Arbeit so typische mise-en-scène und Ausstattung. Die generische Handlung um eine Gruppe von Song-Rebellen im Kampf gegen Invasoren aus dem Norden ist zwar ordentlich verwickelt und mit Blick auf die zahlreichen Plottwists und eine tragische pan-ethnische Liebesgeschichte durchaus überraschungsreich und interessant, aber es fehlt dem Film insgesamt an Originalität. Die Action beispielsweise, mitchoreografiert von einem jungen Chan Koon-tai, der auch eine kleine Nebenrolle als Schurke hat, ist weitgehend konventionell. Chor wird mit Filmen wie DUEL FOR GOLD (1971), INTIMATE CONFESSIONS OF A CHINESE COURTESAN oder THE KILLER (beide 1972) weitere, mitunter spannendere Wege und Richtungswechsel erproben, bis er schließlich 1976 mit dem Trio KILLER CLANS, THE MAGIC BLADE und THE WEB OF DEATH endgültig zu seinem eigenen Stil im wuxia-Genre findet. COLD BLADE lässt sich mithin als Arbeit vieler Anfänge und Möglichkeiten verstehen, Möglichkeiten, die allerdings kaum ausgespielt werden. Besonders in ästhetischer Hinsicht kommt der Film zuweilen disparat und holprig daher, so dass einzelne Sequenzen wie die Titel zweifellos beeindrucken, er in seiner Gesamtheit aber nicht völlig überzeugen kann.

Neben JUMPING ASH (1976) von Leong Po-chih und Josephine Siu Fong-fong gilt Ngs ANTI-CORRUPTION als einer der stilbildenden Kriminalfilme in der Frühphase der Hongkonger Nouvelle Vague. Dass wegen des akuten Kopienmangels Genrebeitrage der Shaw Brothers zugunsten unabhängiger Produktionen vernachlässigt wurden und mithin historische Einschätzungen aus heutiger Sicht etwas schief anmuten, bedarf sicher einer Korrektur. Ungeachtet dessen ist ANTI-CORRUPTION ein vergnüglicher, bisweilen ausgesprochen kurioser Film. Zu Beginn bemüht er Tropen des police procedural und braucht ein wenig, bis sich so etwas wie ein Plot in Gang setzt. Irritierender Weise ist es nicht der junge Polizist, der sich über den Umschlag mit Geld wundert, den der Film in den Blick nimmt, sondern ein britischer Vorgesetzter namens Hunter weit oben in der Hierarchie, dessen Schmiergeldzahlung bittersüße Erinnerungen in ihm weckt. Es ist wohl kein Zufall, in jedem Fall amüsant, dass der Darsteller verblüffende Ähnlichkeit mit Prince Charles und besonders Peter Cushing besitzt und mit seinen tätowierten Unterarmen wie ein Matrose mit einem Faible für flamboyante 70er-Jahre-Klamotten aussieht. In der Rückblende sehen wir, wie dieser anfangs naive, aufrechte Brite nach Hongkong kommt, von den Chinesen korrumpiert wird und sich, als hätte er keine andere Wahl, sich dem korrupten System ergibt. Doch man weiß natürlich, dass das nicht lange gut gehen kann. Kaum ist die Rückblende beendet, tritt die ICAC auf den Plan und rettet den Tag, indem sie alle korrupten Polizisten, einschließlich Peter Godbers, der hier als Nebenfigur erscheint, dingfest macht. Sie tut das in einer zielstrebigen Weise, jedes Mal pointiert durch ein besonders dynamisches Musik-Thema, das die Ermittler regelrecht zum schnellen Laufen und Ermitteln anzutreiben scheint. Und weil am Schluss alle Schuldigen im Knast sitzen, endet der Film mit fröhlicher Orchestermusik.
Obwohl Ngs Film Korruption ähnlich wie Peter Yungs äußerst bitterer THE SYSTEM (1979) als systemisches Problem etabliert, scheint er sein eigenes Konzept zu unterlaufen, indem er plötzlich die ICAC aus dem Hut zaubert, die dann alles in kürzester Zeit lösen kann. Ein Irritationsmoment bleibt insofern, als dass keiner der ICAC-Ermittler näher charakterisiert wird, selbst die sauberen Polizisten erhalten verhältnismäßig wenige Szenen. In Erinnerung bleiben schließlich vor allem die Beschattung Godbers, bei der er nur entkommen kann, weil der verfolgende Ermittler in einem Kiosk mit Sexmagazinen versumpft, eine Montagesequenz, die den Aufstieg Hunters in der Polizeihierarchie mit Sex und dem Kauf eines Diamantrings für seine Freundin zusammenbringt, oder auch eine Art Mitgliederversammlung korrupter Polizisten, auf der die britischen Darsteller (als Ergebnis von Ngs Schauspielführung?), in Mimik und Gestik chinesische Schauspiel-Tropen reproduzieren.

