Mittwoch, 15. Oktober 2014

A Traffic Controller on Crossroads (?, Nordkorea 1986)


Ein wenig berührendes Drama - aber immerhin, ein wenig tut es das schon - um eine Verkehrspolizistin in Pyöngyang, die, neu in ihrem Job, alles ganz genau nimmt. So nimmt sie direkt einen Lastwagenfahrer hoch, der sich durch ungehöriges Schnellfahren bemerkbar macht. Als sie dann aber merkt, dass er der Lieferant für die eigene Waschmaschine ist, die Frau Mutter bestellt hat, überlegt sie, ihn davonkommen zu lassen; weil: schlechtes Gewissen (die Kreuzungen im Filmtitel sind also durchaus auch metaphorisch zu verstehen - Pflicht versus Gewissen, eventuelle romantische Verwicklungen usw.). Da gerät sie aber mit der Vorgesetzten aneinander, die, ebenfalls ein scharfer Hund, vor allem um die Sicherheit auf den Straßen besorgt ist. Da gibt es kein Pardon.

Letztlich ist dies aber ein Film über die Sicherheit auf den Straßen Nordkoreas. Ein Lehrfilm. Etliche Male wird über verschiedene Verstöße debattiert, die entsprechenden Straßenschilder werden sogleich eingeblendet, verschiedene Verkehrsdelikte geahndet, quasi Präzedenzfälle, aber die Damen von der Verkehrspolizei gehen sehr fürsorglich miteinander um. So sollte man das machen, verantwortungsbewußt und generell im Beruf. Auch mit den anderen Verkehrsteilnehmern übrigens, die sie mit sanfter Autorität belehren und zum Besseren bekehren. Einem müden LKW-Fahrer etwa wird ein einstündiger Tiefschlaf befohlen, den er dankend annimmt. Als ein anderer eine Panne hat, organisiert die Polizistin direkt einen Mechaniker. Einem weiteren hilft sie, bei einsetzendem Regen den Transporter abzudecken. Gemeinsam, so lernt man, geht's besser.

Inmitten all dieser netten Absurditäten der kommunistisch-sozialistischen Nächstenliebe findet sich ein Loblied auf die Straße und ihre Ordnungshüter, das sehr beschwingt und hymnisch-propagandistisch das tatkräftige Engagement besingt. Bei Tag und bei Nacht seien sie zur Stelle, bei Sonne und bei Regen, auf ihrer vielgeliebten Straße: "Oh, my lovely dear street!". Es hat etwas von einer Musical-Szene in einem Film der französischen Nouvelle Vague, wie da apart hin und her geschnitten wird:

  

Die Regenschirme von Pyöngyang gehen dann aber doch nicht soweit aus sich heraus, dass sie durcheinanderwirbeln würden. Immerhin wird am Ende die Arbeit der tatkräftigen Damen gewürdigt, und sie bekommen Blumen gereicht - und der Lastwagenfahrer, der gegen alle Regeln verstieß, lächelt nett herüber. Das Gute, das man tut, kommt wieder zu einem zurück. Interessant, dass es einen solchen Film ausgerechnet aus einem Land gibt, wo man eher mit weniger Verkehrsaufkommen rechnen würde. Aber gut. Alles in allem: ein bedenklicher Film, aber schön gemacht mit Einblicken in nordkoreanische Alltagsrealitäten - und dabei unterhaltsamer, als sich das nach meiner Beschreibung vielleicht anhören mag.

***

Samstag, 4. Oktober 2014

Ploy (Pen-ek Ratanaruang, Thailand 2007)


Mit europäischem Geld (co-) finanziert und dann die Premiere in Cannes, da kann man schon ahnen, wes Kind Ploy ist. An der einheimischen Kinokasse ist er dann wohl auch ziemlich gefloppt, zu schwer und künstlerisch sei der Film. Und so fügt er sich auch wunderbar ins Oeuvre Ratanaruangs ein: ein traumähnlich langsamer, ruhiger Film, dessen Charaktere tief verunsichert sind. Wenn man, wie ich, zuerst den später produzierten Nymph gesehen hat, dann mutet einem Ploy wie eine Vorstufe zu diesem an. Selbes Thema, auseinanderbrechende Ehe, Krisenauslöser dann eine dritte Person von außen (dort die Waldnymphe, hier die junge Ploy (oben im Bild)), vierter Protagonist das Setting - dort der Wald, hier das Hotel. Der große Unterschied ist sicherlich, dass Ploy noch linearer abläuft, narrativer ist in seinem filmischen Gestus, seine Verstörung noch eher bereit ist, aufzulösen.

