Mittwoch, 21. Januar 2015

Moebius (Kim Ki-duk, Südkorea 2013)


Schon bei den Filmfestspielen von Venedig hatte Kim Ki-duks jüngster veröffentlichter Film für ordentlich Tumult gesorgt. Denn auch dieser ist wieder, nach dem großartigen Pièta von 2012 und dem überirdischen Arirang von 2011, nichts für sensible Vorschulkinder. Runterreduziert auf den Mikrokosmos Kleinfamilie, gutbürgerlich mit schönem Haus (= Anwesen) und mit permanent drohendem bourgeoisem Ennui gesegnet, rastet eines Tags die Gattin aus (toll: Lee Eun-woo in einer Doppelrolle), als sie ihren Mann beim Fremdgehen mit der Besitzerin eines Krämerladens (ebenfalls Lee, jetzt mit glatten Haaren) in der Nähe erwischt. Den Sohn interessiert das alles wenig, er läuft alienated und wie paralysiert durch seine Spätpubertät, blättert in Mangas und masturbiert, ja, irgendwie auch aus Langeweile. Bei der Attacke auf den Gatten (Cho Jae-hyun, aus Kims Address Unknown und Bad Guy) unterliegt sie dann aber, worauf sie in einer Kurzschlußhandlung die Gewalt auf den Sohn umlenkt und dem kleinen Wichser den Schwanz abschneidet (mit einem Messer, das bedeutungsschwanger unter einer Buddha-Statue liegt). Daraufhin rennt sie blutverschmiert hinaus in die Nacht und bleibt zunächst verschwunden.

Moebius ist fürwahr nichts für schwache Nerven. Den total durchästhetisierten Bildern stehen die extrem rohen Gewaltszenen gegenüber: vor allem aus den Bereichen Missbrauch, Inzucht und Vergewaltigung. Bilder, die häufig mit sexueller Lust kurzgeschlossen werden: Schmerz und Lust, das dunkle Brüderpaar. Während der Vater panikartig sich um eine Penistransplantation für den Sohn kümmert, nimmt dieser an einer Gruppenvergewaltigung durch eine Jugendbande an der Verkäuferin, der Mätresse des Vaters, teil, auch wenn der Sohn als einer von vieren dies nur mit rhythmischen Bewegungen simulieren kann. Später nimmt sie, das Opfer, sich höchstpersönlich und mithilfe eines Küchenmessers, ja, mit geradezu sadistischer Lust an der Rache der gewalttätigen, sexuellen Erlösung ihrer Kundschaft an. Hier wird sie also vom Opfer zur Täterin.

Der Film ist generell völlig überformuliert und strapaziert arg die Nerven mit einem Sammelsurium an thematisch schwergewichtigen, sexualpsychologischen Themen. Also alles irgendwie auch beim Alten. Den ästhetisierten und oft durch das Make-Up wie zu Masken geglätteten Gesichtern steht eine cam-Ästhetik gegenüber, die ihre immer leicht wackelnd-schwankenden Bilder wie im Vorbeigehen geschossen aussehen lassen. Und die auf diese Art immer eine Verunsicherung spüren lässt, keinen festen Grund, keinen Boden unter den Füßen zu haben. Dies eine geglückte und notwendige Balance um die Bildspannung aufrecht zu erhalten, damit der Film nicht in seinem Ästhetizismus und Formwillen erstarrt.

Im letzten Akt kehrt plötzlich die Gattin zurück, nun scheinbar geläutert. Der Sohn wird jetzt von ihr in Beschlag genommen, schon als er ganz offensichtlich in der ersten Nacht sexuell auf seine Mutter reagiert. Diese überschreitet natürlich sofort wieder jede Grenze und kümmert sich ganz selbstlos um das Kind. Die Auflösung des Konflikts driftet bei Kim schnell wieder in Richtung Gewalt, nichts kann mehr Einhalt gebieten. Alle Figuren sind in ihrem Gestörtsein schon weit über jedes Maß hinaus, zumal Kommunikation nirgends helfen kann, wenn niemals miteinander geredet wird. Denn auch in Moebius wird, man kennt es von Kims stummen Anti-Helden, kein einziges Wort geredet. Hier wird nur unter Qualen geschrieen und vor Lust gestöhnt. Musik gibt es freilich keine.

