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Tokyo Sonata (Kiyoshi Kurosawa, Japan 2008)


Ein Familienvater verliert von einem Tag auf den anderen seinen Job in einer renommierten Agentur und schämt sich zu sehr, es seiner Familie mitzuteilen. Doch schon wenige Tage später hat er begriffen, wie schwer es werden wird, erneut auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Aber auch seine Frau fühlt sich in ihrer Rolle als Hausfrau zunehmend unwohl, der älteste Sohn treibt zwielichtige Geschäfte, der jüngste, Kikuchi, muss in der Schule zurechtkommen und wünscht sich, Klavierunterrricht nehmen zu können. Dies verbietet ihm aber sein Vater. Zusehends zerfallen die Strukturen dieser einst "glücklichen" Familie...

Kiyoshi Kurosawas Anliegen war stets die Darstellung des Hereinbrechens von Katastrophen in den normalen Alltag. Dabei variieren aber seine Sujets und Plots, je nachdem, ob das Phänomen übersinnlicher Natur ist, kriminalistischer, oder wie hier: rein gesellschaftlichen Ursprungs entstammt. Gemein ist ihnen aber eine inhärente Gesellschaftskritik, deren Auswirkungen man am Individuum beabachten kann. So auch in TOKYO SONATA, der eine Familiengeschichte erzählt vor dem Hintergrund eines inhumanen Arbeitsmarkts - eine Geschichte, in der tatsächlich alle festen Koordinaten einer Lebensrealität sukzessive wegbrechen.

TOKYO SONATA ist ein meisterhaft erzählter, souveräner Film, der seine zwei Stunden durchweg spannend ist, elegant photographiert und stark mit den Topographien der Lebenswelten arbeitet (Inszenierung der Räume), der getragen wird von sehr starken Schauspielern und an wenigen Stellen von einer reduzierten, einnehmen Musik unterstützt wird. Das schlußendliche Finale ist enorm rührend und gibt etwas Hoffnung zurück ins völlig verloren geglaubte Dasein. Absolut phantastisch.

Kommentare

  1. Endlich mal wieder ein japanischer Film, von dem ich schon gehört habe - und den ich mir nach deinem Lob auch zulegen werde, wenn er in der Schweiz eine Spur billiger zu haben ist. :)

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  2. Das freut mich - du wirst es nicht bereuen! :)

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  3. @ whoknows: Ich würde zum Release aus der Masters-of-Cinema Reihe raten. Sehr schöne Ausgabe mit einer zusätzlichen Scheibe für Bonusmaterial und umfangreichem Booklet. Oder die Bluray, die im Moment bei Amazon-UK sogar günstiger ist als die DVD-Ausgabe!

    Zum Film:
    Ich war ja etwas enttäuscht, als ich ihn vor 2 Jahren auf der NipponConnection gesehen habe (ausführlich hab ich das in meiner Rezension dargelegt). Hauptsächlich, weil er mir etwas unfertig und unausgegoren erschien, und die verschiedenen Teile einfach nicht richtig zusammenpassen wollten. Die böse Kapitalismuskritik vom Anfang geht irgendwann komplett unter in merkwürdigen Entführungsgeschichten, Geldpaketen in Kaufhaustoiletten und dem Armeeausflug des älteren Sohnes. Und das Finale (das man rührend finden kann, aber auch kitschig) will dazu irgendwie so gar nicht passen.

    Das soll kein Verriss sein, der Film hat sehr starke Momente, tolle Schauspieler und ist großartig fotografiert. Aber dem Urteil "absolut phantastisch" würde ich mich definitiv nicht anschließen wollen.

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  4. Die UK-Bluray habe ich mir auch zugelegt. Das Bild ist recht gut, das Booklet wieder mal sehr dick. Gelesen hab ich es noch nicht.

    Zum Film: deine Einwände kann ich nachvollziehen, würde diese Turbulenzen, die vor allem in der zweiten Filmhälfte auftreten, aber anders bewerten. Habe es z.B. als sehr souverän empfunden, wie Kurosawa so eine humorige, dann auch eine Thrilleratmosphäre einfließen läßt.

    Im übrigen finde ich schon, dass zB das Geldpaket gut zur Kapitalismuskritik passt, denn er behält das Geld ja nicht. Ein Zeichen dafür, dass ein Umdenken eingesetzt hat.

    Die verblendete Aktion des Sohnes, der der Armee beitritt, kann ich nicht so recht nachvollziehen, hier hülfe eine evtl. bessere Kenntnis der realen Ereignisse in der jap. Gesellschaft. Vermutlich hat es diese Solidaritätsbewegung tatsächlich gegeben. Außerdem verweist es ja auch auf die Ziellosigkeit und Entfremdung einer Jugend, die mit den tradierten GEsellschaftskonzepten nichts mehr anfangen kann. Dann geht man halt in die Armee. Auch noch zum Erzfeind!

    Ganz generell schienen mir die ganzen Ereignisse eine Destabilisierung des Familienmodells abzubilden - und so ist ja auch jede der Figuren im Film letztlich ohne Halt. Nur das Kind, vielleicht als Hoffnungsträger, hat einen Ausweg (die Kunst) für sich gefunden. Eine Passion, die stark genug ist, die Familie wieder zusammen zu führen.

    Erste Gedanken.

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  5. @Klaus: Vielen Dank für den Tipp! Das "Geschäft meines Vertrauens" in der Schweiz verlangt für die von dir erwähnte DVD im Moment rund SFr. 36.-, und ich nehme an, der Preis gehe noch runter, wenn sie auf einem Stapel sitzen bleiben. :)

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  6. @Whoknows:
    Englische DVDs sollte man eigentlich auch immer in England kaufen, weil sie da viel billiger sind.

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