Direkt zum Hauptbereich

Melancholia (Lav Diaz, Philippinen 2008)

"Why is there so much sadness and too much sorrow in this world? Is happiness just a concept? Is living just a process to measure man's pain? Are we ever going to see each other again? I'm not afraid of death. I'm more afraid that I won't see you again.'"

Diese Worte, die als Motto des ganzen Films gelten können, schreibt Renato auf der panikartigen Flucht in sein Tagebuch, als er am Ende des Films in den Wäldern von Mindoro als linker Aktivist von militärischen Einheiten gejagt wird. Aber zu diesem Zeitpunkt befinden wir uns schon gut 7 Stunden im Film, ganz am Ende dieses langen achtstündigen Filmmonsters. Man sollte am Anfang beginnen...

MELANCHOLIA ist ein Film, in dem schon zu Beginn mehrere Personen absent oder verschwunden sind. Diese werden vermisst, gesucht, betrauert. Der Ort: Sagada, eine kleine Stadt, in der wie zufällig die eben angekommene Prostituierte Alberta (Angeli Bayani) auf den Zuhälter Julian (Perry Dizon) trifft, die bei ihren Stadtdurchschweifungen dann auch der um Almosen bittenden Nonne Rina (Malaya Cruz) begegnet. Julian sucht Kontakt zu ihr, versucht sie in seine Machenschaften einzubinden, man wähnt Gewalt in der Luft. Julian selbst verdient sein Geld mit der Aufführung von Live-Sex-Shows für Touristen, wozu ihm ein lokales Pärchen zur Verfügung steht. Wo der Film hin will, läßt sich selbst nach den ersten beiden Stunden noch überhaupt nicht sagen. Es regnet ständig.

Im zweiten Teil des grob in drei Teile gliederbaren Filmes, befinden wir uns Wochen später in Manila wieder, bei einem Schriftsteller und Filmemacher und einer Schulleiterin. Verblüffenderweise sind diese Figuren dieselben Personen wie eben in Sagada. Man erfährt, dass Julian und Alberta Mitglieder einer linken Terrorzelle sind, die in Sagada mit falschen Identitäten untergetaucht waren - auch um mit dem Verlust ihrer Liebsten zurecht zu kommen (Julian vermisst seine Frau Patricia). Rina aber, die Nonne, ist nun verschwunden. Voller Panik macht sich Alberta auf die Suche nach ihr, Julian will davon erstmal nichts wissen. In einem zweiten Erzählstrang ist Alberta auf der Suche nach ihrer Adotivtochter Hannah, welche von Zuhause weggelaufen ist. Sie verdingt sich mit ein paar anderen Mädchen als Straßenhure. Julian derweil streift durch die Stadt, kommt in einen großen Regen und bricht emotional zusammen, fantastisch gespielt an einem Fluß, unter einer grauen Betonbrücke.

Im dritten Teil des Films befinden wir uns in einem nachgeordneten Prolog, in dem es, wie gesagt, um die Jagd nach den Aktivisten geht. Renato ist Albertas, bisher als verschwunden verstandener, Ehemann.

Zur Ästhetik: Diaz arbeitet mit Digitalkamera, in schwarz/weiß, ohne extradiegatische Filmmusik und mit langen Einstellungen. Mit sehr langen Einstellungen. Die erste des Films dauert gute 8 Minuten, und in der Folge pendelt sich dies zwischen 6 und 12 Minuten ein. Dazu ist die Kamera überwiegend statisch: man erblickt ein Bild, eine Szenerie und wird die nächsten Minuten dort verweilen. Die Schauspieler bertreten die Szene, gehen ab, spielen ohne Schnitt durch.

Die Wirkung auf den Zuschauer ist einzigartig. Hat man die erste Hürde überwunden, dem Film tatsächlich gefühlte Lebenszeit angedeihen zu lassen, geht man völlig in ihm auf. Man saugt die Szenen in sich hinein, sieht sich um, kann sich im Wortsinne "nicht satt sehen". Die anfangs befürchtete Arthousigkeit, von vielen oftmals als ein Synonym für Langeweile gebraucht, stellt sich nicht ein. Läßt man sich auf die Stille des Filmes ein, wird jede Bewegung zu einem Ereignis, jedes Gespräch authentisch, innerhalb der Kontemplation ein jeder Schnitt zur Sensation.