Das nicht mehr ganz junge Paar Dang und Wit kommt aus Amerika nach Bangkok geflogen, da Wits Vater verstorben ist. Er hat sie in ein edles Hotel eingebucht, man verbringt den Rest der Nacht im Jetlag-Standby-Modus und den darauf folgenden Tag ebenso. Die schöne Dang, einst erfolgreiche Schauspielerin, scheint mittlerweile kokainabhängig zu sein und auch mit alkoholischen Getränken pflegt sie ein enges Verhältnis. Beide sind in zweiter Ehe und auch hier kriselt es nun überdeutlich, nach acht Jahren Gemeinsamkeit. Sie möchte wieder die Liebe und Leichtigkeit des Anfangs, er kann immer weniger geben, desto mehr sie einfordert. Freilich ist sie selbst dabei nicht weniger egoistisch. Nachts an der Hotelbar nun lernt Wit die junge Ploy kennen, die ebenfalls die Nacht herumbringen muss, und Wit lädt sie dann aufs Zimmer ein, dort könne sie sich etwas ausruhen. Seine Gattin ist wenig erfreut darüber und unterstellt ihm sexuelle Absichten. Daraufhin eskaliert die Situation zusehends.

Parallel wird ein zweiter Handlungsstrang eingeführt mit zwei Hotelangestellten, die sich zu einem Stelldichein auf einem Zimmer treffen und dort der leidenschaftlichen, aber wie meditativen Liebe frönen. Als Gegenentwurf zum asexuellen Eheleben von Dang und Wit wirken diese Szenen unfassbar erotisch und voller Leidenschaft (wenngleich auch etwas offensichtlich und überdeutlich als Gegenentwurf gescriptet). Zugleich ist aber nie ganz klar, ob diese nicht nur von Ploy geträumt werden, bzw. eingebildet sind - später spricht einiges dafür, dass es lediglich Einbildungen waren. Aber auch Dangs plötzliches Verschwinden und ihre mysteriöse Entführung durch einen Vergewaltiger, dessen Opfer sie wird und dem sie kaum entkommen kann, wird an das harsche Aufwachen aus einem Alptraum Wits gekoppelt, sodass auch diese Episode nicht real erscheint. Aber mit letzter Gewissheit lässt sich das nicht sagen, und vermutlich kommt es darauf auch nicht an. Es ist eine Darstellung der Dämonen, von denen die Protagonisten dieses Filmes gejagt werden, die mit sich selbst und mit ihrer Lebenssituation im Unreinen sind. Etwas glatt und wie unberührar ist Ploy geraten, kalt, aber wunderbar eingefangen und mit einer tiefen Melancholie an modernen Transit-Orten festgehalten: am Flughafen, im Taxi, im Hotelzimmer, im Restaurant, an der Bar. Ein schöner Film über den Horror, den sich die Menschen selbst erschaffen.

***

Mittwoch, 1. Oktober 2014

Nymph / Nang mai (Pen-ek Ratanaruang, Thailand 2009)


Ein junges Paar aus der Stadt, das sich mit unausgesprochenen Eheproblemen herumschlägt, verbringt einige Tage campend in einem Urwald. Der Ehemann, ein Photograph auf Motivsuche, wird dabei auf den Wanderungen durch den Wald von einem mächtigen und zugleich mysteriösen Baum in den Bann gezogen, der ihn zunehmend stärker fasziniert. Dieser scheint sich auch in Form einer mythologisch aufgeladenen, nackten Frau zu offenbaren, die den Photographen eines Nachts in den Wald hinein lockt, ihm das Bewußtsein raubt um ihn dann auf dem massiven Wurzelwerk am Ufer eines trägen Flusses zu verzehren. Die Ehefrau hingegen, die ihrerseits eine Affäre mit ihrem eleganten Boss führt, fühlt sich nach zweijährigem Seitensprung wieder zu ihrem Gatten hingezogen - nur ist der eben jetzt verschwunden. Sie macht sich nun in den Wald auf, ihn zu suchen, nachdem er ihr zuhause, als Geist möglicherweise, erschienen war. 

