Mittwoch, 3. Februar 2016

Haider (Vishal Bardwaj, Indien 2014)


Es sind diese schönen Schneebilder, eigentlich auch sehr stürmisch sind sie, die den Film gegen Ende immer noch entrückter, dunkler und beglückender werden lassen. Das Finale dann auf einem Friedhof zwischen Grabsteinen, beinahe wie in einem Italo-Western: überall liegen die Leichen herum, Blut im Schnee. Deckung hinter den Grabsteinen. Angefangen hatte alles viel früher, als die Sonne noch schien - und bevor sich Haider im Wahnsinn verlor (den er nur vorspielt, vielleicht, die Verzweiflung ist aber echt) um seinen Vater zu rächen. Hier in dieser indischen Shakespeare-Adaption ein Arzt, der dem Rebellenkämpfer einer Separatistengruppe eine lebensnotwendige Operation angedeihen lässt, obwohl er sich selbst und seine Familie damit kompromittiert. Und just an diesem Tag fällt die indische Armee ein, in diesem kleinen Dorf in Kaschmir, um es zu durchforsten. Es ist Mitte der 90er, der Höhepunkt des Kaschmir-Konflikts zwischen Indien und Pakistan, der auf dem Rücken der Zivil-Bevölkerung ausgetragen wird. Haider, der Sohn, Student und Dichter, kehrt nach Hause zurück, da nun auch sein Vater zu den verschwundenen Zivilisten gehört. Seine Mutter hat beim nach Macht strebenden Onkel allzu schnell Unterschlupf gefunden, aber das eigene Haus liegt auch in Trümmern. Haider stolpert durch die Ruine, sinnbildlich durch die Überreste seiner Familie.

Shakespeares's Hamlet wurde von Vishal Barwaj und Basharat Peer, einem Journalisten aus Kaschmir, zu einem zeitgenössisch-historischen crime drama geformt, das seinesgleichen sucht. Es ist schon die dritte Adaption von Bardwaj, nach MAQBOOL (Macbeth) UND OMKARA (Othello). Und es ist ein großartiger Film. Hochspannend, toll gefilmt, großartige Musik und mitreißend gespielt. Dabei ist der sehr zurückhaltend agierende Hamlet, Shahid Kapoor, noch nicht einmal die Trumpfkarte. Viel eher noch seine Mutter Ghazala (Gertrud), gespielt von der sagenhaften Tabu, und der aus dem Gefängnis zurückkehrende Geist seines Vaters, hier als weltliche Person manifest, dabei aber dennoch ein teuflischer Einflüsterer und in einem ausgedehnten Cameo: Irrfan Khan als Roohdaar. Die beiden dominieren jede Szene - wenn das nicht sowieso die Action, die Landschaft, oder die Dialoge bereits tun. HAIDER entwickelt sich dann mit laufender Spielzeit immer mehr zu einem Vewirrspiel um Macht, Schuld und Rache, bei dem zwangsläufig früher oder später einige Figuren auf der Strecke bleiben müssen.

Eindrucksvoll dann auch die berühmte Theater-im-Theater-Szene, in der Haider/Hamlet bei der Hochzeit des Onkels mit der Mutter die Intrige dem Publikum als Theaterszene - hier als Song- und Tanznummer (Bismil) - vorführt. Der Familienkonflikt, das Herzstück des Films, in einen schrägen Song mit ungewöhnlichem Rhythmus verpackt, draußen im Schnee, in einer Ruine, aufgeführt mit einer zweigesichtigen Riesenpuppe. Diese soll das wahre Gesicht der teuflischen Verschwörung veranschaulichen und beschuldigt Claudius/Khurram Meer, den eigenen Bruder beiseite geschafft zu haben. Auf die volle Spielfilmlänge von 2.40 Stunden gesehen hat HAIDER dann doch mit ein paar wenigen Unebenheiten zu kämpfen, worauf die recht frühe Intervals-Pause nach bereits einer Stunde hinweist (allerdings ist hier die Welt ja auch aus den Fugen geraten). Im zweiten Teil dann mehr Dialog- und Musikszenen, mehr Charakterentwicklung. Im ersten wird dankenswerterweise recht viel Zeit auf die Erklärung der politische Lage veranschlagt, mit der vielleicht nicht jeder Zuschauer so vertraut ist. Eine sehr gelungene Adaption, wie ich finde, die mit einem stärkeren Hamlet womöglich ein echtes Meisterwerk geworden wäre. Dennoch ein völlig großartiger Film.