MELANCHOLIA ist also ein Film, in dem es um den Verlust von Menschen geht, um die Suche nach einer Form der persönlichen Vergangenheitsbewältigung. Dies spielt in die politische und soziale Wirklichkeit hinein, in der sich dieselben Personen in ihrer Rolle als Rebellen mit ihrem Märtyrerstatus auseinanderzusetzen haben. Dass der Film noch deutlich mehr Themen anspricht, versteht sich von selbst - ich fühle mich allerdings nicht in der Lage, diese gebündelt und schlüssig zusammenzutragen. MELANCHOLIA war eine mir bislang völlig neue filmische Seh-, und auch Erlebniserfahrung (in der sich Film- und Lebenszeit überschnitten). Was mich selbst etwas verwundert: ich vermisse ihn jetzt schon und würde ihn gerne direkt nochmal anschauen.

Ganz am Ende, in einer Art Epilog, läuft Alberta am nächtlichen Fluss entlang. Man vermutet, sie sei erneut auf der Suche nach Hannah. Doch das ist falsch. Sie fragt die Passanten nach Julian, der nun auch zu den Vermissten gehört. Alle ihr begegnenden Personen scheinen sich in einer Art Trance zu befinden und machen komische Bewegungen. Als sie Julian schließlich findet, verdreckt im Schlamm am Fluss sitzend, behauptet dieser nicht Julian zu sein. Julian sei nun ein Gott geworden, der Gott der Melancholie. Dann geht er davon.

Kommentare

  1. Ich weiß nicht, ob ich mir das Erscheinungsbild dieses Films jetzt richtig vorstellen kann, aber mich hat die Beschreibung etwas an SÁTÁNTANGÓ von Béla Tarr erinnert. Nicht nur, weil dieser auch 7½ Stunden dauert. Kennst Du den zufällig? Wenn nicht, er könnte dir vielleicht gefallen.

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Manfred,

    nein, den Film kenne ich noch nicht! Béla Tarr steht seit Ewigkeiten auf meiner Liste, ich habe aber die Beschäftigung mit seinem Werk immer nochmals rausgeschoben, da es mir, ohne es zu kennen, sehr/zu mächtig daür zu scheint, "einfach" mal einzusteigen. Das soll sich hoffentlich mal ändern.
    Laut 2001 - Kommentar liest sich das ähnlich, das stimmt, jedoch ist in MELANCHOLIA eher Jenine/Alberta die Protagonistin, und nicht der Anführer Julian. Zudem ist dieser Film eben nicht chronologisch (was gemeinerweise im "3. Teil" nicht kommuniziert wird, man muss selber drauf kommen). Der Film läuft, auch wenn er viele Motive, Mythen, Religionsdiskurse usw bündelt, auf einer völlig realistischen-naturalistischen Ebene ab. Erst der Epiliog dann verzerrt dies, es wird aber überhaupt nicht metaphysisch inszeniert, wie sich das bei Tarr nun anhört, oder vielleicht -als Populärbeispiel- bei SERAPHIM FALLS so eindrücklich dargestellt ist.

    Beste Grüße, Micha

    AntwortenLöschen
  3. Deine Ergänzungen haben meinen Verdacht eher noch bestärkt. Auch in SÁTÁNTANGÓ gibt es minutenlange statische Einstellungen, er ist schwarzweiß, und es regnet dauernd. Die Grundstimmung ist trotz der religiösen Untertöne (der falsche Prophet Irimiás soll an den biblischen Jeremias erinnern) eher realistisch. Und die Struktur ist nichtchronologisch und mit mehrfach wechselnder Erzählperspektive. Die 12 Kapitel sind strukturell vom Tango inspiriert ("Sátántangó" heißt "Satanstango"). Während die ersten 6 Kapitel zeitlich insgesamt vorwärtsstreben, kehrt sich dann die Reihenfolge um, und das letzte Kapitel ist wieder mit I nummeriert und trägt den Titel "Der Kreis schließt sich".