Pen-ek Ratanaruang entfernt sich immer weiter vom herkömmlichen Storytelling hin zu  einem Regisseur, der vor allem Stimmungen und seelischen Zustände einfängt. Und das mit ruhiger, gleitender Kamera und starker Unterstützung durch die tolle, suggestive Tonspur. Sehr deutlich wird das direkt am Beginn des Films, wenn die Kamera in einer etwa achtminütigen Sequenz ohne einen einzigen Schnitt durch den Wald gleitet, und irgendwann im Hintergrund, halb verdeckt von den Bäumen, eine Vergewaltigung beobachtet. Da wird sehr schnell deutlich, dass es sich hier mit Nymph nicht um elegisches Genießertum handelt, sondern um ein Grauen, das sich auf mehreren Ebenen abspielt und ins Leben hineinschleicht. In welcher Realitätsebene man sich allerdings gerade befindet, zeigt sich dann oft erst später. Vor allem da man auch keine Hinweise auf eine Verschiebung erhält, keine Marker, die eine Eindeutigkeit vermitteln würden. Alles wird einfach "realistisch" gezeigt, nebeneinander und ohne Hierarchie. Das macht die Orientierung oft nicht ganz leicht, spielt aber auch wiederum keine große Rolle, da man sich sowieso in den Film hineintreiben lassen muss, wie in die Betrachtung eines Gemäldes - das aber jede Kontemplation aufgrund seines Verstörungsfaktors verhindert. Die Wahrnehmung des filmischen Ereignisses an sich übernimmt die Oberhand vor allen kausallogischen Grübeleien. Und das macht auch einen großen Teil der Faszination dieses Filmes aus: diese ständige Verunsicherung auszuhalten.

Nymph ist kein klassischer Horrorfilm, eher eine Reise in eine natur-mythologische Verunsicherung hinein, die schamanistische, indigene Züge trägt. Wollte man einen anderen Filmemacher als Vergleich heranziehen, dann könnte man den Film als einen möglichen Geisterfilm von Apichatpong Weerasethakul bezeichnen (Tropical Malady-style) - was nicht so weit hergeholt ist, wenn man ihren Status als thailändische New-Wave-Regisseure berücksichtigt. Aber auch ohne Kenntnis der thailändischen Mythologie oder des Volksglaubens ermöglicht Nymph einem westlichen Publikum einen einfachen Zugang, so offen und durchlässig wie er sich präsentiert. Man wird von ihm angezogen, affiziert, eingesaugt und fasziniert, ganz genau so, wie es der Hauptfigur im Film widerfährt.








***

Mittwoch, 17. September 2014

Into the Faraway Sky / Toku no sora ni kieta (Isao Yukisada, Japan 2007)


Handlungsort: ein Provinznest im ländlichen Japan. Endlose Weizenfelder, sternklare Nächte, die Leute sind hier so (verschroben also), wie sie sind. Der Fluss der modernen Zeiten fließt hier bedeutungslos vorbei. Doch nun soll mitten in diese Idylle hinein ein Flughafen gebaut werden, und da regt sich verständlicherweise erheblicher Widerstand. Ein zwielichtiger Biologe kehrt da extra nach Hause zurück, in sein Heimatdorf, zu seiner Familie, um ihnen unter die Arme zu greifen. Die gemeine Japanische Feldmaus würde durch diesen Betrieb ebenso gestört, wie das ruhige Leben der Menschen in ihrem Winkel. Doch eigentlich geht es vielmehr um eine Lausbubengeschichte, in der sich der örtliche Krawallmacher mit dem (typisch Yukisada) androgyn wirkenden Sohn des Flughafenbeauftragten befreundet, nachdem sie mehrfach aneinandergeraten waren. Fortan haben sie beide immer schmutzige Knie. Erste Liebe, Mädchen, durchgeknallte Zirkusleute russischer Abstammung, hilflose Väter, rabiate Mütter, Sonnenuntergänge, Sternschnuppen. Wir sind hier in einem Land des Fabulierens, in einem Märchenland.

