Freitag, 14. November 2014

Killers (Kimo Stamboel & Timo Tjahjanto aka. The Mo Brothers, Indonesien/Japan 2013)


Zwei Killer lernen sich im Internet kennen: der eine aus Tokio, der andere aus Jakarta, Lehrer und Schüler, Psychopath versus Restverstand. Während der ehemalige Investmentbanker Shuhei Nomura (Kazuki Kitamura) sein Leben ganz aufs Töten ausgerichtet hat und sein Gemüt dazu in seiner grauen, aus Betonplatten bestehenden Wohnung herunterkühlt, ist sein indonesischer Kollege Bayu Aditya (Oka Antara) ein Journalist, der dem kriminellen Don eines Kartells auf der Spur ist. Seine Methoden des investigativen Journalismus werden jedoch immer rüder und kompromissloser, bis er schließlich selbst körperliche Gewalt anwenden muss, um wieder aus dem Schlamassel heraus zu kommen, in den er sich hineinmanövriert hat. Doch da hat er sprichwörtlich Blut geleckt.

Die Mo Brothers haben einen harten, stylischen Film abgeliefert, der jedoch in seiner Anlage ungut vollgestopft ist mit einer Fülle von Themen und somit stark überkonstruiert ist. Da kann auch die gelungene Tonspur nicht drüber hinwegtäuschen, die öfters mal noisig so richtig aufrauscht, dass es eine Freude ist. Ansonsten regelmäßig prätentiös: viel Bach und Vivaldi, manchmal auch durch den Verzerrer gejagt...


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Montag, 10. November 2014

Songlap (Effendee Mazlan & Fariza Azlina Isahak, Malaysia 2012)


Im Schatten der Hochhaustürme von Kuala Lumpur spielen sich Dinge ab, von denen normalsterbliche Touristen keine Ahnung haben. Zwei Jugendliche, beste Freunde, streunen durch die Straßen, mit geborgtem Geld, das aus kriminellen Quellen kommt, albern herum, nehmen Drogen, schlafen ein in einer Bauruine. Am nächsten Morgen ist einer der beiden tot: Überdosis Heroin. Die beiden Brüder Ad (Syafie Naswip) und Am (Shaheizy Sam) stehen im Mittelpunkt der Geschichte von Songlap: sie haben sich an ein Kartell verdungen, das mit Menschenhandel großes Geld verdient. Einerseits werden Babys an reiche Bildungsbürger verschachert, die keine Kinder bekommen können, andererseits werden die Mütter, die diese ungewollten Kinder loswerden wollen und die sich unter dem Deckmantel einer gemeinnützigen Organisation in deren Obhut begeben, nach der Geburt an andere Menschenhändler aus Thailand weiterverkauft, oder auch direkt an einen örtlichen Bordellbesitzer. Der Plot bekommt dann seinen inneren Konflikt dadurch, dass auf einmal die Schwester des obigen besten Freundes von Am in dieser Welt auftaucht. Auch sie will ihr noch ungeborenes Kind loswerden. Doch Ams schlechtes Gewissen regt sich, und außerdem ist das Mädchen mit ihren Rehaugen nicht nur beschützenswert, sondern auch noch sehr attraktiv. Am lehnt sich gegen das Kartell auf und zieht seinen Bruder Ad mit in einen Strudel aus Gewalt hinein.