Am Samstag Abendessen mit Herman Yau und einigen Freunden (darunter auch die Schriftstellerin Erica Li, als Drehbuchautorin eine von Yaus stock company). Yau ist gut gelaunt und lässt mich an seiner Ironie und schlichtem Unsinn fast verzweifeln. Ich frage mich, ob Chapman To vielleicht etwas damit zu tun hat, bei dessen Aussagen man nie so richtig sicher sein kann, ob man nicht einer schelmischen Flunkerei aufsitzt. Yaus Blacklist-Film MOBFATHERS ist gerade abgedreht, aber es gibt - natürlich - bereits ein neues Projekt: NESSUN DORMA, ein Thriller, dessen Dreharbeiten im August beginnen werden. Irgendwann im Laufe des Jahres soll auch Yaus Dissertationsprojekt zur Geschichte der politischen Zensur im Hongkong-Kino kommen. Nach einer gewissen Durststrecke ist Yau wieder gut im Geschäft. Seit meinem letzten Besuch sind drei neue Filme in die Kinos gekommen: KUNG FU ANGELS, SARA und AN INSPECTOR CALLS. Der wirklich relevante davon mag SARA sein, ein u.a. von Derek Elley reichlich missverstandenes Charakterdrama um die Beziehung der jungen Sara (Charlene Choi) zu einem viel älteren Beamten (Simon Yam), der gegen Sex ihre Ausbildung finanziert. Es gäbe viel zu sagen über diesen nicht unproblematischen Bildungsroman, über moralische Perspektiven, Vermarktungsstrategien - und mithin auch über Elleys, in seinem speziellen Branchenblatt-Sprech und -Blick besonders dumme Kritik. Dennoch möchte ich viel emphatischer auf einen spannenderen Film verweisen: AN INSPECTOR CALLS, ein Neujahrsfilm mit den üblichen Verdächtigen, dem als Konzept allen Ernstes ein sozialkritisches Theaterstück des Briten J.B. Priestley aus den 1940er Jahren zugrundegelegt wurde. Die Überraschung dabei: Es funktioniert. Auf eine irrsinnig bekloppte Weise, aber es funktioniert. Die Rückblenden, in denen das Fehlverhalten der Aristokratenfamilie gegenüber einer vermeintlichen Selbstmörderin nach und nach aufgedröselt wird, bietet genügend Raum für die Entfaltung des Plots, aber auch für die typischen Zutaten des Neujahrsfilms; am besten hierbei Raymond Wongs alle Peinlichkeit hinter sich lassende Verwandlungen und Verkleidungen sowie Donnie Yens Gastauftritt als Sänger einer Oldie-Schnulzen-Performance. (Dass Yen überhaupt die nötige ironische Distanz zu sich bzw. seinem Image besitzt, um einen solchen Auftritt zum wiederholten Male durchzuziehen, ist ein größeres Wunder.) Dabei geht es traditionsgemäß bunt und dank der theatralen Sets tendenziell surreal zu. Auf meine Frage, wer zum Teufel auf sowas kommt (und auch noch finanziert), ernte ich nur Gelächter. Leider war AN INSPECTOR CALLS sowohl in Hongkong wie auch in Festlandchina ein Flop, was wohl weitere Experimente mit der Neujahrs-Formel erst einmal wieder beenden dürfte. Schade!
Über SARA will Yau (erst einmal) nicht (mehr) reden, ebenso wenig über KUNG FU ANGELS; wenn auch wohl aus sehr unterschiedlichen Gründen. Noch weniger ist er jedoch erfreut, als das Gespräch über Umwege auf Wong Jing kommt. Offenbar sind die beiden keine großen Freunde. Das gilt ebenso für Stephen Chow und Jackie Chan, wie sich herausstellt. Sicher war es nicht erst die Umbrella- und Occupy-Central-Bewegung, die gewisse Konfliktlinien innerhalb der Hongkonger Film Community hervorgebracht hat. Dass sie seitdem klarer sichtbar werden, lässt sich allerdings kaum leugnen. Jedenfalls scheint mir, dass die Positionierung gegenüber Festlandchina und damit verbundene grundlegende (Identitäts)fragen (v.a. was ein Hongkong-Film ist/war/sein könnte/zu sein hat etc.) weiterhin die Filmemacher umtreiben wird. Yau erzählt später, dass er von seinem alten Kumpel Ivan Lai ständig gebeten wird, auf dem Festland zu arbeiten. Bislang hat er immer abgelehnt...