So unzuverlässig wie der Wahrheitsgehat der einzelnen Stränge der Geschichte ist auch der Erzähler, der in der Rahmenhandlung auftritt. Die Heimkehr des Jungen, der den Stewardessen des Flugzeugs auf dem Rollfeld diese Geschichte seiner Jugend erzählt. Auslöser ist keine Madeleine, sondern ein einbetonierter Kinderschuh. Und am Ende fragt er sie augenzwinkernd: na, habt ihr mir das etwa alles geglaubt?

Die Frage stellt sich natürlich auch dem Zuschauer, der dieses sprunghafte Erzählen auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Genres auch ersteinmal als bare Münze nehmen muss. Eine coming-of-age Jugendgeschichte in Verbindung mit einem Ökothriller, der aussieht wie durch die Mühlen von Emir Kusturica gedreht (aber ohne allzu deftig oder gar zu kartoffelig werden, freilich). Das kann in seiner ganzen Länge von 140 kreativ genutzten Minuten schon auch einmal nerven und dann auch ungewollt anöden, wobei das eher die Ausnahme ist. Isao Yukisada (GO, CRYING OUT LOVE, IN THE CENTER OF THE WORLD) ist schon ein Profi des kommerziellen Films geworden, und diese Hügelauf-Hügelab-Geschichte ist letztlich turbulent genug, einen immer bei der Stange zu halten.

***
 

Montag, 8. September 2014

The Viral Factor (Dante Lam, Hongkong/China 2012)


The Viral Factor ist ein überbordender Koloss. In gut zwei Stunden wird hier ein Actionfeuerwerk veranstaltet, das seinesgleichen sucht. Die Setpieces reihen sich dabei jedoch mit einer Regelmäßigkeit aneinander, dass es beinahe schon wieder langweilig wird. Zu allererst wird hier immer wieder verfolgt: zu Fuß, mit dem PKW, dem Kleinlaster, dem Motorrad, und dann, als Höhepunkt: mit Helikoptern durch die Hochhausschluchten Kuala Lumpurs, mit einer Ehrenschleife vor den Petronas Towers. Sightseeing à la Dante Lam. Dann freilich, wird ununterbrochen geschossen. Mit den unterschiedlichsten Feuerwaffen, und Waffennarren dürften hier ihre wahre Freude haben bei diesem "Gunporn". Die Tonspur hyperventiliert dazu. Die Produktion des Films verschlang über 200 Millionen HK$, gedreht wurde hauptsächlich in Malaysia und an einigen weiteren verschiedenen internationalen Schauplätzen, vor allem im Nahen Osten. The Viral Factor ist das Werk eines Big Budget-Regisseurs.

Der Plot ist ebenso aufgeblasen wie die Action, denn es überschneiden sich zwei, drei Handlungsstränge, aus denen man auch eigenständige Filme hätte machen können: die Haupthandlung führt den Helden Jo Man (Jay Chou), Polizist und Mitglied einer Spezialeinheit nach Kuala Lumpur, um den international agierenden Verbrecher Sean Wong (Andy On), sprich: Geschäftsmann, daran zu hindern, die Welt mit einem mutierten Pocken-Virus zu verseuchen. Sean war übrigens früher auch bei Jo Mans Spezialeinheit IDC. Das Antidot dazu bietet er aber ebenfalls an, verfügbar mittlerweile durch den Pharmakonzern eines weiteren Komplizen. Es geht also ums ganz große Geld. Nun ist es aber so, dass der von Jo Mans Mutter im Kindesalter verstoßene Vater samt ältestem Sohn sich ebenfalls ins Malaysia aufhalten, und sich dort als Kleinkriminelle durchschlagen. Bruder Man Yeung (Nicholas Tse) gerät dabei in Querelen mit Sean Wong und wird so in die Sache mit dem Virus hineingezogen. Was folgt: Zwei Brüder auf den gegenüberliegenden Seiten des Gesetzes. Neben dem ganzen Drumherum mit der Action ist der Film eigentlich auch eine Familiengeschichte, bei der die von einander entfremdeten und verfeindeten Parteien wieder zueinander finden. Zu allem Überfluss, und dies nun Story Teil 3, hat Jo Man noch eine Kugel im Kopf stecken von einem Einsatz in Jordanien, die man operativ nicht entfernen konnte. Sie wandert Richtung Hirn, und es ist von Beginn an klar, dass der Protagonist, hier die große HK-Tragik, den Film nicht wird überleben können. Umso stärker allerdings und rücksichtsloser gegen sich selbst wirft er seinen Körper in den Kugelhagel.

