Donnerstag, 21. Juli 2016

Meine Brüder und Schwestern im Norden (Cho Sung-hyung, Deutschland/Nordkorea 2016)



 Ist es nicht furchtbar öde, sich immer wieder in seinen eigenen Vorurteilen bestätigen zu lassen? Und gerade das – übrigens nur scheinbar – hermetisch abgeriegelte Nordkorea ist ein Paradebeispiel für die Mechanismen der westlichen Meinungsmachermaschinerie, die Böseste aller Nationen und das bedrohlichste aller politischen Systeme immer wieder aufs Neue mit denselben Bildern zu skandalisieren und vorzuführen. Militär-Paraden, herausgeputzte Panzer, im Gleichschritt marschierende Soldaten und Soldatinnen, leere Supermarkt-Regale, Hungersnöte, das graue Pjöngjang. Nordkorea – das Land, in dem niemand lächelt. Vor dieser Folie kann man sich selbst ganz wunderbar als Fackelträger der Freiheit inszenieren und, das ist auch klar, da erscheint die eigene korrupte Gesellschaft ganz wie von selbst als das Paradies auf Erden. Der Mensch glaubt eben, was er glauben will. Und sollten es noch so ausgelutschte Klischees und Stereotypen sein. Sollte man ihm diese Freiheit nehmen?

Als Dokumentaristin hat sich die gebürtige Südkoreanerin und deutsche Staatsbürgerin Cho Sung-hyung schon längst einen Namen gemacht: Filme wie Full Metal Village (über das Heavy Metal-Festival in Wacken), 11 Freundinnen („Durch den DFB habe ich gelernt, wie ein totalitäres System funktioniert“) und den sehr humorvoll-zärtlichen Endstation der Sehnsüchte (über ein „deutsches Dorf“ in Südkorea) belegen eindrucksvoll ihr Interesse für gesellschaftliche Mikrokosmen, die sich eher unbemerkt entwickelt haben und die sich an der Peripherie aufhalten. Das Schöne dabei: das Dargestellte steht für sich selbst. Die Regisseurin erhebt sich nicht über die Bilder, stellt nichts aus. Wenn sich etwas entlarvt, dann entlarvt es sich selbst. Sie schreibt einem nicht vor, wie man etwas zu interpretieren hat. Und so wird auch in diesem Film nichts beschönigt oder verdammt. Es wird thematisiert, wie schwierig es war, überhaupt ins Land einzureisen. Es wird immer wieder gezeigt, wie sehr sich die Menschen für ihr Land aufopfern und für ihren Führer Kim Jong Un. Wie sehr sie in Systemen drinstecken, wie etwa die Näherinnen in der Kleiderfabrik in Wonsan. Was für eine große Rolle das Militär in diesem Lande spielt. Aber es wird eben auch gezeigt: fußballspielende Kinder; lachende Schüler; interaktiver Englischunterricht; Bauern, die ihren Strom durch Solarzellen gewinnen; Badegäste in einem Vergnügungspark; gedeckte Tische; Interesse am Ausland; Sonne; Himmel; Farben; idyllische Natur; lachende Menschen beim Selfie-Schießen in schönen Landschaften; der grüne Rasen von Pjöngjang ...

Das vollständige Review weiterlesen bei Hard Sensations.

Michael Schleeh

***

Samstag, 16. Juli 2016

Veteran (Ryoo Seung-wan, Südkorea 2015)


 Wenn man sich auf etwas verlassen kann, dann die Tatsache, dass man, bei eigentlich egal welchem Film aus Südkorea, immer (mehr als) sehr ordentliche production values zu sehen bekommt. Da steckt in jeder Produktion erstaunlich viel Geld drin (vielleicht abgesehen von in Ungnade gefallenen Regisseuren wie KIM Ki-duk, von dessen letztem Film überhaupt niemand mehr spricht) - und ebenso hart ist es, sich auf diesem Markt zu behaupten. Wo sähe man nicht jedes Jahr unzählige neue Talente relativ große Filme machen, die danach völlig von der Bildfläche verschwinden? Und Ryoo Seung-wan gehört definitiv nicht dazu: THE CRYING FIST, CITY OF VIOLENCE, ARAHAN oder THE BERLIN FILE gehören zu seinem Oeuvre und da verwundert es nicht, wenn sein letzter Film VETERAN in Korea an den Kinokassen völlig abgeräumt hat. Es soll der vierterfolgreiche koreanische Film aller Zeiten sein und man sieht schon nach wenigen Minuten, warum das so ist: eine hochoktane Actionkomödie mit beliebten Darstellern, die sich nie zu schade dafür ist, humorig und albern zu sein - und zugleich Vollgas zu geben. 

