Freitag, 11. April 2014

Hong Kong International Film Festival 2014: BLIND MASSAGE (Lou Ye) ~ SHADOW DAYS (Zhao Dayong) ~ THAT DEMON WITHIN (Dante Lam) ~ ICE POISON (Midi Z)

Ein Film von Lou Ye, TUI NA / BLIND MASSAGE, einem chinesischen Regisseur der sogenannten „sechsten Generation“, der mit der Zensurbehörde seines Landes schon seit Jahrzehnten immer wieder aneinandergerät. Seine Filme werden mindestens zensiert, meistens landen sie direkt auf dem Index. Und da ist es kein Wunder, dass dieser regimekritische Nestbeschmutzer ein Liebling europäischer Filmfestivals ist, die sich selbst allzu gerne progressiv und aufgeklärt präsentieren. Das könnte natürlich prinzipiell gewaltig abschrecken und zu trotziger Verweigerungshaltung führen – was natürlich auch wieder total albern wäre. Und dann: einer meiner chinesischen Lieblingsfilme stammt genau von diesem Lou Ye, es ist der in Shanghai spielende Film SUZHOU RIVER (2000). Vor allem seine suggestive Kameraarbeit ist es, die einen völlig fassungslos werden lässt, die immer wieder wie in einem zärtlichen Rausch die Bilder über den Plot dominiern lassen, und die mich damals schwerwiegend beeindruckt haben. So etwas hatte ich bis dahin schlicht noch nie in dieser Form gesehen. Und in seinem neuen Film ist das nicht viel anders, da geht es um die alltäglichen Sorgen und Nöte in einem Massagesalon in der Stadt Nanjing. Allerdings mit einer Besonderheit: alle Mitarbeiter sind blind. Dies ist dann freilich auch die große Herausforderung an den Filmemacher, diese vielgestaltige, komplexe Welt der Blinden den Sehenden mit dem Medium des Bildes erfahrbar zu machen. Also etwas sichtbar zu machen, was sich vollständig im Dunkeln abspielt. Eine der Figuren sagt dann auch sinngemäß an einer Stelle des Films, „die Normalen“ (so werden sie von den Blinden genannt) sehen das Licht, sie aber sähen die Dunkelheit. Eine wunderbare Dialogzeile, die Lou Ye mit vielen Unschärfesensibilitäten abzubilden weiß, mit der Tonspur verstärkt und kallibriert, mit Bewegungen, die andersartig wirken, evoziert. Dieser Film ist ein sinnliches Erlebnis, und die Freude über ihn wird nur dadurch etwas getrübt, dass er sein Ende nicht findet, und zu diesem immer wieder neu ansetzt. Insgesamt ein sehr souveräner, empfehlenswerter Film, der es sich schönerweise immer wieder erlaubt, von seinem Handlungsverlauf wegzudriften. 

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 Der chinesische Film SHADOW DAYS / GUI RI ZI von Regisseur Zhao Dayong ist ein waschechter Independentfilm, der völlig unterfinanziert sich durch eine lange Produktionsphase schleppte, und der überhaupt nicht mit der Absicht gedreht wurde, in China veröffentlicht zu werden. Warum man dann solche Filme überhaupt macht? Vielleicht, weil gerade solche gemacht werden müssen. Es geht darum, dass ein junges Paar von der Stadt in die Heimat des Mannes zurückkehrt, in ein beinah verlassenes, archaisch anmutendes Bergdorf, in dem der Onkel des Protagonisten Bürgermeister ist. Die Frau ist im fünften Monat schwanger. Der Onkel ist freilich ein Parteikader und der Ort hat seine Sollzahlen bezüglich der Ein-Kind-Politik nicht erreicht. Nachdem der Held ohne Skrupel sich an einem Kommando zur Reduzierung der Geburtenrate beteiligt, wird er vom Onkel hinters Licht geführt – denn sein eigenes Kind wird in seiner Abwesenheit gewaltsam abgetrieben. Doch damit hat der Schrecken noch keine Ende. SHADOW DAYS, das sind auch die Tage im Schatten Maos, der hier nur als demolierte Statue auftaucht – und dennoch alles regiert, überall präsent ist. Ein Film, der in großer Trübnis spielt – ständig ist alles vernebelt, die Flure düster, die Hinterhöfe schmutzig, Staub liegt auf allen Gegenständen. Scheint dann einmal die Sonne, ist man regelrecht geschockt – allein von der Schönheit der Landschaft, die dann gar nicht mehr passen will zu den gegen Ende immerzu ernster und grausamer werdenden Entwicklungen. Ab Mitte des Films etwa kommt dann noch ein merkwürdig deplatziert wirkender Hang zur Übersinnlichkeit in Form von Geistererscheinungen hinzu, wo urplötzlich den Figuren Menschen ohne Gesicht erscheinen, Säuglinge durch den Raum schweben, oder eine langhaarige Sadako in der Türe steht und den Kopf hängen lässt. Diese psychischen Projektionen verdeutlichen neben den individuellen Traumata auch das irreal Abartige des politischen Systems, das sich in die privaten Leben der Figuren hineinfrisst. Auch die ambivalente Figurenzeichnung, die auf plakativ-reduzierte schwarz/weiß-Malerei verzichtet – hier ist jeder gut und auch böse zugleich – macht den Film zu einem sehenswerten Beitrag.