Songlap ist ein typischer mixed bag: zum einen macht der Film sehr vieles richtig, etwa die Bilder sind oft großartig, er ist häufig enorm spannend (sprichwörtlich edge of the seat), auf der anderen Seite haben wir es mit einer unguten Überfrachtung an sozialen und gesellschaftskritischen Themen zu tun, die auch noch durch die prekäre Familiengeschichte an Volumen gewinnt. Diese steht auch erstmal im Zentrum des Films, wenn die Welt der zumeist noch jugendlichen Gangster installiert ist: der absente Vater, der Streit der Brüder, die Mutter eine Prostituierte, die ihre Kinder nicht mehr erkennt (Am, der sie beim Herumstreunen zufällig entdeckt, geht irgendwann ständig zu ihr und bezahlt sie dafür, dass er mit ihr reden kann - sie erkennt ihn nicht, er spricht mit ihr, ohne seine Identität zu enthüllen), und auch die Frage, wer der Vater des Kindes von Rehauge ist, zieht natürlich alle Register der allzu erwartbaren familiären, häuslichen Gewalt. Da droht der Film mehrfach in Elendskitsch abzugleiten. Auf der anderen Seite werden diese Aspekte immer durch die Glaubwürdigkeit der wirklich tollen Schauspieler aufgefangen und, ja, auch aufgehoben. Man ist sich ihrer bewusst, ohne dass sie den Filmgenuss völlig verderben könnten. Zumal man ja sowieso immer auf der guten Seite steht, mit dem erwachenden Gewissen Ams.

Songlap ist durch und durch ein Genrefilm und ein Bandenfilm. Mit der Kamera bleibt man stets beim Brüderpaar, dicht an den Figuren, auch an den anderen Gangstern, die hier von herumstreunenden Jugendlichen verkörpert werden. Für die Opfer interessiert er sich nicht. Da ist nichts overstyled, keine coolness, kein larger than life in ästhetischer Hinsicht. T-Shirt und Badeschlappen. Der Film ist naturalistisch und gritty, die Überformungen, die man von koreanischen oder japanischen Produktionen ähnlicher Provenienz her kennt, greifen hier nicht. Viel eher fühlt man sich an das philippinische Kino erinnert, an Serbis von Brillante Mendoza oder vielleicht Kubrador von Jeffrey Jeturian, an Filme aus Südostasien, die um das Authentische ringen. Songlap ist ein Film also, der nicht wirklich geglückt ist, aber dennoch highly watchable bleibt, nicht ins Melodramatische abrutscht und dessen cheesyness erträglich bleibt, weil sie nicht ästhetisch ausgestellt wird, sondern motivisch inhärent ist. Eine Entschlackung des Drehbuchs hätte Songlap aber gut getan.

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Freitag, 7. November 2014

Bullets over Petaling Street (Ho Shih Phin & Sampson Yuen, Malaysia 2014)


Die Kamera senkt sich langsam herab, der establishing shot über einer Villa mit Pool. Luxus, wohin man schaut. Ein Beau in weißem Anzug steigt ins Wasser, und eine Nixe lächelt ihm verführerisch zu. Ein Versprechen auf Sex ist es, wenn sie dann vor ihm hinabtaucht, und sein Grinsen wird breiter. Doch anstatt die Hose zu öffnen, zückt sie einen Revolver und feuert unter Wasser mit eiskalter Entschlossenheit. Schnitt nach dem Overacting. Dankeschön, cut, die Szene ist im Kasten. Was der Zuschauer gesehen hat, war die subjektive Perspektive einer Filmkamera an einem Filmset im Film. Aber eigentlich geht es nicht um Meta-Spielchen, sondern um die Dame selbst: Debbie Goh als Angel / Yu Ping An, die hier die Hauptrolle in einem Erotikkrimi spielt. Ihr Mann ist der Produzent dieses Films, ein rücksichtsloser Godfather von der Petaling Street in Kuala Lumpur (das Chinatown dieser Metropole). Laute Worte, große Gesten, ein Aufschneider im Seidenflanell.

Worum es dann wiederum eigentlich geht: auf ihn wird ein Anschlag verübt, und schwer verwundet und mit blutendem Kratzer am Arm flüchtet er mit allem Geld seiner Triadenbande auf eine Insel (im Handgepäck ebenso: die aktuelle Affäre). Angel stinkt das gewaltig, zumal nun die Finanzierung des Films gefährdet ist. Doch ihr Mann hinterlässt auch ein Machtvakuum. Und es kommt, wie es in solch einer Komödie kommen muss: die Frau muss ran. Erst wird Gangster gespielt, dann muss sie echter Gangster sein. Von der Inszenierung des Lebens zur gelebten Inszenierung, da sie sich erst in die Rolle finden muss. Und sie macht ihre Sache gut im Machtkampf auf eben jener Petaling Street, wo sich die vier größten Triaden bekämpfen, wo einer Bruder Lionhead heißt und ein anderer Bruder Leopard, ein weiterer Kontrahent Bruder Einauge oder so. Und die sympathische Angel sieht nicht nur blendend aus, schnell findet sie die Schwächen ihrer meist recht debilen Gegner heraus und kann mit Intellekt, den albernen Sidekicks und ihren langen Beinen punkten.