Es geht um einen superslicken Business-Tycoon, aus einer reichen Familie stammend, der sich wie ein Tyrann gebärdet. Nicht nur im geschäftlichen, sondern auch im privaten Bereich. Seoul gehört ihm, das merkt man schnell. Das Netzwerk, das er aufgebaut hat, ist undurchschaubar und weitverzweigt. Als eine Polizeieinheit einen vermeintlichen Selbstmord eines Lastwagenfahrers untersucht, bemerkt sie, dass da etwas nicht stimmen kann und kommt so nach und nach hinter die illegalen Machenschaften dieses Geschäftemachers. Doch sein Einfluss macht auch vor der Polizeibehörde selbst nicht halt. Einer der Cops lässt sich jedoch nicht einschüchtern - er ist der titelgebende "Veteran", wie er einmal von seinen jüngeren Kollegen bezeichnet wird, und dieser will ihm das Handwerk legen. Ein durch und durch generischer Plot also, hundert mal gesehen und also zunächst wenig erquicklich. Dass sich das bald ändert, liegt einerseits an der klug verschachtelten Struktur des Films, an den eingewobenen Subplots etwa, als auch am spielfreudigen Cast, der hier eine irre überzeugende Arbeit abliefert. Den fahlen Geschmack im Mund wird der Film aber niemals ganz los - er ist eben dann doch nur ein weiterer Polizeifilm unter vielen anderen. Zwar nicht völlig austauschbar, aber es ist wenig Fleisch an ihm dran, das aus der Masse herausstechen würde.

Indes, interessante Frauenrollen sind in diesem Film nicht vorzufinden. Eine der Polizistinnen fällt mehrfach durch ihre rabiate Art auf, und auch durch ihre blitzschnellen Kicks. In zwei, drei Szenen tritt sie Gangstern eindrücklich vors Hirn, viel mehr darf sie aber nicht machen. Andere Frauen existieren in diesem Film eigentlich nicht. Freilich, da gibt es eine Ehfrau, die sich wie eine Ehefrau verhält und Partychicks, die sich wie Koksnutten gebärden. Den Bechdel-Test besteht VETERAN nicht, und so richtig dürfte das niemanden verwundern: in diesem Film sind alle Frauenrollen einfallslose Stereotypisierungen.

Viel mehr gibt es - von meiner Seite aus -  nicht zu sagen zu diesem Blockbuster: er scheint sich und seinem Genre zu genügen. Die Geschichte des Erfolges fortzuschreiben, ohne ihm etwas Neues dabei einzuschreiben. Freilich könnte man die Figuren als Stellvertreter für gewisse gesellschaftliche Mechanismen betrachten, die in der Geschäftswelt überhand genommen haben. Einen zivilisatorischen und gesellschaftskritischen Aspekt will ich ihm nicht absprechen - da wird schon mehrfach die Schere angesprochen, die die wenigen Superreichen und Erfolgreichen vom Rest des Fussvolks trenne. Zugleich sind die Figuren schon richtige Individuen mit einem mehr oder weniger beschränkten Innenleben. Figuren also, die durch ihre individuelle, singuläre Erscheinung zum Erzählgegenstand des Films werden und somit gerade nicht generalisierbar und zu verallgemeinern sind. Meines Erachtens weist der Film nicht über sich hinaus. Er verharrt in dem ihm zugedachten Schutzraum, in dem er sich entfalten kann - und verschafft dem Zuschauer dadurch eventuell ein schönes Kinoerlebnis, aber ganz sicher keine schlaflose Nacht. VETERAN schafft es in keinem Moment, den Zuschauer aufzuwühlen oder zu verunsichern. VETERAN ist purer Mainstream.

Michael Schleeh

***

Mittwoch, 13. Juli 2016

Bajirao Mastani (Sanjay Leela Bhansali, Indien 2015)


Ein Historienepos, angesiedelt im 17. Jahrhundert, ein Kostümfilm, der durch seinen Detailreichtum begeistert und der alles, was da ist, in jedem Moment überhöht: Bajirao Mastani erzählt die unglückliche Liebesgeschichte vom Peshwa und Kriegsherren Bajirao aus dem Marathen-Reich (Ranveer Singh) und seiner zweiten Frau Mastani (Deepika Padukone), die aus religiösen Gründen nicht zueinander finden können. Während in der ersten Filmhälfte der Fokus auf imposanten Schlachten liegt, verlagert sich die Handlung in der zweiten immer mehr in die Innenräume der Festungen und Tempelanlagen – und somit auch in die Innenwelten der Charaktere. Dort dann auch eindrücklichste Song & Dance-Szenen, die sowohl durch ihre visuelle Opulenz als auch durch die tollen Songs zu überzeugen wissen. Aber auch Bajiraos Kriegstanz „Malhari“ im Zelt auf weiter Steppe ist ein grandioser Einblick in die Fähigkeiten dieser Regie und ihrer Akteure. Freilich, es wird alles bis in die Karikatur hinein verzerrt. Man sieht aber direkt, wie dieser Film funktioniert.