Kim Ki-duk präsentiert sich auch mit diesem Film, mit einer Art companion-Stück zu Pièta, wieder in Höchstform; aber auch als ein Künstler, der seine eigene Potenz nicht im Zaum halten kann. Auch Pièta hatte sich schon durch eine sehr spezielle Form der Nähe zwischen Mutter und Sohn ausgezeichnet. Kim, der Zyniker ohne Hemmungen, dem Publikum misanthropischen Frevel hinzuwerfen, und der es zugleich aber schafft, die Figuren plastisch entstehen zu lassen, in ihren grotesken Abgründen nahbar zu machen und sie an den Zuschauer heranrücken zu lassen. Das sind keine völlig fremden Menschen dort auf der Leinwand, man kann sie sogar bedauern und sich selbst in ihnen wiederfinden, keine Frage. Oft wird Kim vorgeworfen, ein Provokateur zu sein. Nicht übersehen darf man aber dabei, dass die Grenzüberschreitungen nicht um ihrer selbst Willen geschehen, sondern stets in der Auslotung extremer Gefühlswelten begründet liegen. Auch deswegen haben seine Filme eine solche Wucht, selbst wenn sie, wie hier, thematisch bisweilen arg überfrachtet sind. Die ganze Chose kann einem auch, ganz klar, einfach nur völlig auf die Nerven gehen.





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Freitag, 9. Januar 2015

Montage / Mongtajoo (Jung Geun-sub, Südkorea 2013)


Montage ist ein enorm in sich selbst verschlungener und verschachtelter Thriller um die Entführung eines kleines Mädchens, die nie aufgeklärt werden konnte - und nun, 15 Jahre später, ereignet sich die scheinbar selbe Tat von Neuem. Für Kommissar Chung-ho (überragend: Hong Sang-soo-Regular Kim Sang-kyung), der sich damals schon völlig rücksichtslos gegen sich selbst in den Fall hineinstürzte, ist klar, dass das nun wieder derselbe Täter ist. Diesmal aber will er ihm endgültig zuvorkommen, alles richtig machen und das Dilemma von damals auswetzen - und begibt sich in ein Labyrinth, das ihn erneut an seine Grenzen bringt. Was er entdeckt, ist eine schockierende Verkehrung der Verhältnisse, die nur noch von der Tragödie, die sich dahinter auftut, überboten wird.

Und eigentlich hat der Thriller alles, was so ein Film braucht: eine mehr oder weniger genrekonforme Baukasten-Story, in die man schnell reinkommt, tolle Schauspieler, kleine Detaileinfälle, die originell sind, eine oft ziemlich gute Kameraarbeit, teils sogar grotesken Humor. Und spannend ist er meistens auch noch, wenngleich man einen größeren Hänger in zweiten Drittel, einem arg ausgebauten Dénouement (das sich dann als Täuschung erweist), überstehen muss. Das größte Problem des Films ist indes seine erzwungene, ausgemacht montiert wirkende Struktur. Denn nicht nur die Lösung des Knotens liegt in der Montage von mehreren verschiedenen, kombiniert montierten Tonspuren, sondern auch die Entwicklung des narrativen Plots ist ein ständiges Spiel mit nachgeschobenen Offenbarungen unter Parallelisierung der zentralen Tathergänge, welche sich über eine Dekade voneinander getrennt abspielten. Das wirkt alles schrecklich bemüht und künstlich verschachtelt (natürlich, "gemacht" ist alles), aber es ist eben diese sehr auf den strukturellen Mechanismus der Informationspreisgabe fokussierte Narration, die den Film beschädigt. Und dann muss man hinzufügen: so richtig unvergessliche Szenen hat der in toto recht mediokre Film nun leider doch nicht vorzuweisen.