Bullets over Petaling Street ist dabei nicht gerade eine cineastische Meisterleistung. Das geringe Budget wird nicht immer unbedingt durch Leidenschaft und Könnerschaft aufgewogen, da fehlt es dem Film an allen Ecken und Enden. Auch die Stilmittel der hysterischen Groteske und der hemmungslosen Blödelei werden sowohl überstrapaziert als auch allzu genrekonform eingesetzt. Wahnwitz macht sich leider niemals breit, und so ist dieser Film vielleicht gut gemeint, aber letztlich doch sehr doof, eigentlich. Es fehlt ihm der Mut. Man stelle sich eine strunzdumme Wong Jing-Komödie aus Hongkong vor, nur ohne Geld. Dann bekommt man Bullets over Petaling Street. Ein wenig schade ist das schon, vor allem weil Debbie Goh tatsächlich ihre Sache - als beinah einzige des Ensembles - gar nicht so schlecht macht. Sie ist übrigens eigentlich von berufswegen Model und war 1999 Miss Malaysia. Sampson Yuen, einer der beiden Regisseure, ist von Haus aus TV-Produzent, und dieser Ho Shih Phin ist bisher auch nicht weiter irgendwie aufgefallen. Der Film ist ihre erste Regieleistung. Nun ja, da ist noch Luft nach oben.

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Mittwoch, 15. Oktober 2014

A Traffic Controller on Crossroads (?, Nordkorea 1986)


Ein wenig berührendes Drama - aber immerhin, ein wenig tut es das schon - um eine Verkehrspolizistin in Pyöngyang, die, neu in ihrem Job, alles ganz genau nimmt. So nimmt sie direkt einen Lastwagenfahrer hoch, der sich durch ungehöriges Schnellfahren bemerkbar macht. Als sie dann aber merkt, dass er der Lieferant für die eigene Waschmaschine ist, die Frau Mutter bestellt hat, überlegt sie, ihn davonkommen zu lassen; weil: schlechtes Gewissen (die Kreuzungen im Filmtitel sind also durchaus auch metaphorisch zu verstehen - Pflicht versus Gewissen, eventuelle romantische Verwicklungen usw.). Da gerät sie aber mit der Vorgesetzten aneinander, die, ebenfalls ein scharfer Hund, vor allem um die Sicherheit auf den Straßen besorgt ist. Da gibt es kein Pardon.

Letztlich ist dies aber ein Film über die Sicherheit auf den Straßen Nordkoreas. Ein Lehrfilm. Etliche Male wird über verschiedene Verstöße debattiert, die entsprechenden Straßenschilder werden sogleich eingeblendet, verschiedene Verkehrsdelikte geahndet, quasi Präzedenzfälle, aber die Damen von der Verkehrspolizei gehen sehr fürsorglich miteinander um. So sollte man das machen, verantwortungsbewußt und generell im Beruf. Auch mit den anderen Verkehrsteilnehmern übrigens, die sie mit sanfter Autorität belehren und zum Besseren bekehren. Einem müden LKW-Fahrer etwa wird ein einstündiger Tiefschlaf befohlen, den er dankend annimmt. Als ein anderer eine Panne hat, organisiert die Polizistin direkt einen Mechaniker. Einem weiteren hilft sie, bei einsetzendem Regen den Transporter abzudecken. Gemeinsam, so lernt man, geht's besser.