Der religiöse Graben, der sich bald als tiefer Riss durch das Glück der Protagonisten zieht – auch, verständlicherweise, verstärkt durch die Eifersucht von Bajiraos erster Frau Kashibai (Priyanka Chopra) - läßt schon früh erahnen, dass diese Heldengeschichte nur mit dem Exil oder dem Tod der Helden enden kann. Zu unvereinbar scheinen die religiösen Positionen zu sein, die um die jeweilige Gewaltenhoheit fürchten. Am Ende ist Bajirao Mastani wohl so etwas wie eine Romeo & Julia-Variation mit Schlachtfeldern und Glaspalästen und Boudoirs, bei der ein familiärer Konflikt auf Nationen und Glaubensgemeinschaften ausgeweitet wurde. Ein hauchdünner Plot, der nicht von den visuellen Reizen des Filmes ablenkt. Mughal-e-Azam, anyone?

Wenn ein Film viele Jahre in der Planung ist und dann immer wieder aus verschiedensten Gründen verschoben wird, dann tut ihm das in der Regel nicht gut. Bajirao Mastani merkt man davon nichts an. Ganz im Gegenteil, alle Energie scheint in die Perfektioniereung der Bilder geflossen zu sein, die zwar – im besten Sinne – Überwältigungskino bieten, aber dennoch nie das Auge für das richtige Maß vermissen lassen. Dass der Film dann doch nicht ganz so hohe emotionale Wellen geschlagen hat, wie zum Beispiel zuletzt der völlig euphorisch gefeierte Baahubali, das könnte zum einen am allzu bekannten Plot, zum anderen an der autoritären Reserviertheit von Ranveer Singhs Filmfigur Bajirao liegen. Diesem Herrscher und Krieger, der selbst ein zerrissener ist, kann man mitunter nur schwer nahe kommen. Viel eher sind es die Frauenrollen, die einen empathischen Zugang ermöglichen. Ein Rest der Distanz aber bleibt. Dennoch: Bajirao Mastani ist ein überwältigendes Meisterstück, dessen größtes Verdienst sicherlich das Einfordern von religiöser Toleranz darstellt, und das dabei spannend ist, unterhaltend und durchkomponiert bis ins letzte funkelnde Filmdetail.

Bajirao Mastani, Indien 2015; Regie: Sanjay Leela Bhansali.

Die DVD ist bei Rapid Eye Movies erschienen und kann mit einem ausgezeichneten Bild glänzen. Und auch die Tonspur ist auffällig brillant. Neben dem Hauptfilm in deutscher Synchro und Original Hindi mit deutscher Untertitelspur finden sich noch vier kleine Schauspielerportraits mit Szenen aus dem Film und Snippets von Interviews. Neben den üblichen Shortcuts zu den Songs im Film ist noch eine Trailershow der jüngsten REM-VÖs vorhanden, die eindrücklich vor Augen führt, wer hier in Deutschland immer noch die Nase vorn hat, wenn es um indisches Mainstream-Kino geht. Eine rundum gelungene Veröffentlichung.


Michael Schleeh


***

Freitag, 8. Juli 2016

Udaan (Vikramaditya Motwane, Indien 2010)

 
In einer industriellen Provinzstadt angesiedelt, bringt Udaan das notwendige Setting mit, um einen "ungeschminkten Blick" auf die nervenaufreibende coming-of-age-Geschichte des 17 Jahre jungen Rohan zu werfen. Einer, der gerne Schriftsteller werden will, dessen Vater aber besser weiß, was gut für ihn ist: nämlich das Ingenieurswesen. Kein Wunder scheitert der schüchterne Schöngeist prompt an der Hochschule und wird dann für kurze Zeit sogar empfänglich für das Laster Alkohol. Als sein jüngerer Bruder vom Vater mit dem Gürtel verdroschen wird und sogar ins Krankenhaus muss, spitzt sich die Lage weiter zu, und lange Arbeitstage in der Fabrik, zu denen er gezwungen wird, machen ihn auch nicht glücklicher. Da kommt ein Anruf seiner besten Kumpels - die haben ein Restaurant in Bombay übernommen und wollen unbedingt, dass sich Rohan ihnen anschließt. Doch kann er sich gegen den dominanten Vater durchsetzen?

Udaan kommt allgemein gut an in der Filmszene, hat er doch alles, um zu begeistern: Einen starken Hang zum Realismus (schmutzige Fabrikschlote, einsame und staubige Straßen, verschwitzte T-Shirts, kein Song & Dance weit und breit); eine bengalisch anmutende Verkannter-Künstler-Thematik; einen prügelnden Patriarchen, dessen Zeit offensichtlich abgelaufen ist; generell schwierige Familienkonstellationen und einen starken Hang zum Arthouse-Kino, das lange Einstellungen liebt und den Film in einen eher schleppenden Rhythmus versetzt. Allein: es ist von allem zu viel. Das sind zu viele Stereotype und Klischees, die sich hier anhäufen, und so wirkt der Film wie entschleunigtes, dabei tatsächlich sehr bemühtes Weltkino, das auf den internationalen Markt zugeschnitten ist. Auch Motwanes ziemlich toller Lootera (Review) spielt ja mit seinem Genre und seinen Klischees, schafft es dabei aber deutlich besser und souveräner, einen eigenen, authentischen Standpunkt zu beziehen. 

