Direkt zum Hauptbereich

Berlinale: Tian mi mi / Together (Hsu Chao-jen, Taiwan 2012)


Eine der Figuren sitzt da wie ein Tropf, gefangen in ihrem Leben, das auf eine Ehe mit einem japanischen Buchhändler hinsteuert, der nicht bemerkt, dass ihre Leidenschaft verflogen ist. Der heliumgefüllte Fisch soll aber nicht in der Wohnung gefangen sein, sondern durch die Lüfte schweben können... Derart könnte man sich über den Film lustig machen, oder über diese eine Metapher. Was allerdings eine ziemliche Verzerrung wäre, denn TIAN MI MI ist ein gelungenes, sympathisches slice of life-Alltagsdrama aus Taipei in Taiwan. Besagte junge Frau hat sich in einen Nachbarn verkuckt, einen Drucker, der die Hochzeitseinladungen erstellen sollte. Ein Mann, der selbst verheiratet ist mit einer Marketenderin, die an ihrem Straßenstand frisch gepresste Säfte anbietet, und mit der er zwei Kinder hat. Auf dieser Familie liegt denn auch auch der Fokus des Films, zeigt einen Ausschnitt aus dem Leben der einzelnen Personen, und vermittelt so ein liebevolles Bild aus dem heutigen Taipei. Wie der Regisseur im Anschluß sagte, sei dies sein Viertel, wo er lebe, seine Straße, die er jeden Tag hinuntergehe und der Stand derjenige, wo er sich den Saft kauft. Er wollte also sein Lebensumfeld festhalten, ein Portrait eines Moments dieser Umgebung erstellen. Und dies ist ihm fabelhaft gelungen.

Im eigentlichen Zentrum der verschiedenen Erzählfäden steht wohl der Sohn. Dieser hat sich verknallt, und weiß nicht, wie an die Mitschülerin rankommen, möchte einen Roller, und hat kein Geld dafür, möchte erwachsen sein, und ist ein Teenager. So seine Freunde. Der Film begleitet sie bei ihrem alltäglichen Tun, bei den Verkupplungsversuchen, beim Herumalbern oder bei der Jagd auf den ätzenden Verehrer seiner Schwester, der sie nur ausnutzt. Hier spielt der Junge öfters die Rolle des Schutzengels, der den Figuren die Steine aus dem Weg räumt, über die sie selbst nicht hinüberkämen. Auch seine Mutter, die, frustriert von ihrem Leben und der Gleichförmigkeit ihrer Ehe, nach und nach alle Lebenslust zu verlieren scheint. Ihr Standnachbar, der lustige Outfits und Klamotten verkauft (Märchen- und Comicfiguren, Rollenspielkostüme, knallbunte Kleider) versucht sie tagtäglich aufs Neue aufzuheitern, und es dauert eine Weile, bis sie kapiert, dass der junge Mann vielleicht mehr für sie empfindet - und sie für ihn. Auch darin zeigt sich die Größe dieses "kleinen Films": dass er mit seinem leichten Ton, seiner heiteren Traurigkeit auch für die Eltern eine moderne Lösung der Konflikte findet, dass er nicht Leute, die sich ewig liebten und ewig zusammen lebten, in Streit und Scheidung auseinandergehen lässt, sondern auf Verständnis und Nachsicht setzt, und die Figuren gemeinsam neue Wege gehen lässt. TIAN MI MI ist eine kleine Perle, die es nach der Berlinale in unseren Breiten vermutlich ziemlich schwer haben wird - wer ihn nicht gesehen hat, muß auf eine DVD-Veröffentlichung hoffen.

***

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Solang ich lebe / Jab Tak Hai Jaan (Yash Chopra, Indien 2012)

Der stille Eigenbrötler Samar (Shah Rukh Khan) arbeitet für das indische Militär als Bombenentschärfer, wo er sich einen legendären Ruf als "Mann, der nicht sterben kann" erworben hat. Im Gegensatz zu seinen Kollegen trägt er bei seinen Einsätzen nämlich keinen der dicken, unförmigen Schutzanzüge und Gesichtsmasken, sondern geht mit bloßen Händen und im Grünzeug an die Sache ran. Weshalb nun der schöne Unzugängliche so rücksictslos mit seinem Leben spielt, diese Geschichte erzählt JAB TAK HAI JAAN.
Es ist freilich die Geschichte einer unerfüllten Liebe, die hinter seinem persönlichen Unglück steht. Die eines Schwurs im Geiste der Religion, die seine Geliebte von ihm fernhält. In einem Rückblick blättert der Film die Geschichte der beiden ungleichen Liebenden auf: in London soll die schöne Meera (Katrina Kaif), Erbin eines Supermarkt-Tycoons (Anupam Kher), an einen erfolgreichen Karrieremenschen verheiratet werden. Da sie der Augapfel des Vaters ist, wagt sie nicht zu widers…

The Handmaiden / Die Taschendiebin (Park Chan-wook, Südkorea 2016)

Das ungute Gefühl, vom Regisseur an der Nase herum geführt zu werden, das kann man bei Filmen mit Twists sehr schnell bekommen. Wenn sich nun einer, der dafür bekannt ist, jeden Millimeter seiner filmischen Erzählung genau zu vermessen wie eine architektonische Zeichnung, dann wundert es nicht, dass sich dieser Mann einen Roman wie Sarah Waters' The Handmaiden zur Vorlage seines neuesten Filmes nimmt. Der Roman, der im viktorianischen London des 19. Jahrhunderts spielt (und dann auf einem Landgut draußen im Themsetal) wird von Park ins Korea des 20. Jahrhunderts versetzt, in eine Zeit in den 30ern, in der die japanischen Truppen sich im Land breit gemacht haben. Offensichtlichste Referenz ist das Gebäude, in dem The Handmaiden dann erstmal die erste Filmhälfte über spielt. Das Haupthaus ist ein westliches Herrschaftsgebäude, das durchaus auch in Europa stehen könnte oder in den Hammer Studios, die Anbauten aber sind koreanischer und japanischer Art. Besonders auffällig wird das …

The Ebb of Forgetting (Liryc Dela Cruz, Philippinen 2016)

Liryc de la Cruz is a young filmmaker from Mindanao, the Philippines, and was an assistant to Lav Diaz a couple of times (e.g. duringNorte, the End of History)."Like walking through an endless dream"is a line that preludes the opening scene and what follows is the meanderings of a woman through woods and brushland, until she finally arrives at some kind of seashore - in search of another person which might exist only in her own troubled mind. You can obviously see and feel the influence of Lav Diaz in the imagery and the pictures of the first half of this 17 minute short film. So, this starts like a tribute to him, a continuation maybe that might give the filmmaker its own place in cinematic history. 
It definitely is film about remembrance aswell, which is more obvious in the second half. It is very open in its structure and towards a possible meaning. I guess, you could read some political meaning into it, too, as the Philippines have got a heavily burdenend history of po…