Direkt zum Hauptbereich

Tiktik: The Aswang Chronicles (Erik Matti, Philippinen 2013)


Der philippinische Kleinkriminelle Makoy (Dingdong Dantes) versucht seine Freundin Sonja (Lovi Poe) zurück zu gewinnen, die ihm frustriert davongelaufen ist - zu den Eltern aufs Dorf. Sie erwartet ein Kind von ihm, und er fühlt sich - zur Überraschung aller - verantwortlich. Was aber nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass sie sehr gekränkt ist und ihn zum Teufel wünscht. Makoy verhält sich bei seiner Ankunft auf dem Land dann auch erstmal wie ein arroganter Volltrottel. Mit seinem zukünftigen Schwiegervater begibt er sich dann auf den Marktplätz, um für Sonjas Geburtstag ein Schwein zu besorgen. Die Preise sind ihnen aber zu hoch, da beschließen sie, es mal bei diesen Verrückten zu versuchen, die weit außerhalb in den Bergen eine eigene Siedlung gegründet haben. Dort werden sie wenig freundlich empfangen, bekommen aber ihre billige Sau, auch wenn sie sich etwas merkwürdig verhält. Kein Wunder, sie ist ein transformierter Aswang, ein Shapeshifter-Vampir, eine Geistergestalt, die es auf das ungeborene Baby Sonjas abgesehen hat.

Der Aswang ist eine der gruseligsten mythologischen Figuren, die mir bislang begegnet ist: der Dämon, der auch einem Hund ähneln kann,  saugt mit seiner langen spitzen Zunge durch den Bauchnabel hindurch das ungeborene Kind aus dem Unterleib der Frau heraus. Das ist auch durchaus keine überdrehte Erfindung, sondern eine tatsächlich existente mythologische Geisterfigur der philippinischen Folklore. Dieser Text dazu ist sehr lesenswert, aber nur für Hartgesottene geeignet. KHAVN de La Cruz' extrem harter Horrorfilm VAMPIRE OF QUEZON CITY (den ich hier besprochen habe) handelt übrigens ebenfalls von einer solchen Begegnung eines Aswangs mit einer jungen Frau.

Erik Mattis Film aber ist ganz anders gelagert. Anstatt mit schwarz-weißem Independent-Trash hat man es hier mit mittelklassigem CGI-Trash zu tun. TIKTIK wurde komplett vor Greenscreen im Studio gedreht und sieht entsprechend künstlich aus. Zumal dann eben das Budget doch nicht so besonders üppig gewesen sein dürfte. Diese überdrehte Gore-Comedy hat aber dennoch ihre Momente: immer wieder sehr unheimlich, vor allem in der ersten Hälfte, baut sich der Film langsam auf. Doch in der zweiten, besser: dem letzten Drittel, einem Belagerungsszenario wie in NIGHT OF THE LIVING DEAD, macht er alles wieder zunichte. In einem übertrieben gestalteten Schlachtorgasmus werden hier die Körper zerlegt, digitiale Hundemonster stürzen sich auf die armen Überlebenden in einer Weise, dass einem dieser Megalomanismus allen Spaß verdirbt. Da können leider auch die feinen Splitscreens nichts mehr retten. Umso schlimmer ist das, da man sieht, was für ein Potenzial in Erik Matti steckt. Vielleicht wird aber auch bald alles besser: ON THE JOB, sein neuster Film, soll dem Vernehmen nach der Hammer sein.

***

Auf den Philippinen war der Film sehr erfolgreich und lief mehrere Wochen im Kino. Er bekam durchweg gute bis sehr gute Kritiken. Hier ist der Film ab 18 Jahren und beim Label Mad Dimension / Alive erschienen (21. 3. 2014). Er ist uncut und bietet eine deutsche Synchron- wie auch eine Originaltonspur auf Tagalog an. Dazu gibt es wählbare deutsche Untertitel. Als Bonus befindet sich noch der Trailer zum Film, sowie eine Trailersammlung des Labels auf der Scheibe. Schön schlicht also, oder aber: das absolute Minimalprogramm.

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...

Nippon Connection 2016: Ken and Kazu (Hiroshi Shoji, Japan 2015)

Der Konflikt, der in KEN TO KAZU das Leben der Hauptfiguren ruiniern wird, ist der Spagat zwischen dem Lebensentwurf des kriminellen Kleingangsters und dem einer bürgerlichen Existenz. Als Saki schließlich schwanger wird, setzt sie ihren Freund Ken mächtig unter Druck: endlich mit Kazu zu brechen und ein ordentliches Leben zu beginnen. Etwas, was Ken ihr wohl schon mehrfach versprochen hat, aber anscheinend nicht einhalten wollte. Die Spuren seines unsteten und kriminellen Lebenswandels werden ihm während des Films mehrfach entlarvend ins Gesicht geschrieben: Kratzer auf den Wangen, eine blutige Nase, Schwellungen und blaue Flecken von Prügeleien. Und so muss sich Ken entscheiden, ob er eine Familie gründen und es bei den Einkünften aus seiner Autowerkstatt belassen will, oder ob er dem ständigen Drängen des penetrant grenzüberschreitenden, brutalen Kazu nachgibt und weiterhin Drogen verhökert. Doch Ken kommt nicht gegen ihn an, er wirkt eingeschüchtert und scheint zuviel Angst vo...

The Warped Ones aka The Wild Love-Makers / Kyonetsu no kisetsu (Koreyoshi Kurahara, Japan 1960)

THE WARPED ONES ist die totale Tayozoku-Madness, ein Film über jugendliche Rebellen im Nachkriegsjapan: zwei "juvenile delinquents" kommen aus dem Gefängnis heraus und beginnen direkt mit ihrer Hatz auf Vergnügungen, auf Mädchen, Alkohol und Befriedigung der Primärbedürfnisse. Wenn die Strecke zu weit ist, klaut man eben kurz einen Wagen. Hat man Hunger, klaut man was am nächsten Straßenstand. Die Sonne brennt vom Himmel, der Schweiß steht auf der Stirn, der Jazzbeat treibt voran, die Artikulation geschieht hauptsächlich durch Grunzen, Brüllen, Knurren und sonstige animalische Laute. Wird gegessen, dann wird geschlungen. Gebratene Hühnchen werden zerrissen, Reis wird gestopft. Wasser wird aus der Kanne direkt in den Mund gegossen und läuft über den von Schweißtropfen perlenden, entblößten Körper. Dieser prototypische Suntribe-Film (die man als Vorläufer der "Neuen Welle" in Japan verstehen kann) ist ein einziger, rasender Exzess der Respektlosigkeit. Die beide...