Udaan hingegen schwimmt sich niemals frei, man sieht in ihm immer viele andere Filme, die alle schon da waren und gezeigt haben, wie es stilsicherer funktioniert. Die tollen Schauspieler allerdings federn das alles etwas ab, schaffen einen Ausgleich, sodaß der Film von seinen Stereotypen nicht erdrückt wird. Wie auch die reduziert eingesetzte und gerade deswegen effektive Musik. Aber in solchen Momenten, wie ziemlich gegen Ende, als sich Rohan in das Auto seines Vaters setzt - über Fabrikschlote blickend und über sein Leben sinnierend - und dieses dann nicht anspringt, das sind zu schlichte Metaphern, zu einfache Bilder aus dem Baukasten für ein emotional angeschlagenes und aufgebrachtes Subjekt. Freilich war das noch nicht genug, also muss auch noch das Fahrzeug durch Rohan zerstört werden (und eigentlich prügelt er damit auf seinen Vater ein, ein hilfloser Akt der Rache). Also nimmt er eine Eisenstange und zerlegt den Wagen, wie man es aus James Dean-Tagen noch kennt. Erst die Fenster, dann die Frontscheinwerfer, und dann die Seitenspiegel. Am Ende auch noch die Motorhaube. Naja. Auf einer Brücke (!), über einem dreckigen Fluß (!), ach ich höre besser auf. Man sieht, wie konstruiert und überdeutlich das dann doch alles ist, wenn man genauer hinschaut. Letztlich ist der Film eben nicht viel mehr als sehr durchschnittliche Betroffenheitskost. Ein echter Täuscher, der - immerhin - mit einem Bein auf der guten Seite steht.

Michael Schleeh

***

Montag, 4. Juli 2016

Im Strahl der Sonne (Vitaly Mansky, 2016)


Es hätte ein Dokumentarfilm über „das echte Nordkorea“ werden sollen, so Regisseur Vitaly Mansky im Interview. Geworden ist Im Strahl der Sonne dann ein Film über die Selbst-Inszenierung eines Landes, in dem laut Parteiorder immer die Sonne aufgeht. Denn, auch die kleine Sin-mi weiß natürlich, dass dies im Osten geschieht. Und aus diesem Grund beginnt der Film am frühen Morgen in der nagelneuen Luxus-Wohnung des dokumentierten Familienlebens: die Mutter zieht die Vorhänge beiseite und läßt das Licht herein. Auf der schwarzen Leinwand erscheint das erste Filmbild. Die Fiktion beginnt.

Da dem Regisseur alles vorgegeben wird, was und wen und wie er filmen darf, zeichnet Im Stahl der Sonne nun aus, dass Mansky eben den Spieß umdreht und genau jene Inszeniertheit des Dargestellten zum Thema seines Filmes macht – und sie somit entlarvt als das, was sie ist: Schauspiel. Das sind Filmszenen, die er angeblich heimlich außer Landes brachte, um so seinem Film einen neuen roten Faden zu geben. So wird auch während des Films immer wieder vom „Drehbuch“ gesprochen, welches freilich jenes ist, welches sich die Koreaner für den Regisseur ausgedacht haben. Hier Mansky, du drehst das jetzt so und so. Sin-mi frühstückt mit ihren Eltern und sagen nun dies und jenes; Sin-mi kommt zu den Jungpionieren, alle stellen sich folgendermaßen auf; Sin-mi kommt ins Krankenhaus, das Team fährt ins nagelneuste der Stadt; Sin-mi in der Schule, die beste des Landes. Jede Bewegung ist vorgeplant, immer ist eine Begleitung dabei, kein Schritt kann alleine gemacht werden. Mansky findet dafür die entsprechenden Bilder zwischen kommunistischen Bombastbauten und schlechtem Wetter. Was wir lernen: in Nordkorea ist immer noch alles ganz schön grau.

So wie wir das gerne hätten, denn man braucht ja Bestätigung für die eigenen Vorurteile. Andere Filme sind da allerdings heute schon weiter, seit es seit ein paar Jahren wieder eine neue kleine Welle an Filmen gibt, die sich auf Nordkorea fokussieren. Auch auf der Berlinale liefen zwei. Bei netflix läuft momentan The Propaganda Game. Ein Film, der deutlich mehr Lust hat auf eine augenzwinkernde Darstellung, und der sich zu zeigen getraut, dass auch in Nordkorea mitunter tatsächlich mal die Sonne scheint. Und nicht alle Regale im Supermarkt immer leer sind. Es ist ein Kreuz mit den Schablonen, und Mansky bedient sie scheinbar nur allzu gerne.