Der Körper des Actionhelden beginnt seinen Kampf also bereits mit großen Defiziten und Thanatos sitzt ihm allgegenwärtig auf der Schulter. Für ihn stellt sich letztlich die Frage, ob er seine Ziele in der ihm noch verbleibenden Zeit wird erreichen können, auf ein Wunder in letzter Sekunde mag und kann man hier in dieser zerstörerischen Welt jedoch niemals hoffen. Somit wird der Fokus schon früh auf einen guten Ausgang, ein Happy End, gelenkt, das nur im kollektiven Glück der Familie aufgehen kann, das sich gemeinsam an den Fackelträger erinnert. Und so steht eigentlich zu Beginn schon fest, was dieser rastlos hochdynamische Bewegungsfilm im Kern eigentlich wirklich ist: ein Familienfilm.

***

Mittwoch, 20. August 2014

Amida-do Dayori / Letter from the Mountain (Takashi Koizumi, Japan 2002)


Takashi Koizumi war Regieassistent bei Akira Kurosawa (bei den Filmen Ran, Kagemusha und Dreams) und Letter from the Mountain ist seine zweite, eigene Regiearbeit. Nach einer literarischen Vorlage vom japanischen Autor Keishi Nagi umgesetzt (Akutagawa-Preis 1988, keine Übersetzung), ist dies offenkundig ein sehr literarischer Film geworden, werden doch an einigen Stellen einige der großartigen Gedichte Kenji Miyazawas zitiert, die zum etwas getragenen, elegischen Ton des Films beitragen. Außerdem verliest der Protagonist Takao (Akira Terao) mehrfach die kurzen literarischen Beiträge eines krebskranken Mädchens (Manami Konishi als Sayuri), die für die lokale Zeitung schreibt. Er selbst ist ein Schriftsteller, der seit einer größeren Auszeichnung literarisch nichts mehr hinbekommen hat und mit sich selbst und seiner Schreibblockade ringt. Eine weitere Nebenfigur, ein älterer sensei, ein Professor, hat seine Bücher der Stadtbibliothek vermacht, weil er sich auf den Tod vorbereitet - er wartet darauf, so sagt er einmal, dass er von einem großen Wind in den Himmel gehoben wird. Die eigentliche Protagonistin des Films ist aber Takaos Gattin, die unter Panikattacken leidende Ärztin Michiko (Higuchi Kanako), die im Ort das lokale Krankenhaus wieder besetzen soll, obwohl sie selbst noch rekonvaleszent ist. Es ist eine Rückkehr aus der Metropole Tokyo in die Heimat Takaos, nach Shinshu in die ländliche Region der Präfektur Iwate. Eine Rückkehr zu den Ahnen.

Letter from the Mountain ist ein enorm schön gefilmter, subtiler und leiser Film, der Koizumis Status als großen japanischen Regisseur bestätigt. Dessen Erstlingswerk Ame Agaru basiert auf einem Skript von Akira Kurosawa, das er von ihm übernommen hatte. Hier nun eine ganz stille Ästhetik, mit einer Bewegung hin aufs Land, zur Natur, weg von der Stadt, die Augen öffnet - eine Veränderung, die die Protagonisten, die sich alle in einer Krise befinden, wieder zu sich finden lässt. Gerade auch dadurch, dass sie sich für andere einsetzen und ihnen zu helfen bereit sind. Schönerweise erzählt Koizumi aber ohne moralische Keule, auch wenn sich das in der Zusammenfassung etwas geballt nach Gutmenschenkino anhören mag. Es ist ein fließender Film, einer mit vielen offenen Möglichkeiten, zu denen er sich hinbewegen könnte, einer, der durch seine Humanität Vertrauen einflößt, auch weil er sich so sanft vorantastet. Zugleich aber überschattet die Präsenz des Todes und der Vergänglichkeit alles - eine Thematik als Gegenpol, die den Film in Balance hält. Und so geht es also eher darum, im Angesicht der Vergeblichkeit des menschlichen Tuns seinen Frieden mit dem Leben zu machen - und dem Lebensweg, den man eingeschlagen hat. Sehr, sehr schöner Film.