Michael Schleeh

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Donnerstag, 28. Januar 2016

The Extreme Sukiyaki (Shiro Maeda, Japan 2013)


Diese post-bubble economy Loser-Ballade ist ziemlich erstaunlich, da es sich bei ihr nicht um eine klassische coming of age story handelt, wie man erwarten könnte, sondern um die Geschichte zweier berufsjugendlicher junger Männer zwischen 30 und 40 Jahren, die mit den Anforderungen des Erwachsenenlebens nicht zurecht kommen (und somit einen Film wie Momoko Andos 0.5mm präludiert). Besonders der zurückhaltende und melancholische Horaguchi (Arata Iura) lässt sich von den Erinnerungen an die längst vergangenen Collegezeiten leiten, und bekommt sein Leben nicht auf die Reihe. Da beschließt er, einfach bei seinem ehemals besten Freund Okawa (Yosuke Kubozuka) vorbei zu gehen, und an die Freundschaft wieder anzuknüpfen. Der hat aber zunächst wenig Interesse daran, fühlt sich überrumpelt, und sowieso bedrängt. Er selbst steckt in einer merkwürdigen Beziehung zu seiner Freundin Kaede, die eher wie eine normale Mitbewohnerin wirkt, und weiß mit seinem Leben nichts anzufangen. Als freeita-Jobber verdient er ein wenig Knete in einem Izakaya-Imbiss - und als ihn die ehemalige Klassenkameradin Kyoko darauf anspricht, das habe er schon zu Studentenzeiten getan, da fühlt er einen gesellschaftlichen Rechtfertigungsdruck auf sich lasten, der auch nicht verfliegt, als er meint, er könne vielleicht bald Manager werden. 

Kurz darauf unternehmen die vier, die eigentlich nichts mehr miteinander zu tun haben, einen Ausflug ans Meer, um Okawas selbstgeschnitzten Bumerang fliegen zu lassen und um gemeinsam das titelgebende Sukiyaki zu essen. Und auf diesem Ausflug, der zu einer weiteren Übernachtung führt, haben sie alle recht viel Spaß. Kurz vor 40 merken sie, dass das Leben bedrückend freudlos geworden ist und sie alle ziemlich einsam sind - und die Gesellschaft der anderen genießen. Einen Gefühlsausbruch à la amerikanischem Vorbild darf man hier aber nicht erwarten, wir sind schließlich in Japan. Nur am Abend, nach einem Bad und etlichen Flaschen Sake, lockert sich die Stimmung und kurz ist so etwas wie Euphorie bemerkbar. Die Beziehungsverhältnisse bleiben aber undefiniert: am nächsten Morgen geht es zwar bestärkt weiter, aber hier ist niemand niemandes bester Freund. Auch wenn sich neue Möglichkeiten eröffnet haben, so sind die Bindungen, die einmal bestanden haben, nicht mehr gültig. Ob sich etwas Neues, ähnlich Starkes auftut wie damals, ist unklar. Und außer Horaguchi verspürt das vielleicht auch keiner so notwendig. 

The Extreme Sukiyaki ist eine zurückhaltend erzählte low key-Loser-Komödie, die im Alltag beginnt und nach einer kurzen Eruption wieder im Alltag endet. Dass die Frustrationen gravierende Folgen haben können, markiert die recht schockierende Rahmenhandlung (aber auch die ist ganz unspektakulär inszeniert), die sich immer wieder als Binnenerzählung in die Geschichte hinein drängt. Was das genau ist, soll hier nicht gespoilert werden, es ist aber Trigger und movens des Plots zugleich und grundiert den Film mit einer Ernsthaftigkeit, die ihm die nötige Reibung an der Gesellschaftsnorm, letztlich das nötige Gewicht verleiht, um keine belanglose Erzählung zu werden. Der Film hatte im November 2013 einen Kinostart in Japan und lief ansonsten nur noch beim Japan Cuts Festival 2014 in New York, das von der Japan Society organisiert wird und vor allem zeitgenössisches japanisches Kino zeigt. Auf DVD ist er lediglich als Japan-Import (ohne englische Untertitel) verfügbar.