So ist Im Strahl der Sonne vor allem ein Film über die Inszenierung von Bildern geworden, die als authentisch gelten sollen. Alles was man sieht, sieht man als Produkt einer fiktiven Gegenwart, die mit einer tatsächlichen Realität nichts zu tun haben. So Mansky. Woher sich Mansky da immer so sicher ist, das ist das Rätsel dieses Films: da er die andere Seite ja nicht kennen kann. Das Land ist also einmal mehr schuldig aufgrund Verdachts. Das sind für meinen Geschmack ein paar Abkürzungen zuviel im Jahre 2016. Dass dem Film dann kritikerseits die üblichen, erwartbaren – und gerne auch überheblichen – Schlagworte und Worthülsen an den Hals gedichtet werden, ist ebenfalls wenig verwunderlich: er sei „ein entlarvendes Dokument“, eine „Realsatire aus dem Rotgardisten-Stadl“, das „Dokument einer schamlosen Inszenierung“ und das „Bloßlegen der Mechanismen einer erschreckenden Diktatur“. Nun, um es kurz zu machen: das alles ist und macht der Film nur bedingt. Denn mit Skandalisierungen hält sich Mansky zurück. Aber man kann sich solche Sätze erlauben, da man meint, die moralische Hoheit zu besitzen. Und es alle sowieso gerne glauben wollen (ganz ähnlich wie die Smog-Bilder aus Peking). Schade, denn der Film ist tatsächlich sehr sehenswert. Als Zeugnis eines traurigen Kindes, das nicht sein eigenes Leben leben darf. Das viel zu sehr nach fremder Nase tanzen muss. Als Mensch in einer Maschine. Der Rest ist: Fiktion.

Michael Schleeh

Dieses Review ist zuerst bei Hard Sensations erschienen.

***

Montag, 27. Juni 2016

India x 5 - Of Kites, Pigs, Thieves, Dysfunctional Families and Chess Players

~ by Arsaib Gilbert 

(Arsaib Gilbert is a film critic contributing to Yam-Magazine and filmlefou.com. He lives in New York.)


 

Patang (Prashant Bhargava, 2011)

An impressionistic collage of visions and emotions, Patang (The Kite), similar to the city symphony films of the silent era, employs a lyrical, quasi-documentary approach in its portrait of daily life within a metropolis while capturing the pulse of the setting through its fractured visual and montage techniques.
Loosely structured around a Delhi-based businessman's long-delayed visit back home to his family in old Ahmadabad, the film is appropriately set during the city's annual kite festival, herein symbolizing the precarious, indeterminate nature of life and relationships.

Debutant feature director Prashant Bhargava, a Chicago-born multimedia artist of Indian descent who passed away in 2015 at the young age of 42, seldom veers toward the indulgent as he strikingly forges his fragmented aesthetics from the bustling chaos of the surroundings.

To his credit, he doesn't overlook the fleeting gestures and expressions of his talented cast—including the great Nawazuddin Siddiqui, appearing in his first prominent film role.




Fandry (Nagraj Manjule, 2013)

For much of the first three-quarters of its duration, Fandry ("Pig"), a Marathi-language Indian film about caste-based discrimination, behaves in a surprisingly polite, restrained, even tasteful, manner. Framed as a chaste, unrequited love story between a dark-skinned lower-caste Dalit teen and a lighter-skinned upper-caste girl from the same rural school, it exhibits many of the trademarks of middlebrow arthouse cinema through its tone, pacing, visual-style, use of symbolism.

And then what turns out to be the final sequence begins, taking up nearly 25-minutes out of the film’s 100-minute running-time, in which, as per orders, the boy and his family relentlessly chase a wild pig through the village, with the boy initially doing everything he can to avoid being seen by his beloved. It is a remarkable episode, a film in and of itself, that boldly embodies the social, political and emotional implications of discrimination, and it does not let the audience off the hook of its own responsibilities.

Written and directed by Nagraj Manjule (b. 1977), a Dalit himself, this Indian National Award winner for Best Debut feature, much like its protagonist, ultimately proves to be a simmering volcano of grief and rage.




Kapoor & Sons (Shakun Batra, 2016)

If Karan Johar’s Dharma Productions is emblematic of Bollywood filmmaking, then, despite the worst efforts of house directors Karan and Punit Malhotra, it is finally coming of age. Although the company's two offbeat collaborations with Anurag Kashyap’s Phantom were neither artistically nor commercially successful, credit goes to Johar for putting his weight behind a film such as The Lunchbox (2013), and now producing one that, at least in the Bollywood context, feels as fresh as the morning dew.

Shakun Batra’s second feature, Kapoor & Sons (Since 1921) — lamentably, I haven’t seen his 2012 debut, which also involved Dharma — may partly owe its dysfunctional family template, not to mention its fluid camerawork and editing, to American independents of the recent past, but it’s sharper, more affecting, has a better sense of tone and rhythm than most such films I’ve seen lately.

Beautifully performed by its ensemble cast, this engrossing and bittersweet effort joins a small group of new mainstream movies — Shuddh Desi Romance (2013), Haider (2014), NH10 (2015), Dil Dhadakne Do (2015), Tamasha (2015), to name a few — attempting to push Bollywood in new directions.




Visaranai (Vetrimaran, 2016)

The first Tamil-language film to ever compete at the Venice International Film Festival, where it had its world premiere in 2015 in the Orizzonti sidebar, Interrogation (Visaranai) is the most visceral and multilayered portrait of police corruption and brutality I’ve seen since Pablo Trapero’s El bonaerense (2002).