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Mittwoch, 7. Januar 2015

The Terror Live (Kim Byung-woo, Südkorea 2013)


Das Spannendste an The Terror Live waren für mich die panikartigen Managerhandlungen von Ha Jung-woo (alias Yoon Young-hwa), der sich, einmal seine große Story gerochen, in Position bringt, fit macht für die Exklusivberichterstattung des Bombenanschlags auf der Mapo-Brücke in Seoul, welche in Panoramadistanz zu seinem Businessfenster aus dem Wolkenkratzer dramatisch die Rauchsäulen aufsteigen lässt. Ein vermutlich terroristischer Anschlag mitten in der Hauptstadt Südkoreas, und er, der vom Management wegen Betrügereien und Glücksspiel abgesägt wurde und nun Frondienste leisten muss als Radiomoderator wittert sie, endlich die Chance, den alten Posten wieder zu ergattern. Und darum gilt nun: schnell sein, Hemd wechseln, Trinken, Anzug glätten, Krawatte binden, Stimme runterkriegen, Trinken, Verhandeln mit dem Chef, Exklusivrechte einfordern, Schreien, Hetzen, nur noch 12 Sekunden bis zur Sendung. So funktioniert dieser Film, in dem dann ein kriminalistischer Aspekt greift: denn der plötzliche Anrufer bei ihm, Live im Studio, hat ihn zum Gesprächs- und Verhandlungspartner bestimmt. Und dessen Forderung ist zugleich so einfach und so scheinbar unmöglich einzulösen (und, ja: moralisch gerecht ist das auch irgendwie): eine öffentliche, über den Sender getätigte Entschuldigung des Präsidenten des Landes für die Brückenbauer, die beim Bau eben jener Brücke ums Leben kamen.

Live ist allerdings der Film auch selbst, als Simulation, der eineinhalb Stunden in real time abläuft. Erzählzeit und erzählte Zeit fallen in eins, der Zuschauer begleitet Yoon durch diese knapp zwei Stunden seines Lebens. Soll eine intensivere Teilhabe simulieren, und ein schnelles Heranrücken an den Protagonisten - was nur bedingt funktioniert, da Moderator Yoon nicht gerade ein Sympath ist, getrieben von egoistischen Machtgefühlen und der Ausschlachterei von Ereignissen, deren menschliche Schicksale ihm egal sind. Hier hat die Nachricht einen Wert, und er will sie so teuer wie möglich verkaufen.

Der dritte Aspekt des Films ist das Setting, hoch oben im Studio des Wolkenkratzers. Dieses wird während des Films nie verlassen, allenfalls schaut man mit der Kamera nach draußen auf die Großstadt - und am Ende gibt es ein paar Außenaufnahmen, des Spektakels wegen. Eine klaustrophobische Atmosphäre wie etwa in Pontypool (2008) von Bruce McDonald aber stellt sich nicht wirklich ein, dafür sind die Glasfronten zu helle Durchlässe, die mit Equipment vollgestellten Gänge im Studio zu wenig hinderlich. Eher ist es der psychologische Aspekt, der ihn zum Thriller werden lässt: Yoon im komplexen Gefüge eines kapitalistischen Marktes, bei dem Sekunden über Erfolg und Misserfolg entscheiden. Wenn der Film ganz am Ende schließlich noch zum Katastrophenfilm mutiert, so hat er sich im letzten Akt eindeutig übernommen. Hier wird der Terror dann wieder ausgelagert auf die Superlative des Eventkinos, die den psychologischen Ziselierungen in den Rücken fallen. Ha Jung-woo (The Yellow Sea, The Chaser) freilich spielt wieder ganz ausgezeichnet und die Zuschauer dankten es mit dem Kauf von Kinokarten. Ein Sommer-Blockbuster in Korea, und einer der fünfzig erfolgreichsten Filme an der Kinokasse seines Landes.