Inmitten all dieser netten Absurditäten der kommunistisch-sozialistischen Nächstenliebe findet sich ein Loblied auf die Straße und ihre Ordnungshüter, das sehr beschwingt und hymnisch-propagandistisch das tatkräftige Engagement besingt. Bei Tag und bei Nacht seien sie zur Stelle, bei Sonne und bei Regen, auf ihrer vielgeliebten Straße: "Oh, my lovely dear street!". Es hat etwas von einer Musical-Szene in einem Film der französischen Nouvelle Vague, wie da apart hin und her geschnitten wird:

  

Die Regenschirme von Pyöngyang gehen dann aber doch nicht soweit aus sich heraus, dass sie durcheinanderwirbeln würden. Immerhin wird am Ende die Arbeit der tatkräftigen Damen gewürdigt, und sie bekommen Blumen gereicht - und der Lastwagenfahrer, der gegen alle Regeln verstieß, lächelt nett herüber. Das Gute, das man tut, kommt wieder zu einem zurück. Interessant, dass es einen solchen Film ausgerechnet aus einem Land gibt, wo man eher mit weniger Verkehrsaufkommen rechnen würde. Aber gut. Alles in allem: ein bedenklicher Film, aber schön gemacht mit Einblicken in nordkoreanische Alltagsrealitäten - und dabei unterhaltsamer, als sich das nach meiner Beschreibung vielleicht anhören mag.

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Samstag, 4. Oktober 2014

Ploy (Pen-ek Ratanaruang, Thailand 2007)


Mit europäischem Geld (co-) finanziert und dann die Premiere in Cannes, da kann man schon ahnen, wes Kind Ploy ist. An der einheimischen Kinokasse ist er dann wohl auch ziemlich gefloppt, zu schwer und künstlerisch sei der Film. Und so fügt er sich auch wunderbar ins Oeuvre Ratanaruangs ein: ein traumähnlich langsamer, ruhiger Film, dessen Charaktere tief verunsichert sind. Wenn man, wie ich, zuerst den später produzierten Nymph gesehen hat, dann mutet einem Ploy wie eine Vorstufe zu diesem an. Selbes Thema, auseinanderbrechende Ehe, Krisenauslöser dann eine dritte Person von außen (dort die Waldnymphe, hier die junge Ploy (oben im Bild)), vierter Protagonist das Setting - dort der Wald, hier das Hotel. Der große Unterschied ist sicherlich, dass Ploy noch linearer abläuft, narrativer ist in seinem filmischen Gestus, seine Verstörung noch eher bereit ist, aufzulösen.

Das nicht mehr ganz junge Paar Dang und Wit kommt aus Amerika nach Bangkok geflogen, da Wits Vater verstorben ist. Er hat sie in ein edles Hotel eingebucht, man verbringt den Rest der Nacht im Jetlag-Standby-Modus und den darauf folgenden Tag ebenso. Die schöne Dang, einst erfolgreiche Schauspielerin, scheint mittlerweile kokainabhängig zu sein und auch mit alkoholischen Getränken pflegt sie ein enges Verhältnis. Beide sind in zweiter Ehe und auch hier kriselt es nun überdeutlich, nach acht Jahren Gemeinsamkeit. Sie möchte wieder die Liebe und Leichtigkeit des Anfangs, er kann immer weniger geben, desto mehr sie einfordert. Freilich ist sie selbst dabei nicht weniger egoistisch. Nachts an der Hotelbar nun lernt Wit die junge Ploy kennen, die ebenfalls die Nacht herumbringen muss, und Wit lädt sie dann aufs Zimmer ein, dort könne sie sich etwas ausruhen. Seine Gattin ist wenig erfreut darüber und unterstellt ihm sexuelle Absichten. Daraufhin eskaliert die Situation zusehends.