Zur Hongkong-Premiere von Soi Cheangs SPL2: A TIME FOR CONSEQUENCES gibt es das nächste Mal etwas. Vielleicht so viel vorneweg: Mein lieber Herr Gesangsverein, SPL2 ist eine völlig wahnsinnige Martial-Arts-Oper und tatsächlich ein ziemliches Meisterwerk!

*) Frei nach dem kantonesischen Sprichwort und Titel des Herman-Yau-Films: Gau sei yat sam: Neun von zehn sterben, im übertragenen Sinne: Die Chancen stehen schlecht...

Stefan Borsos

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Mittwoch, 27. Mai 2015

The Backwater / Tomogui (Shinji Aoyama, Japan 2013)


Der Fluss und die Fruchtbarkeit - nicht nur mythologisch sondern auch cineastisch ein nicht selten thematisierter Topos im japanischen Film (wobei der Fluss generell als Schwelle viele Konnotationen beinhaltet, auch jenseits allen Psychologisierens), mit am deutlichsten formuliert vielleicht etwa in Shohei Imamuras THE EEL und seinem späten wollüstigen Meisterwerk WARM WATER UNDER A RED BRIDGE. Nun also BACKWATER, das Brackwasser, das von hinter den Häusern verseucht zum Meer schwemmt und in dem noch Fische, zumindest Aale, leben. Der Protagonist Toma (Masaki Suda), ein junger wankelmütiger Kerl inmitten der sexuellen Erweckung, isst diese Aale nicht, er will sich nicht vergiften. Seinem Vater aber schmecken sie ausgezeichnet. Das hat natürlich was zu bedeuten, denn gerade von diesem  möchte und muss er sich lösen, diesem möchte er entkommen. Der Vater ist wie ein genetischer Fluch, der auf dem Helden lastet.

Der Vater schlägt seine Frauen. Und betrügt sie und schlägt sie wieder. Der Junge merkt, das ist auch in ihm drin, diese Gewalt, und als er rabiat wird Chigusa gegenüber, mit der er gern vögelt im Schuppen hintern Schrein, da erträgt er das kaum. Er will nicht werden wie der Vater, er würde ihn auch dafür umbringen.

Dieser idyllische Ort am Meer ist nur eine scheinbare Idylle, das merkt man schnell. Auch die Tonspur, ganz exzellent, zeigt das. Sounds, Verzerrungen, Übergriffe auf das Hörzentrum, angedeutete Melodien, die nicht sein dürfen. Dabei verpackt in den dem japanischen Film so eigenen Jugendfilm (für Erwachsene), in dem auch recht viel Sex vorkommt und gut gefüllte Kondome im Gegenlicht. Man erinnert sich an die Filme des Studios Nikkatsu, die genau solche Filme mit solchen Stoffen in den Siebzigern lancierten, vor allem unter exploitativen Gesichtspunkten (so genannte "Roman Porno"). Keine Hemmungen vor schwierigen und körperlichen Themen aber auch bei Aoyama, einem Meister der (nur scheinbaren) Stille, so schräg und grausam und so voll innerer Schönheit zugleich im deutschen Kino leider undenkbar.