***

Freitag, 15. August 2014

The Drudgery Train / Kueki Ressha (Nobuhiro Yamashita, Japan 2011)


Mit seinen stark verpixelten, grobkörnigen Bildern der Tristesse eines naturalistischen Alltags wirkt The Drudgery Train von Nobuhiro Yamashita (Linda, Linda, Linda, The Matsugane Potshot Affair) wie eine Independent-Produktion, die das Besondere im Trivialen findet. Es ist eine schwarze Komödie, der nie die Bitternis ausgeht, mit einem Hang zum Düsteren, Dunklen, der man immer auch zutraut, abstürzen zu können ins Üble, Böse, Brutale. Das Gegenmodell zum eigentlich sehr unsympathischen Helden Kanta Kitamachi (Mirai Moriyama), der nichts hinbekommt in seinem Leben und alles was, um ihn herum an Positivem entsteht, kaputt machen muss, ist sein neuer Arbeitskollege Shoji Kusakabe (Kengo Kora aus A Story of Yonosuke (2014)), der sich zu seiner Ausbildung auf einer weiterführenden Schule was als Tagelöhner dazuverdient.

Kanta freundet sich mit ihm an, drängt sich ihm etwas auf (wie er das immer macht), führt ihn ans Trinken heran und dann auch irgendwann mal in die Stripbar hinein und auch ins Bordell. Shoji hat zwar Vorbehalte, will aber auch kein Spielverderber sein und findet dann Gefallen an den nächtlichen Extravaganzen. Das hat aber schnell ein Ende, als er sich ernstlich in ein junges Mädchen verliebt - doch eben da brandet Kantas Eifersucht auf, der selbst sein Verhältnis zu einer jungen Buchhändlerin namens Yasuko (Atsuko Maeda) nicht auf die Reihe bekommt. Er will immer mehr, als sie zu geben bereit ist. Und Kantas Ausbrüche sind nie weit, das spürt auch sie, wenn seinen Ansprüchen und Erwartungen nicht entsprochen wird - aber dann ist es auch wieder ihre schüchterne Höflichkeit, die sie keine klaren Grenzen ziehen lässt.

Das Script stammt von Shinji Imaoka, einem Meister des pinku eiga, des japanischen Erotikfilms, und mehr als einmal driftet der immer wieder sexuell aufgeladene Film in die dunklen Ecken des Rotlichtviertels. Letztlich bleibt der Film so etwas wie eine Mixtur aus Slacker-Komödie mit schwarzem Humor und Coming-of-Age-Film, doch die Grätsche zum Erotikkino durch verschiedene Grenzüberschreitungen wird mehrfach gesucht. Eine leichte Verunsicherung macht sich dann auch breit, man kann ihn kaum einschätzen, diesen herrlich tristen Film. Vor allem da Kanta immer weiter abstürzt, sich zusehends isoliert, vermehrt zurückgewiesen und dadurch zum Außenseiter wird. Dass es nicht lange dauert, bis er dann mal von zwei Yakuza-Gangstern in einer Nudelbar so richtig eins auf die Fresse bekommt, verwundert nicht. Eine Feelgood-Komödie ist der Film also keinesfalls, so richtig runterziehend ist er aber auch nicht - wenn auch für Kanta wenig übrigbleibt an Optionen, in einem Leben ohne jede Perspektive. Die er sich bedauerlicherweise selbst genommen hat.

***

Mittwoch, 13. August 2014

River (Ryuichi Hiroki, Japan 2011)


In seinem Film River von 2011 begibt sich der Regisseur quasi-dokumentarisch auf die Fährte seiner Protagonistin Hikari (Misako Renbutsu, auch in Yoshihiro Nakamuras Snow White Murder Case (2014)) durch das tokioter Stadtviertel Akihabara, filmt sie beim Umherwandern zwischen den Elektronikstores und beim Flanieren in den Seitengassen, wo es schnell mal etwas seedier zugeht, wo Kleinmädchenschlepperinnen junge Herren in Bars hineinlocken um ihnen dort zu Diensten zu sein. Die Heldin des Films ist eine Anti-Heldin, sie trauert um ihren ermordeten Freund Kenji, auf dessen Spuren sie sich begeben hat. Sie möchte seine Umgebung, dort wo er, ein Elektronik-Nerd, sich bevorzugt aufgehalten hat, mit eigenen Augen sehen, sehen, was er gesehen hat. Der Junge ist schon seit drei Jahren tot. Und dies ein authentischer Fall, als ein 25-Jähriger 2008 mit einem Lastwagen in Akihabara in eine Gruppe Menschen hineingefahren war und anschließend mit einem Messer etwa nochmals zehn Personen erstochen hat, viele auch verwundet. Kenji ist einer von ihnen. Ryuichi Hiroki folgt also nicht nur Hikaris Spuren, sondern begleitet sie auch auf den Spuren ihrer Trauerarbeit. 