Michael Schleeh

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Montag, 25. Januar 2016

Manjhi - The Mountain Man (Ketan Mehta, Indien 2015)


Indisches Biopic über den als Mountain Breaker bekannt gewordenen Dashrath Manjhi, einen verarmten Provinzburschen aus Bihar, einem Landstrich, der zu den ärmsten in Indien gezählt wird, und der es sich zur irren Lebensaufgabe gemacht hat, aus eigener Kraft einen Weg durch einen Berg zu schlagen. Mit dem Ziel, sein einsam und abseits gelegenes Dorf schneller an die Zivilisation anzubinden, auf direktem Wege, über einen Pass, mitten durch das Massiv hindurch. Wille und Hingabe zu einem scheinbar unmachbaren Projekt stehen also im Zentrum dieses moralinsauren Films, bei dem sich die Zuschauer fragen (sollen), woher der Mann nur die innere Kraft für seine Aufgabe nimmt - und die kommt freilich aus dem Quell der Liebe. Seine junge Frau (Radhika Apte), die ihm früh vom Tode geraubt wurde als sie am Berg einen Abhang hinabstürzte, hatte ihm noch zwei Kinder geschenkt. Doch um die kann er sich nicht kümmern, das macht die Familie. Dashrath (fulminant gespielt von Nawazuddin Siddiqui) wandert jeden Tag hinaus und hinauf in die einsame Bergwelt, gerüstet mit einem schweren Hammer und klopft Steine. Die Ausdauer für dieses Unterfangen stammt, wie gesagt, aus der Sehnsucht nach seiner Frau, die ihm vor dem inneren Auge aus dem Jenseits erscheint - und so führt er das fort, was er schon immer am besten konnte: sich bedingungslos für eine Sache einsetzen, die er sich in den Kopf gesetzt hat.

Das hat einen tieferen Hintergrund, denn auf diese Weise ehrt er zugleich die Liebe zu seiner Frau. Eine Ehe, die er nur gegen enorme Widerstände der Elterngeneration durchsetzen konnte, indem er seine Geliebte in letzter Sekunde entführte, bevor ihr dominanter Vater sie an einen reichen Mann aus der Stadt verheiraten konnte. Auch vom wohl genährten Vorsteher des Dorfes lässt er sich nichts sagen, auch wenn er selbst aus der niedrigsten Kaste der Unberührbaren stammt. Als das Gesetz Ende der 60er Jahre aufgehoben wurde, dass jeder Körperkontakt mit den Zugehörigen dieser  Kaste verboten sei, wird das natürlich euphorisch gefeiert - aber nicht von allen. Die arrogante, höher stehende Elite fürchtet um ihren angeborenen, sozialökonomischen Vorsprung und unterdrückt weiterhin - zu Not: gewalttätig - die verarmten Bauern. Dashrath ist einer der wenigen, die sich das nicht gefallen lassen. Politik und Gesellschaftskritik sind unübersehbar in den Plot dieses Films hineingewoben, wodurch er sehr speziell, historisch eindeutig und begrenzt, durch den moralischen Aspekt aber zugleich überindividuell und zeitlos wird.

Gefilmt ist MANJHI vor allem in erdigen Brauntönen, Sand, Steine, gleißendes Sonnenlicht. Genug Wasser zu haben stellt für alle das Hauptproblem dar, vor allem für die Bauern. Als die Dürre zu schlimm wird, verlassen viele Haus und Hof. Dashrath aber bleibt, arbeitet bis zur Erschöpfung an seinem Projekt und verendet fast wie ein Tier, weil er zu rücksichtslos gegen sich selbst ist. Ein Mann, der sich in seine Vision verrennt, und dabei verschwimmt immer mehr die Grenze zwischen Hingabe und Wahnsinn. 22 Jahre lang schlägt er diesen Pass aus dem Berg heraus! Der Eremit kann also Wahnsinniger oder Heiliger werden, das ist manchmal nur eine Frage der Perspektive - die Visionen mit biligsten CGI-Mitteln heraufwallen zu lassen, war jedenfalls nicht die beste Entscheidung von Ketan Mehta. Unfreiwillige Komik stellt sich mehrfach ein, wie eine prinzipielle Hinterfragung dieses obskuren Films (Begriffe wie mediocre screenplay und terrible direction liest man recht häufig auf indischen Review-Seiten). Es ist vielleicht dann doch von allem ein bisschen zuviel - abgesehen vom guten Geschmack.