Michael Schleeh

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Dienstag, 14. April 2015

Gangs of Wasseypur (Anurag Kashyap, Indien 2012) / pt. 1


Am Ende ist es ein Tanz im Feuer, im Feuergefecht, wenn Godfather Sardar Khan, Hauptfigur in diesem Epos, wie in einem Todesballett sich um sich selbst dreht, herumgewirbelt wird von den Kugeln, die seinen Körper durchlöchern. "The Killer" von John Woo fällt einem da ein, im Hintergrund die grellgelben Feuer- und Explosionswolken oder die Zeitlupentode bei Sam Peckinpah - bei Anurag Kashyap aber ohne das Pathos, das vielen westlichen Zuschauern zu pappig ist. Hier sind die Bilder grobkörnig, schlicht und direkt in ihrer Bedeutung, die nur sie selbst sind und als tiefere Lesart den Verweis auf die ihnen ähnlichen Filmbilder zulassen - aber nicht auf religiöse Elevatio, Verklärung oder gar auf eine Erlösung hinweisen. Und so ist auch der Begriff "Epos" eigentlich zu unscharf für diesen doch sehr langen Film, denn Epik trifft nicht den narrativen Gestus dieses Films, der in sich elliptisch ist, voller Auslassungen, sprunghaft, wenig erklärt und sowieso nicht wie ein klassisches Familienbild aufgebaut ist, auch wenn er hauptsächlich von den Generationen einer Familie erzählt.

Gut sechzig Jahre erzählte Zeit wird hier abgebildet, vor dem Hintergrund politischer Wirren, wie sie in Nordindien herrschten Anfang der fünfziger Jahre. Die im Titel genannten "Gangs" sind dann auch vielmehr verfeindete Familien, die in Rachefehden sich gegenseitig zu vernichten trachten. Erwähnter Sardar Khan steht bald im Zentrum der Erzählung, unsympathisch, monolithisch, egozentrisch, brutal. Ewige Rache hat er geschworen, um den Mord an seinem Vater zu vergelten. Rücksichtslos gegen andere, aber auch seine Libido kann er nicht im Zaume halten. Neben seiner Frau hat er noch eine Geliebte, die ein Kind von ihm bekommt. Auch diese Frau wird er zugrunde richten.

Eine wirkliche Sympathiefigur kommt erst spät mit seinem Sohn Faizal in den Film, gespielt vom umwerfenden Nawazuddin Siddiqui. Mit seiner wortkargen Präsenz dominiert er jede Szene, die er betritt. Er ist das Gesicht des indischen Independentfilms, wie öfters über ihn zu lesen ist. Dabei ist "Gangs of Wasseypur" keineswegs ein solcher, fürs große Kino habe Kashyap diesen Film gemacht, mit Geld aus Bollywood und für den internationalen Markt. Was nun auch gut funktioniert hat, siehe internationale Festivals, siehe DVD-Auswertungen. Eine generelle internationale Akzeptanz des zeitgenössischen indischen Kinos konnte aber auch dieser Film nicht lostreten und wird häufig wie ein lobenswerter Ausreißer behandelt. Schade, dass Imtiaz Alis "Highway" (gezeigt auf der Berlinale 2014) keine größeren Wellen schlug. Und aber: eigentlich wollte er nur Spaß haben mit diesem Film, so Kashyap, und er klebt tatsächlich etwas  weniger am individuellen Schicksal, der Tragödie eines Individuums, als etwa im ziemlich schönen Vorgänger "That Girl in Yellow Boots" (2010). Es ist dennoch eine zutiefst instabile Gesellschaft, die Kashyap in diesem großen und großartigen Wurf portraitiert, in der ein Leben in jeder Sekunde zu Ende gehen kann. Beruhigend ist auch das nicht gerade.

Michael Schleeh

Addendum: Internationale Fassungen (z.B. auf DVD) zweiteilen den Film in der Intermission. Im Original geht der Film also mit Pause über fünf Stunden. Hier habe ich aus Verfügbsarkeitsgründen nur den ersten besprochen.