    Noch ein Zitat aus einem Artikel über den Film:

    Wie schon die Romanvorlage erzählt er seine Geschichte in mehreren Anläufen und aus jeweils wechselnden Perspektiven. Die einzelnen der zeitlich parallelen, nacheinander geschalteten Stränge überschneiden sich verschiedentlich dergestalt, daß (zeitlich versetzt) ein und dasselbe Ereignis aus unterschiedlichen Wahrnehmungspositionen gezeigt wird. Der Erzählgestus und die bestechende, gleichermaßen nüchtern-präzise wie suggestive Kameraarbeit Gábor Medvigys folgen grundsätzlich dem Pfad des realistischen Kinos, sind aber durchsetzt mit deutlich stilisierenden Momenten und surreal-traumspielartigen Szenen. So lassen sich Einflüsse Jancsós, Tarkowskijs ("Stalker", "Nostalghia"), Bressons und des Experimentalfilms (Warhol, Snow) erkennen. Was "Satanstango" seine unverwechselbare Aura und besondere Kraft verleiht, ist sein Umgang mit der Zeit, sein besonderer Rhythmus von Kontinuität und Diskontinuität: In minutenlangen statischen Einstellungen, bei denen die Bilder wiederholt zum Standbild zu gefrieren scheinen, und in extrem verlangsamten Kamerafahrten im Ereignislosen kommt die Zeit bisweilen förmlich zum Stillstand, so daß ihre Quantifizierung, von der dann gelegentlich noch einsam tickende Wanduhren künden, sinnlos, ja lächerlich erscheint. Dann schaffen plötzlich wieder Zeitsprünge, Szenen- und Perspektivenwechsel Dynamik.
    (Reinhold Zwick: AM ENDE DER HOFFNUNG. "SATANSTANGO" VON BELA TARR (1991-93))

    AntwortenLöschen
  4. Danke, hört sich sehr vielversprechend, aber auch anstrengend an. ;-) Den Film werde ich mir jetzt auf jeden Fall mal deutlicher vornehmen.

    Der Vergleich mit den Regisseuren ist recht faszinierend, und es wundert mich auch nicht, dass da Tarkovskij, Warhol und Snow genannt werden. Bresson allerdings fällt da doch etwas aus der Reihe, meine ich, und ich kann mir nicht so recht vorstellen, wie er da hineinpasst, vor allem zu den "surreal-traumspielartigen Szenen." Nun gut, mein Interesse hast du geweckt! :-)

    AntwortenLöschen
  5. Gibt es Melancholia mittlerweile auf DVD oder hattest du das Glück den Film irgendwo auf einem Festival und oder zu sehen?

    AntwortenLöschen
  6. Hi, den Film gibt es meines Wissens leider nicht auf DVD, so wie das meiste von Lav Diaz. Ich vermute, das wird sich auch nicht mehr ändern, wenn er nicht plötzlich mit einem 3 Stunden-Film auf einem A-Festival den goldenen Pokal verliehen bekommt. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass er selbstgebrannte DVDs von seinen Filmen verschickt, wenn man ihn drauf anspricht. Das könntest du mal versuchen. Ich habe den Film glücklicherweise bei einer Filmreihe in Düsseldorf sehen können. In Berlin lief er aber auch schon. Ansonsten gibt es freilich noch das böse Internet, wo man an alles rankommt. Und bitte, verwende nächstes Mal einen Namen.

    AntwortenLöschen
  7. Die obige Diskussion ist zwar schon ein paar Jahre alt, aber vielleicht liest man meinen Kommentar trotzdem noch. Ich hatte auch einiges über Lav Diaz gelesen und wollte nun unbedingt mal einen Film von ihm sehen, fragte sich nur, wie und wo? Das hiesige Kleinstadtprogrammkino konnte man getrost vergessen, aber auch DVDs waren keine aufzutreiben, noch nicht einmal illegale Downloads im Netz. Irgendwann stiess ich dann auf den Arthouse-Streaming-Dienst Mubi.com, der zur Zeit eine Lav-Diaz-Retrospektive anbietet. Leider muss man sich bei Mubi.com beeilen, da die Filme immer nur jeweils für 30 Tage zur Verfügung stehen. Der erwähnte Melancholia läuft heute aus, 2 weitere sind es bereits. Immerhin sind 2 weitere angekündigt: https://mubi.com/de/specials/lavdiazde
    Nein, ich arbeite nicht bei Mubi.com und möchte auch keine Werbung für den Dienst machen, andererseits scheint mir das für Diaz-Interessierte, abgesehen von Festivals, momentan die einzige Möglichkeit zu sein, seine Filme zu sehen. Davon abgesehen hat Mubi auch andere interessante Filme im Angebot und kostet nicht die Welt. Interessant fand ich übrigens den Hinweis auf SÁTÁNTANGÓ bzw. den Verweis auf den biblischen Jeremias. Das erinnert wiederum an Diaz' Film Heremias, der sich ebenfalls auf die biblische Figur bezieht. Heremias ist leider bereits auf Mubi ausgelaufen. Das war mein erster Diaz-Film - ein ungemein beeindruckender Film!