Michael Schleeh

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Freitag, 22. Januar 2016

Assassination Classroom (Eiichiro Hasumi, Japan 2015)


Man kann Assassination Classroom jedenfalls nicht vorwerfen, es würde nichts passieren! Nach der Sichtung fühlte ich mich wie nach einem Schleudergang in der Waschmaschine. Es ist einfach irre viel und irre schnell, was und wieviel hier passiert. Und geredet wird auch permanent, man kommt also mit dem Untertitellesen kaum nach. Ein Film für eine junge Manga-Generation, die ihren gelben außerirdischen Smiley-Helden auch in der Live-Action-Filmversion erleben will. Und ein Erlebnis ist es definitiv. Leider ist das alles auch ein bisschen Fast Food-Kino: Ist geil und haut gut rein, der Nährwert hält sich aber in Grenzen. Da ist der Film ganz ähnlich wie die Gantz- oder die Death Note-Reihe, dabei ohne ganz so sympathisch zu werden, wie die letztgenannte. Sehr gut gemacht, viel Aufwand, viel Worldbuilding, viel Technik. Und total konstruiert, zweiter Teil schon längst geplant. Keiner bekommt Zeit zum Atmen. Der Film rückt einem unheimlich dicht auf die Pelle, man fühlt sich in ein System gepresst.

Die Aliens haben ein Stück aus dem Mond herausgebissen (deswegen der Halbmond) und rasen auf die Erde zu. In ein paar Wochen werden sie auch diese zerstören, wenn nicht die in Ungnade gefallenen Schüler eines Elitegymnasiums, die Schüler der Klasse E-3, es in der Zwischenzeit schaffen, dem Alien das Handwerk zu legen. Also: ihn zu töten. Ausbildung zum Assassinen. Das Problem dabei: das gelbe Ding ist extrem flink (Mach 20), intelligent, und abgeschlagene gelbe Tentakel wachsen sehr schnell nach. Außerdem kann es seinen Körper transformieren und sich in neue Formen verwandeln, wodurch es quasi unmöglich ist, es einzufangen. Plötzlich stellt sich aber heraus, dass es auch ein ziemlich guter Lehrer ist, und je besser die kleinen Killer werden, desto weniger wollen sie es tatsächlich umbringen. Sie geben ihm auch einen Namen: er ist der Koro-sensei, der tödliche, grausame Lehrer. Doch eine Wahl haben sie wohl nicht.




Die Schüler der "Kunugigaoka Junior High School" setzen also erstmal alles daran, sich für den Kampf fit zu machen. Dabei kommt es freilich auch zu Konflikten, Mobbing, Liebeleien. Es gibt Unterstützung von einer blonden Profikillerin mit großer Oberweite und langen Beinen, und auch eine neue Schülerin in Form eines Roboters tritt auf den Plan. Aus ihren Armen wachsen Schnellfeuergewehre, die einem John Rambo gut stehen würden - und die man sich auch in einem Takashi Miike-Film vorstellen könnte. Es wird also geballert und gefightet, was das Zeug hält. Leider dann auch so viel, dass sich Ermüdung und Ödnis einstellt. Der Film wird irgendwann sehr episodisch, durchläuft eine Trainingscamp-Etappe, ein nächtliches Stelldichein im Frauenbadehaus, immer wieder neue, kreative Versuche, Korosensei zu töten, und bald treten üble Typen auf den Plan, die immer nur Schreien, herausfordernd Kaugummi kauen und Armeehosen tragen. Das große Problem an der Sache: unter den Schülern bildet sich keine richtige Hauptfigur heraus, die als Sympathieträger gelten könnte. Anders als zum Beispiel im Manga, wo gleich zu Beginn der schüchterne Schüler Nagisa Shiota im Zentrum steht. Der Film fokussiert sich mehr schlecht als recht auf drei bis vier Hauptcharaktere, ohne dass sie durch eine eigene Persönlichkeit wirklich greifbar werden würden. Das ist sehr schade, denn so fehlt die wirkliche Sympathiefigur, die einen auch emotional ins Geschehen hineinziehen würde.

Letztendlich habe ich den wilden Ritt, so anstrengend er war, doch auch sehr genossen: für seine völlig konsequente Durchgedrehtheit, seine Rasanz, seine technische Perfektion und die campigen Mädcheninternatszitate. Ein wenig coming-of-age, ein wenig japanische Provinz, ein wenig katastrophale globale Weltpolitik. Wie menschliche Zuneigung Verbindungen schafft und doch auf ein völlig rücksichtsloses, wenn auch noch so süßes, tödliches Gegenüber trifft. Eine ziemlich unfassbare Manga-Quirkyness ist das, und am Ende gilt eben immer noch: 

KILL YOUR TEACHER!!!