Directed with blunt conviction by Vetrimaaran, a relative newcomer who made his feature debut in 2007, this true-life story deals primarily with the nightmarish predicament of four young migrant workers from the Indian state of Tamil Nadu.

Although at times excessively violent, the otherwise admirably single-minded first half meticulously depicts the savagery the quartet suffer at the hands of an indifferent and racist group of cops hell-bent on extracting a false confession about a high-profile robbery in Guntur, Andhra Pradesh, the evidently more prosperous neighboring state where they’ve come to work.

Any moments of kindness experienced by the victims make the cruelty that much more acute, and vice versa. The setting shifts to another police station in the second half, this time in their home state, where the helpless unwittingly end up becoming pawns in a larger, and more vicious, game of power and authority.

Similar to the Trapero film, this raw, gripping, unnerving piece of work ultimately reveals many of its characters as byproducts of a cancerous system that doesn't think twice about eating its own.



The Chess Players (Satyajit Ray, 1977)

The Chess Players (Shatranj Ke Khilari) is perhaps the most prominent example of Satyajit Ray’s more measured and objective approach to political subject matter. This is in stark contrast to the related work of many of Ray’s regional Indian counterparts who, especially during the late sixties and seventies, were often radical and confrontational in their methods. Ray, in this particular case, even has trouble mustering up much anger toward either Wajid Ali Shah (Amjad Khan), the tenth and last Nawab of Awadh who evidently spent more time pursuing sensual pleasures than attending to state matters, or James Outram (an excellent Richard Attenborough), the manipulative, culturally insensitive British General attempting to annex Awadh without any bloodshed on what turned out to be the eve of the Indian Rebellion of 1857. If anything, Ray is sympathetic to Shah due to his patronization of the arts (the character faintly echoes the protagonist of Ray’s 1958 The Music Room).

It’s worth noting that Ray expanded both of these characters considerably from the source, Munshi Premchand’s short story of the same name, which focused almost entirely on the titular chess players (Saeed Jaffrey and popular star Sanjeev Kumar). Thanks to Ray’s deft use of the game as a metaphor for larger political machinations, this thread involving a pair of apathetic, chess-obsessed noblemen more concerned about locating the right place to indulge in their passion than any personal or political upheavals is seamlessly integrated with the other. Their largely irrelevant and frivolous banter helps carry the gently satiric tone of the film set by the prologue in which Ray inventively employs a number of visual forms to offer a brief history of the place.

The Chess Players was the most expensive film Ray ever made (despite the detailed and lavish sets the film doesn’t turn into a “costume drama”), not to mention his only feature not in his native language of Bengali. It features a wonderful cameo by then-newcomer Shabana Azmi as the neglected wife of one of the nobles.

***

Freitag, 24. Juni 2016

Tamasha - Der Zauber in Dir (Imtiaz Ali, Indien 2015)

 

Warum immer dieselbe Geschichte erzählen? So steht es auf dem indischen Filmplakat dieser Romanze von Imtiaz Ali, und das gibt schon sehr schön vor, wohin es in Tamasha geht. Denn die Tagline ist zudem durchaus auf einer Meta-Ebene zu verstehen. Der Film erzählt eine Liebesgeschichte, so wie wir sie kennen und hunderte Male bereits gesehen haben – aber neu, er bricht sie auf, wiederum durch eine Geschichte, die -als fake- die eigentliche wahre Geschichte des Geschichtenerzählers ans Tageslicht bringt. Aber um weniger theoretisch zu bleiben: zwei Menschen begegnen sich auf Korsika – und aus einer Laune heraus, weil das ja langweilig wäre, beschließen sie, fiktive Biographien anzunehmen und alles zu tun, auf was sie Lust und Laune haben. Es soll auch ausdrücklich viel geschwindelt werden. Nur: die wirklichen Namen und die Biographie bleiben unbekannt, und das ist dann so wie beim Karneval: „was in Korsika geschieht, das bleibt in Korsika.“ Augenzwinkern. Ved, gespielt von Ranbir Kapoor, wird beispielsweise zu "Don", dem fiktiven, mega-coolen indischen Geheimagenten, dem Shah Rukh Khan in bereits drei Sequels ein Gesicht gegeben und ins kollektive indische Bewußtsein gehievt hat. Sie (als Tara, gespielt von Deepika Padukone) wird zu Mata Hari – und was soll man sagen: sie fühlen sich befreit von allem Ballast, den das konventionell-gesellschaftliche Dasein einem auferlegt. Mit allen überflüssigen Sprachhülsen und Abläufen. Sie verbringen glückliche (und auch hemmungslose) Tage miteinander, und als Tara ihren Pass wiederbekommt – sie hatte ihre „Identität“ sprichwörtlich verloren – reist sie wieder nach Kalkutta und zurück in ihr altes Leben. Allein, sie kann sich mit ihrem Dasein als Businesswoman nicht mehr anfreunden. Ved geht ihr nicht mehr aus dem Kopf, und also beschließt sie, ihn in Delhi aufzuspüren.