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Samstag, 3. Januar 2015

The Admiral: Roaring Currents / Myeongryang (Kim Han-min, Südkorea 2014)


Bei groß inszenierten Seeschlachten im asiatischen Raum dürfte einem recht schnell der tolle Red Cliff von John Woo (2008) in den Sinn kommen - ob Roaring Currents nun wirklich besser ist, wage ich nicht zu beurteilen. Er ist jedenfalls sehr überzeugend und macht eine Menge Spaß. Choi Min-sik als Aushängeschild spielt zudem ähnlich souverän, dabei natürlich nicht ganz so facettenreich wie zuletzt in New World oder im großartigen Nameless Gangster, die Hauptrolle als einen weithin gefürchteten, dabei eigensinnigen und schwer zu bändigenden Admiral. Ehrfürchtig wird sein Name geflüstert, und das sogar von seinen Gegnern, den Japanern; die zu Mittelalterzeiten Korea belagerten und nun im Oktober 1597 zum entscheidenden Schlag ausholen wollen. Angeheuert hat man noch einen bösartig dreinblickenden Piratenkapitän mit schwarzer Maske (irgendwo furchteinflößend zwischen Ran und Onibaba), der die Feldherren wie Bettnässer aussehen lässt. Der Haken an der Sache: Yi Sun-sin (Choi) stehen nur noch die Überreste der koreanischen Flotte zur Verfügung, ganze 12 Schlachtschiffe. Den Japanern, die sogar schon einen Stützpunkt an der koreanischen Küste haben, dagegen 200. Da kommt dem furchtlosen Admiral die Idee, sich die verwirrende Strömung in der Inselpassage zu Nutze zu machen - bei Ebbe und Flut entstehen starke Sogwirkungen und ein Strudel, der mächtiger ist als jedes Schlachtschiff.

Am Ende wird Yi Sun-sin die japanische Flotte besiegt haben und bis heute ist diese historische Figur ein koreanischer Nationalheld. Dass man also in diesem Film durch so einige Mobilmachungsreden inklusive Beschwörungen des Nationalstolzes hindurch muss, dürfte klar sein. Wie auch durch eine etwas überlange Exposition, die die historische Ausgangslage für die Schlacht herleitet. Übertrieben viel Zeit wird jedoch nicht gerade auf die Figuren verschwendet - man konzentriert sich auf den General und auf zwei, drei Nebenfiguren. Der Rest sind mehr oder weniger Statisten. Und auch die Seiten von "gut" und "böse" sind recht eindeutig geklärt - die Sympathien liegen bei den Koreanern, die gravierend in Unterzahl sind und gegen die japanischen Invasoren für die gute Sache kämpfen. Dennoch ist der Admiral keine reine Lichtgestalt: er führt eisern Regie, und in einer bemerkenswerten Szene, in der er Gnade walten lassen könnte, haut er kurzentschlossen einem Deserteur den Kopf von den Schultern. Aber worum es hier wirklich geht, ist die Seeschlacht. Und die ist dermaßen toll inszeniert (die gesamte zweite Stunde des Films), dass sie den Zuschauer schwer beeindruckt zurücklässt. Wie hier die Schiffe ineinander krachen und die Kanonen donnern (diese unfassbare Tonspur!), das ist schon sehr erlebenswert und selbst wenn man mittlerweile keine Lust mehr haben sollte auf großangelegte, koreanische Historienepen: Roaring Currents sollte man sich nicht entgehen lassen, wenn man professionelles Popcorn-Monumentalkino genießen möchte. Ein beeindruckender, spektakulärer Blockbuster.

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Montag, 29. Dezember 2014

Monsters Club / Monsutazu Kurabu (Toshiaki Toyoda, Japan 2011)



Die moderne Zivilisation hinter sich lassend, lebt Ryoichi (Eita) self-sufficient und einsam in einer Hütte in den tief verschneiten Bergen. Immer wieder versendet er Pakete, selbst gebastelte Bomben, an Vorstände von Firmen oder von Fernsehanstalten. Eines Tages begegnet er in den Wäldern einer merkwürdigen Kreatur, einem Schneemonster, das dann immer wieder urplötzlich auftaucht und ihn dazu zwingt, sich mit der dunklen Vergangenheit seiner Familie und seiner eigenen Biographie auseinanderzusetzen.