Parallel wird ein zweiter Handlungsstrang eingeführt mit zwei Hotelangestellten, die sich zu einem Stelldichein auf einem Zimmer treffen und dort der leidenschaftlichen, aber wie meditativen Liebe frönen. Als Gegenentwurf zum asexuellen Eheleben von Dang und Wit wirken diese Szenen unfassbar erotisch und voller Leidenschaft (wenngleich auch etwas offensichtlich und überdeutlich als Gegenentwurf gescriptet). Zugleich ist aber nie ganz klar, ob diese nicht nur von Ploy geträumt werden, bzw. eingebildet sind - später spricht einiges dafür, dass es lediglich Einbildungen waren. Aber auch Dangs plötzliches Verschwinden und ihre mysteriöse Entführung durch einen Vergewaltiger, dessen Opfer sie wird und dem sie kaum entkommen kann, wird an das harsche Aufwachen aus einem Alptraum Wits gekoppelt, sodass auch diese Episode nicht real erscheint. Aber mit letzter Gewissheit lässt sich das nicht sagen, und vermutlich kommt es darauf auch nicht an. Es ist eine Darstellung der Dämonen, von denen die Protagonisten dieses Filmes gejagt werden, die mit sich selbst und mit ihrer Lebenssituation im Unreinen sind. Etwas glatt und wie unberührar ist Ploy geraten, kalt, aber wunderbar eingefangen und mit einer tiefen Melancholie an modernen Transit-Orten festgehalten: am Flughafen, im Taxi, im Hotelzimmer, im Restaurant, an der Bar. Ein schöner Film über den Horror, den sich die Menschen selbst erschaffen.

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Mittwoch, 1. Oktober 2014

Nymph / Nang mai (Pen-ek Ratanaruang, Thailand 2009)


Ein junges Paar aus der Stadt, das sich mit unausgesprochenen Eheproblemen herumschlägt, verbringt einige Tage campend in einem Urwald. Der Ehemann, ein Photograph auf Motivsuche, wird dabei auf den Wanderungen durch den Wald von einem mächtigen und zugleich mysteriösen Baum in den Bann gezogen, der ihn zunehmend stärker fasziniert. Dieser scheint sich auch in Form einer mythologisch aufgeladenen, nackten Frau zu offenbaren, die den Photographen eines Nachts in den Wald hinein lockt, ihm das Bewußtsein raubt um ihn dann auf dem massiven Wurzelwerk am Ufer eines trägen Flusses zu verzehren. Die Ehefrau hingegen, die ihrerseits eine Affäre mit ihrem eleganten Boss führt, fühlt sich nach zweijährigem Seitensprung wieder zu ihrem Gatten hingezogen - nur ist der eben jetzt verschwunden. Sie macht sich nun in den Wald auf, ihn zu suchen, nachdem er ihr zuhause, als Geist möglicherweise, erschienen war. 

Pen-ek Ratanaruang entfernt sich immer weiter vom herkömmlichen Storytelling hin zu  einem Regisseur, der vor allem Stimmungen und seelischen Zustände einfängt. Und das mit ruhiger, gleitender Kamera und starker Unterstützung durch die tolle, suggestive Tonspur. Sehr deutlich wird das direkt am Beginn des Films, wenn die Kamera in einer etwa achtminütigen Sequenz ohne einen einzigen Schnitt durch den Wald gleitet, und irgendwann im Hintergrund, halb verdeckt von den Bäumen, eine Vergewaltigung beobachtet. Da wird sehr schnell deutlich, dass es sich hier mit Nymph nicht um elegisches Genießertum handelt, sondern um ein Grauen, das sich auf mehreren Ebenen abspielt und ins Leben hineinschleicht. In welcher Realitätsebene man sich allerdings gerade befindet, zeigt sich dann oft erst später. Vor allem da man auch keine Hinweise auf eine Verschiebung erhält, keine Marker, die eine Eindeutigkeit vermitteln würden. Alles wird einfach "realistisch" gezeigt, nebeneinander und ohne Hierarchie. Das macht die Orientierung oft nicht ganz leicht, spielt aber auch wiederum keine große Rolle, da man sich sowieso in den Film hineintreiben lassen muss, wie in die Betrachtung eines Gemäldes - das aber jede Kontemplation aufgrund seines Verstörungsfaktors verhindert. Die Wahrnehmung des filmischen Ereignisses an sich übernimmt die Oberhand vor allen kausallogischen Grübeleien. Und das macht auch einen großen Teil der Faszination dieses Filmes aus: diese ständige Verunsicherung auszuhalten.