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Zwei Seelen in einer Brust – das trifft auch auf Dante Lams Hongkong-Eruption THAT DEMON WITHIN / MO JING zu. Daniel Wu und Nick Cheung (letzterer eben noch fulminant in Soi Cheangs UNBEATABLE) liefern sich ein Katz-und-Maus-Spiel der hochexplosiven Art, in dem mal wieder ein good cop gone bad einen Verbrecher jagt, der so ein bißchen ein Supervillain ist wie des Batmans Joker. Dante Lam geizt nicht mit visuellen Reizen und haut alles raus, was man in die Luft jagen oder ins Groteske, Superlativistische hineinverzerren kann. MO JING ist kein Film der sensiblen Zurückhaltung, wohl aber ein hochprofessioneller Film des hyperbolischen Radikalexzesses, in dem jeder Subplot auserzählt und jedes Luftloch abgedichtet wird. Dadurch gewinnt der Film einen Raum, eine gar totalitäre Räumlichkeit, die einem die Luft abschnüren und zu Erstickungsanfällen führen kann – und so ist es dann auch dieser Film, der an seinen großartigen THE BEAST STALKER (2008) qualitativ anknüpfen kann. In einer völlig überbordenden Actionszene gegen Ende kracht ein sich mehrfach überschlagendes Auto in eine Tankstelle und löst eine Kettenreaktion an Folgeereignissen aus, wie man sie zuletzt, ja, vielleicht wirklich in BEAST STALKER bewundern konnte. Während des Films war allerdings eine große Abwanderung des Publikums zu beobachten, was nun nicht weiter verwundert, und vielleicht sogar für den Film und seine Kompromisslosigkeit spricht. THAT DEMON WITHIN ist eine völlig radikale, für so manchen ja vielleicht sogar nicht tolerierbare, unerträgliche Erfahrung. THAT DEMON WITHIN ist eine ganz besondere Leuchtrakete dieses Festivals – von solch mutigen Filmen hätten wir gerne mehr. 

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 In Midi Zs wunderschönen Film ICE POISON / BING DU kämpfen die ganz Armen um ein wenigstens in Ansätzen lebenswertes Dasein. Ein verarmter Bauer verpfändet seine Kuh um seinem Sohn einen Motorroller beschaffen zu können, mit dem er von nun an als Taxi oder Kurierfahrer arbeiten kann. Eine seiner ersten Kunden ist die wegen eines Todesfalls aus China nach Hause zurückkehrende Sanmei (die Sanmei aus POOR FOLK), mit der er so etwas wie eine Freundschaft beginnt. Sie aber bringt ihn schließlich auch dazu, kurzfristig als Drogenkurier einzuspringen und selbige Produkte (das „Ice“ aus dem Titel ist eine Meth-ähnliche Droge, die wie Heroin über Stanniolpapier heiß geraucht wird) zu konsumieren. Midi Z gelingt es auch mit seinem neuen Film, der thematisch offenkundig an sein bisheriges Werk anknüpft, ganz ohne Arthouse-Allüren eine sehr bewegende, dabei unaufdringlich Geschichte aus dem Alltag dieser Menschen zu erzählen. Dass auch in diesem Fim wieder lange Strecken auf dem Motorroller gefahren werden um ein bißchen Freiheit zu verspüren, nimmt man merkwürdigerweise ohne Vorbehalte hin, auch wenn man solche Szenen mittlerweile zur Genüge kennt. Vielleicht liegt es daran, dass dieselben Motive bei Midi Z auch das genaue Gegenteil bedeuten können: nämlich eine panische Flucht aus der Gefahrenzone Leben, oder einfach, ganz basal, um den Schergen des Drogenkartells zu entkommen. Besonders gelungen sind auch in diesem Film wieder die Figuren, deren Handeln völlig ohne Vorbehalte gezeigt werden, und auch das Abrutschen in die Kriminalität ohne moralischen Zeigefinger bleibt. Was passiert, passiert eben, und wird weder überhöht noch verkitscht. Bislang eindeutig einer meiner Favoriten des Festivals.