Monsters Club ist ein Schneefilm. Und er ist schwer symbolisch. Der zunächst so souverän wirkende (Anti-) Held Ryoichi wird zunehmend demontiert, als seine Schwächen deutlicher zu Tage treten. Da gibt es unterdrückte Schuldgefühle und eine nicht aufgearbeitete Familiengeschichte, eine tote Mutter, ein toter Vater, zwei tote Brüder. Und so wundert es auch nicht, dass die Monster - eines sieht aus wie ein missglückter Schneemann, ein später erscheinendes ist ein in blutrot zugekleistertes, hungriges Wesen - nur psychisch, für Ryoichi aber dennoch physisch real vorhanden sind. Er wird sprichwörtlich von seinen Dämonen eingeholt. Manchesmal wähnt man sich in einem der früheren Filme von David Cronenberg, wenn die psychischen Zustände des Helden als konkrete Manifestationen ins Bild treten. 

Das ist aber nur die eine Seite des Films. Die andere ist die poetische. Monsters Club sieht unheimlich toll aus, die weiten Landschaften, der enge Wald, alles tief verschneit, die Schneestürme, das Feuer in der Hütte und der konzentrierte Ryoichi beim Bauen der Bomben. Auch Literatur spielt eine große Rolle im Film, insbesondere die Gedichte Kenji Miyazawas, über die er einmal mit seiner Schwester spricht, als sie ihn gegen seinen Willen in der Bergwildnis aufsucht. Literatur, auch ein weiterer Anknüpfungspunkt zu einem der toten Brüder, wie auch zu innerjapanischen Rückzugskontexten, die in der Souveränität des Ichs einen Gegenpol zur Aufgabe desselben im Funktionieren in der Gesellschaft darstellt. Ein Aspekt, der an einer Stelle auch ausführlicher durch ein Voice over thematisiert wird.

Der Film lief auf allen größeren asiatischen Filmfestivals dieser Welt. Umso verwunderlicher, dass er scheinbar so völlig in der Versenkung verschwunden ist. Möglicherweise sind seine Langsamkeit und seine Stille Gründe dafür. Wie der Protagonist, so könnte man eine Analogie bilden, hat sich auch dieser, wie ich finde: hervorragende Film, aus der Welt zurückgezogen.






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Samstag, 20. Dezember 2014

Pizza (Karthik Subbaraj, Indien 2012)


Den Plot von Pizza wiederzugeben, würde bedeuten, zwangsläufig den Twist zu offenbaren, auf den der Film hinausläuft. Und obwohl ich wahrlich kein Freund von solchen konstruierten Wendungen bin, muss ich sagen: zum Glück gibt es ihn hier. Denn der ist ziemlich intelligent, gibt dem Film eine völlig andere und neue Richtung - und macht ihn wieder deutlich interessanter, als er bis dahin war. Denn der Film hatte sich doch so richtig eingedümpelt und festgefahren, zunächst in seiner Loser- und Liebesgeschichte, dann in einem völlig hanebüchenen, spannungsarmen und klischeebeladenen haunted house - Plot. 