Nymph ist kein klassischer Horrorfilm, eher eine Reise in eine natur-mythologische Verunsicherung hinein, die schamanistische, indigene Züge trägt. Wollte man einen anderen Filmemacher als Vergleich heranziehen, dann könnte man den Film als einen möglichen Geisterfilm von Apichatpong Weerasethakul bezeichnen (Tropical Malady-style) - was nicht so weit hergeholt ist, wenn man ihren Status als thailändische New-Wave-Regisseure berücksichtigt. Aber auch ohne Kenntnis der thailändischen Mythologie oder des Volksglaubens ermöglicht Nymph einem westlichen Publikum einen einfachen Zugang, so offen und durchlässig wie er sich präsentiert. Man wird von ihm angezogen, affiziert, eingesaugt und fasziniert, ganz genau so, wie es der Hauptfigur im Film widerfährt.








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Mittwoch, 17. September 2014

Into the Faraway Sky / Toku no sora ni kieta (Isao Yukisada, Japan 2007)


Handlungsort: ein Provinznest im ländlichen Japan. Endlose Weizenfelder, sternklare Nächte, die Leute sind hier so (verschroben also), wie sie sind. Der Fluss der modernen Zeiten fließt hier bedeutungslos vorbei. Doch nun soll mitten in diese Idylle hinein ein Flughafen gebaut werden, und da regt sich verständlicherweise erheblicher Widerstand. Ein zwielichtiger Biologe kehrt da extra nach Hause zurück, in sein Heimatdorf, zu seiner Familie, um ihnen unter die Arme zu greifen. Die gemeine Japanische Feldmaus würde durch diesen Betrieb ebenso gestört, wie das ruhige Leben der Menschen in ihrem Winkel. Doch eigentlich geht es vielmehr um eine Lausbubengeschichte, in der sich der örtliche Krawallmacher mit dem (typisch Yukisada) androgyn wirkenden Sohn des Flughafenbeauftragten befreundet, nachdem sie mehrfach aneinandergeraten waren. Fortan haben sie beide immer schmutzige Knie. Erste Liebe, Mädchen, durchgeknallte Zirkusleute russischer Abstammung, hilflose Väter, rabiate Mütter, Sonnenuntergänge, Sternschnuppen. Wir sind hier in einem Land des Fabulierens, in einem Märchenland.

So unzuverlässig wie der Wahrheitsgehat der einzelnen Stränge der Geschichte ist auch der Erzähler, der in der Rahmenhandlung auftritt. Die Heimkehr des Jungen, der den Stewardessen des Flugzeugs auf dem Rollfeld diese Geschichte seiner Jugend erzählt. Auslöser ist keine Madeleine, sondern ein einbetonierter Kinderschuh. Und am Ende fragt er sie augenzwinkernd: na, habt ihr mir das etwa alles geglaubt?

Die Frage stellt sich natürlich auch dem Zuschauer, der dieses sprunghafte Erzählen auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Genres auch ersteinmal als bare Münze nehmen muss. Eine coming-of-age Jugendgeschichte in Verbindung mit einem Ökothriller, der aussieht wie durch die Mühlen von Emir Kusturica gedreht (aber ohne allzu deftig oder gar zu kartoffelig werden, freilich). Das kann in seiner ganzen Länge von 140 kreativ genutzten Minuten schon auch einmal nerven und dann auch ungewollt anöden, wobei das eher die Ausnahme ist. Isao Yukisada (GO, CRYING OUT LOVE, IN THE CENTER OF THE WORLD) ist schon ein Profi des kommerziellen Films geworden, und diese Hügelauf-Hügelab-Geschichte ist letztlich turbulent genug, einen immer bei der Stange zu halten.