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Dieser Text ist zuerst bei negativ-film.de anläßlich der Berlinale 2014 erschienen - hier nun erneut und überarbeitet gepostet, da alle diese schönen Filme auch in Hong Kong auf dem Festival liefen.

Samstag, 5. April 2014

Hong Kong International Film Festival 2014: Na pian hu shui / Lake August (Yang Heng, China 2014)


Ein junger Mann aus der Stadt betrauert den Tod seines Vaters und macht sich auf den Weg aufs Land in seine Heimat, in die Provinz Hunan, um den Vater zu beerdigen. Um sein Leben zu überdenken und neu zu ordnen. Zudem hat ihn eben seine Freundin verlassen. Sie hat sich dazu entschieden, einem erfolgreicheren und reicheren Mitbewerber das Glück über ihre Zukunft anzuvertrauen. Und da hat sie vielleicht gar nicht schlecht entschieden, denn dieser stille, zurückgezogene, aus ennui kettenrauchende Protagonist Ah Li (gespielt von Tian Li) hat weder etwas Liebenswertes, noch etwas besonders Attraktives an sich. Er lässt sich in den Tag hinein treiben, betrunken, wie auf einem Boot liegend, und auf das Wasser starrend. In einem Fischerdorf angekommen, das wohl in der Nähe seines Heimatortes liegt (eigentlich will er ja zur Beerdigung seines Vaters), landet der antriebslose Tagedieb in einer kleinen Pension, die von einem ehemaligen Schulkameraden namens Monkey und seiner Freundin Ah Fang (Shang Xiaoling) geführt wird. Monkey freundet sich direkt wieder an, Ah Li wehrt sich nicht dagegen, trinkt Bier mit ihm und starrt aufs Wasser. Sie jedoch scheint interessiert an ihm, denn auch ihr ist vor allem: sehr langweilig. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie was zusammen anfangen, doch auch das hat, wie man schon ahnt, keine Zukunft. Am Ende sehen wir Ah Li erneut wieder auf dem Dach seines Hauses, über die Stadt blickend, rauchend, und nichts hat sich verändert.

BETELNUT - Regisseur Yang Heng gilt als der Vertreter des chinesischen slow-cinema, das vor allem bei akademisch geprägten, asienfokussierten europäischen Filmfestivals - mit Vorliebe für den Independent-Film - gefeiert wird. Und Yang Hengs neuer Film, vom Rotterdamer Robert Bals Fund finanziert, erfüllt diese Erwartungshaltung vollkommen. Was man bekommt sind lange, statische Einstellung schöner Landschaftspanoramen, mal im Regen, mal im gleißenden Licht, sprachlose Protagonisten, die sich in ihren Schmerz zurückgezogen haben, etwas Politik (hier wird zur Feier des Parteitags ein Ballon an einer Hausfassade befestigt, was nicht so recht klappen will), den Alltag in seiner schnöden Alltäglichkeit, und eine rudimentär erzählte Geschichte, die hin und her driftet, scheinbar ohne konkretes Ziel. Natürlich keine Musik. Sympathischerweise wird so natürlich mit den üblichen Erzählmustern gebrochem, die anerkanntermaßen in unserem Kulturkreis zum guten Ton "gelungenen Erzählens" gehören. 