Michael Schleeh

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Donnerstag, 14. Januar 2016

Cemetery of Splendour (Apichatpong Weerasethakul, Thailand/Frankreich/D 2015)


 Es ist eine Art stillgelegtes Fegefeuer, das man in Apichatpong Weerasethakuls jüngstem Film CEMETERY OF SPLENDOUR betritt: zwischen Leben und Tod schwebend, da sie an einer merkwürdigen Erschöpfungskrankheit leiden, vegetieren zehn Soldaten in einem Krankenhauszimmer dahin. Keiner rührt sich, flaches Atmen, ein paar Tropfen Körperflüssigkeit fällt in den Urinbeutel. Die Fenster sind weit geöffnet, in die Natur hinaus geht der beinahe idyllische Blick auf die Vorstadt von Weerasethakuls Heimatstadt Khon Kaen. Doch vor der Tür ist eine Baustelle. Erde wird ausgehoben, umgewälzt. Ist das vielleicht der Friedhof aus dem Titel? Oder doch das Krankenzimmer selbst? Und wo ist die versprochene "Herrlichkeit"?

In diese Zwischenwelt - noch nicht Jenseits, nicht mehr die Welt - fällt dieser Film. Und da verwundert es auch nicht, dass die Mystik Einzug erhält. Die klare Linie zwischen Realität und Fantasie wird unscharf, verliert sich in den Träumen der Patienten, den Erinnerungen, den Vorahnungen, den Toten und den Lebenden. Dies ist nun nichts Neues bei Weerasethakul, man erinnere sich nur an den Cannes-Gewinner UNCLE BOONMEE ERINNERT SICH AN SEINE FRÜHEREN LEBEN, in dem sich die toten Familienangehörigen noch am Essenstisch materialisierten - und nach kurzer Verwunderung der Lebenden als gegebene Realität akzeptiert wurden. Freilich wird das beim thailändischen Arthouse- und Festivalliebling (man schaue sich nur die enorme Anzahl der europäisch-westlichen Produzenten dieses Filmes an) alles wie selbstverständlich erzählt: keine Erklärung oder Einführung, kein erkennbarer Plot, kein Spannungsbogen, keine Musik (und dann irgendwann aber doch schon), manchmal auch keine Credits (oder wie im Falle von BLISSFULLY YOURS urplötzlich nach 45 Minuten Spielzeit): nichts, was man als narratives Erzählkino bezeichnen würde. Dafür kommt der Mann zu sehr vom experimentellen Kunstkino, als dass er gängigen Formeln und Schemata gehorchen würde. Bei Weerasethakul schält sich "die Geschichte" bestenfalls selbst irgendwann für den Zuschauer heraus. Für viele plätschert das vermutlich alles auch einfach nur so dahin. Für andere wiederum öffnen sich die tollsten cineastischen Möglichkeitsräume des zeitgenössischen Kinos. Etwa wenn sich plötzlich zwei bereits seit langem tote, laotische Prinzessinnen in Alltagskleidern vor der Krankenschwester Jenjira materialisieren, und diese die beiden Frauen mit kaum mehr als einem Wimpernzucken als völlig natürliche Erscheinungen behandelt.

Und wenn man genauer aufpasst, dann bemerkt man auch, dass nichts so ist, wie es sonst immer ist. Das Hospital etwa, ist kein richtiges Hospital, sondern war einmal eine Schule. Die Krankenschwester ist nur eine ehrenamtliche Hilfe, die sich immer wieder Rat holt bei einer jungen Frau, die den Kranken als spirituelles Medium dient, um mit ihren Erinnerungen und Toten in Kontakt zu treten - oder auch der Zukunft. Ärzte sieht man fast nie in diesem Film, und einer der Kranken namens Itt steht irgendwann auf und geht mit der Protagonistin Mittagessen. Außerdem wiederholen sich die Motive aus vergangenen Filmen des Regisseurs augenfällig. Neben den oben genannten thematischen Kontinuitäten setzen sich auch kleinere Aspekte fort: die Frau mit dem zu kurzen Bein ("Jenjira", gespielt von Jenjira Pongas Widner) entspricht der Schwester aus UNCLE BOONMEE ERINNERT SICH AN SEINE FRÜHEREN LEBEN, die durch den ganzen Film gehumpelt ist, das Medium Keng (Jarinpattra Rueangram, mit dem schwarzen Pferdeschwanz) entspricht der jungen Geliebten in BLISSFULLY YOURS (mit dem Pferdeschwanz), die am Fluss den schlaffen Penis des burmesischen Freundes streichelte, während das Wasser um sie herum funkelte. In diesem Film schnippt Keng das erigierte Glied eines der Soldaten. Die Frauen, die um ihn herum sitzen, fangen dann an zu kichern. Der unmittelbare Einsatz der Musik, die keinen oder zumindest keinen offensichtlichen Bezug zum Film hat - hier bei einer Fitness-Tanznummer von älteren Herrschaften, wie man es häufig in den südostasiatischen Ländern am frühen Morgen oder späten Abend bestaunen kann. Nur passt die Musik überhaupt nicht zum Rhythmus der Tanzenden. Und als sie vorbei ist, da rollen wenig später die Credits wieder zum banalen Umgebungston. Was wiederum sehr schön ist, da man nun mit den echten, welthaften Geräuschen dieses Landes aus dem Film entlassen wird...
 

