Direkt zum Hauptbereich

Ufo in her Eyes (Xiaolu Guo, Deutschland 2011)


Der von viellfachen europäischen Institutionen geförderte zweite Spielfilm der jungen chinesischen Schriftstellerin Xiaolu Guo, die seit mehreren Jahren in London lebt (wie die Exilantin in ihrem Debutfilm SHE, A CHINESE), ist eine Groteske auf das Heimatland. Vielleicht hat die Distanz ihren Blick geschärft, wie Anke Sterneborg in der Süddeutschen Zeitung vermutet, das mag sein - zumindest ist ihr Film souveränerweise auch zärtlich in seiner Darstellung des Schreckens. Jedoch wird der Eindruck insgesamt etwas getrübt durch die schon zum Stilmittel ausgebauten Hinwendung zur kuriosen Miniatur einer Miranda July-esken Art und Weise. UFO IN HER EYES ist manchmal einfach etwas penetrant.

Darüber hinaus ist das Schicksal der Bäuerin Kwok Yun, Mitte 30 und immer noch unverheiratet, eine berührende Studie chinesischen Lebens in der Provinz zwischen Tradition und Moderne. Gedreht irgendwo im Süden, wohl in der Nähe des pittoresken Provinzstädtchens Guilin, hat diese einfache Frau eine Affäre mit dem Schulvorsteher, der etwa 30 Jahre älter ist als sie und freilich verheiratet. Nach einem Stelldichein unter einem Baum im Feld findet sie einen Kristall und taumelt zu Boden, sieht in gleißendem Licht ein Ufo (vielleicht), und hat eine reichlich verzerrte Optik (wie später die Tiere, aus deren subjektiver Perspektive das groteske Treiben der Menschen gezeigt wird). Als sie wieder erwacht, liegt ein amerikanischer Diplomat neben ihr (Udo Kier), der sich eine Verwundung zugezogen hat. Sie heilt ihn, und wird zur Heldin des Dorfes ernannt. Schon weil dieser einen Scheck vorbeischickt. Die linientreue Dorfvorsteherin versteht es dann anschließend, aus der "Ufosichtung" gewinnbringend Kapital zu schlagen und bald schon finden sich Touristen ein, bald wird ein Ufo-Frienship-Hotel gebaut, dann ein Golfplatz errichtet. Es ist die illegale Landnahme durch die Autorität Staatsmacht, an der der Film Kritik übt - man sieht aufgebrachte Bauern bei einer Demonstration, dann bei einem regelrechten Aufstand; Bauern, denen die Lebensgrundlage genommen wird und die den persönlichen Nachteil in den Dienst der großen Sache stellen sollen. Bald arbeitet die Vorsteherin in einem neu designten Büro und sitzt hinter einem Macbook. Also: alles stets im Dienst fürs große Ganze. Der Film wußte in China übrigens die Gemüter der Zensoren zu erregen und und wurde nur stark geschnitten freigegeben (wenn überhaupt - hier fehlen mir genauere Informationen, man findet unterschiedliche Aussagen im Netz).

Xiaolu Guo erlaubt sich einige inszenatorische Freiheiten, um die grotesken Ereignisse auch formal hervorzuheben: Standbilder, Wechsel zu schwarz-weißen Bildern, Perspektivenwechsel (zu Tieren oder zum Parteifunktionär), eingeblendete Texttafeln, moderne Elektronikmusik und einen dystopischen Score. UFO IN HER EYES ist ein ziemlich souveräner, manchmal nerviger Film geworden, dem man ein besseres Script gewünscht hätte. Und der doch vielen Leuten gut gefallen dürfte, schon wegen seiner politischen Korrektheit. In seinen unaufdringlicheren, leisen Momenten ist er tatsächlich ziemlich toll geworden, und die Darstellerin der Kwok Yun, Ke Shi, ist hervorragend.

***

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Im Wahnsinn nachtdunkler Farben: The Ghost Bride (Chito S. Rono, Philippinen 2017)

The Ghost Bride ist einer der unzähligen philippinischen Grusel-Horror-Filme, die in ihrer tendenziell dilettantischen Machart hochsympathisch sind, auch weil es ihnen immer wieder gelingt, für Abwechslung und damit Überraschung zu sorgen: immer wieder spektakulär tolle Bilder, die aus einem Wust aus TV-Film-Optik herausragen, komische Geister aus dem südostasiatischen Raum (hier auch aus der chinesischen Mythologie) inmitten unzähliger amerikanisierter Jump-Scares, saturierte Farben verstörender Alpträume in einem Einheitsgrau der Bildgestaltung. Plötzlich hervorbrechend gutes Schauspiel in einem bisweilen an Overacting leidenden und an Ungelenkheiten krankenden Geisterfilm. Also Dinge, die verstören, faszinieren, begeistern. In einem Film, der streckenweise ziemlich öde, der in seiner Narration behäbig ist, und bei dem man immer wieder den Überblick verliert. Weil er vollgestopft ist mit Nebenhandlungen. Es ist eine typisch philippinische, schwer in sich verästelte Überforderung mit…

shomingeki deluxe: Ein Gespräch über EQUINOX FLOWER von Yasujiro Ozu (Japan, 1958)

Heiraten, ja oder nein? Und wenn, dann wen? Und was sagt der Vater dazu, wenn der Schwiegersohn doch nicht ganz den Erwartungen entspricht? Ein weiteres Mal behandelt Yasujiro Ozu dieses Thema in einem seiner späten Filme, dieses mal erzählt aus der Sicht und Perspektive des Vaters.  Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hat mich eingeladen, mit ihm über EQUINOX FLOWER von Yasujiro Ozu zu sprechen. Wir haben fast eine ganze Stunde miteinander diskutiert und hätten noch viel mehr sagen können, glaube ich. Das Gespräch findet ihr hier: 
Link
 (original Poster)

Michael Schleeh
***

Drifting In and Out of Frames: YEAH (Suzuki Yohei, Japan 2018)

Das Mädchen Ako (Elisa Yanagi) ist so etwas wie ein Geist, ein Geist auf der Suche nach der Schwester, vielleicht auch ihrer Mutter - das ist lange nicht klar. Sie wandelt durch die Landschaften dieses ländlichen Vororts. Die Einwohner scheinen sie zu kennen, behandeln sie wie ein verwirrtes Mädchen. Der Film aber behandelt sie wie eine Geistererscheinung und blendet sie immer wieder aus dem aktuellen Filmbild langsam aus. Sie verschwindet nach und nach und entstofflicht sich. Was sie wirklich ist - lebendig oder tot - das weiß man lange Zeit nicht in Yohei Suzukis schönem Film.
 In einzelnen Miniaturen führt uns YEAH in die Welt der Anti-Heldin ein. Ein  Spielplatz, ein kleiner Imbiss, ein Parkplatz. Eine ranzige Junggesellenbude. Eine ziemlich statische Kamera gibt den einzelnen Szenen einen formal-ästhetischen Zusammenhang, wie auch die etwas ausgebleichten, pastellartigen Farbtöne. Dazu das Gemurmel von Ako, die ständig etwas vor sich hin brabbelt. Sie scheint offenbar ni…