Und obwohl überall die Gefahr des Selbstzweckhaften wie des Prätentiösen lauert, umschifft Yang Heng diese Klippen sehr gekonnt (abgesehen vielleicht direkt von der ersten Einstellung, schmerzvoll auf dem Boot). Vielleicht gerade deswegen, weil er seine Bilder nicht mit einer Botschaft auflädt, die bedeutungsschwanger hinter ihnen dräut und ins Sichtbare drängt. Sie erscheinen für den Betrachter frei verfügbar zu sein, ganz so, als könne dieser mit ihnen machen, was er wolle. Dass man so gut wie überhaupt keinen Einblick in die Psyche, die Ängste und Nöte des Protagonisten bekommt, ist nicht verwunderlich. Das macht auch ihn zum leeren Blatt, das beschrieben werden kann - und wenn man in der ersten Stunde noch auf eine Regung hofft, die einen Zugang ermöglicht, so schreibt man das spätestens in der zweiten irgendwann ab. Und auch wenn sich das alles möglicherweise redundant und sehr langweilig anhört - das ist es dann dennoch nicht. In Yang Hengs Film lauert eine tieferliegende Spannung, etwas Rastloses trotz der Stille, die nie meditativ wirkt, sondern eher wie kurz vor dem Ausbruch - ohne dass man das direkt an ihm festmachen könnte. Möglicherweise sind das fragmentarische Überreste aus den Genremustern von Gangster- und Kriminellengeschichten, mit denen der Regisseur sonst, demontiert, zu spielen pflegt. Das Älltagliche steht bei Yang Heng wie auf der Kippe - es ist nur ein Schritt bis zu einer Schlägerei, zu einem Mord, in die Prostitution, in den Tod. In LAKE AUGUST ist das Besinnliche abhanden gekommen, das fragmentarische Ich steht zur Disposition.




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Donnerstag, 3. April 2014

Hong Kong International Film Festival 2014: Atsumatta Hitotachi / Those Gathered (Shinji Imaoka, Japan 2013)

(c) HKIFF

Shinji Imaoka, ein Regisseur der ursprünglich aus dem Pink-Film-Gewerbe stammt, und den man bei uns im Westen am ehesten von seinen beiden Werken TASOGARE - IM ABENDROT und dem jüngst bei Rapid Eye Movies erschienenen UNDERWATER LOVE her kennt, legt mit THOSE GATHERED ein Post-Pinku-Beziehungsdrama vor, das sich hauptsächlich über die gestörten Sexualitäten seiner Protagonisten offenbart. Es ist ein Beziehungsgeflecht mit vielerlei Handlungssträngen, am signifikantesten gebündelt in der Praxis einer nymphomanen Psychologin, die aber nur einen der Anker in der in verschiedene Erzählungen hinein und aus verschiedenen Biographien herausdriftenden Geschichte darstellt. Und obwohl der Film alles andere als eine Komödie ist, vielmehr offenbart sich permanent das wirkliche Leiden seiner Protagonisten an den Normierungen der Gesellschaft, so ist er doch nicht ohne Humor. Ein Humor allerdings, der sich hinter den bitteren Erlebnissen der Figuren versteckt, nur langsam zum Vorschein kommt, und den man um so begieriger aufsaugt. 

THOSE GATHERED, diejenigen, die zusammenfanden, sind Versprengte einer moralisch restriktiven Gesellschaft, die Individuen zu Opfern und Täter stempelt, und die schwer an ihren Leiden zu tragen haben. Nicht alle Figuren und Schicksale bekommen im Film denselben Raum zugesprochen, manche Figuren bleiben zwangsläufig blasser. Sind somit eher Platzhalter für ein weiteres Krankheitssymptom als individuelle Figur; aber das schadet dem recht knapp gehaltenen Film (Pinkfilm-Länge von 62 Minuten) keineswegs. Da trotzdem individuelle Geschichten erzählt werden, bekommt der Film bisweilen etwas Miniatürliches, ohne dabei putzig oder schmunzlig zu werden. Dafür ist er dann doch immer viel zu bitter und aufwühlend - ohne sensationalistisch zu sein. Stets findet Imaoka die richtige Balance. Und wie souverän dieser Mann ist, das zeigt sich dann ganz am Ende, nachdem wir dem Gespräch der beiden Prostituierten beim Friseur lauschen durften, die einem jungen Mann Tipps in Liebesdingen erteilen und ihm die komplizierte Funktionsweise der Psyche der Frau erklären. Da findet der Film jubelnd und tanzend zu seinem Finale, euphorisch und mit einer Fuck You! - Einstellung, die ein bisschen anarchisch, aber definitiv segensreich ist. Toll!

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Mittwoch, 2. April 2014

Hong Kong International Film Festival 2014: The Palace on the Sea / Hai shang huang gung (Midi Z, Taiwan/Myanmar 2014)


In Midi Zs jüngstem Film, einem Kurzfilm von nur 15 Minuten Länge, begegnen wir wieder der Protagonistin Sanmei, die wir bereits in seinen Filmen POOR FOLK und ICE POISON kennengelernt haben. Hier ist sie nun in Vietnam angekommen, will aber unbedingt wieder nach Hause, da sie sich im fremden Land verloren und einsam fühlt. Freilich äußert der Film das nicht konkret, vielmehr zeigt er es in ihrer Rastlosigkeit, die sie durch die Stadt und dann hin zum Meer treibt. Auf ihrem Weg begegnen ihr mehrere Personen, die sie beschwichtigen wollen, da hier doch alles besser sei und sie sich schon einleben werde. An einer Stelle wird dann auch die vierte Wand durchbrochen, als eine der Figuren in die Kamera spricht und ihre Meinung dem Zuschauer direkt gegenüber äußert. 