Imtiaz Ali hat nun nach einigen Liebesfilmen (z.B. auch in unseren Breiten bekannt: Jab We Met (2007)) gezeigt, dass er zu ungewöhnlichen Ausflügen bereit ist. Denn seine Filme haben immer etwas Ungewöhnliches, Brüche und neue Ansätze, die man mit klassischem Romantikkino aus Bollywood nicht unbedingt assoziieren würde. Oder man denke nur an den aus jedem Ruder laufenden Rockstar von 2011. Besonders augenfällig dann im gedämpfteren aber wirklich großartigen, verstörend schönen Entführungsdrama Highway (2014), der auch auf der Berlinale lief und international breite Anerkennung

Auch Tamasha beginnt bereits radikal: auf einer Theaterbühne wird ein futuristisch-retro-dilettantes Theaterstück aufgeführt, bei dem uns ein roboterhafter Pappmaché-Ranbir erzählt, dass das Leben ganz allgemein aus ausgelutschten Routinen besteht und wir alle zu Erfüllungsmaschinen einer entmenschlichten Gesellschaft geworden seien. Also wolle man das Leben einmal anders betrachten: was wäre, wenn die ganze Welt eine Bühne wäre, auf der sich alles abspielen könnte, nach dem sich die Menschen sehnen! Und einen Schnitt weiter sind wir bereits in der Jugend des Erzählers Ved angekommen, wo er als Junge zu einem Einsiedler hinauswandert, der ihm für kleines Geld immer wieder eine neue Geschichte erzählt. Dieses Geschichtenerzählen, das immer die Chance auf einen neuen Weg, eine (andere) Möglichkeit der geglückten Lebensführung beinhaltet, wird den Jungen niemals loslassen – und viel später dann, wenn er sich für alle verbogen haben wird (besonders für seinen Vater, der ihm stets ein ausgesucht schlechtes Gewissen zu machen versteht), da braucht es eine Mata Hari, die ihm zeigt, dass er mehr ist als nur ein durschnittlicher Typ mit einem durchschnittlichen Job und durchschnittlichen Bedürfnissen. Hier also die Romanze, und der Mechanismus dieses Genres verhindert dann natürlich erst einmal das Zusammenkommen und Glücklichsein der Protagonisten; bevor man über Umwege und Lektionen, die das Leben erteilt, bereit ist, selbst die Dinge in die Hand zu nehmen und aufs gemeinsame Glück zuzumarschieren.

Beinahe überflüssig zu erwähnen, dass Ranbir Kapoor und Deepika Padukone wunderbar zusammen harmonieren, wirklich großartig spielen und auch die Musik von Komponist und Multi-Instrumentalist A. R. Rahman wieder einmal unfassbar toll ist. Er hat schon mit allen Größen zusammen gearbeitet, von Mani Ratnam, über Deepa Mehta und Subhash Gai, Shyam Benegal und Ashutosh Gowariker bis eben hin zu neuen Hoffnungsträgern wie Imtiaz Ali. Dessen Filme, das wird mit jedem neuen Film deutlich, lassen sich nicht so einfach klassifizieren, sie entziehen sich einfachen Schubladen und wagen auch strukturell neue Wege im Hindi-Kino. Alis Helden sind dabei selbst Suchende, Träumer und Wanderer, die ihren Platz in der Gesellschaft nicht gefunden haben und auch den nicht akzeptieren wollen, der ihnen vorgeschrieben wird. Imtiaz Alis Filme sind also sowohl von ihrer Handlung, als auch von ihrer Machart her, Grenzgänger des Mainstream-Kinos, die sich nicht vereinnahmen lassen und ins Neue, Offene und Freie streben. Schön, dass wir der Entwicklung dieses Regisseurs beiwohnen dürfen und herzzerreissend, dass dabei solche Filme wie Highway und Tamasha entstehen.

Zur DVD-Veröffentlichung:

Die DVD ist gerade bei Rapid Eye Movies erschienen und kommt in der Erstauflage mit beidseitigem Poster. Außerdem finden sich neben den Songs noch der Trailer und etwa 25 Minuten Deleted Scenes auf der Disk. Die deutschen Untertitel des Hindi-Original-Tons sind ausgezeichnet. Außerdem liegt der Film in deutscher Synchronisation vor. Eine Blu-ray-VÖ ist ebenfalls im Handel verfügbar. Alles in allem: eine rundum zufriedenstellende Veröffentlichung.