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

Mad World - Hong Kong's entry for the foreign language Oscar (Wong Chun, 2016)

Wong Chun's debut feature film is not really part of the Hong Kong International Film Festival, but one I did see during my stay here at Mongkok's Broadway Circuit outlet as a regular screening on a sunday morning.

It's a quiet and atmospheric film that is quite beautifully shot and extremely well acted by Eric Tsang (kudos!) and Shawn Yue, his son suffering from bipolar disease. It's a film about fatherhood and responsibilities, about getting old in financially difficult times. They both live in a shared flat with three other parties. No one seems to be able to pay rent anymore in Hong Kong. It's really depressing.

Mad World is definitely worth watching, as it has been screened in Busan and in Toronto. It got mixed reviews overall, but I really don't understand why. There are no loose ends, the plot is fragmented with flashbacks to family history, but that always makes sense and adds to the depth of the characters. I really liked it and recommend…

A Pool without Water / Mizu no nai puuru (Kôji Wakamatsu, 1982)

Überdeutlich ein Film der 80er Jahre: körnige Farbflächen, Neonlicht, Großstadt. Melancholische Synthieflächen zu den Gesichtern von Menschen, die sich in sich selbst zurückgezogen haben. Da ist ein Familienvater, der den Alltag nicht mehr erträgt: er arbeitet bei den Verkehrsbetrieben, steht den ganzen Tag am Eingang zur U-Bahn und muss Fahrscheine entwerten. Auf dem Screenshot oben sieht man seine Hand mit dem Locher, den er in rasender Geschwindigkeit und in panischen Rhythmen zusammenklackert, ein Stakkato zur elegischen Hintergrundmusik. Ein sprechendes Bild ist das: äußerlich scheint er völlig ruhig zu sein und abgetaucht in die Monotonie seiner endlos öden Arbeit - dieses Detail aber offenbart, wie sehr er innerlich aufgeladen ist.
Diese Spannung überträgt sich bald auf die Handlung und findet ein Ventil - mehrfach wird er Zeuge, wie verschiedene Menschen, meist Frauen, Opfer von Rücksichtslosigkeiten, rüpelhaftem Benehmen oder gar körperlicher Gewalt werden. Da ist er dann de…

Nippon Connection 2017: Kohei Taniguchis Independent-Wrestling-Komödie DYNAMITE WOLF (Japan, 2017)

Der kleine Hiroto, oben links außen auf dem Bild, steckt in der Krise: er ist zwar erst in der Grundschule, doch kann er sich partout nicht dafür entscheiden, welchen Freizeit-Kurs er an der Schule belegen soll. Es versucht es mit Fußball, das endet aber dramatisch als Desaster. Da gerät er zufällig in ein Wrestling-Match mit dem berühmten Dynamite Wolf und ist wie elektrisiert: das Spektakel, die Inszenierung, das Toben der Leute vor Begeisterung - ja, da schlägt sein Herz höher und zum ersten Mal lächelt er dann im Film. Seinen Eltern und den Mitschülern erzählt er erstmal nichts von seiner neuen Leidenschaft, ist doch seine einzige Möglichkeit zu trainieren die Bekanntschaft mit einem merkwürdig abgerissenen Gesellen am Flußufer (oben rennend), der mit einer umgebauten Dummy-Sexpuppe als Sparringspartner trainiert. Ob das der richtige Umgang für einen Jungen ist, das darf mit Fug und Recht bezweifelt werden.
 Aber natürlich, so will es das Gesetz des Films: es hätte ihm nichts Be…