Im weiteren Verlauf nähert sie sich dem Palast am Meer (ob sie absichtlich dorthin will, oder ob es sie dahin verschlägt, weiß man nicht), ein riesiges, mehrstöckiges, schwimmendes altes Gebäude, eine Mischung aus Tempel und Hotel (hier verlassen mich meine Kenntnisse), das vorne am Kai des Hafens steht. Ein floating castle, vielleicht. In immer traumähnlicheren Bildern wandelt sie die Treppen hinauf, durch sie Säle, lässt sich durch das Gitterfenster von der Sonne bescheinen, während die Kamera in Schwenks und sanften Bewegungen folgt, manchmal in Zeitlupe. Die Tonspur, die schon die ganze Zeit über in kontrastierendem Verhältnis zu den Bildern stand und diese auch sabotiert hat, etwa durch das weg-muten der Sprechstimmen oder einen extremen, dumpfen Echoraum, durch ein unterschwelliges Rauschen und Brummen, ein Anschwellen der Bässe, wird hier zusätzlich zerknarzt und scharfkantig. Der Film bekommt etwas stark Außerweltliches, Apichatpong Weerasethakulisches. Er beschreibt eine Sehnsucht, keine Geschichte. THE PALACE ON THE SEA ist eher ein experimenteller Kunstfilm, keine Erzählung, beziehungsweise ein Grenzgänger. Er lockt uns mit narrativen Mitteln, um dann einen Bogen zu schlagen dorthin, worum es ihm eigentlich geht. Um visuelles Erzählen, um ein Filmemachen durch Bildsprache. Ganz starker Film, eine uneingeschränkte Empfehlung.

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Dienstag, 1. April 2014

Hong Kong International Film Festival 2014: Siddharth (Richie Mehta, Kanada/Indien 2013)


 Der Junge mit Namen Siddharth, um den sich hier alles dreht, taucht nicht einmal im Film auf. Er ist Leerstelle und Motor zugleich, seine Abwesenheit Bedingung. Da die Familie Saini finanziell nicht mehr zurecht kommt, schickt der Vater den Buben in den Norden des Landes in eine Fabrik. Er selbst ist ein chain-wallah, ein fahrender Reißverschlussreparateur. Er durchstreift die Metropole Delhi Tag für Tag mit seinem Megaphon und bietet seine Dienste an. Dabei kommt die Familie kaum über die Runden. Als der Sohn vier Wochen später zum Diwali (hinduistisches "Festival der Lichter") nicht nach Hause zurückkehrt, forscht man beunruhigt nach und erfährt, dass der Junge bereits vor zwei Wochen weggelaufen sei. Allerdings ohne seine Sachen mitzunehmen. Die Polizei vermutet eher: Kindesentführung.

Mahendra macht sich also, zunächst widerständig, auf die Suche nach seinem Sohn, bis dass seine Sorge so groß wird, dass sie in Verzweiflung kippt. Weder hat man genug Geld, um überhaupt mit der Suche beginnen zu können, denn man kann es sich nicht leisten, einen Arbeitstag ausfallen zu lassen, noch die Möglichkeit oder Kompetenz, sich souverän dem Problem zu stellen. SIDDHARTH ist dann insofern auch die Geschichte einer späten, zweiten Reifung des Familienoberhaupts, da der ansonsten pflichtbewusste Mahendra nun gezwungen wird, sich durchzusetzen. Auch gegenüber den Behörden. Doch sobald es um Tabu-Themen wie eben Kindesarbeit oder Kindesentführung geht, stösst er auf scheinbar unüberbrückbare Widerstände. 