Michael Schleeh

***

Samstag, 18. Juni 2016

Neerja (Ram Madhvani, Indien 2016)


Sonam Kapoor spielt die indische Stewardess Neerja Bhanot, die es mit ihrem heldenhaften Verhalten bei der Flugzeugentführung in Karatchi im September 1986 zu einigem Ruhm gebracht hat, als pakistanische Terroristen den Pan Am Flug Nr. 73 entführten. Obwohl etliche Passagiere ihr Leben verloren, hat sie es mit ihrem mutigen Einsatz geschafft, Hunderten von Menschen das Leben zu retten - nur um dann tragischerweise das eigene zu verlieren. Seither wird Neerja Bhanot wie eine Heilige verehrt und gilt als großes moralisches Vorbild in Indien. NEERJA ist nun die Verfilmung dieser Ereignisse und zugleich - in Ansätzen - ein Biopic über seine Heldin. Und obwohl Sonam Kapoor bislang nicht gerade als Charakterdarstellerin bekannt geworden ist, meistert sie ihre Rolle doch sehr beachtlich. Besonders in den immer wieder eingestreuten Flashbacks, die wirklich großartig in den Film eingepflegt wurden, die den Charakteren den notwendigen Hintergrund geben und sie mit glaubhafter Tiefe ausgestalten, kommt der Zuschauer auch den Figuren emotional näher, als der generische Thriller-Plot zunächst vermuten lassen würde. Da wird auf Neerjas Beziehung zu ihren Eltern eingegangen, zu ihrem Beinahe-Freund, den sie aber immer noch auf Distanz hält, da sie gerade erst aus einer Ehe geflohen ist mit einem Mann, der sie auf verschiedene Arten missbraucht und terrorisiert hat. Dies eine arrangierte Ehe durch ihren Vater, der sich vor Schuldgefühlen windet, als er seine Fehleinschätzung nicht mehr leugnen kann. Großartig auch Shabana Azmi, die Neerjas Mutter spielt, mit einer Souveränität und feinen Grandezza, die aus der Stärke ihres Charakters kommt, und die sie wie von innen zum Leuchten bringt. Ihre ganze schauspielerische Kraft zeigt sich dann spätestens ganz am Ende: da wird es dann auch der letzte Blinde mitbekommen, als sie vor der versammelten Trauergemeinde eine Rede für ihre verstorbene Tochter hält, und die Kamera mehrere Minuten lang ausschließlich sie im Bilde einfängt. Ein großartiger Monolog, fantastisch gespielt.

Weniger gelungen allerdings - neben einigen Momenten der Darstellung der völlig amateurhaft agierenden Polizei- und Sicherheitskräfte, wie auch der Piloten, die die Flucht ergriffen haben (da hat man wohl wieder ein paar Touristen von der Straße weg gecastet), die völlig überfordert und hilflos reagieren - ist die Musik. Häufig dramatisiert sie die Ereignisse etwas zu sehr, vor allem in den Thrillermomenten während der Entführung selbst. In den ruhigen Passagen jedoch wird zumeist der richtige Ton getroffen, zurückhaltend, leicht melodisch oder rhythmisch pulsierend wie ein Herzschlag, der dem Film einen eigenen Bio-Rhythmus zu geben scheint. Die eine oder andere kleine Melodie, die sich auch mal zum Song formen darf (aber kein Song & Dance nirgends, nur einmal ein klein wenig bei einer Party auf einem Kinderspielplatz), setzt sich durch. Insgesamt ist die agile Kamera, die nicht zu verwackelt ist, dicht an den Personen dran, und fängt vor allem in den Stadtbildern und in den Flashbacks äußerst atmosphärische Bilder ein.

Dass man am Anfang schon weiß, wie es am Ende ausgehen wird, tut dem Filmgenuss keinen Abbruch. Mehrere kleinere Detailereignisse überraschen immer wieder den Zuschauer, und die kurzweilige Szenenfolge verleiht dem Film generell ein recht hohes Tempo. Und dann natürlich noch die Ereignisse der Entführung selbst: vier radikale Palästinenser, Mitglieder der terroristischen Organisation Abu Nidal (einer Splittergruppe der PLO), stürmen die Maschine, die in Karatchi zwischengelandet ist, um sie nach Zypern umzuleiten und somit zu entführen. Ziel ist es, verschiedene Kumpane, die in Gefängnissen einsitzen, freizupressen. Dass die Piloten als erste flüchten und das Flugzeug, ihre Crew und ihre Passagiere zurücklassen, ist eine Katastrophe für die Entführer, da sie nun am Boden gefangen sind. Außerdem kann Neerja ihre Pläne durch geschicktes Taktieren immer wieder durchkreuzen und sabotieren. Dadurch gewinnt sie Zeit und kann Konfrontationen hinauszögern, sogar Unfrieden in der Gruppe der Entführer stiften, die keineswegs so homogen und zielstrebig skrupellos ist, wie man das zu Beginn annehmen würde. Eben daraus gewinnt der Film auch einen großen Teil seiner Spannung, wie Neerja es immer wieder gelingt, den Entführern ins Handwerk zu pfuschen. Der Film gerät dann eigentlich zu einem Kammerspiel, das zum Zerreißen gespannt ist. Wie der Sprengstoffgürtel, den die Terroristen an Bord geschmuggelt haben, und all die Waffen, mit denen sie schließlich die Passagiere zu erschießen beginnen, als auch der letzte Funken Geduld aufgebraucht ist. Denn die ganzen Spezialisten, die draußen in sicherem Abstand debattieren und Pressekonferenzen abhalten, sind nicht dazu in der Lage, in dieser Situation souverän zu handeln. Doch das Problem löst sich nicht von alleine. Wie dieser äußerst spannende Film eindrücklich zeigt.

Michael Schleeh

***