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Mittwoch, 8. April 2015

The Kirishima Thing (Daihachi Yoshida, Japan 2012)


Es hat mich zunächst verwundert, wie erstaunlich viele positive Kommentare man im Netz zu diesem Film finden kann: wie authentisch er den japanischen Schulalltag abbilde, wie verstanden sich viele von diesem Film fühlen. Identifikationsangebote liefert THE KIRISHIMA THING tatsächlich zuhauf, entsprechend groß ist das Figurenarsenal. Man muss sich zurecht finden in zwei Gruppen Jungs (dem Volleyballclub und dem Filmclub), sowie einer Gruppe Mädchen um die schöne Lisa, die wiederum mit dem Volleyballstar Kirishima zusammen ist (und auch vorher schon mal, psst!, einen Freund hatte).

Die Pointe des Films ist nun die, dass besagter Kirishima, um den sich alles zu drehen scheint, verschwunden ist - und überhaupt nicht im Film auftaucht. Er ist ein klassischer MacGuffin. Auch die Gründe, weshalb er verschwunden ist, bieten viel Anlass zu Spekulationen, doch keiner weiß genaues, selbst Lisa nicht. Doch der Alltag geht weiter, Schule und Clubs von früh bis spät, und wie die Figuren dann ohne ihren Kirishima zurecht kommen und weiter machen, darum geht es in diesem Film.

Formal ist der Film ebenfalls interessant: im Ablauf von einer Woche, deren Tage in schwarzen Schrifttafeln eingeblendet werden, wählt Daihachi Yoshida verschiedene Perspektiven für seine Figuren, die dieselben Ereignisse aus ihren jeweils eigenen Blickwinkeln sehen. Da erscheint dann also viermal "Freitag", wenn dieser Freitag aus vier subjektiven Perspektiven heraus betrachtet wird. Natürlich mit den entsprechenden Bedeutungsverschiebungen, die sich durch die unterschiedlichen Betrachtungsrichtungen einstellen. Montiert ist das in lakonischen Szenen, die kommentarlos aufeinander folgen. Geradezu nüchtern, ohne Überdramatisierungen, Pomp oder Kitsch. Beinahe ganz ohne extradiegetische Musik. Die Spannung erwächst einzig aus dem Verhalten der jeweiligen Figur zum Geschehen. Oder beinahe. Viele Details am Wegesrand hat Yoshida eingebaut, die es zu entdecken gilt.

Und obwohl der Film ernstzunehmen ist, ist er doch zugleich sehr unterhaltsam und auch lustig - und viel weniger durchgeknallt als etwa Yoshidas schon im Titel punkig anhebender FUNUKE, SHOW SOME LOVE YOU LOSERS! Zwei Beispiele: zum einen wären da die Meta-Ironien des Filmclub-Debakels. Anstatt einen weiteren RomCom-Heuler nach Vorlage des betreuenden Lehrers zu drehen, beschließen die Filmnerds einen nach dem großen Vorbild George A. Romero gesinnten Zombie-Reisser zu schießen. Anarchie und Auflehnung auf dem Campus, also. Auf der Suche nach den geeigneten Drehorten dringen sie allerdings immer wieder in bereits von anderen Schülern besetzte Reservate vor, und müssen mit diesen ihre Anwesenheit aushandeln. Hier wächst der schüchterne Protagonist - der Regisseur mit Super 8-Kamera - über sich selbst hinaus, nimmt das Schicksal in die eigene Hand und reift nach und nach zum Helden heran (und gewinnt auch die Beachtung der begehrten Mitschülerin). Die er, Beispiel zwei, zufällig im Kino bei einem Screening von Shinya Tsukamotos Independent-Klassiker TETSUO - THE IRON MAN trifft. Der Traum aller Film-Nerds geht in Erfüllung! Daraufhin ist es natürlich um ihn geschehen.

Dabei belässt es Yoshida nun schönerweise nicht, spinnt den Tetsuo-Joke noch etwas weiter, greift ihn später wieder auf, spielt noch ein wenig mit ihm herum. Wie auch mit dem Angriff der Meteoriten-Zombies. Aber auch der Titel des Films hält eine Anspielung bereit, wenn man sich eine etwas wortgetreuere Übersetzung anschaut - die in etwa lautet: "Kirishima rät, verlasst die Clubs und beginnt euer Leben zu leben!" Eine deutliche Referenz zum Art Theatre Guild-Klassiker "Throw Away Your Books And Rally In The Streets". Und auch wenn die Gerüchte besagen, dass Kirishima sich für eine Aufnahmeprüfung der Universität vorbereitet, dann darf das mit Kenntnis des Originaltitels mit Fug und Recht bezweifelt werden. Ein großartiger Film, der leider, abgesehen von einigen Festivalauswertungen, zumindest in unseren Breiten etwas untergegangen ist. 