Michael Schleeh

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Montag, 11. Januar 2016

5 random Shorts: Shabu-Shabu Spirit ~ Transferring ~ My Father's Truck ~ Revenge ~ Vitthal


Im japanischen Kurzfilm Shabu-Shabu Spirit (2015) von Yuki Saito stellt sich der neue Freund der Tochter des Hauses den zukünftigen Schwiegereltern vor. Aus diesem Anlass gibt es Shabu-Shabu, eine Art Fleisch-Hotpot-Fondue, bei dem man sehr viel falsch machen kann. Entsprechend genau nimmt der Vater den jungen Mann, der eigentlich um die Hand seiner Tochter anhalten will, unter die Lupe. Natürlich vor allem erstmal die Manieren, aber auch, wie dieser das Bier einschenkt, wie er anstößt, wie er sich verbeugt. Wie lange er das Fleisch gart und wie er die Reihenfolge der Speisen wählt. Doch der Begutachtete macht erstmal alles richtig. Bis dann später, als eigentlich schon alles gut gelaufen ist, die Bombe platzt. Ein schöner Twist wartet am Ende, der dem durchaus originell gemachten Film einen knalligen Abschluss verpasst. Nicht dass es das unbedingt gebraucht hätte, denn schon während des Films gibt es Verfremdungseffekte genug: zum Besipiel fällt der Film wiederholt aus seiner Diegese heraus. Wie bei einem Bühnenstück wird für kurze Zeit unterbrochen, der Vater wendet sich zur Seite und direkt ans Publikum, Spot von unten, teuflisch flüsternd: "Nun wollen wir mal sehen, was er alles falsch macht!" Oder plötzlich schauen die Masken an der Wand ganz genau den Jungen an und verdrehen dabei die Augen. Da ändert sich das Licht und der Vater hält einen Vortrag, wie alles in Japan seine richtige Form und Abfolge hat. Das ist in seiner Überdrehtheit manchmal vielleicht etwas penetrant, aber tatsächlich eigentlich auch recht witzig, wie der Vater sich so richtig reinsteigert. Ein wenig hat mich das an Nobuo Mizutas The Apology King erinnert, der 2014 auf der Nippon Connection lief. Shabu-Shabu Spirit jedenfalls ist hier bei youtube zu sehen.

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In Junichi Kanais Kurzfilm Transferring (2012) freundet sich die in ihrer Schulklasse isolierte Yoko mit einer neuen Schülerin an, die aufgrund eines Umzugs frisch in die Klasse kommt. Diese ist aber genauso zurückgezogen - und abweisend - wie Yoko selbst, sodass erst der gemeinsame Nachhauseweg etwas Annäherung bringt. Leider kommt es aber bald zum unvermeidlichen Bruch zwischen den beiden neuen Freundinnen. Aus einem ganz banalen Grund. Der Film ist ein typisch japanischer, stiller In-Mich-Vertreter, der allen Fans von Shunji Iwais Filmen gefallen dürfte. Für den Begriff coming-of-age ist dieser allerdings zu kurz, so richtig kann sich ein Charakter hier nicht weiterentwickeln. Aber es ist eben auch nur eine (1) der Situation im Leben Yokos, mit der sie zurecht kommen muss. Der Film ist von den beiden jungen Frauen sehr überzeugend gespielt, ebenso toll der Nebendarsteller in der Rolle des jungen Lehrers mit Hemd, Krawatte und Adidas-Jacke, der mit einigen Fettnäpfchen-Situationen zurecht kommen muss. Eine schöne Kamera auch. Toller kleiner Film, der hier bei viddsee zu sehen ist.