Das besonders Gelungene an SIDDHARTH ist sicherlich, dass all die sozialen Aspekte, die massiv gesellschaftskritischen Sprengstoff enthalten, nur im Vorbeigehen erzählt und nicht permanent mit der Moralkeule in den Vordergrund geschoben werden. Das funktioniert vor allem über den ausgezeichneten Cast, allen voran natürlich der Protagonist Mahendra, gespielt von Rajesh Tailang. Besonders erwähnenswert auch dessen Gattin, die ihrem in allen Dingen zu defensiven Mann die notwendigen Impulse geben kann (gespielt von Tannishta Chatterjee, die man vielleicht aus dem britischen Film BRICK LANE (2007) kennt). Auch wenn der Score, der manchesmal etwas zu dick emotionalisierend aufträgt, dann übers Ziel hinausschießt, kann der Film mit seinem authentischen Ansatz, der in der Alltagsgeschichte dieser Familie verankert ist, völlig überzeugen. Der Festivalkatalog verspricht - ein wenig reißerisch - ein packendes Drama, das den Protagonisten "to the shady world of child labour" führe. Nun, und gerade das geschieht eben nicht. Auf diese "dunkle Seite" kann er sich niemals begeben, er dringt nicht zu ihr hindurch, und kann also überhaupt nichts ausrichten. Gerade diese Tatsache ist dann auch das Drama, das SIDDHARTH zugrunde liegt: die eigene Machtlosigkeit vor einem abgeriegelten System der Kriminalität, die für den Normalbürger unerreichbar bleibt. Mahendra wird dazu gezwungen, Opfer zu bleiben.

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Montag, 31. März 2014

Hong Kong International Film Festival 2014: ON THE JOB (Erik Matti, Philippinen 2013)


Das Chaos ist die Struktur. Wie in den Bildern, so geht es, zumindest auch in der erzählten Geschichte, lange sehr durcheinander. Bis man alle Handlungsfäden auseinandersortiert hat, braucht es schon ein Weile. Aber schon von Beginn an, wenn die erste Sequenz die beiden Auftragskiller bei einem "Job" zeigt, ist man vollkommen hooked. Joel Torre und Gerald Anderson sind zwei Auftragskiller, die im Dienste eines undurchsichtigen und korrupten Syndikats Auftragsmorde durchführen. Das Besondere dabei: sie sitzen eigentlich seit Jahren im Knast. Keiner würde sie als Täter verdächtigen. Ein kompliziertes System aus Schmiergeld und Gewalt ermöglicht es ihnen und den Helfeshelfern, sie für diese Aufträge auszuschmuggeln, und anschließend wieder in den Knast hineinzubringen. Ganz wunderbar veranschaulicht das die Kamera in einer frühen Sequenz, die einfach den Protagonisten durch die verwirrenden Gänge, das undurchschaubare Labyrinth des Gefängniskomplexes folgt.

In dieser Art ist auch der erste Auftragsmord inszeniert: ein Labyrinth aus Menschen, ein wogendes Meer aus Körpern, Musik, Trubel und Turbulenz. Bei einem karnelvalsähnlichen Fest, wie sich die beiden heranbewegen an ihr Opfer, und dann völlig offen, kaltblütig und brutal zuschlagen. So sehr der Film ein Farbenmeer ist, so sehr ist er zugleich ein nachtdunkler, durch Schatten verhuschter Irrgarten des Diffusen. Nach dem Auftrag bleibt den beiden ein wenig Zeit, um die eigenen Familien besuchen zu können - neben etwas Geld die eigentliche Bezahlung ihres Jobs. Die Tochter des Protagonisten etwa denkt, er sei permanent auf Dienstreise unterwegs, und deswegen nie zuhause. Die Fassade kann zumindest halbwegs aufrecht erhalten werden.

Die Situation spitzt sich dann allerdings zu, als ein neuer Inspektor mit der Aufklärung der seltsamen Mordefälle beauftragt wird. Das ist der Sonnyboy und philippinische Mädchenschwarm Piolo Pascual, der mit seinem sympathischen Lächlen (oder einem nackten Oberkörper), Begeisterungsrufe im Publikum auszulösen versteht. Dieser stürzt sich hinein in das Geflecht des Syndikats, entdeckt die geheimen Verbindungen, die bis in die höchsten Spitzen der Politik reichen - wo er übrigens auch auf den eigenen Schwiegervater trifft. Damit bringt er eine Lawine ins Rollen, die ihn mitzureißen droht. Hier sind alle korrupt, das gesamte Gesellschaftssystem.