Michael Schleeh

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Montag, 23. März 2015

Bhajarangi (Varsha / Harsha, Indien 2013)


Wie die Kritiken und trailer alerts von J. Hurtado (Twitchfilm) dem Leser regelmäßig in maximaler Lautstärke zurufen, ist das südindische Mainstreamkino bunter, wilder, lauter, unterhaltsamer als all das, was der interessierte Laie außerhalb Indiens unter dem Etikett ,Bollywood‘ zu Gesicht bekommt. Ein Kino der Exzesse, ein Kino der Extreme; und ein Kino, dessen DarstellerInnen im Industrie- und Fanjargon gewöhnlich als HeldInnen firmieren. Südindien, das sind vor allem Rajnikanth, Shankar und S.S. Rajamoulis FliegenReinkarnations-Rachethriller EEGA (2012, Telugu). 

Auf den ersten Blick scheint A. Varshas Kannada-Blockbuster BHAJARANGI (2013) recht mühelos in dieses Schema zu passen: Schon der impressionistisch gehaltene Trailer kündigt u.a. eine an Tony Scott gemahnende Ästhetik, Melodramatik allenthalben und monströstätowierte Schurken mit Vampirzähnen an, die Helden und Heldinnen pflegen, im Einklang mit dem übersteuerten Ton, ihre Dialoge eher zu brüllen, zu kreischen oder zu zischen als aufzusagen, einer der Antagonisten wird eingeführt, wie er mit einem Bein auf einem Berg von Leichen stehend meditiert. Was nun aber Hurtados Perspektive mehr als nur problematisch macht, sind seine impliziten Zuschreibungen. Er reproduziert nicht nur die unselige Dichotomie zwischen Hindi-Film (=Nationalkino) versus Regionalkino(s) bzw. südindischem Kino, die, man mag es kaum glauben, immer noch wirkmächtig ist. Darüber hinaus arbeitet er an einer unangenehm sorglosen Exotisierung, einem "othering" der Filme mit. "You've never seen anything like this" heißt es da ebenso aufgeregt wie nichtssagend. Nicht zuletzt: Wenn alles ohnehin ein einziger Exzess ist, wie lassen sich da noch sinnvolle Abstufungen und Feinheiten ausmachen? Was für einen Wert besitzt der Begriff überhaupt noch, außer zu betonen, dass der Südinder-ansich einen seltsamen Filmgeschmack pflegt? 

BHAJARANGI mag in einigen Aspekten tatsächlich exzessiv sein (mit Sicherheit sind es die extremen Weitwinkel und Untersichten), aber er ist eben noch einiges mehr. Zunächst ist BHAJARANGI ein typisches Produkt der Kannada-Filmindustrie. Wie in allen vier großen Filmindustrien Südindiens (daneben noch Tamil, Telugu und Malayalam), werden dort jährlich zwischen 100-200 Filme produziert. Neben einer Handvoll Arthouse-Filme sind es vor allem Liebes- und Actionfilme, die Masse und Kasse bestimmen; im Wesentlichen mit den Masala-Filmen der Nachbarstaaten vergleichbar. Der Star von BHAJARANGI, Sohn der großen Kinoikone der 1960er und 1970er Jahre Rajkumar, heißt Shiva Rajkumar und, entsprechend seinem Rollentypus, tut er weitgehend das, was man als Held in einem südindischen Masala-Film so zu tun pflegt: sich unsterblich verlieben, didaktische Monologe proklamieren und Schurken vermöbeln. 