Denn plötzlich widerfährt dem Pizzaboten Michael (Vijay Sethupathi), der zu Hause eine schwangere Frau sitzen hat, die gerade einen Horrorroman schreibt (Anu, gespielt von Remya Nambeesan), genau das, was der herrische Choleriker seiner Geliebten nicht glauben wollte: dass es das Übernatürliche gibt. Bei einer Pizzaauslieferung also wird er von einem Geist heimgesucht. Soweit so gut, und das soll man als Zuschauer auch glauben. Dass dieser tamilische Film aber nur mit seinen Genreelementen spielt - wie er auch am Anfang uns mit einem Film im Film getäuscht hatte - hätte man spätestens dann merken müssen, als Michael aus dem heimgesuchten Haus hinausrennt und es plötzlich donnert, wie in einem alten Hammer-Film. Ich habe mich tatsächlich hinters Licht führen lassen und dachte, wie schlecht jetzt dieser Stilbruch nun wieder kommt! Was bei einem indischen Film, der weniger Wert auf Stringenz legt,  ja nun durchaus keine Seltenheit wäre. So gibt es auch hier übrigens am Anfang ein paar Gesangsnummern und Liebessachen, die in diesem Film eigentlich gar nichts verloren haben. Ein weiteres Problem jedenfalls, das Pizza hat: auf der Strecke bis zum Twist hin ist der Film irgendwann furchtbar öde geworden. Vor allem die Episode, in der Michael im Haus gefangen ist und die das gruslige Highlight des Films darstellt, zieht sich in die Länge wie ranziger Käse auf lauwarmer Pizza. Das passt alles nicht zusammen und es bleibt einem dann auch nichts anderes übrig, als die Ereignisse irgendwann den Halluzinationen des Anti-Helden zuzuschreiben.

Der Film war ein Knüller in Chennai und lief zu Peakzeiten in 600 Kinos. Es hat alle erdenklichen Remakes (bzw. gedubbte Versionen) in den verschiedenen Landessprachen Indiens gegeben, und die Kritiken zum Film waren weitestgehend sehr positiv bis enthusiastisch. Mir persönlich hat er zwar, alles in allem, ganz gut gefallen, und er ist sicher auf der richtigen Seite, aber mir erscheint das Drehbuch doch etwas arg uneben und unfokussiert. Hätte man etwas mehr Zug hineingebracht, vielleicht nochmal zwanzig Minuten gekürzt, dann hätte Pizza tatsächlich der Knaller werden können, für den ihn viele halten.

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Montag, 15. Dezember 2014

Don't Go Breaking My Heart (Johnnie To & Wai Ka-Fai, Hong Kong 2011)


Der Crash der Lehman Brothers wirkt sich auch in der hongkonger Finanzwelt katastrophal aus. Viele verlieren ihre Jobs und räumen die Büros. Dananch: leere Schreibtische, leere Räume. Über leeren Raum hinweg entsteht auch eine Liebesgeschichte, zunächst mit Post-Its an den Fenstern: Signale der Kontaktaufnahme hinüber zum Büro im anderen Gebäude. Die sollen die hübsche - und sehr aufrichtige - Analystin Yen becircen (Gao Yuan-yuan), was auch funktioniert. Jedoch, Banker Sean (Louis Koo, nonchalant) ist ein Weiberheld. Aber da ist noch eine andere verlorene Seele (Kevin), gespielt von Daniel Wu, der gute Gegenpart zum Hallodri, allerdings gerade dem Alkohol verfallen, weil: Krise. Aber auch er füllt Räume aus: er ist Architekt. Und jenseits von Post-Its baut er ihr dann gleich ein ganzes Gebäude, riesengroß in Suzhou (ihrer Heimat). Nach ihrem Schatten ist es geformt, den sie an die Wand warf als sie sich am ersten Abend trafen. Es ist also ein permanentes Spiel mit Räumen und deren Überbrückungen, Aussichten, einem Bewegen in der Stadt, einer Rivalität der Männer, die mit der Aufhebung von Distanzen spielt. Und das kann man auch als Kommentar zur Arbeitswelt lesen, die kein Draussen mehr kennt (übrigens auch kein Ausserhalb-der-Arbeit-Draussen, da ständig irgendwelche Handys klingeln, dass noch dies oder das erledigt werden müsse, selbst wenn der Job schon gekündigt ist). Die Menschen in diesem Film befinden sich fast nur innerhalb von Gebäuden, innerhalb von Autos, innerhalb von Wohnungen oder Restaurants. Draussen-sein ist nur der flüchtige Transit von einem Punkt zum anderen, dorthin, wo man wieder eine sinnvolle Aufgabe hat. Dazwischen befindet man sich in Autos oder in Bustransfers. Aufatmen kann man nur kurzfristig auf Balkonen (von Gebäuden), was dann gleich als Luxuserfahrung vermittelt wird. Und nicht umsonst lernt die Protagonistin den richtigen Mann für sie dann auch draussen kennen, am Rande eines Parks unter abendlichen Laternen, wo man schon sehen kann, wie milde die Luft ist.