ON THE JOB ist enorm packend inszeniert - alleine die Verfolgungsjagden sind völlig überwältigend. Dazu passt ein hypnotischer, einfach gehaltener Score, der ständig unter der Oberfläche pulsiert wie ein riesiger, unsichtbarer Motor. Außerdem hat man es hier mit zwei unglaublich sympathischen Protagonisten zu tun, sowohl der Cop als auch der Verbrecher stehen in der Gunst gleichwertig nebeneinander. Und dies ist dann doch etwas ungewöhnlich, da die ansonsten klar definierte Linie zwischen Gut und Böse in ON THE JOB vollkommen aufgelöst ist. Da wundert es dann auch nicht mehr, wenn das Publikum auch bei gelungenen Mordaktionen begeistert Beifall klatscht. Wie auch beim Humor konnte man deutliche Unterschiede in der kulturellen Prägung wahrnehmen. Bei manchen Szenen habe ich nicht verstanden, warum meine philippinischen Nebensitzer in heiteres Gelächter ausgebrochen sind. Für europäische Augen war da nichts Lustiges zu erkennen. ON THE JOB ist schnell, hart, und gritty. Sein Ruf eilt ihm voraus, und das zurecht.

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Sonntag, 23. März 2014

Hwayi: A Monster Boy / Hwai gwimuleul samkin ahyi (Jang Joon-hwan, Südkorea 2013)


Der Film hat keine Hemmungen, sein Trauma ins Bild zu setzen: Hwayi, ein siebzehnjähriger Junge, der als Kind von maskierten Kidnappern entführt wurde, fühlt sich in Stresssituationen von einem riesigen silberfarbenen Fabelwesen bedroht, das urplötzlich auftaucht und ihn bedrohlich anfaucht. Der Film lässt sich etwas Zeit damit, den Ursprung des Untiers herzuleiten; jedoch erklärt er sich natürlich aus den Erlebnissen der Kindheit der Hauptfigur, zusammengesetzt aus verschiedenen, prägenden Eindrücken dieser Zeit. Wörtlich übersetzt lautet der Filmtitel dann auch: derjenige, der das Monster gegessen hat.

Hwayi, ein merkwürdiger Kunstname nach einer seltenen Baumart. Da die Kidnapper eine Gärtnerei und Baumschule betreiben um sich einen bürgerlichen Anstrich zu verpassen, sind sie auf die kreative Idee verfallen, das Kind in einem Blumentrog fortzuschaffen, verborgen unter eben genau diesem Hwayi-Baum. Der Fortgang der Geschichte ist denkbar simpel: die fünf extrem gewalttätigen und sadistischen Männer ziehen Hwayi als ihren eigenen Sohn auf, freilich mit dem Ziel, einen für ihre Zwecke perfekten und hemmungslosen Nachwuchs zu finden. Doch Hwayi ist ein sanfter Junge, eher künstlerisch veranlagt, und bleibt hinter den Erwartungen zurück. Wenig später lernt er eine Mitschülerin kennen, verliebt sich ein wenig, und der Drang, auszubrechen, wird immer größer. Zugleich spitzt  sich aber die Situation der Gangster zu: bei einem job gone bad hockt ihnen ein ebenso rücksichtsloser Polizist im Genick, der nicht locker lässt.

Jang Joon-hwan hat sich viel Zeit gelassen nach seinem sehr erfolgreichen Film SAVE THE GREEN PLANET (2003), der auch auf internationalen Filmfestivals damals sehr erfolgreich war. Auch in HWAYI lassen sich feine Reste und Spuren seines grotesken Humors finden, insgesamt ist der Film aber vor allem: ironiefrei, hart, vielleicht sadistisch, manchesmal etwas übernatürlich. Toll gefilmt und mit beiden Beinen im Handwerk stehend (Kamera: Kim Ji-yong, A BITTERSWEET LIFE, THE LAST STAND) und mit einem gestreckten Spannungsbogen versehen, der über die gut zwei Stunden hinweg problemlos anhält, verfliegt der Film und kulminiert schließlich in einem auch auf der Soundspur herausragenden Exekutionsszenarium, dessen Vorgang ohne zu Spoilern nicht erklärt werden kann. Hier aber wird deutlich, wie enorm der Druck ist, der auf dem Jungen lastet - und dass eben genau dies der letzte Umkehrpunkt ist, von dem aus keiner mehr zurück kann. Danach wird alles anders sein, und wie so oft im koreanischen Kino, läuft literweise Blut über den Fußboden. 
 
Besonders hervorzuheben ist der ganz ausgezeichnete Cast des Films. Bis in die kleinste Nebenrolle finden sich hier großartige Schauspieler, von denen mindestens zwei erwähnt werden müssen: Yeo Jin-goo als Hwayi, ein TV-Sternchen in einer Feature-Film-Hauptrolle, der sich sehr beachtlich schlägt, wie auch der ebenfalls vom Fernsehen kommende Kim Yun-seok, der hier den besonders skrupellosen Anführer Suk-Tae spielt, und der sich schon als Bösewicht in THE YELLOW SEA beeindruckend im Gedächtnis verankern konnte. Der Film ruft allerdings nicht nur positive Resonanz hervor. Maggie Lee etwa äußert harsche Kritik in der Variety und fühlt sich von einem widerwärtigen Film förmlich abgestoßen. Ich würde ihr in fast allen Kritikpunkten widersprechen.