Nun ist BHAJARANGI aber nicht nur ein sorgsam auf seinen Helden zugeschnittener Actionfilm, sondern bedient sich eines devotional-Narrativs mit black-magic- und Reinkarnations-Motiven (letzteres seit Rajamoulis Blockbuster MAGADHEERA (2009) äußerst beliebt). Diesem multigenerischen Spiel, das der Film noch weiter treibt als das Masala-Kino ohnehin schon, ist es zu verdanken, dass Genre und Tonfall immer wieder wechseln und die unterschiedlichen Sujets ein Spannungsverhältnis eingehen, das das übliche Koordinatensystem neu arrangiert. Nach der Exposition, die auf eindrückliche Weise Konflikt und Antagonisten etabliert, wird der Film zur RomCom und Loser-Ballade, in der unser Held als ewiger Unglücksrabe ganz schön gebrochen wird. Freilich schlummert die Kraft, ähnlich wie bei Stephen Chiau in KUNG FU HUSTLE (2004), schon immer in ihm und wartet nur darauf, freigesetzt zu werden, was nach der Intermission und zumal im Finale auch passiert. Dennoch ist dieser Bau im Kontext des südindischen Masala-Films überraschend, da die Helden auch in romantischen und komödiantischen Passagen gewöhnlich als Helden zu erkennen sind. Hier tritt das Spannungsverhältnis von Helden-Masala und black-magicdevotional am deutlichsten hervor. Spätestens durch die Erfolge von AMMORU (1995) undARUNDATHI (2009) von Telugu-Altmeister Kodi Ramakrishna, ist letzteres, besonders die neuerliche Welle des Genres, geprägt von starken Frauenfiguren. Entsprechend erfordert die Kombination in gewissen Umfang eine Umschrift der Heldenfigur: Der männliche Protagonist wird erst durch das Erkennen und Wirken des Göttlichen zum Helden. 

Wie Kodi Ramakrishnas Filme (seine jüngste devotional-Variation, AVATHARAM, kam 2014 in die Kinos) operiert auch BHAJARANGI eklektizistisch mit typischen (euroamerikanischen) Horrorfilm-Topoi und (pseudo)hinduistischer Mythologie und Ikonografie. Doch wo sich ersterer als Pionier computergenerierter Spezialeffekte versucht(e), verlässt sich A.Varsha, Helden-Masala und Shiva Rajkumars screen persona sei Dank, auf klassische Kloppereien, die genauso in anderen Milieus stattfinden könnten. Interessant ist die wieder stärkere Rückbindung an das devotional, dessen ursprünglich zentraler Aspekt der Heiligen- und Gottesverehrung (hier: Hanuman) in ARUNDATHI und anderen aktuelleren Genrebeiträgen ein wenig auf der Strecke geblieben war. 

BHAJARANGI ist mithin ein spannendes Zeugnis für die Elastizität des indischen Mainstream-Films. Besonders Telugu- und Kannada-Kino scheinen mit Blick auf die Uniformität der Masala-Filme allzu oft und allzu streng den Gesetzen der Erfolgsformel verpflichtet zu sein. Doch bei genauerem Hinsehen lassen sich selbst unter den kommerziellsten Starvehikeln immer wieder Rekombinationsexperimente beobachten. Man denke an ANJI (2004, Telugu, Kodi Ramakrishna) mit Chiranjeevi oder SAHASAM (2013, Telugu, Chandra Sekhar Yeleti) mit Gopichand, beides Abenteuerfilme in der Tradition von Indiana Jones, an LEADER (2010, Telugu, Sekhar Kammula), VEDAM (2010, Telugu, Krish) oder UGRAMM (2014, Kannada, Prashant Neel). Die Liste ließe sich ohne weiteres fortschreiben. Dabei handelt sich noch nicht einmal um die Mid- bis Low-Budgetproduktionen ohne männliche Superstars (zu denen auch Horrorfilme, mythologicals und devotionals zu rechnen sind), die ohnehin einen größeren Freiraum ermöglichen; wohl am besten repräsentiert durch das ,Neue Tamilische Kino‘. 

Das ist es auch, was diese Filme sowohl vom ,klassischen‘ Kannada-Kunstkino eines Girish Kasaravalli wie auch vom so genannten ,Multiplexkino‘ Bombays wesentlich unterscheidet: das Experimentieren mit Genres, Sujets, Tonarten, Narrativen etc. findet weitgehend im Mainstream statt – was sie, ähnlich der ,Hong Kong New Wave‘ oder, um einen noch größeren Bogen zu spannen, dem Hollywood der Studioära, umso erstaunlicher macht. 

Stefan Borsos

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