In einer Szene, ganz besonders toll, da stehen sie auf einem Wolkenkratzer auf Hongkong Island (mit ziemlicher Sicherheit ist es das "Highcliff" von Dennis Lau und Ng Chun Man) und sehen auf der einen Seite des Balkons beinahe senkrecht hinab auf die Pferderennbahn von Happy Valley, auf der anderen Seite hinüber von Central über den Victoria Harbour bis nach Kowloon. Stadtarchitektur und Gefühlsarchitektur werden hier kurzgeschlossen in einem Liebesdreieck, das oft auf der Kippe steht. Für wen wird sie sich nur entscheiden? Nun, das kann man recht früh erahnen - zumindest, welcher der beiden der Richtige für sie wäre. Und ein toter Frosch auf dem Bürofußboden deutet da schon sehr stark in die richtige Richtung. Alberner Johnnie To, ja, aber so muss das sein.

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Freitag, 12. Dezember 2014

Ship of Theseus (Anand Gandhi, Indien 2013)


Nicht nur in Toronto, sondern etwa auch in Mumbai oder Rotterdam, wo der Film auf den namhaften Festivals lief, war die Rezeption geradezu enthusiastisch. Ein mutiger Film sei es, von umwerfender Schönheit, der wichtigste Film aus Indien seit langer Zeit. Ein gewichtiger Film, der Fragen nach Identität, Tod, Gemeinschaft und Verantwortung stellt - der Film eines neuen Indiens, das nun auch international mitspielen könne. Ganz so, als hätte es nie ein unabhängiges Kino in Indien gegeben, das bengalische Parallel Cinema und dessen Erben, die Vielfältigkeit der verschiedenen indischen Regionalkinematographien oder als sei der Koloss Bollywood prinzipiell despektierlich. Eines allerdings verströmt Ship of Theseus enorm: den Geruch nach Weltkino, das auf internationalem Festival-Parkett mitspielen möchte.

In der ersten der drei Kurzgeschichten darüber, wie die moderne Transplantationsmedizin das Leben der Menschen grundlegend verändern kann, wird die ungewöhnliche Geschichte einer blinden Photographin (!) erzählt, die nach einer Netzhauttransplantation wieder sehen kann. Daraufhin verändert sich natürlich, nach erster Faszination, aber vor allem der Blick auf die Welt und der künstlerische Zugang zum "Material Welt" - ihr Zugang zur Kunst ist nun ein völlig anderer. Es stellt sich die Frage, ob sie nun noch dieselbe Person ist, wie zuvor, ihre Kunst dieselbe bleiben kann oder sich zwangsläufig verändern muss (ganz abgesehen davon, dass eine Stagnation sowieso nicht erstrebenswert sein kann). Es ist also eine Frage nach der Identität des Menschen, vor allem des künstlerischen Subjekts. Darüber, wie Teile oder Aspekte eines Ichs oder genereller: einer Einheit ausgetauscht oder ersetzt werden wie eben im titelgebenden, philosophischen Paradoxon des Schiffs des Theseus, und was dann mit dieser Einheit passiert. Gefilmt ist das in ausgesucht arthousigen Einstellungen, dicht an der Protagonistin dran, oft auch mit subjektivem Blick, im Gegenlicht, mit lens flares, lichter und leichter in der zweiten Hälfte, mit verschwimmenden Autolichtern in der Nacht im Großstadtdschungel, während die Tonspur runterfährt und sich auf einen inneren Körperton fokussiert, der durch minimalistische Elektronik ausgedrückt wird. Kurzweilig, elegisch, schön, mit schönen Menschen. Ein Film, der allerdings etwas (vielleicht zu sehr) zur Kunst hin drängt, manchesmal manieriert und gewollt wirkt. Für ein Publikum, das sich für Fragen der Ästhetik interessiert.