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Freitag, 21. März 2014

Tiktik: The Aswang Chronicles (Erik Matti, Philippinen 2013)


Der philippinische Kleinkriminelle Makoy (Dingdong Dantes) versucht seine Freundin Sonja (Lovi Poe) zurück zu gewinnen, die ihm frustriert davongelaufen ist - zu den Eltern aufs Dorf. Sie erwartet ein Kind von ihm, und er fühlt sich - zur Überraschung aller - verantwortlich. Was aber nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass sie sehr gekränkt ist und ihn zum Teufel wünscht. Makoy verhält sich bei seiner Ankunft auf dem Land dann auch erstmal wie ein arroganter Volltrottel. Mit seinem zukünftigen Schwiegervater begibt er sich dann auf den Marktplätz, um für Sonjas Geburtstag ein Schwein zu besorgen. Die Preise sind ihnen aber zu hoch, da beschließen sie, es mal bei diesen Verrückten zu versuchen, die weit außerhalb in den Bergen eine eigene Siedlung gegründet haben. Dort werden sie wenig freundlich empfangen, bekommen aber ihre billige Sau, auch wenn sie sich etwas merkwürdig verhält. Kein Wunder, sie ist ein transformierter Aswang, ein Shapeshifter-Vampir, eine Geistergestalt, die es auf das ungeborene Baby Sonjas abgesehen hat.

Der Aswang ist eine der gruseligsten mythologischen Figuren, die mir bislang begegnet ist: der Dämon, der auch einem Hund ähneln kann,  saugt mit seiner langen spitzen Zunge durch den Bauchnabel hindurch das ungeborene Kind aus dem Unterleib der Frau heraus. Das ist auch durchaus keine überdrehte Erfindung, sondern eine tatsächlich existente mythologische Geisterfigur der philippinischen Folklore. Dieser Text dazu ist sehr lesenswert, aber nur für Hartgesottene geeignet. KHAVN de La Cruz' extrem harter Horrorfilm VAMPIRE OF QUEZON CITY (den ich hier besprochen habe) handelt übrigens ebenfalls von einer solchen Begegnung eines Aswangs mit einer jungen Frau.

Erik Mattis Film aber ist ganz anders gelagert. Anstatt mit schwarz-weißem Independent-Trash hat man es hier mit mittelklassigem CGI-Trash zu tun. TIKTIK wurde komplett vor Greenscreen im Studio gedreht und sieht entsprechend künstlich aus. Zumal dann eben das Budget doch nicht so besonders üppig gewesen sein dürfte. Diese überdrehte Gore-Comedy hat aber dennoch ihre Momente: immer wieder sehr unheimlich, vor allem in der ersten Hälfte, baut sich der Film langsam auf. Doch in der zweiten, besser: dem letzten Drittel, einem Belagerungsszenario wie in NIGHT OF THE LIVING DEAD, macht er alles wieder zunichte. In einem übertrieben gestalteten Schlachtorgasmus werden hier die Körper zerlegt, digitiale Hundemonster stürzen sich auf die armen Überlebenden in einer Weise, dass einem dieser Megalomanismus allen Spaß verdirbt. Da können leider auch die feinen Splitscreens nichts mehr retten. Umso schlimmer ist das, da man sieht, was für ein Potenzial in Erik Matti steckt. Vielleicht wird aber auch bald alles besser: ON THE JOB, sein neuster Film, soll dem Vernehmen nach der Hammer sein.

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Auf den Philippinen war der Film sehr erfolgreich und lief mehrere Wochen im Kino. Er bekam durchweg gute bis sehr gute Kritiken. Hier ist der Film ab 18 Jahren und beim Label Mad Dimension / Alive erschienen (21. 3. 2014). Er ist uncut und bietet eine deutsche Synchron- wie auch eine Originaltonspur auf Tagalog an. Dazu gibt es wählbare deutsche Untertitel. Als Bonus befindet sich noch der Trailer zum Film, sowie eine Trailersammlung des Labels auf der Scheibe. Schön schlicht also, oder aber: das absolute Minimalprogramm.

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