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Dass das Erwachsenenleben auch sehr unangenehme Seiten hat, muss das Mädchen Vy früh erfahren: weil sie von ihren Klassenkameraden gehänselt wird, zieht sie es vor, bei ihrem Vater einen Tag lang auszuhelfen. Er fährt ein Lastwagen-Taxi im ländlichen Vietnam von Reisfeld zu Reisfeld, und die Tochter muss jetzt das Fahrgeld eintreiben. Dabei wird sie natürlich übers Ohr gehauen und vom Vater ausgeschimpft. Kurz darauf allerdings ertappt sie ihn, wie er an einem krummen Ding beteiligt ist - und erst ihr Leiden an der Welt und um die Kreatur an sich bringt die beiden, Vater und Tochter, auf Augenhöhe wieder zusammen. Mauricio Osaki, der Name lässt auf einen japanischstämmigen Brasilianer tippen, hat in Vietnam den Kurzfilm My Father's Truck (2013) realisiert, einen Film in ausgebleichten, grauen Farben, der ein Vietnam bar jeden Exotismuses zeigt. Hier ist nichts saftig, bunt und üppig, sondern trist, vernebelt und grau. Der Film ist durchweg spannend, manchmal etwas gewollt dicht dran im Bildausschnitt, und überhaupt wirkt das alles, als hätte sich der Regisseur etwas zu sehr am frühen Jia Zhangke orientiert. Da das alles etwas gewollt wirkt, kann einem durchaus auch der pejorative Ausdruck poverty porn in den Sinn kommen, und das liegt schon recht erreichbar im Assoziationsraum. Den Film kann man sich momentan noch bis Ende Dezember bei arte in der Mediathek anschauen, dort heißt er schlicht: Papas Lastwagen.

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Im indonesischen Kurzfilm Merindu Mantan: Revenge von Andri Cung (2012) sucht eine junge Frau Zuflucht bei Schwarzer Magie, um sich an ihrem Boyfriend zu rächen, der mit einer anderen Dame fremdgeht. Dazu schält sie mit ihren ausgenommen schönen Händen bedächtig eine Banane, bevor sie diese mit Nadeln spickt und dann mit einer Schere malträtiert. Das hat natürlich gewisse Auswirkungen auf das nächtliche Liebesleben des Fremdgehers. Und die Magie wirkt, kein Zweifel! Der Film ist sehr geradlinig und hält insgesamt wenig Überraschungen bereit. Slow Motion-Pans, rituelle, rhythmische Musik. Visuell ist das alles, bis auf obige Szene aus der Vogelperspektive, sehr unoriginell erzählt und kann leider wenig "Magisches" für sich verbuchen. Allenfalls die etwaigen Schmerzen des Fremdgehers sind bis zu einem gewissen Level nachfühlbar dargestellt - im Grunde ist dieser Film aber nicht viel mehr als eine sehr simple Idee sehr simpel umgesetzt. Immerhin werden einem die zehn Minuten nicht lang. Diesen Film (hier online bei viddsee)  muss man nicht unbedingt gesehen haben

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Auf der Plattform vimeo kann man sich den indischen (Marathi-) Film Vitthal (2009, dir. Vinoo Choliparambil) ansehen, ein 24minütiger Kurzfilm über einen Jungen vom Lande, der nach dem Tod seines Großvaters einer rituellen Hindu-Tradition folgend sich den Kopf scheren lassen muss. Das findet er gar nicht lustig, weil er schon weiß, dass er von seinem Bruder verlacht und von seinen Schulkameraden gehänselt werden wird. Als Vitthal sich dann schließlich rächt, passiert ein Unglück. Der Film ist sehr routiniert in Szene gesetzt, mit professionellen Bildern, guten Schauspielern und einer geglückten Spannungskurve. Lediglich das Ende kommt etwas abrupt, bleibt aber absichtlich offen. Da hat ein Film immer ein Stein im Brett bei mir, wenn nicht immer alles auserzählt und gedeutet werden muss - und eigentlich ist das schon auch klar, wie es dann weitergehen muss. Vitthal ist ein Film, der auf großen Festivals lief (in Busan zum Beispiel), allein, richtig begeistern konnte er mich nicht. Es fehlt ein bisschen die Dynamik, die Begeisterung, das Leben vielleicht. Man kommt der Figur Vitthals auch nicht so richtig nahe, da man ja weiß, dass diese doofen Haare übermorgen schon wieder nachgewachsen sein werden. Der ganze Film bleibt etwas zu sehr auf Distanz, berührt zu wenig und die ziemlich perfekte Ausführung vergrößert diese Distanz zum Zuschauer sogar noch etwas. Insgesamt aber durchaus anschaubar.