In der zweiten Geschichte dieses Films geschieht eine genau gegenteilige Bewegung: war diese aufgrund der Blindheit der jungen Frau zunächst bedächtig vorwärtstastend, die dann mit dem Sehenkönnen Geschwindigkeit aufnahm, so ist es hier umgekehrt. Es erfolgt eine zunehmende Entschleunigung, sogar bis hin zum meditativen Stillstand. Der Guru einer Glaubensgemeinschaft setzt sich vor Gericht für härtere Kontrollen bei Tierversuchen und für neue Statute in Medizin und Forschung ein. Jedes Lebewesen habe dieselben Rechte auf ein erfülltes, friedliches Dasein und die Pflicht der Erleuchtung zuzustreben. Er lehnt Tierversuche ab, in der Kosmetikindustrie sowieso, aber auch in der Medizin. Kurz darauf bekommt er die Diagnose einer Leberzirrhose, es ist das Endstadium einer chronischen Leberkrankheit. Der behandelnde Arzt will ihm eine neue Leber transplantieren, was kein Problem sei, doch der Guru lehnt die Operation schon allein deshalb ab, da er keine Medikamente konsumieren wolle, die an Tieren getestet wurden. Sein Schüler wirft ihm Rücksichtslosigkeit vor, sogar Selbstmord auf Zeit. Ein grüblerisches Zwischenstück ist dieses Segment, extrem elegisch, beinahe zum Stillstan kommend, mit einer Kamera, die dem Protagonisten auf Zentimeternähe auf die Haut rückt. Wie durch ein Vergrößerungsglas sieht man da die Poren, und die Versehrungen, die seine Krankheit mit ihm anrichtet. Wie er sich entscheiden wird steht offen, es ist das Karma, mit dem er hadert.

Die eindrücklichste Geschichte ist aber die dritte: ein junger Broker bekommt eine Nierentransplantation und erfährt kurz darauf, dass seine Niere womöglich von einen Organdiebstahl her stammt. Dies bewahrheitet sich später nicht, jedoch sucht er den beraubten Tagelöhner Shankar auf, der sich eigentlich einen Blinddarm hatte herausnehmen lassen müssen und dem nun eine Niere fehlt. Aus Nächstenliebe und Verantwortungsgefühl, auch weil er etwas Gutes tun möchte, verspricht er, sich Shankars Sache anzunehmen und den Käufer der Niere ausfindig zu machen. Der lebt allerdings in Kanada. Als er diesen dennoch aufsucht, begegnet er einem freundlichen aber zerbrechlichen Mann, der viel Geld für das Organ bezahlt hat und der von dem Verbrechen nichts wusste. Und dass Shankar vielleicht sogar viel weniger eine zweite Niere als ein dickes Bündel Geld brauchen könnte, stellt die Welt - hier der Twist der Story - auf den Kopf. Auch in diesem dritten Segment sind es die hervorragenden Schauspieler, die diese (für mein Gefühl) überfrachteten Plots retten können und die mit ihrer völlig authentischen Art den durchstilisierten Bildern zu trotzen wissen. Den Anspruch, reale Geschichten aus dem heutigen Mumbai erzählen zu wollen und zugleich seinen Film in eine derartige Überformung zu treiben, hat für mich nicht funktioniert - wenngleich der Film sicher auf der richtigen Seite ist. Etwas weniger Überbau und eine weniger ausgesucht edle Kameraarbeit wären schonmal ein Anfang für das nächste (hoffentlich weniger überambitionierte) Großwerk. Ein Film wie Lunchbox scheint mir da doch näher an den Menschen zu sein, als dieser zum "künstlerisch Wertvollen" drängende Film.












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