Quasi-dokumentarisch ist der Stil, mit Handkamera gefilmt von Noriyuki Mizuguchi (Kamera für Kiyoshi Kurosawas Doppelgänger (2003)), mitten durch die Passanten hindurch, von denen einige auch immer wieder in die Kamera schauen, was ist denn hier los! Misako Renbutsu lässt sich davon nicht beeindrucken, sie spielt beeindruckend, vor den Augen der Öffentlichkeit. Die Trauer hat sich tief in ihr Leben hineingeschnitten, lange hatte sie sich aus der Gesellschaft rausgenommen, sich zuhause eingeschlossen in ihrer Höhle ("I holed myself up at home..."). Was auch bedeutet: immer wieder lange Einstellungen, ruhig, slow-paced, beinahe lyrisch. Die Konfrontation mit dem Tod in der Öffentlichkeit soll es ihr ermöglichen, darüber hinwegzukommen, doch dazu muss sie sich freilich ihrem Schmerz stellen. Immer wieder bricht sie in Tränen aus, es ist eine tiefe Trauer, die sie hinter einem maskengleichen Gesicht zu verbergen versucht.

Auf ihrem Weg durch das Viertel begegnet sie verschiedenen Personen, die alle einen Einfluß auf die Entwicklung nehmen. Eine Photographin, die sie ungefragt portraitiert und ihr aber dadurch zeigt, wie schön sie ist (ohne dass das im Film gesagt werden würde - so didaktisch ist Hiroki freilich nicht). Ein junger Mann, der auf einem der Hochhausdächer an derselben Stelle trauert wie sie, der aber keinen Angehörigen verloren hat sondern derjenige war, der dem Mörder unfreiwillig Hilfeleistung gestellt hat, indem er ihm eine Autovermietung in der Gegend empfohlen hat. Eine jungen Bekannten, die sich mittlerweile für Pornodrehs hergibt, da sie Schauspielerin werden will, und sich dafür aufopfert. Ein Mädchenbarbesitzer, der sie anheuern möchte, bei ihm zu arbeiten und sich mit ihr über den Sinn des Lebens unterhält, über Ziele, die man sich setzen muss. Und der sie abschleppen will in ein Stundenhotel. Neben einigen anderen begegnet sie schließlich noch einem obdachlosen Drifter namens Yuji (Yukichi Kobayashi), der sich mit dem Verkauf von Elektronikschrott über Wasser hält, und der, wie sich herausstellt, zufällig ihren Freund Kenji kannte. Sie findet ihn sympathisch, da er sich nicht aufdrängt, der zurückhaltend und beinahe scheu ist, der erst Traumatisches klären muss - hier kann sie ihm helfen, ihn dazu zu bewegen, sich seiner Vergangenheit zu stellen, seine Eltern zu besuchen. 

Da entfernt sich der Film von Hikari und Tokio, und begleitet den Jungen ins Gebiet Sendai, das durch den Tsunami und das Tohoku-Erdbeben völlig zertsört worden ist. Ryuichi Hiroki, der selbst aus der Gegend stammt, verknüpft auf diese Weise zwei Katastrophen in seinem Film. Yuji also wandert durch die Trümmer seiner Heimat, taumelt beinahe, bricht in Tränen aus angesichts des Schreckens, der ihn hier erwartet, und der verpassten Chancen seiner Eltern gegenüber. Eine unglaublich intensive Szene ist das, und zeigt einmal mehr, wie dicht Ryuichi Hiroki an allem dran ist, an den Ereignissen in Japan, an der Jugend. Am Ende findet der Film zu seiner Protagonistin zurück und gibt einen tendenziell hoffnungsvollen Ausblick, ohne diesen freilich zu stark zu machen. Da ist der Weg wieder offen, frei für Neues, und das ist schon ganz schön viel.







***