Direkt zum Hauptbereich

Hatsukoi Jigokuhen / Nanami: The Inferno of First Love (Susumu Hani, Japan 1968)


Das "Höllenkapiel der ersten Liebe", so eine wörtliche(re) Übersetzung, erzählt auf vertrackt montierte Weise die Geschichte einer Annäherung zweier Menschen, eines Liebespaares: das Nacktmodel Nanami (Kuniko Ishii) trifft sich mit ihrem schüchternen Partner Shun (Akio Takahashi) in einem Liebeshotel. Dieser zieht sich aber unter Vorwänden aus der Affäre und ins Bad zurück. Nach einigem Bedrängen allerdings offenbaren sich bizarre körperliche Vorlieben des jungen Mannes, die Nanami abstoßen. Daraufhin verschieben sie ihr "erstes Mal" auf später - mit dem Ziel, sich zunächst besser kennen zu lernen. In Gesprächen also rücken ihre Biographien ins Zentrum des Films, die von Traumatisierung, Mißbrauch, Gewalt und Ausgrenzung zeugen.


Der Film lief im Mai '68 in Japan an und war einen Monat später bereits auf der Berlinale im Wettbewerb zu sehen. Natürlich gewann dieser Vertreter der japanischen New Wave (produziert von der ATG, Drehbuch: Shuji Terayama, Musik: Toru Takemitsu) keinen der Preise, ist er doch ein bizarrer Mix aus Jugend- und Erotikdrama, aus Exploitationkino mit surrealem Einschlag; er ist anti-linear erzählt, springt also aufgrund der komplexen Erinnerungsstruktur in den Zeitebenen und ist somit zunächst und vor allem: schwer zu verstehen. Der gesamte Handlungszusammenhang klärt sich erst mit zunehmender Laufzeit und dürfte so manchen Berlinalebesucher bis dahin bereits schwer verstört haben.

Allem voran ist der Film ein vibrierendes Portrait des Erwachens einer bereits erwachsenen Sexualität, die zunächst vor allem durch Unsicherheit geprägt ist. Hanis Herkunft aus dem Dokumentarfilmbereich zeigt sich immer wieder in seinen rauhen, direkten Bildern, die auf ganz unästhetisierte Weise ins Künstlerische umschlagen, da sie mit der entworfenen fiktionalen Welt einen spannenden Dialog eingehen. Hier liegt auch ein Unterschied etwa zu den Strategien der Darstellung bei Toshio Matsumoto, der, etwa in FUNERAL PARADE OF ROSES / BARA NO SORETSU (1969), durchästhetisierte und komponierte Bilder aufbietet. Diese wirken zwar auch oft durch spontanen und ruppigen Furor, entstammen aber einer radikalästhetischen Position, die in den Bereich der Auflösung und des Chaos hineinragt. Matsumoto hat, was die Bildgestaltung angeht, meines Erachtens mehr zu bieten als Hani in NANAMI.


Dennoch ist THE INFERNO OF FIRST LOVE ein berührendes und aufwühlendes Portrait eines jungen Mannes, der mit dem Erwachen seiner Sexualität zu kämpfen hat, und dabei mit den Traumata seiner Kindheit konfrontiert wird. Ein graphisch expliziter Film, psychologisch motiviert, dunkel, roh, grobkörnig, und manchmal etwas uneben in seiner konzeptuellen Ausführung.

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Aido: Slave of Love (Susumu Hani, Japan 1969)

Here are some pictures I took during a private screening of Susumu Hani's extremely rare and seldom seen feature film  AIDO - SLAVE OF LOVE , which is the movie Hani made after the famous NANAMI: INFERNO OF FIRST LOVE. The film is beautifully shot, completely absorbing and structurally abandoning all narrative consensus - it is somehow - for most of the time - a subjective trip into the mind of the protagonist Shusei (Kenzo Kawarasaki). As you can asume, a dreamlike state predominates the film; and with its' devotion to extensively focussing on the details of the body while making love, presented in detailed close-ups, aswell as its' beautifully daring setpieces, it reminded me to some extent of Toshio Matsumoto's experimental oeuvre, as for example in his short film PHANTOM . AIDO was submitted to the competition-section of the 19th Berlin International Film Festival (aka Berlinale) - a fact that is quite astonishing, if you consider the direction the main section of ...

Sleep Has Her House (Scott Barley, GB 2016)

"And the dark is always hungry." (Scott Barley) Scott Barley's apocalyptical drone-room of a film is a fascinating experience. Not only a film to watch, but definitely one to listen to, as the audio is almost as impressive as its pictures. Very often, the images are blurred in the beginning, but with the slightest movements of the camera, the picture does get clearer, more concrete, focused, but sometimes nothing happens at all, too. Nevertheless, the film feels very dynamic - it's a weird state of an inherent Bildspannung , a suspense (and tension that might rip apart) inside of the images themselves that keeps you totally immersed.  Static movement  of the camera might be the term of technique to describe the process of capturing those dreamlike images, which are almost incomprehensive at first, always hard to grasp. As there seems to be no plot, no dialogue, no actors, there are none of the usual narrative anchors that guide us through a film, or movie. O...

Nippon Connection 2016: Oyster Factory / Kakikoba (Kazuhiro Soda, Japan 2015)

Der in New York lebende und aus Tokyo stammende japanische Dokumentarfilmer Kazuhiro Soda legt mit OYSTER FACTORY seinen neuesten Film vor: 2007 war er mit CAMPAIGN noch bei der Berlinale vertreten, weitere Filme liefen auf verschiedenen Festivals. Dieser ist nun der sechste Film in einer Reihe von Dokumentarfilmen, die Soda selbst in den Anfangstiteln als Serie durchnummeriert. Der Regisseur tritt zugleich als Produzent, Skriptwriter, Kameramann und Cutter auf. OYSTER FACTORY ist also ein Leidenschaftsprojekt, das mit wenigen Mitteln finanziert wurde und als Autorenkino durchgehen darf. Sein Platz im Programm der Reihe Nippon Visions ist also durchaus angemessen, obwohl Soda alles andere als ein Debutant ist. Und umso toller, dass er mein Eröffnungsfilm des Festivals war, denn dieser Film ist großartig. Es war ein wenig der Zufall, der mich in diesen Film trieb: Kiyoshi Kurosawas JOURNEY TO THE SHORE, der eigentliche Eröffnungsfilm des Festivals, war bereits rappelvoll, und ...