Michael Schleeh

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Montag, 4. Januar 2016

Top Ten & Twenty Listen 2015


Meine Top 20 International:

1. 100 Yen Love (Masaharu Take, 2014)
2. Mad Max: Fury Road (George Miller, 2015)
3. Hill of Freedom (Hong Sang-soo, 2014)
4. Love & Peace (Sion Sono, 2015)
5. Our Little Sister (Hirokazu Kore-eda, 2015)
6. Dil Dhadakne Do (Zoya Akhtar, 2015)
7. 0.5mm (Momoko Ando, 2014)
8. The Look of Silence (Joshua Oppenheimer, 2014)
9. Piku (Shoojit Sircar, 2015)
10. She’s Funny That Way (Peter Bogdanovich, 2014)

11. Blue Ruin (Jeremy Saulnier, 2014)
12. Ryuzo and the Seven Henchmen (Takeshi Kitano, 2015)
13. Ruined Heart: Another Love Story Between A Criminal & A Whore (KHAVN de la Cruz, 2014)
14. When Marnie Was There (Hiromasa Yonebayashi, 2014)
15. Monster Hunt (Raman Hui, 2015)
16. Baahubali: The Beginning (S.S. Rajamouli, 2015)
17. The Assassin (Hou Hsiao-hsien, 2015)
18. Knight of Cups (Terrence Malick, 2015)
19. Blackhat (Michael Mann, 2015)
20. The World of Kanako (Tetsuya Nakashima, 2014)


Meine Top 10 deutsche Kinostarts 2015:

1. Mad Max: Fury Road (George Miller, 2015)
2. Unsere Kleine Schwester (Hirokazu Kore-eda, 2015)
3. The Look of Silence (Joshua Oppenheimer, 2014)
4. She's Funny That Way (Peter Bogdanovich, 2014)
5. Dil Dhadakne Do (Zoya Akhtar, 2015)
6. Ruined Heart: Another Lovestory Between a Criminal & a Whore (KHAVN, 2014)
7. When Marnie Was There (Hiromasa Yonebayashi, 2014)
8. Knight of Cups (Terrence Malick, 2015)
9. Blackhat (Michael Mann, 2015)
10. American Sniper (Clint Eastwood, 2014)


Michael Schleeh

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Sonntag, 3. Januar 2016

That Girl from Nobuhiko Obayashi's TABETA HITO (1963)

Sie ist eine stille, junge Frau, die hier als Kellnerin die vorwiegend männlichen Gäste bedient. Die essen Nudelsuppe, schlingen sie runter wie die Tiere und auf der Tonspur hört man das Schmatzen und Grunzen der offenen Mäuler - so laut muss es in ihren Ohren dröhnen, das Tagein-, Tagaus-Immergleiche, ihr eklig werdender Soundtrack des Alltags. Diese ganzen Männer, die sich kurz den Magen vollfressen, bevor sie wieder verschwinden in ihre wichtigen Büros zu ihren wichtigen Jobs mit ihrer wichtigen Unersetzbarkeit. Sie aber stellt nur die Teller hin. Man schaut kaum hoch, wenn sie bedient. Wer ist sie schon. Sie scheint der Aufmerksamkeit nicht wert zu sein, im busy business life mitten in Tokyo - allenfalls die schrill lachenden Mädchen, die affektiert zu rauchen versuchen als wären die Amerikaner immer noch da im Jazzclub ums Eck, werden von den Sararyman wahrgenommen. Eingeladen, wer weiß, vielleicht für ein schnelles Nümmerchen in einem naheliegenden Love Hotel. Doch ihr ist das alles egal und zuwider zugleich. Bis sie dann schließlich doch umkippt, vor Ohnmacht, vielleicht aus Respekt vor dem eigenen Leben, das hier verschwendet wird. Als sie erwacht, jedoch, befindet sie sich noch tiefer drin in Obayashis surrealem Kurzfilm, da werden Nudeln aus ihrer geöffneten Lende gelöffelt und ein hungriger Mann lebt in ihrem Bauch. Aber hier sehen wir sie noch, wie sie noch ganz aufrecht steht, ein bisschen gelangweilt, auf einem Bein balancierend. Kurz vor dem Entsetzen und dem Dahinsinken, wie ein Filmstar in einem großen Hollywoodfilm. Und am Ende bleibt nichts als leere Melancholie.








Michael Schleeh

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