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Montag, 8. September 2014

The Viral Factor (Dante Lam, Hongkong/China 2012)


The Viral Factor ist ein überbordender Koloss. In gut zwei Stunden wird hier ein Actionfeuerwerk veranstaltet, das seinesgleichen sucht. Die Setpieces reihen sich dabei jedoch mit einer Regelmäßigkeit aneinander, dass es beinahe schon wieder langweilig wird. Zu allererst wird hier immer wieder verfolgt: zu Fuß, mit dem PKW, dem Kleinlaster, dem Motorrad, und dann, als Höhepunkt: mit Helikoptern durch die Hochhausschluchten Kuala Lumpurs, mit einer Ehrenschleife vor den Petronas Towers. Sightseeing à la Dante Lam. Dann freilich, wird ununterbrochen geschossen. Mit den unterschiedlichsten Feuerwaffen, und Waffennarren dürften hier ihre wahre Freude haben bei diesem "Gunporn". Die Tonspur hyperventiliert dazu. Die Produktion des Films verschlang über 200 Millionen HK$, gedreht wurde hauptsächlich in Malaysia und an einigen weiteren verschiedenen internationalen Schauplätzen, vor allem im Nahen Osten. The Viral Factor ist das Werk eines Big Budget-Regisseurs.

Der Plot ist ebenso aufgeblasen wie die Action, denn es überschneiden sich zwei, drei Handlungsstränge, aus denen man auch eigenständige Filme hätte machen können: die Haupthandlung führt den Helden Jo Man (Jay Chou), Polizist und Mitglied einer Spezialeinheit nach Kuala Lumpur, um den international agierenden Verbrecher Sean Wong (Andy On), sprich: Geschäftsmann, daran zu hindern, die Welt mit einem mutierten Pocken-Virus zu verseuchen. Sean war übrigens früher auch bei Jo Mans Spezialeinheit IDC. Das Antidot dazu bietet er aber ebenfalls an, verfügbar mittlerweile durch den Pharmakonzern eines weiteren Komplizen. Es geht also ums ganz große Geld. Nun ist es aber so, dass der von Jo Mans Mutter im Kindesalter verstoßene Vater samt ältestem Sohn sich ebenfalls ins Malaysia aufhalten, und sich dort als Kleinkriminelle durchschlagen. Bruder Man Yeung (Nicholas Tse) gerät dabei in Querelen mit Sean Wong und wird so in die Sache mit dem Virus hineingezogen. Was folgt: Zwei Brüder auf den gegenüberliegenden Seiten des Gesetzes. Neben dem ganzen Drumherum mit der Action ist der Film eigentlich auch eine Familiengeschichte, bei der die von einander entfremdeten und verfeindeten Parteien wieder zueinander finden. Zu allem Überfluss, und dies nun Story Teil 3, hat Jo Man noch eine Kugel im Kopf stecken von einem Einsatz in Jordanien, die man operativ nicht entfernen konnte. Sie wandert Richtung Hirn, und es ist von Beginn an klar, dass der Protagonist, hier die große HK-Tragik, den Film nicht wird überleben können. Umso stärker allerdings und rücksichtsloser gegen sich selbst wirft er seinen Körper in den Kugelhagel.

Der Körper des Actionhelden beginnt seinen Kampf also bereits mit großen Defiziten und Thanatos sitzt ihm allgegenwärtig auf der Schulter. Für ihn stellt sich letztlich die Frage, ob er seine Ziele in der ihm noch verbleibenden Zeit wird erreichen können, auf ein Wunder in letzter Sekunde mag und kann man hier in dieser zerstörerischen Welt jedoch niemals hoffen. Somit wird der Fokus schon früh auf einen guten Ausgang, ein Happy End, gelenkt, das nur im kollektiven Glück der Familie aufgehen kann, das sich gemeinsam an den Fackelträger erinnert. Und so steht eigentlich zu Beginn schon fest, was dieser rastlos hochdynamische Bewegungsfilm im Kern eigentlich wirklich ist: ein Familienfilm.

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